Ein sehr schönes Projekt ist mir vor einigen Tagen begegnet: Junge Journalisten haben die rechte Rheinseite von Köln erkundet und aus ihren Erkenntnissen die Seite “Schäl-Klick” gebastelt. Datenjournalismus und Foto-Reportagen (vulgo Audioslideshows) gehen Hand in Hand, um die Menschen und deren Lebensumstände auf der “Schäl Sick” vorzustellen. Die jungen Reporter sind alle Stipendiaten der Journalistenakademie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Seite haben sie in zehn Tagen buchstäblich aus dem Boden gestampft, hat mir Philipp Offenberg erzählt. Er war mit bei dem Projekt dabei, ich kannte ihn noch von seinem Praktikum bei der Rhein-Zeitung in Mainz. Die Seite entstand im Rahmen des Multimedia-Kurses der Journalistenförderung.
Ich finde das Projekt in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: Zum einen ist es für den kurzen Zeitraum bemerkenswert gut gelungen. Natürlich holpert es hier und da ein wenig, gerade bei den Audioslideshows, die eindeutig nicht für jedes Thema als Darstellungsform geeignet sind. Doch gerade die datenjournalistische Umsetzung ist gut gelungen. So kann man zum Beispiel in einer schönen Übersicht sehen, welcher Stadtteil wie viel Geld aus dem Stadthaushalt bekommt. In kurzer Zeit ist hier eine Seite entstanden, die mit vielen lokalen Angeboten konkurrieren kann. Der Umkehrschluss ist natürlich: Wenn eine Gruppe Journalistenschüler sowas in wenigen Tagen in Köln hinkriegt, warum sieht man das von lokalen Medien nicht jede Woche in irgendeiner Form? Und das meine ich jetzt gar nicht speziell auf die Kölner Medien bezogen, die Frage lässt sich ja für jede Großstadt oder Region stellen.
Die Antwort darauf führt zu einem anderen Thema, dass mir beim Surfen durch Schäl-Klick bewusst geworden ist. In vielen Häusern gibt es schlicht nicht die qualifizierten Leute, um so ein multimediales Projekt umzusetzen. Es ist ja paradox: Heute werden junge Journalisten manchmal nicht eingestellt, weil sie überqualifiziert seien. Das berichtete Christian Jakubetz in diesem Blogpost; sie würden die älteren Kollegen angeblich noch älter aussehen lassen heißt es dort sinngemäß. Tatsächlich eilt ja jeder 23-jährigen Reporterin heute der Ruf voraus, sie könne sich das Internet nur mit der Kraft ihrer Gedanken untertan machen. Die erste Gruppe der sogenannten “Digital Natives”, die eine Welt ohne Internet gar nicht mehr erlebt haben, drängt nun in die Medienberufe, und wer seine Nabelschnur direkt mit einem USB-Kabel getauscht hat, muss ja dieses ganze moderne Zeugs einfach drauf haben, oder? Die Realität sieht aber anders aus, wie mir Frank Windeck, Referent bei der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung, gesagt hat. Keineswegs sei es so, dass die heutige Generation sehr viel versierter mit den digitalen Tools umgehen würde. “Das mit den Digital Natives ist ein Vorurteil”, sagt Windeck. Auch Philipp Offenberg berichtet, dass Datenjournalismus und Audioslideshow für die meisten der Stipendiaten absolutes Neuland waren. Deshalb legt die KAS Wert darauf, in Projekten wie Schäl-Klick junge Journalisten mit den entsprechenden Fähigkeiten auszustatten, um sie auf den heutigen Medienmarkt vorzubereiten. Schäl-Klick wird übrigens nicht aktualisiert, es war ein einmaliges Lehrprojekt. Aber als Anschuungs- und Nachmachbeispiel taugt es sicherlich.
Nun hat nicht jeder das Glück, in einem Programm wie bei der KAS landen zu können. Die große Frage also lautet: Wer soll die heutige Generation junger Journalisten ausbilden? Die Annahme, dass die sich multimediale Fähigkeiten mal so nebenbei zwischen einem Facebook-Chat und einem YouTube-Video selbst drauf geschafft haben, erweist sich als Trugschluss. In den Redaktionen fehlt es aber häufig noch an entsprechend geschulten Redakteuren, die Volontäre in Dingen wie Datenjournalismus oder multimedialem Erzählen ausbilden könnten. Welche Folgen dieses Dilemma für die Medienlandschaft hat, damit werde ich mich in den nächsten Tagen noch intensiver beschäftigen. Wenn jemand der Meinung ist, dass es dieses Dilemma gar nicht gibt, oder es aber mit Erfahrungen aus der eigenen Ausbildung unterstützen will, ist hier herzlich willkommen.

