Wenn es darum ging, die soziale Realität in Deutschland im Krimi-Genre abzubilden, waren die Fälle der leider ausgeschiedenen Frankfurter Ermittler Dellwo und Sänger immer vorne mit dabei. Häufig waren die Geschichten mehr Milieu-Studien, denn klassische “Whodunit”-Ermittlergeschichten. Oft blieb man verstört zurück, immer gab es was zu diskutieren, man kam ins Nachdenken. Und wie keine andere Stadt bot Frankfurt die perfekte Kulisse für diese Geschichten, wo die Kluft zwischen Assi- und Banker-Milieu so spürbar ist, wie sonst nirgendwo in Deutschland. Der Schickeria-Metropole München hingegen mag man das Hartz-IV-Milieu einfach nicht abkaufen. Zumindest nicht, wenn es so mit so wenig Entschlossenheit dargeboten wird, wie im Fall von Batic und Leitmayr vom Sonntag.
Auf der einen Seite steht da ein wohlhabender Samariter mit Jagdschein samt üppig bestückter Ehefrau aus Altötting, die ihrerseits noch einen jungen Künstlerliebhaber mitbringt. So weit, so münchenklischeehaft. Auf der anderen Seite haben wir ein 13-jähriges, dickes, zu früh erwachsen gewordenes Mädchen mit Baby-Schulranzen, die sich im sozialen Moloch einer Hochhaus-Siedlung behaupten muss. Der Vater ist weggelaufen, die Mutter ist schizo und sogar 10-Jährige machen sich über “Nessi” lustig. Das ist dick aufgetragen, aber trotzdem glaubwürdig. Doch bei dem Versuch, beide Welten zusammenzubringen, scheitert dieser Tatort. Das haben die Macher offenbar auch gemerkt und greifen deshalb zu teils wirren Schnitten, um das zu kaschieren. Schon die erste, auf den Schluss vorgreifende Sequenz funktioniert nicht, weil sie keine Spannung erzeugt, sondern den Zuschauer nur ratlos zurück lässt. Das Stakkato aus verwirrter Frau, Blaulicht, Batic und Blut soll wohl irgendwie modern wirken, sieht aber aus, als hätte jemand den Trailer eines anderen Films vor den eigentlichen Beginn geschnitten. Die dramatische Einführung, auf die eine Rückblende folgt, ist ein Klassiker, der hier mal völlig versaut wird.
Passend dazu missrät dann auch das Ende des Films völlig. Die Auflösung des Krimi-Plots kann man je nach Lesart entweder als klassisch oder profan bezeichnen, originell ist sie in keinem Fall. Vor allem, weil man sich dabei fragt, warum man sich die ganze Hartz-IV-Dramatik überhaupt geben musste. Aber da ist ja noch das Mädchen, nachdem hektisch und mit viel Blaulicht in der Kulisse von Hinterhofpennern und Kellerlochjunkies gesucht wird. Natürlich wird sie von den Kommissaren gerettet, ihr Leben ist trotzdem zerstört. Doch, und jetzt wird es wirklich ärgerlich, der gute Ivo und der liebe Franz – der das Mädchen zu allem Überfluss an ihren Vater erinnerte – witzeln das alles bei einer Brezel weg. “Keinen Vater, keine Mutter mehr? Macht doch nix, gibt doch betreutes Wohnen für dich.” Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, darf einer ihrer schlimmsten Peiniger sich am Ende auch noch mit einem flotten Spruch rehabilitieren und als Retter in der Not erscheinen. Zum Glück kann man davon ausgehen, dass die zahlreichen realen Nessis in Deutschland wohl kaum zur Kernzuschauerschaft des Tatorts gehören. Sie hätten sich jetzt endgültig im falschen Film gefühlt. Dass der, der dich jeden Tag auf dem Schulweg abrippt, belästigt und als “Opfer” beschimpft in Wahrheit dein bester Freund sein soll, kann sich nur jemand ausdenken, der völlig naiv oder nur noch zynisch ist.
Die letzte Szene kleidet sich dann auch konsequenterweise schon wieder in Tracht. Verstört wird hier niemand, stattdessen bleibt das gute Gefühl, dass der Ausflug der Münchener in die Assi-Welt beendet ist. Am Ende sind wir wieder bei der drallen Schönheit, den unentwegt frotzelnden Stenzen aus dem Kommissariat und dem Leben, wie es sein sollte. Ja mei, wie hieß das dicke Mädchen gleich noch?
Eine ebenso euphorische wie verschwurbelte Rezension zum Münchener Tatort aus der SZ
Etwas verständlicher: Der Freitag