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#Dortmund, ich komm aus dir – Review des neuen #WDR #Tatort

Ach, Schimanski… Muss das sein, dass man immer noch diesem Tatort-Fossil hinterhertrauert, der zwar der beste Fernseh-Komissar ever, am Ende aber genauso abgenutzt wie seine Jacke war? Ja, das muss. Erst recht, wenn es einen neuen Ruhrgebiets-Tatort gibt und erst recht, wenn dieser so halbgar daher kommt, wie der Auftakt des neuesten Ermittler-Quartetts des WDR. Schimanski kratzte sich zur Begrüßung einst erst mal am Hintern, während er auf die graue Kulisse der zu Grunde gehenden Stahlindustrie starrte. Darauf trank er erstmal zwei rohe Eier zum Frühstück aus einem ungespülten Glas, im Hintergrund dudelte “Leader of the Pack” aus dem Radio.

So brilliant hätte man es sich wieder gewünscht, aber Brillianz lässt sich eben nicht auf Knopfdruck wiederholen. Versonnen starren tun auch Dortmunder Kommissare, in diesem Fall vom Dach ihrer alten Schule in die Vergangenheit. Der neue Chefermittler Peter Faber steht am Abgrund, das wird dem Zuschauer reichlich unsubtil mit den ersten Einstellungen klar gemacht. Damit er nicht noch einen Schritt weiter geht, schmeißt er Pillen. Tatortmäßig ist er dabei in guter Gesellschaft, in Kiel darf ja neuerdings eine Epileptikerin ermitteln, in Frankfurt ist ein praktizierender, in Leipzig ein trockener Alkoholiker am Start. Kein Kommissar mehr ohne Macke, das ist die moderne Krimischule, die in Drehbuchseminaren gelehrt wird. Das jetzt mal einer mit Depressionen an den Start darf, mutet daher nur auf den ersten Blick originell an, genauso wie die Tatsache, dass da einer wie der Kollege aus Stuttgart Frau und Tochter verloren hat.

Das kennt man, genau wie die Senior-Partnerin von Faber, die wie ihre ebenfalls blonden Kolleginnen aus Bremen (Lürsen) und Hannover (Lindholm) neben ihrer Rolle als Polizistin auch noch Mutter sein muss. Bleiben noch die zwei Jungspunde in der Runde, die mit einer nur mäßig prickelnden Kissenschlacht diesen sexuell aufgeladenen Schwulen-Krimi angemessen auf den Weg bringen. Womit auch die Typen “Junger Draufgänger” und “Toughe Polizeianfängerin” besetzt sind. Beide blieben blass in diesem ersten Fall und durften nur mit dem wie üblich mürrisch-komischen Pathologen ein paar Dialogzeilen tauschen, die auf dem Papier sicher flott aussahen, im Film aber äußerst verkniffen rüber kamen. Zumindest der Draufgänger erfüllt eine wichtige Rolle für den Faktor “Regionalität”: Er hat eine Dauerkarte für den BVB, danke schön, Haken dran. Mal sehen, wann der erste Mordfall im schwarz-gelben Milieu zu lösen ist.

Womit wir beim Thema “Ruhrpott” an sich sind: Tatorte sind ja auch so eine Art Heimatkundeunterricht. Deshalb hier zum Mitschreiben: Schimanskis Stahlkulisse gibt’s nicht mehr, dafür baut man im Pott jetzt Roboter. Fördertürme stehen längst im Grünen und sind nur noch zum Gucken da, aber den ein oder anderen Vatter halten sich die Tauben noch in einem kleinen Käfig, muss sich ja nicht alles ändern im Pott. Dazu gibt’s Schnittbilder vom Unions-U, dem Westfalenstadion, und dem Stadtpanorama, fertig ist das Dortmund-Album. Ja, so unspannend kann Fernsehen sein. Da wünscht man sich als Zuschauer doch nur eins: Dass Schimanski sich noch einmal die abgenutzte Jacke überstreifen möge, um den Spacken in Dortmund mal kräftig in den Arsch zu treten.

Let’s Play Tatort: Online-Ermittlung des SWR war ein Erfolg

Ich muss wohl erst mal Abbitte leisten. Zuletzt hatte ich geschrieben, dass ich nicht glaube, dass ein Online-Tatort, in dem man selber ermitteln kann, das richtige Angebot ist, um die Tatort-Community anzusprechen. Ich habe mich geirrt. Fast 110.000 Spieler (exakt laut ARD: 109.862) haben den letzten SWR-Tatort “Der Wald steht schwarz und schweiget” im Internet weiter gespielt. Immerhin jeder fünfte (exakt laut ARD: 20.513) hat das Spiel auch zu Ende gebracht und den Fall gelöst. Auch ich habe mich als Ermittler versucht.

Lena Odenthal in der Gewalt der Gang. Foto: SWR

Ich gebe zu: Meine Vorbehalte gegenüber dem Online-Spiel hingen auch damit zusammen, dass der Online-Tatort als Anhängsel zum letzten Fall von Lena Odenthal kam. Selten stehen die SWR-Tatorte für innovative Krimi-Handlungen, doch dieses Mal konnte die Ludwigshafener Ermittlerin überzeugen. Eine Gruppe krimineller Jugendlicher nahm sie als Geisel, nachdem einer von ihnen den Betreuer der Gruppe von einem Felsen gestoßen und umgebracht hat. Mit Lena im Schlepp versuchten die Jungs sich nun nach Frankreich durchzuschlagen und der Polizei zu entkommen.

Die Geschichte war eine nette Abwechslung von der üblichen Ermittlungsarbeit und überzeugte insbesondere mit dem dunklen Charme des Pfälzer Waldes, dem heimlichen Hauptdarsteller des Films. Er war auch deutlich spannender als die üblichen Odenthal-Drehbücher, wenngleich man nie wirklich dran glauben wollte, dass Lena ernsthaft in Lebensgefahr schwebt. Zu überlegen war die erfahrene Kommissarin den Halbstarken. Doch das Ende eignete sich perfekt für eine Weitererzählung: Denn keiner von den Jungs wollte auspacken, was wirklich passiert ist. So hatte Lena Odenthal keine Chance, den wahren Mörder herauszufinden. An dieser Stelle konnten die Spieler unmittelbar nach dem Tatort in die Handlung einsteigen.

“Wir wollten schon länger eine spielerische Erweiterung zum Tatort machen, um die Online-Community des Tatorts zu erreichen. Und dafür bot sich dieser Fall einfach an. Auch Drehbuchautorin Dorothee Schön war einverstanden, ihre Geschichte weiterzudrehen”, beschreibt SWR-Sprecherin Annette Gilker die Entstehungsgeschichte des Spiels. Das Drehbuch lag zu diesem Zeitpunkt schon vor, die Handlung wurde also nicht bewusst so konstruiert, dass sie im Netz weitergespielt werden kann. Entwickelt wurde das Spiel von der Kölner Agentur “Gesamtkunstwerk“, die mit dem SWR bereits die innovative, transmediale Serie “Alpha 0.7″ entwickelt hat.

In Absprache mit der SWR-Redaktion und der Autorin machte sich das Team von Gesamtkunstwerk im März diesen Jahres daran, die Krimi-Handlung weiterzuspinnen und als Online-Spiel umzusetzen. Der Spieler startet im Präsidium von Lena. Mit Hilfe von Sekretärin Frau Keller und Spurensicherer Becker macht man sich an die Ermittlungen. Das ganze ist im “Point&Click”-Stil gehalten. Man steuert also mit der Maus, kann verschiedene Gegenstände auf dem Bildschirm betrachten und einsammeln. Bestimmte Dinge können in der Spurensicherung weiter untersucht werden, um zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen. Dazu kann man noch die Verdächtigen befragen und weitere Zeugen im Rauhberghof, der Besserungsanstalt, in der die Jugendlichen untergebracht waren. Hier kommen auch weitere Charaktere ins Spiel, die im Film gar nicht auftauchten.

Nach der originellen Krimi-Handlung geht es hier also wieder ziemlich klassisch zu. Finde den Mörder, heißt die Aufgabe, und Tatort-typisch muss man dazu auch ein paar Umwege gehen. Als Spieler begegnen einem viele Tatort-Klischees wieder, etwa der dringend benötigte Durchsuchungsbeschluss, den man erst nach einem äußerst langwierigen Prozedere urplötzlich in den Händen hält. Und natürlich hatte der Tote auch ein Verhältnis mit einer Zeugin.

Der Schwierigkeitsgrad war an sich nicht hoch, nur an einer Stelle war tatsächlich Köpfchen gefragt – zu viel für mich, wie ich einräumen muss. Kaya Berndt, Sprecherin von Gesamtkunstwerk, beschreibt den Schwierigkeitsgrad so: “Wie bei jedem guten Spiel braucht es natürlich immer die richtige Mischung aus leichteren und schwierigen Aufgaben, die den Spieler etwas mehr fordern, zumal wir bei dem Spiel auch die Zusammenarbeit innerhalb der Community fördern wollten. Der Tatort hat z.B. auf Twitter und Facebook sehr viele engagierte User und Fans.” Auch ich musste die Hilfe der Facebook-User einmal in Anspruch nehmen. Lieber wäre mir aber gewesen, ich hätte einen kleinen Hinweis auf die Lösung im Spiel bekommen. Insgesamt hatte das Spiel durchaus also einige kleine Schwächen: Nicht immer war der Ablauf der einzelnen Handlungselemente selbsterklärend – zum Beispiel bei dem eher vom Himmel fallenden Durchsuchungsbeschluss – und wurde so mitunter etwas zäh. Das war aber wohl der kurzen Entwicklungszeit geschuldet sind. Dennoch würde ich sagen, dass der Spielspaß überwogen hat.

Die Kommentare auf Facebook sprechen denn auch für sich. Es sind zwar mit einigen Hundert nicht übertrieben viele, aber die Resonanz ist überwiegend positiv. Dafür ist die Interaktionsrate ziemlich hoch, was meiner Meinung im Zweifel mehr wert ist, als 10.000 “Geil, weiter so”-Meinungen. Oben habe ich ja geschrieben, dass jeder fünfte Spieler das Spiel durchgezockt hat. Das bedeutet natürlich auch: 80 Prozent der Spieler sind irgendwann, aus Zeitmangel, Desinteresse oder Frustration aus dem Spiel ausgestiegen. Ob das jetzt eine gute Durchklickrate für ein Online-Game ist, vermag ich nicht zu sagen, wäre aber für Einschätzungen dankbar. Laut Annette Gilker ist man mit den Abrufen sehr zufrieden, es gab aber ihrer Aussage nach auch keine interne Zielvorgaben dafür. Das Ganze war eben einfach mal ein erster Versuch, zu dem auch Vergleichszahlen fehlen.

Ich finde den Online-Tatort, nachdem ich ihn auch selbst gespielt habe, eine ganz nette Idee. Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, das Format online weiter attraktiv zu machen und die Community einzubinden. Ein- oder zweimal im Jahr kann man sowas sicher machen. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, wäre es auch ganz amüsant, dem Spieler mal andere Ermittlertypen zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall war der Tonfall noch recht typisches Tatort-Beamtendeutsch. Ich würde auch gerne mal einen Online-Schimanski spielen (“Benutze Stiefel mit: Tür”). Ob es soweit kommen wird, lässt die ARD offen: Konkret geplant ist jedenfalls erst mal nix, heißt es im Statement zum Tatort+. Das ist insofern schade, weil das Spiel schon nicht mehr spielbar ist. Wie alle fiktionalen Angebote der Öffentlich-Rechtlichen muss es nach einer Woche aus der Internetpräsenz verschwinden. Danke für nichts, Privatsender! Aber das ist ein anderes Thema. Wer dennoch wissen will, wie das Spiel ausgesehen hat und natürlich wer der Mörder ist, kann ja mal in mein Let’s play dazu gucken.

Tatort Hamburg: Cenk Batu darf nicht sterben

Tatort

Tatort (Photo credit: Eva Freude)

Jetzt also Til Schweiger. Allein die Vorstellung davon, dass jetzt Deutschlands größter Konsens-Schauspieler, der männliche Veronica Ferres, auf die wilden, emotions- wie actiongeladenen Undercover-Einsätze von Cenk Batu folgt, löst ein Gefühl der inneren Lähmung aus; Sonntags jetzt also wieder Spieleabend? Dabei war dieser letzte Einsatz Batus, den wir gestern, am 6. Mai 2012, verfolgen durften, noch einmal eine Offenbarung: Was deutsches Fernsehen leisten kann, wenn es will. Wie man das Format “Tatort” neu erfinden kann. Zu was ein Schauspieler in der Lage ist, wenn man ihn entfesselt.

Ganz klar: Mehmet Kurtulus ist eine Wucht. Seine Präsenz sucht unter allen Tatort-Kommissaren ihresgleichen. In jeder Sekunde ist er glaubhaft, ob er nun mit Blut und Schweiß verschmierter Stirn dem Kanzler eine Waffe an den Kopf hält oder seine Freundin auf starken Armen aus den Wellen des Atlantiks trägt. Welcher männliche Zuschauer hofft nicht, dass in ihm ein kleiner Batu steckt, welche Frau hofft nicht, dass der Typ in Jogginghose neben ihr auf der Couch  auch mal Cenk sein kann. Nur sechs Folgen durfte er brillieren, gerne hätten es 16 oder noch mehr sein dürfen. Er selbst hat zwar erklärt, dass er mit der Rolle abgeschlossen hat. Aber das Ende des gestrigen Films lässt zumindest ein kleines Hintertürchen für eine Rückkehr Cenk Batus, vielleicht in einer eigenen Reihe. Man wird ja mal hoffen dürfen…

Immer wieder wird moniert, dass das deutsche Fernsehen zu brav, zu bieder sei. Klar, amerikanische Serien liegen immer vorn, allein wegen der Budgets. Aber aus Großbritannien kommt ein Schatz wie “Sherlock”, Dänemark macht mit Mini-Budgets TV-Ereignisse von Format, wie zuletzt die durchaus fesselnde Polit-Serie “Borgen”. Und was sind die deutschen Export-Schlager? Kommissar Rex und die endlose Krach-Bumm-Serie Cobra-11.
Dabei geht es doch anders, und Kurtulus und Regisseur Matthias Glasner zeigen mit der “Ballade von Cenk und Valerie” wie: Ein Tatort mit Kinoformat voller Action, voller Emotion. Der eine Kritiker fühlt sich an Luc Besson und John Woo erinnert, der andere findet Referenzen an Christopher Nolans Batman. Ich hingegen musste immer wieder an die bahnbrechendste Actionserie der Nuller-Jahre denken, Kiefer Sutherlands “24″, der nicht nur mit einem Handy-Klingelton immer wieder gelungen Referenz erwiesen wird. Batu bricht einem Verdächtigen den Finger, schießt auf Kollegen, prügelt sich mit Polizei und Staatsschutz, nimmt auf Niemanden Rücksicht, am wenigsten auf sich selbst – das ist Jack Bauer pur. Ein großartiger Trip, dem ich gerne - zugegeben nicht jeder – auch die ein oder andere Lücke im Plot verzeihe.

Genau solche Krimis sind es, die der Tatort öfter braucht. Natürlich: Batus für das Publikum schwer zugängliche Fälle gehörten zu den quotenschwächsten, auch der letzte Fall holte “nur” sieben Millionen vor den Fernseher, während dem Playmate unverständlicherweise regelmäßig acht bis neun Millionen beim Stöckeln durch 08/15-Mordfälle zusehen. Und natürlich soll der durchschnittliche Zuschauer, der am Sonntagabend nicht mehr als eine Leiche, zwei Kommissare und einen Mörder erwartet, nicht verprellt werden. Aber ein wenig mehr Biss, ein wenig mehr Kreativität darf man sich von den 51 Tatort-Autoren doch erhoffen. Es muss nicht immer die Mordkommission sein, das hat uns Undercover-Agent Batu bereits bewiesen. Und warum muss ein Krimi immer nach 90 Minuten zu Ende sein? Wäre es schlimm, eine komplexe Geschichte mal über mehrere Folgen zu verteilen?

Jeden Sonntag trendet der Tatort auf Twitter. Es gibt Tatort-Kneipen in ganz Deutschland, in denen sich die Menschen zum gemeinsamen Gucken treffen. Der Tatort hat viel Potenzial, (neue) Zuschauer an die ARD zu binden. Zuschauer, die neuen Formaten aufgeschlossen gegenüber stehen und die dank des Internets ihre Fernsehgewohnheiten längst globalisiert haben. Warum also nicht versuchen, diesem Publikum auch neue, interessant erzählte Krimis zu präsentieren, anstatt immer wieder in Erzählmuster von 1993 zu verfallen?

Demnächst will der SWR die Internetfans des Tatorts ansprechen. Ein Fall von Lena Odenthal soll im Netz weitergehen. Ich weiß nicht, ob das nötig ist. Zum einen steht nun gerade Lena Odenthal wie kaum eine andere für den in die Jahre gekommenen, angestaubten TV-Langweiler. Zum anderen glaube ich, dass die Verantwortlichen hier einer fundamentalen Fehleinschätzung unterliegen: Dass der Tatort-Zuschauer beim Fall “mitraten” will. Nein, will ich nicht. Ich will noch nicht einmal mehr diese ewig gleichgestrickten Who-Dunit-Geschichten. Ich will einfach gutes, spannendes und unterhaltsames Fernsehen erleben, gerne gemeinsam mit Gleichgesinnten , egal ob ihm Netz oder am Tresen oder auf der Couch. Wie das geht, hat Cenk Batu beispielhaft vorgemacht. Mit modernen Krimi-Geschichten, hochspannend erzählt und von einem charismatischen Darsteller präsentiert. Jetzt also Til Schweiger…

Instant Review Tatort Bremen: Warum…

… zum Beispiel sitzen jeden Sonntag Millionen vor dem Fernseher und gucken ein eigentlich ausgelutschtes Krimi-Format?

… musste dieser Mensch sterben, fragen sich die Kommissare in jeder Folge dieses Krimi-Formats?

… sollte ich mir angucken, wie zwei Kommissare von einer Irren genervt werden, während sie versuchen, einen Tankstellenmord aufklären, habe ich mich nach dem dieswöchigen Fall des Bremer Duos Lürsen/Stedefreund gefragt.

Oft genug werden Tatorte mit enervierenden, gewollt sozialkritischen Botschaften überfrachtet, anstatt einen guten Krimi zu erzählen. In diesem Fall sucht man selbst danach vergeblich. Offenkundig sollte hier das Psychogramm einer Familie entworfen werden, in der die Mutter, bzw. Ehefrau unter schweren Wahnvorstellungen leidet und damit auch die Leben ihres Mannes und ihres Sohnes zerstört. Das wäre ein spannendes Thema gewesen, doch weil wir uns im Genre “Sonntagabend-Krimi” befinden, können die Drehbuchautoren nicht anders, und schreiben eine Leiche in den Plot. Und das bereitete ihnen offenkundig arge Probleme.

Denn so richtig will sich die Hintergrundstory um eine kroatische Bruderschaft, eine weitere, nicht intakte Familie und eine Lebensversicherung nicht einfügen. Stattdessen stehen zwei völlig verschiedene Geschichten nebeneinander, die zu keinem Zeitpunkt ein harmonisches Ganzes ergeben. Ich wusste jedenfalls nicht, was mich mehr nervt: Die anstrengende Irre und ihre Familie, die einer simplen Auflösung des Krimis im Weg stehen, oder der völlig banale Mordfall, der mir den Zugang zu psychologisch interessanten Charakteren versperrt.

Der sperrige Plot scheint auch Stedefreund und Lürsen nicht wirklich zuzusagen, jedenfalls verrichten sie ihre Ermittlungen äußerst bocklos. Tatsächlich sind sie in den kompletten 90 Minuten nicht in der Lage, auch nur einmal einen Tatverdächtigen zu benennen. Und anstatt den mutmaßlich einzigen Zeugen zu einer verwertbaren Aussage zu bringen, spielt Stedefreund mit diesem Verstecken im Wald. Bevor das Verhalten der beiden an Arbeitsverweigerung grenzt, spielt Lürsen dann Hobby-Psychologin und entschlüsselt mal eben den Irrsinn der Mira Partecke vortrefflich gespielten Verwirrten. Auch wenn die Auflösung schließlich noch einigermaßen originell gerät, kann sie einen ansonsten sehr unentschlossenen Tatort nicht mehr über den Durchschnitt heben. Als Zuschauer bleibt man ratlos zurück: Eine Botschaft wird aus Bremen nicht übermittelt. Ein Film, der schon bald vergessen sein wird.

 

Endlich mal Eier – Tatort Wien

Es geht doch: Wien-Tatorte habe ich aus irgendeinem Grund immer nur sporadisch geguckt, aber was ich gestern im Action-Thriller “Kein Entkommen” gesehen habe, hat mich bekehrt. Einer der besten Tatorte seit langem fesselte mit einer spannenden Story und endlich einmal hochklassig und zeitgemäß inszenierter Action. Und Regisseur und Drehbuchautor Fabian Eder zeigt Eier: Er lässt unschuldige Polizisten und Studenten kaltblütig erschießen und setzt sein Kommissaren-Duo unter MG-Feuer. Selten genug sieht man sowas am Sonntagabend in der ARD, viel häufiger möchte man derartige Filme sehen.

Die Hintergrundgeschichte liefert eine paramilitärische Einheit des Jugoslawienkriegs, deren Überbleibsel es sich in Wien eingerichtet haben. Die einen haben sich eine serbisch-nationalistische Parallelwelt aufgebaut, einer aber ein neues Leben als treusorgender Familienvater. Freilich weiß die Familie von Mirko Gradic nichts von seiner Vergangenheit als skrupelloser Massenmörder. Als die einstigen Kameraden beginnen, Jagd auf Gradic zu machen, beginnt ein blutiges Morden in Wien, dem Moritz Eisner und Kollegin Bibi Fellner zunächst nur fassungs- und hilflos zuschauen können. Die Grippe ist in diesem Film nicht der einzige Virus, der die Stadt im Griff hat.

Die Inszenierung dieses Krimis ist schlicht grandios. Vor allem Christoph Bach als Mirko Gradic läuft in einigen Action-Szenen zu Hochform auf. Wie er im Alleingang ein serbisches Killerkommando ausschaltet, hat Kinoformat. Aber auch Harald Krassnitzer darf glänzen. Im grandiosen Showdown erweist er sich als kaltblütigste Figur des ganzen Films. Bei all der Action stimmen aber auch die Zwischentöne: Die Figuren sind glaubwürdig, genauso wie der Fortgang der Ermittlungen, in die sich auch internationale Kriegsverbrecherjäger einmischen. Auf sehr gelungene Weise fügt sich auch die Grippe-Geschichte in die Gesamthandlung ein, die anfangs nur für ein wenig “Comic Relief” zwischen all dem Morden sorgte.

Kritisieren mag man nur wenig. Wer den Startknopf bei dieser Geschichte gedrückt hat, bleibt unklar: Warum beginnen Mirkos ehemalige Kameraden ausgerechnet jetzt mit der Jagd nach ihm? Wie konnte er so lange in Wien untertauchen, ohne erkannt zu werden? Aber das sind Mini-Mängel, die einen ansonsten tollen Film nicht trüben. Man wünscht sich, dass auch deutsche Ermittler mal wieder mit einer derart kompromisslosen Geschichte konfrontiert werden.

Keine Möhre extra – Instant-Review: Tatort Ludwigshafen

Wenn Theo Zwanziger als Ideengeber für den Tatort tätig werden muss, steht es schlimm um Deutschlands erfolgreichste Krimi-Reihe. Tatsächlich ist dieser 08/15-Whodunit-Krimi so einfallslos und vorhersehbar wie ein Länderspiel der deutschen Fußball-Frauen gegen irgendein anderes Land als Brasilien. Dass 20er und seine DFB-Spießgesellen auch noch Gastauftritte auf Berti-Vogts-Niveau hinlegen, sorgt bei jedem Krimi- und/oder Fußballfan für heftigste Fremdschämattacken. Dagegen können auch Lena Odenthal und Kopper nicht an, die daran scheitern, mit gestelzten Fußball-Frotzeleien über die papierdünne Handlung hinweg zu witzeln.
Eine deutsch-türkische Nationalspielerin wird bei einem Provinz-Bundesligaverein brutal ermordet. Das ruft die Ludwigshafener Trachtengruppe auf den Plan, die sich nun entscheiden müssen, ob es sich hier um ein Missgunst-, Eifersuchts-, oder gar Religionsdrama handelt. Zwischen grünem Rasen, Autowerkstatt und Istanbuler Barockeinrichtung arbeiten die beiden Ermittler nun relativ uninspiriert die gängigen Mordmotive durch. Überraschungen gibt’s dabei keine (meine Couchnachbarin hatte den Mörder schon erraten, da war die Spurensicherung noch gar nicht fertig), gute Dialoge auch nicht.
Die Charaktere verharren alle im Klischee: Vom bösen, geldgeilen Manager über die professionell-emtionslose Fußballtrainerin bis hin zum Einfaltspinsel mit dem Schraubenschlüssel wird alles genommen, was das Reißbrett so hergibt, wenn ein Drehbuch als Auftragsarbeit schnell wegproduziert werden muss. Herzblut? Fehlanzeige. Höchstens die tief-religiöse Mutter vermag mit ihrer Zerrissenheit so etwas wie Interesse an ihrer Figur zu wecken.
Das eigentliche Anliegen dieses Tatorts soll es nun wohl sein, eine Woche vor dem Start der Frauen-WM Interesse an der Sportart Frauenfußball zu wecken. Dass ein Krimi dafür einfach das falsche Vehikel ist, belegt dieser Film eindrücklich. Die Faszination des Frauenfußballs wird in keiner Sekunde deutlich, ansonsten bekommt der Zuschauer ein paar halbgare Informationen, wie ach so schwer es die Profi-Kickerinnen hierzulande doch haben. So wenig werden sie mit ihrem Sport respektiert, dass sie von gierigen Managern gezwungen werden, schlüpfrige Fotos von sich aufzunehmen. Ist das nicht ekelhaft? Zum Dank wird man dafür von einem irren Fanatiker erschlagen, weil man die “Seele des Fußballs” verraten hat. Wenn diese wirre Parodie eines Sonntagabend-Krimis Lust auf die Frauenfußball-WM machen soll, muss man sich jedenfalls ernsthaft Sorgen um das Turnier machen.

Instant Review Frankfurt-Tatort: Nicht wer, sondern wo ist der Mörder?

Schon nach wenigen Minuten war man geneigt, die Augen zu verdrehen: Nina Kunzendorf als Kommissarin Conny Mey legte direkt zum Einstieg einen Auftritt hin, der nicht nur ihr Pendant Joachim Krol alias Steier zur Weißglut brachte. Hohe Stiefel, tiefer Ausschnitt, freches Mundwerk, zupackend und immer auf der Seite der Schwachen und Entrechteten: Mehr Fernsehkommissarin-Klischee ging eigentlich nicht. Und auch Krols Charakter muss jetzt nicht unbedingt als Neuerfindung des Kommissarentypus durchgehen. Die vielen einsamen Wölfen, die die Krimilandschaft durchstreifen, könnten sich längst zu einem eigenen Rudel zusammenschließen.

Die Nachfolger vom verschrobenen Duo Dellwo/Sänger kommen definitiv vom Krimireißbrett, auch wenn der ein oder andere ältere Zuschauer Kunzendorfs tiefe Einblicke in die Tatort-Welt auch heute noch für gewagt halten mag. Natürlich fliegen also erstmal ordentlich die Fetzen, bevor die gegensätzlichen Ermittler – Na, so was! – doch noch zusammenfinden, um das Schlimmste zu verhüten. Das ist zum Glück unterhaltsam geschrieben und gespielt, so dass man sich mit Krol und Kunzendorf trotz der Vorhersehbarkeit nicht langweilt.

Während also die Kommissar wenig Überraschungen bieten, ist es Drehbuchautor und Regisseur Lars Kraume zumindest gelungen, mit dem Plot jegliche Krimistandards über den Haufen zu werfen und diesen Fall damit auch über den Tatort-Durchschnitt zu heben. Damit bleibt er den hessischen Vorgängern treu: Die klassische Mörderhatz ist nicht das, was man am Main erwarten darf und das ist auch gut so. Es ist schon eine gewisse Dreistigkeit, in einem Sonntagabend-Krimi erst zehn Minuten vor Ende des Films einen Toten zu präsentieren. Noch dreister ist es, eine Mordkommission in ihren ersten gemeinsamen Fall zu schicken, ohne dass es einen Mörder zu fassen gibt.

Die Geschichte um einen tragischen Verkehrsunfall und seine Folgen lebt von einem guten Darstellerensemble aus dem Justus von Dohnyani als durchgeknallter und gefährlicher Stalker herausragt. Seit er im “Experiment” den Psychopathen gab, ist er für mich einer der Schauspieler, vor denen ich mich auf der Straße unwillkürlich gruseln würde. Wie gut er “den Irren kann”, zeigt er hier einmal mehr. Zu erwähnen wäre noch Gerd Wameling, der sein Comeback als Staatsanwalt gibt; die Rolle, mit der er über Jahre in Wolffs Revier auf den deutschen Bildschirmen präsent war.

Schade, dass Kraume in dem von ihm ersonnen Geflecht aus Schuldgefühlen, Stalking, Vater-Sohn-Drama, einem notgeilen Polizisten und der Einführung seiner Protagonisten irgendwann ein wenig den Überblick verloren hat. Vor allem die Hintergründe der Beziehungen in der Familie des irren Stalking-Vaters bleiben etwas rätselhaft. Um das viele Ungefähre zu kaschieren, geht es dann leider nicht anders, als das ein oder andere Klischee zu bemühen, etwa die tote Ehefrau, die immer noch beim Abendessen ihren Teller vom Psycho-Vater gereicht bekommt.

Doch der Fall an sich stand hier ohnehin im Hintergrund: Wichtig war, Steier und Mey als neue Ermittler so einzuführen, dass man sie auch beim nächsten Mal sehen will. Und das dürfte trotz der kleinen Mängel gelungen sein. Die Chemie zwischen Krol und Kunzendorf stimmt und bei beiden dürfen wir erwarten, dass sowohl unter seiner rauen Schale als auch ihrer bunten Hülle noch das ein oder andere Geheimnis verborgen liegt, wie es sich für den heutigen Fernsehkommissar auch gehört. Wenn dann beim nächsten Mal auch noch ein Mörder dabei ist, fehlt wirklich nix mehr.

Zwei, die nicht zusammenpassen: Tatort München und Hartz IV

Wenn es darum ging, die soziale Realität in Deutschland im Krimi-Genre abzubilden, waren die Fälle der leider ausgeschiedenen Frankfurter Ermittler Dellwo und Sänger immer vorne mit dabei. Häufig waren die Geschichten mehr Milieu-Studien, denn klassische “Whodunit”-Ermittlergeschichten. Oft blieb man verstört zurück, immer gab es was zu diskutieren, man kam ins Nachdenken. Und wie keine andere Stadt bot Frankfurt die perfekte Kulisse für diese Geschichten, wo die Kluft zwischen Assi- und Banker-Milieu so spürbar ist, wie sonst nirgendwo in Deutschland. Der Schickeria-Metropole München hingegen mag man das Hartz-IV-Milieu einfach nicht abkaufen. Zumindest nicht, wenn es so mit so wenig Entschlossenheit dargeboten wird, wie im Fall von Batic und Leitmayr vom Sonntag.
Auf der einen Seite steht da ein wohlhabender Samariter mit Jagdschein samt üppig bestückter Ehefrau aus Altötting, die ihrerseits noch einen jungen Künstlerliebhaber mitbringt. So weit, so münchenklischeehaft. Auf der anderen Seite haben wir ein 13-jähriges, dickes, zu früh erwachsen gewordenes Mädchen mit Baby-Schulranzen, die sich im sozialen Moloch einer Hochhaus-Siedlung behaupten muss. Der Vater ist weggelaufen, die Mutter ist schizo und sogar 10-Jährige machen sich über “Nessi” lustig. Das ist dick aufgetragen, aber trotzdem glaubwürdig. Doch bei dem Versuch, beide Welten zusammenzubringen, scheitert dieser Tatort. Das haben die Macher offenbar auch gemerkt und greifen deshalb zu teils wirren Schnitten, um das zu kaschieren. Schon die erste, auf den Schluss vorgreifende Sequenz funktioniert nicht, weil sie keine Spannung erzeugt, sondern den Zuschauer nur ratlos zurück lässt. Das Stakkato aus verwirrter Frau, Blaulicht, Batic und Blut soll wohl irgendwie modern wirken, sieht aber aus, als hätte jemand den Trailer eines anderen Films vor den eigentlichen Beginn geschnitten. Die dramatische Einführung, auf die eine Rückblende folgt, ist ein Klassiker, der hier mal völlig versaut wird.
Passend dazu missrät dann auch das Ende des Films völlig. Die Auflösung des Krimi-Plots kann man je nach Lesart entweder als klassisch oder profan bezeichnen, originell ist sie in keinem Fall. Vor allem, weil man sich dabei fragt, warum man sich die ganze Hartz-IV-Dramatik überhaupt geben musste. Aber da ist ja noch das Mädchen, nachdem hektisch und mit viel Blaulicht in der Kulisse von Hinterhofpennern und Kellerlochjunkies gesucht wird. Natürlich wird sie von den Kommissaren gerettet, ihr Leben ist trotzdem zerstört. Doch, und jetzt wird es wirklich ärgerlich, der gute Ivo und der liebe Franz – der das Mädchen zu allem Überfluss an ihren Vater erinnerte – witzeln das alles bei einer Brezel weg. “Keinen Vater, keine Mutter mehr? Macht doch nix, gibt doch betreutes Wohnen für dich.” Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, darf einer ihrer schlimmsten Peiniger sich am Ende auch noch mit einem flotten Spruch rehabilitieren und als Retter in der Not erscheinen. Zum Glück kann man davon ausgehen, dass die zahlreichen realen Nessis in Deutschland wohl kaum zur Kernzuschauerschaft des Tatorts gehören. Sie hätten sich jetzt endgültig im falschen Film gefühlt. Dass der, der dich jeden Tag auf dem Schulweg abrippt, belästigt und als “Opfer” beschimpft in Wahrheit dein bester Freund sein soll, kann sich nur jemand ausdenken, der völlig naiv oder nur noch zynisch ist.
Die letzte Szene kleidet sich dann auch konsequenterweise schon wieder in Tracht. Verstört wird hier niemand, stattdessen bleibt das gute Gefühl, dass der Ausflug der Münchener in die Assi-Welt beendet ist. Am Ende sind wir wieder bei der drallen Schönheit, den unentwegt frotzelnden Stenzen aus dem Kommissariat und dem Leben, wie es sein sollte. Ja mei, wie hieß das dicke Mädchen gleich noch?

 

Eine ebenso euphorische wie verschwurbelte Rezension zum Münchener Tatort aus der SZ
Etwas verständlicher: Der Freitag