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Let’s Play Tatort: Online-Ermittlung des SWR war ein Erfolg

Ich muss wohl erst mal Abbitte leisten. Zuletzt hatte ich geschrieben, dass ich nicht glaube, dass ein Online-Tatort, in dem man selber ermitteln kann, das richtige Angebot ist, um die Tatort-Community anzusprechen. Ich habe mich geirrt. Fast 110.000 Spieler (exakt laut ARD: 109.862) haben den letzten SWR-Tatort “Der Wald steht schwarz und schweiget” im Internet weiter gespielt. Immerhin jeder fünfte (exakt laut ARD: 20.513) hat das Spiel auch zu Ende gebracht und den Fall gelöst. Auch ich habe mich als Ermittler versucht.

Lena Odenthal in der Gewalt der Gang. Foto: SWR

Ich gebe zu: Meine Vorbehalte gegenüber dem Online-Spiel hingen auch damit zusammen, dass der Online-Tatort als Anhängsel zum letzten Fall von Lena Odenthal kam. Selten stehen die SWR-Tatorte für innovative Krimi-Handlungen, doch dieses Mal konnte die Ludwigshafener Ermittlerin überzeugen. Eine Gruppe krimineller Jugendlicher nahm sie als Geisel, nachdem einer von ihnen den Betreuer der Gruppe von einem Felsen gestoßen und umgebracht hat. Mit Lena im Schlepp versuchten die Jungs sich nun nach Frankreich durchzuschlagen und der Polizei zu entkommen.

Die Geschichte war eine nette Abwechslung von der üblichen Ermittlungsarbeit und überzeugte insbesondere mit dem dunklen Charme des Pfälzer Waldes, dem heimlichen Hauptdarsteller des Films. Er war auch deutlich spannender als die üblichen Odenthal-Drehbücher, wenngleich man nie wirklich dran glauben wollte, dass Lena ernsthaft in Lebensgefahr schwebt. Zu überlegen war die erfahrene Kommissarin den Halbstarken. Doch das Ende eignete sich perfekt für eine Weitererzählung: Denn keiner von den Jungs wollte auspacken, was wirklich passiert ist. So hatte Lena Odenthal keine Chance, den wahren Mörder herauszufinden. An dieser Stelle konnten die Spieler unmittelbar nach dem Tatort in die Handlung einsteigen.

“Wir wollten schon länger eine spielerische Erweiterung zum Tatort machen, um die Online-Community des Tatorts zu erreichen. Und dafür bot sich dieser Fall einfach an. Auch Drehbuchautorin Dorothee Schön war einverstanden, ihre Geschichte weiterzudrehen”, beschreibt SWR-Sprecherin Annette Gilker die Entstehungsgeschichte des Spiels. Das Drehbuch lag zu diesem Zeitpunkt schon vor, die Handlung wurde also nicht bewusst so konstruiert, dass sie im Netz weitergespielt werden kann. Entwickelt wurde das Spiel von der Kölner Agentur “Gesamtkunstwerk“, die mit dem SWR bereits die innovative, transmediale Serie “Alpha 0.7″ entwickelt hat.

In Absprache mit der SWR-Redaktion und der Autorin machte sich das Team von Gesamtkunstwerk im März diesen Jahres daran, die Krimi-Handlung weiterzuspinnen und als Online-Spiel umzusetzen. Der Spieler startet im Präsidium von Lena. Mit Hilfe von Sekretärin Frau Keller und Spurensicherer Becker macht man sich an die Ermittlungen. Das ganze ist im “Point&Click”-Stil gehalten. Man steuert also mit der Maus, kann verschiedene Gegenstände auf dem Bildschirm betrachten und einsammeln. Bestimmte Dinge können in der Spurensicherung weiter untersucht werden, um zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen. Dazu kann man noch die Verdächtigen befragen und weitere Zeugen im Rauhberghof, der Besserungsanstalt, in der die Jugendlichen untergebracht waren. Hier kommen auch weitere Charaktere ins Spiel, die im Film gar nicht auftauchten.

Nach der originellen Krimi-Handlung geht es hier also wieder ziemlich klassisch zu. Finde den Mörder, heißt die Aufgabe, und Tatort-typisch muss man dazu auch ein paar Umwege gehen. Als Spieler begegnen einem viele Tatort-Klischees wieder, etwa der dringend benötigte Durchsuchungsbeschluss, den man erst nach einem äußerst langwierigen Prozedere urplötzlich in den Händen hält. Und natürlich hatte der Tote auch ein Verhältnis mit einer Zeugin.

Der Schwierigkeitsgrad war an sich nicht hoch, nur an einer Stelle war tatsächlich Köpfchen gefragt – zu viel für mich, wie ich einräumen muss. Kaya Berndt, Sprecherin von Gesamtkunstwerk, beschreibt den Schwierigkeitsgrad so: “Wie bei jedem guten Spiel braucht es natürlich immer die richtige Mischung aus leichteren und schwierigen Aufgaben, die den Spieler etwas mehr fordern, zumal wir bei dem Spiel auch die Zusammenarbeit innerhalb der Community fördern wollten. Der Tatort hat z.B. auf Twitter und Facebook sehr viele engagierte User und Fans.” Auch ich musste die Hilfe der Facebook-User einmal in Anspruch nehmen. Lieber wäre mir aber gewesen, ich hätte einen kleinen Hinweis auf die Lösung im Spiel bekommen. Insgesamt hatte das Spiel durchaus also einige kleine Schwächen: Nicht immer war der Ablauf der einzelnen Handlungselemente selbsterklärend – zum Beispiel bei dem eher vom Himmel fallenden Durchsuchungsbeschluss – und wurde so mitunter etwas zäh. Das war aber wohl der kurzen Entwicklungszeit geschuldet sind. Dennoch würde ich sagen, dass der Spielspaß überwogen hat.

Die Kommentare auf Facebook sprechen denn auch für sich. Es sind zwar mit einigen Hundert nicht übertrieben viele, aber die Resonanz ist überwiegend positiv. Dafür ist die Interaktionsrate ziemlich hoch, was meiner Meinung im Zweifel mehr wert ist, als 10.000 “Geil, weiter so”-Meinungen. Oben habe ich ja geschrieben, dass jeder fünfte Spieler das Spiel durchgezockt hat. Das bedeutet natürlich auch: 80 Prozent der Spieler sind irgendwann, aus Zeitmangel, Desinteresse oder Frustration aus dem Spiel ausgestiegen. Ob das jetzt eine gute Durchklickrate für ein Online-Game ist, vermag ich nicht zu sagen, wäre aber für Einschätzungen dankbar. Laut Annette Gilker ist man mit den Abrufen sehr zufrieden, es gab aber ihrer Aussage nach auch keine interne Zielvorgaben dafür. Das Ganze war eben einfach mal ein erster Versuch, zu dem auch Vergleichszahlen fehlen.

Ich finde den Online-Tatort, nachdem ich ihn auch selbst gespielt habe, eine ganz nette Idee. Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, das Format online weiter attraktiv zu machen und die Community einzubinden. Ein- oder zweimal im Jahr kann man sowas sicher machen. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, wäre es auch ganz amüsant, dem Spieler mal andere Ermittlertypen zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall war der Tonfall noch recht typisches Tatort-Beamtendeutsch. Ich würde auch gerne mal einen Online-Schimanski spielen (“Benutze Stiefel mit: Tür”). Ob es soweit kommen wird, lässt die ARD offen: Konkret geplant ist jedenfalls erst mal nix, heißt es im Statement zum Tatort+. Das ist insofern schade, weil das Spiel schon nicht mehr spielbar ist. Wie alle fiktionalen Angebote der Öffentlich-Rechtlichen muss es nach einer Woche aus der Internetpräsenz verschwinden. Danke für nichts, Privatsender! Aber das ist ein anderes Thema. Wer dennoch wissen will, wie das Spiel ausgesehen hat und natürlich wer der Mörder ist, kann ja mal in mein Let’s play dazu gucken.

Mainstream, Livestream, Gronkh-Stream

Mit dem Stern-Cover von dieser Woche hat man es dann wohl offiziell an jedem Kiosk bestätigt, dass YouTube endgültig im Mainstream angekommen ist. Webvideo wird in diesem Jahr das große Mediending werden, da bin ich mir relativ sicher. Und es ist erst der Anfang einer Entwicklung, die schon bald noch ganz neue Dimensionen erreichen wird. Während in Deutschland gerade erst begriffen wird, welche Möglichkeiten Webvideo bietet, steht die nächste Entwicklungsstufe schon bevor: Livestreaming wird in ein paar Jahren zum ganz normalen Angebot eines jeden Medienhauses gehören (müssen). Lies dazu auch, was Google mit seinen Hang-Outs plant. Der Riesenkonzern verfährt ja mit seinen Ideen gerne nach dem gekochte-Spaghetti-Prinzip. Wirf einfach einen großen Haufen davon an die Wand, ein paar werden schon kleben bleiben. Und nachdem Wave, Buzz und irgendwie auch Plus nicht wirklich haften bleiben wollen, scheinen die Hang-Outs ein Treffer zu sein, den Google jetzt weiter ausbauen wird; zum wohl interessantesten Livestreaming-Tool, das es zur Zeit gibt.

Richtig spannend wird es, wenn man sich das Ganze als Social Streaming vorstellt. Man nehme nur ein Ereignis wie das YouTuber-Treffen in Düsseldorf, von dem es inzwischen mehr als ein Dutzend Videos gibt. Was beim YouTuber-Treffen abging, als der bekannteste deutsche Let’s-Player Gronkh auftauchte, kann man nicht in Worte fassen, man muss es sehen. Zum Glück ist das kein Problem. In dem Moment, als Gronkh die Tonhalle in Düsseldorf betrat, gab es kaum jemanden, der nicht wenigstens seine Handy-Kamera laufen hatte. Es gibt von diesem Ereignis einen richtigen “Gronkh-Stream.”. Unter anderem filmte auch Richard Gutjahr. Ich bin in seinem Video kurz zu sehen.

Und auch Gronkh himself hielt eine Kamera in der Hand und auf mich drauf.

Jetzt fehlt nur noch die Ego-Perspektive, oder? Bitte schön:

Ein Ereignis, gefilmt aus ganz vielen verschiedenen Perspektiven. Und nun stellt euch das Ganze als Livestreaming-Event vor, das im Netz angelegt wurde und in das sich jede Anwesende Handykamera per App zuschalten kann. Alle Streams werden auf einer Seite gebündelt, und wer nicht vor Ort dabei sein konnte, kriegt dafür zu Hause auf dem Rechner alle verfügbaren Kameras angezeigt und kann, so wie er will, zwischen den Perspektive hin und herschalten, als säße er in seiner eigenen Bildregie. Klingt doch faszinierend, oder? Ich denke es nur mal in eine Richtung weiter: Das Champions-League-Finale in München, zehntausende Zuschauer halten ihre Handykameras aufs Spielfeld und streamen live ins Web. Was wohl Uli Hoeneß, Rupert Murdoch und Sepp Blatter dazu sagen?

Was sind eure Visionen vom Livestreaming ins Web? Schreibt es in die Kommentare, ich bin gespannt.

Im nächsten Beitrag zum Videocamp geht es mal wieder um mein Lieblingsthema: Webvideos und (Lokal-)Journalismus.