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In eigener Sache: Buchtipp “Menschen machen Medien” – Und ich und @fiene und @gutjahr auch

Menschen machen Medien, erschienen beim Daedalus-Verlag

Menschen machen Medien, erschienen beim Daedalus-Verlag

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich meinen Job bei der Rhein-Zeitung als mobiler Reporter aufgegeben habe. Aber nicht nur deshalb musste ich zuletzt wieder an diese schöne Zeit zurückdenken. Der freie Journalist und Medienausbilder Jochen Reiss hat eine Reportage über das Berufsbild des Mobilen Reporters geschrieben, mit mir als Protagonisten. Erschienen ist sie neben vielen anderen in dem Buch “Menschen machen Medien”, dass ich auch empfehlen würde, wenn ich nicht darin vorkäme.

Immerhin stehe ich dort als kleine Weihnachtskerze neben einigen sehr hellen Christbäumen des Journalismus. Die Vorzeigefiguren der deutschen Webszene Daniel Fiene, Richard Gutjahr und Bildblogger Lukas Heinser werden genauso porträtiert wie Rolf-Dieter Krause, Studioleiter der ARD in Brüssel, die Kindernachrichtenschreiberin der dpa, Susanne Goldstein, und Jutta Stiehler, die “Frau von Dr. Sommer”, wie es in der Überschrift heißt. Insgesamt werden 32 ganz verschiedene deutsche Medienmacher von Reiss porträtiert. Ich kenne kein Werk, in dem man die ganze Vielseitigkeit des Berufs “Journalist” so lebendig und gleichzeitig kompakt geliefert bekommt. Seinen Reiz bezieht das Buch daraus, dass jeder Protagonist in einer Reportage vorgestellt wird. Man erlebt Journalismus buchstäblich da, wo er passiert. Das Ganze ist nicht als Lehrbuch geschrieben, taugt aber (gerade deswegen?) dafür. Es gibt keine Praxis-Tipps, keine Goldenen Regeln, keine Do’s and Don’ts. Aber es ist Anschauungsunterricht und Inspiration für jeden jungen (und sicherlich auch älteren) Kollegen.

Wer also für einen Journalistenkollegen noch ein nettes Weihnachtsgeschenk braucht, kann ja über dieses Buch nachdenken. Amazon versendet ja flott. Über Meinungen und Rückmeldungen dazu freue ich mich hier natürlich.

#Dortmund, ich komm aus dir – Review des neuen #WDR #Tatort

Ach, Schimanski… Muss das sein, dass man immer noch diesem Tatort-Fossil hinterhertrauert, der zwar der beste Fernseh-Komissar ever, am Ende aber genauso abgenutzt wie seine Jacke war? Ja, das muss. Erst recht, wenn es einen neuen Ruhrgebiets-Tatort gibt und erst recht, wenn dieser so halbgar daher kommt, wie der Auftakt des neuesten Ermittler-Quartetts des WDR. Schimanski kratzte sich zur Begrüßung einst erst mal am Hintern, während er auf die graue Kulisse der zu Grunde gehenden Stahlindustrie starrte. Darauf trank er erstmal zwei rohe Eier zum Frühstück aus einem ungespülten Glas, im Hintergrund dudelte “Leader of the Pack” aus dem Radio.

So brilliant hätte man es sich wieder gewünscht, aber Brillianz lässt sich eben nicht auf Knopfdruck wiederholen. Versonnen starren tun auch Dortmunder Kommissare, in diesem Fall vom Dach ihrer alten Schule in die Vergangenheit. Der neue Chefermittler Peter Faber steht am Abgrund, das wird dem Zuschauer reichlich unsubtil mit den ersten Einstellungen klar gemacht. Damit er nicht noch einen Schritt weiter geht, schmeißt er Pillen. Tatortmäßig ist er dabei in guter Gesellschaft, in Kiel darf ja neuerdings eine Epileptikerin ermitteln, in Frankfurt ist ein praktizierender, in Leipzig ein trockener Alkoholiker am Start. Kein Kommissar mehr ohne Macke, das ist die moderne Krimischule, die in Drehbuchseminaren gelehrt wird. Das jetzt mal einer mit Depressionen an den Start darf, mutet daher nur auf den ersten Blick originell an, genauso wie die Tatsache, dass da einer wie der Kollege aus Stuttgart Frau und Tochter verloren hat.

Das kennt man, genau wie die Senior-Partnerin von Faber, die wie ihre ebenfalls blonden Kolleginnen aus Bremen (Lürsen) und Hannover (Lindholm) neben ihrer Rolle als Polizistin auch noch Mutter sein muss. Bleiben noch die zwei Jungspunde in der Runde, die mit einer nur mäßig prickelnden Kissenschlacht diesen sexuell aufgeladenen Schwulen-Krimi angemessen auf den Weg bringen. Womit auch die Typen “Junger Draufgänger” und “Toughe Polizeianfängerin” besetzt sind. Beide blieben blass in diesem ersten Fall und durften nur mit dem wie üblich mürrisch-komischen Pathologen ein paar Dialogzeilen tauschen, die auf dem Papier sicher flott aussahen, im Film aber äußerst verkniffen rüber kamen. Zumindest der Draufgänger erfüllt eine wichtige Rolle für den Faktor “Regionalität”: Er hat eine Dauerkarte für den BVB, danke schön, Haken dran. Mal sehen, wann der erste Mordfall im schwarz-gelben Milieu zu lösen ist.

Womit wir beim Thema “Ruhrpott” an sich sind: Tatorte sind ja auch so eine Art Heimatkundeunterricht. Deshalb hier zum Mitschreiben: Schimanskis Stahlkulisse gibt’s nicht mehr, dafür baut man im Pott jetzt Roboter. Fördertürme stehen längst im Grünen und sind nur noch zum Gucken da, aber den ein oder anderen Vatter halten sich die Tauben noch in einem kleinen Käfig, muss sich ja nicht alles ändern im Pott. Dazu gibt’s Schnittbilder vom Unions-U, dem Westfalenstadion, und dem Stadtpanorama, fertig ist das Dortmund-Album. Ja, so unspannend kann Fernsehen sein. Da wünscht man sich als Zuschauer doch nur eins: Dass Schimanski sich noch einmal die abgenutzte Jacke überstreifen möge, um den Spacken in Dortmund mal kräftig in den Arsch zu treten.

Auf der Suche nach dem Touch – Tim Burtons “Dark Shadows”: Review und Hintergründe

Wie bei fast allen Filmfans meiner Generation sind die Filme von Tim Burton für mich immer noch Highlights im Kinojahr. Kaum ein Regisseur der letzten zwei Jahrzehnte hat es so verstanden wie Burton, die magischen Möglichkeiten des Kinos so perfekt auszuschöpfen. Auch beim fünften, zehnten oder hundertsten Ansehen, hat man das Gefühl, kann man in seinen filmgewordenen Kinderträumen stets neue, fantastische Details entdecken. Doch zuletzt, insbesondere beim langweiligen 3-D-Vehikel “Alice im Wunderland”, hatte sich der Burton-Charme etwas abgenutzt. Mit “Dark Shadows” läuft nun gerade Burtons neustes Werk in den Kinos. Doch obwohl es in vieler Hinsicht “burtonesker” als viele seiner jüngeren Arbeiten ist – so ganz will sich der Zauber vergangener Tage nicht mehr einstellen.

Die erste Vampirseifenoper
Die Geschichte um den Vampir Barnabas Collins, der nach 200 Jahren wiedererweckt wird und nun seinen alten Platz als Oberhaupt einer alten Fischereifamilie wieder einnehmen will, basiert auf einer der ungewöhnlichsten Fernsehserien seiner Zeit: Von 1966 bis 1971 lief in den USA die Gothic-Seifenoper “Dark Shadows”. Bei mehr als 1200 Folgen ist es müßig, eine Inhaltsangabe zu machen. Im Detail nachlesen kann man die Plotentwicklung zum Beispiel in diesem Blog.  Die Optik der Serie erinnert sehr an die deutschen Edgar Wallace-Filme, die ungefähr zeitgleich in Deutschland für wohligen, aber harmlosen Grusel sorgten. Gedreht wurde Live-on-tape und “one take”. Versprecher oder Hänger der Schauspieler wurden nicht rausgeschnitten, was die campige Anmutung der Serie sicher noch verstärkte.

Nach einigen Start-Schwierigkeiten war es die Einführung übernatürlicher Elemente, die der Serie zum Durchbruch verhalf. So kam der im Burton-Film von Johnny Depp verkörperte Hauptcharakter Barnabas Collins erst nach neun Monaten Laufzeit das erste Mal in der Serie vor. Doch diese Horror-Elemente wurden zum Alleinstellungsmerkmal der Serie, die ansonsten alle Klischees einer typischen Seifenoper erfüllt. Mit der auf den ersten Blick völlig skurril anmutenden Verquickung von Seifenoper mit Vampir- und Geisterhorror eroberte sich die Serie aber in den USA eine große Fangemeinde und wurde zum Wegbereiter von modernem TV-Vampir-Kitsch wie “Buffy, the Vampire Slayer” oder “Vampire Diaries”. Noch heute gibt es sogar Dark-Shadow-Conventions. Als einer der großen Fans dieser Serie entpuppte sich Johnny Depp, der Barnabas Collins zu einem Helden seiner Jugend erkor, und sogar so aussehen wollte wie der bleiche Vampir. Wer sich einen Eindruck vom Look der Serie verschaffen will, wird in der Videowühlkiste nebenan fündig:

Starke Frauen für Johnny Depp
Burton, einem Regisseur der sich in seinen Filmen noch nie viel um Erzähllogik geschert hat, kommt die Prämisse der Seifenoper durchaus entgegen: Wo Drama vor Plot geht, kann man alle Gäule, die einem das Drehbuch vorsetzt, hemmungslos durchgehen lassen. Dementsprechend konfus gestaltet sich seine Filmversion. Hauptcharakter Barnabas Collins verhält sich praktisch in jeder Sequenz anders als in der vorangegangen, ist mal eine von 200 Jahren Gefangenschaft und verfluchter Vampirexistenz gebrochene Kreatur, dann wieder standhaftes und sorgendes Familienoberhaupt, gleichzeitig aber auch kaltblütiger Schlächter Unschuldiger, die seinem Blutdurst zum Opfer fallen. In einer Szene verhält er sich wie ein schüchterner Teenager, der das erste Mal verliebt ist, in der nächsten fällt er wolllüstig über eine Frau her. Für den Zuschauer kann das den Vorteil haben, dass die Handlung völlig unvorhersehbar ist. Es kann aber auch bedeuten, dass man sich verzweifelt fragt, was hier eigentlich gerade auf der Leinwand passiert.

Umgeben ist Collins von einer Reihe starker Frauencharaktere, allen voran Michelle Pfeiffer als neues Familienoberhaupt, die nach “Batman Returns” ins Burton-Universum zurückkehrt. Dann ist da natürlich Eva Green, die lustvoll die böse Hexe spielt, deren unerwiderte Liebe zu Barnabas Collins der Ursprung der fatalen, Jahrhunderte umspannenden Irrungen und Wirrungen ist. Natürlich ist auch Helena Bonham-Carter dabei, die als promillehaltige Haus- und Hofpsychologin der Familie Collins zur zynischen Inkarnation aller “Twilight-Moms” wird. Doch wie treue Burton-Fans wissen, ist keine dieser selbstbewussten Frauen der Typ, auf den Burtons Protagonisten abfahren würden. Die blass-blonde, von Geisterscheinungen geplagte Victoria Winters (Bella Hethcote) entspricht da schon eher dem burtonschen Beuteschema und reiht sich ein dessen Riege zerbrechlicher Heldinnen von Kim aus “Edward” über Victoria Everglot aus “Corpse Bride” bis hin zu “Sweeney Todds” Johanna und zuletzt Alice.

Von allem etwas, aber nichts so richtig
Wenn man mit Dark Shadows also mal wieder “Burton pur” bekommt, wie kommt es dann, dass der Film trotzdem nicht begeistern will? Vielleicht weil er zu unentschlossen ist: In dem einen Moment wallt der Nebel aus Sleepy Hollow durch Collinwood, im nächsten scheint der rachedurstige Sweeney Todd von Barnabas Collins Besitz ergriffen zu haben, dann wieder driftet die Handlung in eine von Beetlejuice durchtränkte Farce ab. Burton vermengt in Dark Shadows wüst die Genres, an denen er sich in den letzten mehr als zwei Jahrzehnten filmisch abgearbeitet hat, doch irgendwie wird kein harmonisches Ganzes aus. Als Zuschauer weiß man nicht, ob man sich nun von der Tragik, dem Grusel oder der Albernheit der Geschichte mitreißen lassen soll und bleibt schließlich unentschlossen am Rand zurück. Es ist, als würde man gleichzeitig eine Folge von “Die wilden 70er”, “Denver Clan”, “Addams Family” und “Twilight Zone” gucken. So bleibt Dark Shadows am Ende nicht als Burtons schlechtester (den Titel behält bis auf weiteres “Planet der Affen”), aber vielleicht unentschlossenster Film zurück. Fast scheint es, als wäre der Kinomagier selbst auf der Suche nach dem berühmten “Touch”, den seine Filme einst hatten. Möglicherweise findet er ihn in den Anfängen seiner Karriere: Sein nächstes Projekt “Frankenweenie” wird die Spielfilmversion einer seiner Kurzfilme aus frühen Disneytagen sein.

Allen Burton-Fans zu empfehlen ist Christian Hegers Buch “Mondbeglänzte Zaubernächte”, das keine Fragen zu dem großen Filmkünstler offen lässt und auch für diesen Blogeintrag die ein oder andere Inspiration und Quelle lieferte. Ich bin mit dem Autor befreundet und war minimal an der Entstehung des Buches beteiligt.

Let’s Play Tatort: Online-Ermittlung des SWR war ein Erfolg

Ich muss wohl erst mal Abbitte leisten. Zuletzt hatte ich geschrieben, dass ich nicht glaube, dass ein Online-Tatort, in dem man selber ermitteln kann, das richtige Angebot ist, um die Tatort-Community anzusprechen. Ich habe mich geirrt. Fast 110.000 Spieler (exakt laut ARD: 109.862) haben den letzten SWR-Tatort “Der Wald steht schwarz und schweiget” im Internet weiter gespielt. Immerhin jeder fünfte (exakt laut ARD: 20.513) hat das Spiel auch zu Ende gebracht und den Fall gelöst. Auch ich habe mich als Ermittler versucht.

Lena Odenthal in der Gewalt der Gang. Foto: SWR

Ich gebe zu: Meine Vorbehalte gegenüber dem Online-Spiel hingen auch damit zusammen, dass der Online-Tatort als Anhängsel zum letzten Fall von Lena Odenthal kam. Selten stehen die SWR-Tatorte für innovative Krimi-Handlungen, doch dieses Mal konnte die Ludwigshafener Ermittlerin überzeugen. Eine Gruppe krimineller Jugendlicher nahm sie als Geisel, nachdem einer von ihnen den Betreuer der Gruppe von einem Felsen gestoßen und umgebracht hat. Mit Lena im Schlepp versuchten die Jungs sich nun nach Frankreich durchzuschlagen und der Polizei zu entkommen.

Die Geschichte war eine nette Abwechslung von der üblichen Ermittlungsarbeit und überzeugte insbesondere mit dem dunklen Charme des Pfälzer Waldes, dem heimlichen Hauptdarsteller des Films. Er war auch deutlich spannender als die üblichen Odenthal-Drehbücher, wenngleich man nie wirklich dran glauben wollte, dass Lena ernsthaft in Lebensgefahr schwebt. Zu überlegen war die erfahrene Kommissarin den Halbstarken. Doch das Ende eignete sich perfekt für eine Weitererzählung: Denn keiner von den Jungs wollte auspacken, was wirklich passiert ist. So hatte Lena Odenthal keine Chance, den wahren Mörder herauszufinden. An dieser Stelle konnten die Spieler unmittelbar nach dem Tatort in die Handlung einsteigen.

“Wir wollten schon länger eine spielerische Erweiterung zum Tatort machen, um die Online-Community des Tatorts zu erreichen. Und dafür bot sich dieser Fall einfach an. Auch Drehbuchautorin Dorothee Schön war einverstanden, ihre Geschichte weiterzudrehen”, beschreibt SWR-Sprecherin Annette Gilker die Entstehungsgeschichte des Spiels. Das Drehbuch lag zu diesem Zeitpunkt schon vor, die Handlung wurde also nicht bewusst so konstruiert, dass sie im Netz weitergespielt werden kann. Entwickelt wurde das Spiel von der Kölner Agentur “Gesamtkunstwerk“, die mit dem SWR bereits die innovative, transmediale Serie “Alpha 0.7″ entwickelt hat.

In Absprache mit der SWR-Redaktion und der Autorin machte sich das Team von Gesamtkunstwerk im März diesen Jahres daran, die Krimi-Handlung weiterzuspinnen und als Online-Spiel umzusetzen. Der Spieler startet im Präsidium von Lena. Mit Hilfe von Sekretärin Frau Keller und Spurensicherer Becker macht man sich an die Ermittlungen. Das ganze ist im “Point&Click”-Stil gehalten. Man steuert also mit der Maus, kann verschiedene Gegenstände auf dem Bildschirm betrachten und einsammeln. Bestimmte Dinge können in der Spurensicherung weiter untersucht werden, um zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen. Dazu kann man noch die Verdächtigen befragen und weitere Zeugen im Rauhberghof, der Besserungsanstalt, in der die Jugendlichen untergebracht waren. Hier kommen auch weitere Charaktere ins Spiel, die im Film gar nicht auftauchten.

Nach der originellen Krimi-Handlung geht es hier also wieder ziemlich klassisch zu. Finde den Mörder, heißt die Aufgabe, und Tatort-typisch muss man dazu auch ein paar Umwege gehen. Als Spieler begegnen einem viele Tatort-Klischees wieder, etwa der dringend benötigte Durchsuchungsbeschluss, den man erst nach einem äußerst langwierigen Prozedere urplötzlich in den Händen hält. Und natürlich hatte der Tote auch ein Verhältnis mit einer Zeugin.

Der Schwierigkeitsgrad war an sich nicht hoch, nur an einer Stelle war tatsächlich Köpfchen gefragt – zu viel für mich, wie ich einräumen muss. Kaya Berndt, Sprecherin von Gesamtkunstwerk, beschreibt den Schwierigkeitsgrad so: “Wie bei jedem guten Spiel braucht es natürlich immer die richtige Mischung aus leichteren und schwierigen Aufgaben, die den Spieler etwas mehr fordern, zumal wir bei dem Spiel auch die Zusammenarbeit innerhalb der Community fördern wollten. Der Tatort hat z.B. auf Twitter und Facebook sehr viele engagierte User und Fans.” Auch ich musste die Hilfe der Facebook-User einmal in Anspruch nehmen. Lieber wäre mir aber gewesen, ich hätte einen kleinen Hinweis auf die Lösung im Spiel bekommen. Insgesamt hatte das Spiel durchaus also einige kleine Schwächen: Nicht immer war der Ablauf der einzelnen Handlungselemente selbsterklärend – zum Beispiel bei dem eher vom Himmel fallenden Durchsuchungsbeschluss – und wurde so mitunter etwas zäh. Das war aber wohl der kurzen Entwicklungszeit geschuldet sind. Dennoch würde ich sagen, dass der Spielspaß überwogen hat.

Die Kommentare auf Facebook sprechen denn auch für sich. Es sind zwar mit einigen Hundert nicht übertrieben viele, aber die Resonanz ist überwiegend positiv. Dafür ist die Interaktionsrate ziemlich hoch, was meiner Meinung im Zweifel mehr wert ist, als 10.000 “Geil, weiter so”-Meinungen. Oben habe ich ja geschrieben, dass jeder fünfte Spieler das Spiel durchgezockt hat. Das bedeutet natürlich auch: 80 Prozent der Spieler sind irgendwann, aus Zeitmangel, Desinteresse oder Frustration aus dem Spiel ausgestiegen. Ob das jetzt eine gute Durchklickrate für ein Online-Game ist, vermag ich nicht zu sagen, wäre aber für Einschätzungen dankbar. Laut Annette Gilker ist man mit den Abrufen sehr zufrieden, es gab aber ihrer Aussage nach auch keine interne Zielvorgaben dafür. Das Ganze war eben einfach mal ein erster Versuch, zu dem auch Vergleichszahlen fehlen.

Ich finde den Online-Tatort, nachdem ich ihn auch selbst gespielt habe, eine ganz nette Idee. Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, das Format online weiter attraktiv zu machen und die Community einzubinden. Ein- oder zweimal im Jahr kann man sowas sicher machen. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, wäre es auch ganz amüsant, dem Spieler mal andere Ermittlertypen zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall war der Tonfall noch recht typisches Tatort-Beamtendeutsch. Ich würde auch gerne mal einen Online-Schimanski spielen (“Benutze Stiefel mit: Tür”). Ob es soweit kommen wird, lässt die ARD offen: Konkret geplant ist jedenfalls erst mal nix, heißt es im Statement zum Tatort+. Das ist insofern schade, weil das Spiel schon nicht mehr spielbar ist. Wie alle fiktionalen Angebote der Öffentlich-Rechtlichen muss es nach einer Woche aus der Internetpräsenz verschwinden. Danke für nichts, Privatsender! Aber das ist ein anderes Thema. Wer dennoch wissen will, wie das Spiel ausgesehen hat und natürlich wer der Mörder ist, kann ja mal in mein Let’s play dazu gucken.

Tatort Hamburg: Cenk Batu darf nicht sterben

Tatort

Tatort (Photo credit: Eva Freude)

Jetzt also Til Schweiger. Allein die Vorstellung davon, dass jetzt Deutschlands größter Konsens-Schauspieler, der männliche Veronica Ferres, auf die wilden, emotions- wie actiongeladenen Undercover-Einsätze von Cenk Batu folgt, löst ein Gefühl der inneren Lähmung aus; Sonntags jetzt also wieder Spieleabend? Dabei war dieser letzte Einsatz Batus, den wir gestern, am 6. Mai 2012, verfolgen durften, noch einmal eine Offenbarung: Was deutsches Fernsehen leisten kann, wenn es will. Wie man das Format “Tatort” neu erfinden kann. Zu was ein Schauspieler in der Lage ist, wenn man ihn entfesselt.

Ganz klar: Mehmet Kurtulus ist eine Wucht. Seine Präsenz sucht unter allen Tatort-Kommissaren ihresgleichen. In jeder Sekunde ist er glaubhaft, ob er nun mit Blut und Schweiß verschmierter Stirn dem Kanzler eine Waffe an den Kopf hält oder seine Freundin auf starken Armen aus den Wellen des Atlantiks trägt. Welcher männliche Zuschauer hofft nicht, dass in ihm ein kleiner Batu steckt, welche Frau hofft nicht, dass der Typ in Jogginghose neben ihr auf der Couch  auch mal Cenk sein kann. Nur sechs Folgen durfte er brillieren, gerne hätten es 16 oder noch mehr sein dürfen. Er selbst hat zwar erklärt, dass er mit der Rolle abgeschlossen hat. Aber das Ende des gestrigen Films lässt zumindest ein kleines Hintertürchen für eine Rückkehr Cenk Batus, vielleicht in einer eigenen Reihe. Man wird ja mal hoffen dürfen…

Immer wieder wird moniert, dass das deutsche Fernsehen zu brav, zu bieder sei. Klar, amerikanische Serien liegen immer vorn, allein wegen der Budgets. Aber aus Großbritannien kommt ein Schatz wie “Sherlock”, Dänemark macht mit Mini-Budgets TV-Ereignisse von Format, wie zuletzt die durchaus fesselnde Polit-Serie “Borgen”. Und was sind die deutschen Export-Schlager? Kommissar Rex und die endlose Krach-Bumm-Serie Cobra-11.
Dabei geht es doch anders, und Kurtulus und Regisseur Matthias Glasner zeigen mit der “Ballade von Cenk und Valerie” wie: Ein Tatort mit Kinoformat voller Action, voller Emotion. Der eine Kritiker fühlt sich an Luc Besson und John Woo erinnert, der andere findet Referenzen an Christopher Nolans Batman. Ich hingegen musste immer wieder an die bahnbrechendste Actionserie der Nuller-Jahre denken, Kiefer Sutherlands “24″, der nicht nur mit einem Handy-Klingelton immer wieder gelungen Referenz erwiesen wird. Batu bricht einem Verdächtigen den Finger, schießt auf Kollegen, prügelt sich mit Polizei und Staatsschutz, nimmt auf Niemanden Rücksicht, am wenigsten auf sich selbst – das ist Jack Bauer pur. Ein großartiger Trip, dem ich gerne - zugegeben nicht jeder – auch die ein oder andere Lücke im Plot verzeihe.

Genau solche Krimis sind es, die der Tatort öfter braucht. Natürlich: Batus für das Publikum schwer zugängliche Fälle gehörten zu den quotenschwächsten, auch der letzte Fall holte “nur” sieben Millionen vor den Fernseher, während dem Playmate unverständlicherweise regelmäßig acht bis neun Millionen beim Stöckeln durch 08/15-Mordfälle zusehen. Und natürlich soll der durchschnittliche Zuschauer, der am Sonntagabend nicht mehr als eine Leiche, zwei Kommissare und einen Mörder erwartet, nicht verprellt werden. Aber ein wenig mehr Biss, ein wenig mehr Kreativität darf man sich von den 51 Tatort-Autoren doch erhoffen. Es muss nicht immer die Mordkommission sein, das hat uns Undercover-Agent Batu bereits bewiesen. Und warum muss ein Krimi immer nach 90 Minuten zu Ende sein? Wäre es schlimm, eine komplexe Geschichte mal über mehrere Folgen zu verteilen?

Jeden Sonntag trendet der Tatort auf Twitter. Es gibt Tatort-Kneipen in ganz Deutschland, in denen sich die Menschen zum gemeinsamen Gucken treffen. Der Tatort hat viel Potenzial, (neue) Zuschauer an die ARD zu binden. Zuschauer, die neuen Formaten aufgeschlossen gegenüber stehen und die dank des Internets ihre Fernsehgewohnheiten längst globalisiert haben. Warum also nicht versuchen, diesem Publikum auch neue, interessant erzählte Krimis zu präsentieren, anstatt immer wieder in Erzählmuster von 1993 zu verfallen?

Demnächst will der SWR die Internetfans des Tatorts ansprechen. Ein Fall von Lena Odenthal soll im Netz weitergehen. Ich weiß nicht, ob das nötig ist. Zum einen steht nun gerade Lena Odenthal wie kaum eine andere für den in die Jahre gekommenen, angestaubten TV-Langweiler. Zum anderen glaube ich, dass die Verantwortlichen hier einer fundamentalen Fehleinschätzung unterliegen: Dass der Tatort-Zuschauer beim Fall “mitraten” will. Nein, will ich nicht. Ich will noch nicht einmal mehr diese ewig gleichgestrickten Who-Dunit-Geschichten. Ich will einfach gutes, spannendes und unterhaltsames Fernsehen erleben, gerne gemeinsam mit Gleichgesinnten , egal ob ihm Netz oder am Tresen oder auf der Couch. Wie das geht, hat Cenk Batu beispielhaft vorgemacht. Mit modernen Krimi-Geschichten, hochspannend erzählt und von einem charismatischen Darsteller präsentiert. Jetzt also Til Schweiger…

15 Oscar-Nominierungen am Stück: The Artist und The Descendants

Selten genug kommt man als junger Papa mal ins Kino. Umso mehr muss man die seltenen Gelegenheiten genießen. Vor kurzem war es mal wieder soweit, und ich gab mir ein dickes Oscar-Doppelfeature im sehr schönen Bochumer Union-Kino. The Artist und The Descendants bringen es gemeinsam auf satte 15 Nominierungen, in den Kategorien Bester Hauptdarsteller, Bester Film, Beste Regie und Schnitt treten sie direkt gegeneinander an. Und auch wenn George Clooney in diesem Jahr als heißer Kandidat für den besten Hauptdarsteller gehandelt wird, glaube ich, dass The Artist in allen Kategorien gewinnen wird. Mein Tipp: Mindestens acht von zehn Oscars wird der französische Stummfilm abräumen.

Viel ist schon gesagt worden über den ungewöhnlichsten Film der letzten Jahre: Schwarz-Weiß, OK, das hat auch Spielberg schon gemacht. Aber einen echten Stummfilm hat es lange nicht mehr im Kino gegeben, mir persönlich fällt nur die Mel Brooks-Parodie “Silent Movie” ein, der ist von 1976. Aber Michel Hazanavicius, Regisseur und Drehbuchautor, hat mit diesem Meisterwerk alles richtig gemacht. Sein Film funktioniert sicherlich auch deshalb als Stummfilm, weil dieses Medium genau das richtige ist, um seine Geschichte zu erzählen: George Valentin, ein Star der Stummfilm-Ära muss erkennen, dass im Zeitalter des Tonfilms anscheinend kein Platz für ihn ist. Eine junge Generation, allen voran die junge, kesse Peppy Miller (der nächste Oscar: Bérénice Bejo), hat ihm den Rang abgelaufen. Während Peppys Stern immer heller strahlt, sinkt Valentin immer tiefer in die Bedeutungslosigkeit.

Der Film beginnt mit einer Szene in einem Kino: Der ausverkaufte Saal verfolgt gebannt Valentines neuen Film. Als der Abspann beginnt, bricht tosender Applaus aus. In diesem Moment sind auch wir realen Kinozuschauer endgültig gepackt; denn man hört absolut nichts, das Klatschen spielt sich ausschließlich im Kopf ab. Es ist einer von vielen gelungenen Kniffen von Hazanvicius, um einen modernen Stummfilm zu erzählen. Immer wieder setzt er sehr effektvoll  nicht vorhandene Geräusche ein, etwa, wenn die ohnehin sehr laute Peppy Miller dem stillen Charakter Valentin frech auf den Fingern zupfeift. The Artist ist ein in jeder Hinsicht auf das minimal mögliche reduzierter Film und gerade deshalb so einnehmend. Einfach ein großer Kinospaß und Pflichtprogramm.

The Descendants ist etwas weniger spaßig, schließlich müssen sich hier ein Vater und seine zwei Töchter über die vollen 115 Minuten mit dem Tod auseinandersetzen. Denn die Frau von Matt King liegt nach einem Bootsunfall im Koma und kämpft um ihr Leben. In dieser Extremsituation stellt Matt nicht nur fest, dass er seine beiden Töchter zu sehr vernachlässigt hat. Seine Frau war offenbar auch nicht immer ehrlich zu ihm. Zu allem Überfluss machen ihm auch noch seine Cousins Druck: Matts Familie besitzt ein Stück Land auf Hawai, dessen Verkauf alle reich machen soll. Und Matt muss entscheiden, wer den Zuschlag bekommt.

Dass The Descendants auf Hawai spielt, ist in der Tat genau der entscheidende Dreh, um dieses Familiendrama über den Durchschnitt zu heben. Die meisten Zuschauer haben ein von Magnum und Elvis-Filmchen geprägtes Hawai-Bild im Kopf. Und genau damit räumt The Descendants sehr schön auf. Genau wie Matts bis dahin einigermaßen heile Welt ins Wanken gerät, wird auch das Bild des Zuschauers von dem Inselparadies zerstört. Es regnet unentwegt, man sieht Hochhäuser und langweilige Reihenhaus-mit-Vorgarten-Siedlungen. Nur ein Klischee scheint zu stimmen: Alle laufen in kurzen Hosen und Sandalen rum.

George Clooney spielt seine Rolle großartig, allerdings mit der ihm eigenen, sagen wir mal: zurückhaltenden, Mimik. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, als hätte er die Emotionalität seines Charakters ganz zu Ende ausgeschöpft. Ein wenig unfertig wirkt die Geschichte, die nicht alle ihre Konflikte zur möglichen Gänze ausspielt. So manch innerfamiliärer Streit wird etwas zu einfach beigelegt, um mit der Geschichte voranzukommen. Dennoch ist The Descendants ein sehr sehenswerter und packender Film. Wer beide Filme an einem Abend sehen will, sollte aber – anders als ich – versuchen, erst The Descendants und dann The Artist zu sehen. Man kommt mit besserer Laune nach Hause.

Instant Review Tatort Bremen: Warum…

… zum Beispiel sitzen jeden Sonntag Millionen vor dem Fernseher und gucken ein eigentlich ausgelutschtes Krimi-Format?

… musste dieser Mensch sterben, fragen sich die Kommissare in jeder Folge dieses Krimi-Formats?

… sollte ich mir angucken, wie zwei Kommissare von einer Irren genervt werden, während sie versuchen, einen Tankstellenmord aufklären, habe ich mich nach dem dieswöchigen Fall des Bremer Duos Lürsen/Stedefreund gefragt.

Oft genug werden Tatorte mit enervierenden, gewollt sozialkritischen Botschaften überfrachtet, anstatt einen guten Krimi zu erzählen. In diesem Fall sucht man selbst danach vergeblich. Offenkundig sollte hier das Psychogramm einer Familie entworfen werden, in der die Mutter, bzw. Ehefrau unter schweren Wahnvorstellungen leidet und damit auch die Leben ihres Mannes und ihres Sohnes zerstört. Das wäre ein spannendes Thema gewesen, doch weil wir uns im Genre “Sonntagabend-Krimi” befinden, können die Drehbuchautoren nicht anders, und schreiben eine Leiche in den Plot. Und das bereitete ihnen offenkundig arge Probleme.

Denn so richtig will sich die Hintergrundstory um eine kroatische Bruderschaft, eine weitere, nicht intakte Familie und eine Lebensversicherung nicht einfügen. Stattdessen stehen zwei völlig verschiedene Geschichten nebeneinander, die zu keinem Zeitpunkt ein harmonisches Ganzes ergeben. Ich wusste jedenfalls nicht, was mich mehr nervt: Die anstrengende Irre und ihre Familie, die einer simplen Auflösung des Krimis im Weg stehen, oder der völlig banale Mordfall, der mir den Zugang zu psychologisch interessanten Charakteren versperrt.

Der sperrige Plot scheint auch Stedefreund und Lürsen nicht wirklich zuzusagen, jedenfalls verrichten sie ihre Ermittlungen äußerst bocklos. Tatsächlich sind sie in den kompletten 90 Minuten nicht in der Lage, auch nur einmal einen Tatverdächtigen zu benennen. Und anstatt den mutmaßlich einzigen Zeugen zu einer verwertbaren Aussage zu bringen, spielt Stedefreund mit diesem Verstecken im Wald. Bevor das Verhalten der beiden an Arbeitsverweigerung grenzt, spielt Lürsen dann Hobby-Psychologin und entschlüsselt mal eben den Irrsinn der Mira Partecke vortrefflich gespielten Verwirrten. Auch wenn die Auflösung schließlich noch einigermaßen originell gerät, kann sie einen ansonsten sehr unentschlossenen Tatort nicht mehr über den Durchschnitt heben. Als Zuschauer bleibt man ratlos zurück: Eine Botschaft wird aus Bremen nicht übermittelt. Ein Film, der schon bald vergessen sein wird.

 

Vom Orm verlassen – Buchreview: “Das Labyrinth der träumenden Bücher”

Walter Moers’ neuer Zamonien-Roman “Das Labyrinth der träumenden Bücher” endet mit einer Entschuldigung. Das eigentliche Buch ist da schon zu Ende, die Geschichte aber nicht: Sie fängt hier erst an. Im Nachwort verkündet Moers, was man als Leser irgendwann schon selber ahnte: Leider ist er mit dem Buch nicht fertig geworden, es wird einen zweiten Teil geben.  Das alles steht in einer Passage des Nachworts, die viel über den ganz realen, irdischen Literaturbetrieb verrät. Noch mehr verrät sie aber über Moers selber: Gewollt oder nicht erklärt er hier, warum “Das Labyrinth der träumenden Bücher” sein bisher schwächster Roman ist. Wer zwischen den Zeilen ließt, kann nur zu einem Schluss kommen: Genau wie der schreibende Dinosaurier Mythenmetz zu Beginn des neuen Romans ist auch Moers vom Orm, der mythischen, zamonischen Inspirationsenergie,  verlassen worden

Tatsächlich ist “Das Labyrinth der träumenden Bücher” eine mehr als 400 Seiten lange Enttäuschung. Eine Enttäuschung, die sich in Ärger verwandelt, wenn man das Buch wie ich völlig blind und ohne Vorberichte gekauft und von Anfang bis Ende gelesen hat. Glaubt man dem Nachwort von Moers, spielte sich das Ganze so ab: Der Autor, also der echte, richtige Fleisch-und-Blut-Walter Moers, schaffte die vom Verlag gesetzte Deadline nicht. Die vom Zamonien-Übersetzer Moers vorgeschobene Ausrede ist, dass die Übersetzung des epischen Werks von Mythenmetz mehr Zeit als gedacht brauchte. Tatsächlich kann das nur bedeuten, dass Moers mit seiner eigenen Geschichte arge Probleme bekam, weshalb sie nicht fertig wurde. Die Lösung des Problems: “Das Labyrinth der träumenden Bücher” wird als Zweiteiler veröffentlicht.

In irritierender Offenheit schreibt Moers auch gleich, welche Vorteile das bringt: Er hat Zeit, seine Geschichte vernünftig zu Ende zu bringen, die Leser können sich schon bald auf einen neuen Zamonien-Roman freuen und der Verlag darf zweimal abkassieren. Als Leser kann man sich da nur veralbert vorkommen. Wirklich Lust, Geld für einen zweiten Teil vom “Labyrinth der träumenden Bücher” auszugeben, hat man nach der Lektüre des ersten nämlich nicht. Das Einzige, was einen zum Weiterlesen animieren könnte, ist die Hoffnung, dass Moers dann zu alter Größe zurückfindet und Zamonien endlich wieder zu der einzigartigen Fantasiewelt wird, die Moers mit den Vorgängern aufgebaut hat.

Tatsächlich klingt Moers’ Entschuldigung, die ganze Geschichte nicht in ein Buch gekriegt zu haben, erst Recht wie Hohn. Die Geschichte, wie Hildegunst von Mythenmetz 200 Jahre nach den Ereignissen aus “Die Stadt der träumenden Bücher” in eben jene zurückkehrt und ein neues, modernes Buchhaim vorfindet, ist ein quälend langatmiger Reisebericht, die ohne Probleme um mindestens die Hälfte kürzbar gewesen wäre. Ein wesentliches Element von Walter Moers Stil war schon immer die opulente Aufzählung zahlloser Kuriositäten und zamonischer Extravaganzen. “Käpt’n Blaubär”, “Rumo” und die “Träumenden Büchern” wurden so zu opulenten, überbordenden, Fantasy-Epen, Zamonien zu einer Welt, die keine Grenzen kennt, in der alles vorstell- und machbar wurde. Doch schon im “Schrecksenmeister” zeigten sich erste Abnutzungserscheinungen, ging das Staunen über Moers’ grenzenlosen Einfallsreichtum mitunter in gelangweiltes Gähnen über. Mit dem “Labyrinth” scheint die Quelle von Moers’ einst sprudelnder Phantasie nun endgültig versiegt zu sein.

Zwar erschafft Moers immer noch wahre Panoptiken zamonischer Skurrilitäten, doch sie entfalten keinen Sog mehr auf den Leser. Scheinbar endlos ist Mythenmetz’ Erkundung des neuen Buchhaim, das mit dem pittoresken Bücherstädtchen von einst nichts mehr zu tun hat. Doch keine seiner Entdeckungen entfaltet Handlungsrelevanz, kein Bild, das auf die Leinwand des Kopfkino projiziert wird, bleibt hängen. Höhepunkt dieses trägen Konvoluts ist eine seitenlange Nacherzählung des Vorgängerromans, der es im modernen Buchhaim zur gefeierten Theateraufführung gebracht hat. Was sicherlich ein besonders raffinierter Winkelzug im Spiel mit den verschiedenen Autorenpersönlichkeiten sein soll, ist leider nur eine ermüdende Wiederholung des längst Bekannten, wie man überhaupt beständig das Gefühl hat, dass sich im “Labyrinth” die Geschichte des Vorgängerromans einfach nur wiederholt.

Einst glichen Moers’ Bücher reißenden Strömen, deren irrwitzige Handlungen einen von einem Abenteuer ins nächste spülten. “Das Labyrinth der träumenden Bücher” hingegen ist eher ein Wackelpudding, der in alle möglichen Richtungen wabert, aber nie in der Lage ist, aus seinem erstarrten Zustand auszubrechen. In erstaunlicher Parallelität haben sich Walter Moers und sein Alter Ego Mythenmetz einander angenähert: Denn zu Beginn der Geschichte sieht sich auch der selbst ernannte größte Schriftsteller Zamoniens damit konfrontiert, dass seine Bücher keinerlei Magie mehr entfalten, zu literarisch bedeutungsloser Massenware verkommen sind. Könnte es also sein, dass Moers mit Absicht einen besonders langweiligen Roman vorgelegt hat, um den Abstieg seines Protagonisten deutlich zu machen? Das wäre dann in der Tat eine besonders raffinierte Form der Ironie, von deren weiterem Einsatz man nur dringend abraten kann. Ansonsten wird es in ganz Zamonien bald so dunkel wie im Bücherlabyrinth von Buchhaim.

Tim und Struppi – Indiana Jones mit Tolle

Wie in vielen Städten gab es auch in meiner Heimat einen Bücherbus der Stadtbücherei, in Herne trug er den schönen Namen “Schmökermolly”. Sein Halt bei uns direkt um die Ecke war für mich ein fester Termin in der Woche. Als erstes durchwühlte ich in der Schmökermolly immer die Kiste mit den Comics. Und mindestens ein Band von Tim und Struppi lag am Ende immer auf dem Stapel. Ich habe mich auf den Spielberg-Film darum einerseits sehr gefreut, andererseits war ich skeptisch, als ich hörte, dass es ein komplett am Computer erstellter, motion-gecaptureter Film werden würde. Könnte man so den Charme so liebenswerter Figuren wie Schultze & Schulze, Kaptain Haddock und natürlich Tim und Struppi selbst rüber bringen?

Man kann. Es ist bemerkenswert, dass hinter den Computergesichtern inzwischen so etwas wie eine schauspielerische Leistung zu erkennen ist. Aber tatsächlich ist es gelungen, Tim zu einem verschmitzten Reporter zu machen, Kaptain Haddock zu einem triefäugigen, traurigen Seebären und Saccharin zu einem verschlagenen Bösewicht. Die Figuren sind, man muss es so sagen, sehr liebenswert und detailreich gestaltet.

Umso simpler ist die Geschichte um ein sagenumwobenes Schiffsmodell der Haddock-Familie, das den Weg zu einem alten Schatz weisen soll. Entschlüssele das Rätsel, finde den Schatz, sei schneller als die Bösen. Das ist ein uraltes Spielberg-Rezept, das drei Indiana Jones-Filme zu Welterfolgen machte. Mit Tim und Struppi kehrt der Regie-Altmeister nur zu deutlich zu seinen Wurzeln zurück. Unentwegt fühlt man sich an die Wüstenlandschaften aus “Die Jäger des verlorenen Schatzes” erinnert, an die irrwitzigen Verfolgungsjagden aus “Der Tempel des Todes”, und mit dem draufgängerischen Tim und dem tollpatschigen, aber verlässlichen Haddock serviert uns Spielberg die legitimen Nachfolger von Henry Jones Jr. und seinem Vater aus “Der letzte Kreuzzug”. Genauso temporeich wie einst die archöologischen Hetzjagden um die Welt ist auch das Abenteuer von Tim, Struppi und Haddock. Ein wenig geht Spielberg dabei sein sonst so sicheres Gespür für Timing verloren: Eine wahnwitzige Verfolgungsjagd folgt auf die nächste, so dass man als Zuschauer irgendwann gar nicht mehr weiß, an welcher Stelle im Film man sich befindet. Atempausen gibt es keine. Das Ende des Films kommt dann so plötzlich, als säße man in einer Achterbahn, die aus voller Fahrt auf Null abgebremst wird, während man selber noch auf den nächsten Looping wartete.

Mit seiner Verfilmung ist es Steven Spielberg gelungen, die drolligen Charaktere aus den Comic-Heften ins Jetzt rüberzuholen. Tim und Struppi ist überdrehte Action mit vielen spaßigen Momenten und der erste Film, der CGI und Schauspielerei vereint.

Und immer geht es in die Hose – Plan D von Simon Urban

Stellt euch vor, Lafontaine wäre Kanzler der BRD. Grusel? Schubber? Und jetzt stellt euch vor, die Wende hätte es nie gegeben und die DDR würde immer noch existieren. Doppelgrusel? Megaschubber? Dann herzlich willkommen in der Welt von Plan D, der Gegenwartszukunftsvision, mit der Simon Urban gerade den deutschen Buchmarkt aufmischt. Schluss ist jetzt mit (n)ostalgisch-verklärten Rückblicken auf den Arbeiter-und-Bauern-Staat, keine trivialen Aufarbeitungen der eigenen DDR-Jugend mehr. Simon Urban lässt die DDR fulminant wieder auferstehen, um den Unrechtsstaat dabei ebenso gnadenlos zu entblößen.

Sein Held ist einer der klügsten, armseligsten Bullen, die mir seit langem untergekommen sind. Volkspolizist Martin Wegener hat die undankbare Aufgabe bekommen, den wahren Täter eines vermeintlichen Stasi-Mordes zu finden, begangen in einem fiktiven DDR-Ost-Berlin von heute. Das Problem: Das Opfer war bestens vernetzt bis hinauf zu Egon Krenz und die Tat stellt die deutsch-deutschen Beziehungen auf eine harte Probe, ausgerechnet vor wichtigen Energieverhandlungen. Ein Mörder muss dringend her, aber er darf auf keinen Fall aus den Reihen der Stasi kommen. Das wird nicht leicht für Wegener, der seit dem mysteriösen Verschwinden seines ehemaligen Partners ein gehöriges Misstrauen gegenüber der Obrigkeit entwickelt hat. Noch dazu hat er private Probleme: Seine Freundin Karolina hat ihn verlassen, läuft ihm aber bei seinen Ermittlungen permanent über den Weg.

Es ist ein kraftvolles Stück Literatur, das Urban hier hervorgebracht hat, getragen von starken Sätzen wie “Sein schönes Gesicht war von den Ereignissen der letzten 24 Stunden ausgelutscht wie ein Schale Rinderhack von einem Labradorhund”. Originell und zuweilen mit boshafter Ironie verwebt Urban unsere Gegenwart mit seiner Fiktion: Das Volkshandy heißt “Minsk” und die Vorzeige-Linke Sarah Wagenknecht ist eine Ikone des Ost-Blockbuster-Kinos. Dabei lässt er einen Moloch von Ost-Berlin vor unseren Augen auferstehen, der aus allen Ecken stinkt, brodelt und lärmt. Durch diese verkommene Großstadt, in der jeder Passant, jeder Nachbar, jeder Arbeitskollege ein IM der Stasi sein könnte, irrlichtert Wegener, der stets einen Schritt voraus sein will, aber immer wieder erkennen muss, dass seine Gegner bessere Abkürzungen kennen.

Der Überwachungsstaat ist das Einzige, was in dem ansonsten abgewirtschafteten System noch funktioniert, dessen Tristesse Urban den Leser auf allen Seiten spüren lässt. Und während die Stasi jeden Menschen mit ihren Abhörmethoden all seiner Intimsphäre berauben kann, sucht Wegener verzweifelt nach dem Durchblick, greift seinen Gegenüber immer wieder mit den Augen in die Hose und ist selbst dann nicht in der Lage sie zu durchschauen.

Es ist auch diese wiederkehrende Entblößung von erigierten Pimmeln und tropfenden Mösen, mit denen Urban seine fiktive DDR der Lächerlichkeit preisgibt. Damit wird sein Roman auch zur hinterlistigen Abrechnung mit all jenen, die auch heute noch diesem in die Hose gegangenen System hinterhertrauern und sich klammheimlich die Mauer zurückwünschen. War doch nicht alles schlecht damals? Vielleicht nicht. Aber heute wäre es noch schlimmer.