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Frischer Wind statt Journalismus: Ich mach jetzt was mit YouTube

Hier ist die Luft verbraucht, das Atmen fällt mir schwer.
Bye-Bye, ich muss hier raus, die Wände kommen näher.
Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht.
Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.
(Peter Fox, “Alles neu”)

Hätte man mich noch vor fünf, ach was sag ich, vor zwei Jahren gefragt, ob ich mir PR vorstellen könnte, hätte ich mit einem entschiedenen NEIN geantwortet. Ein Jahr Freiberuflichkeit und eine Familie später sehe ich das nicht nur anders. Ich mache es auch anders und beglückwünsche mich selbst zu meinem neuen Job bei Mediakraft. Dort übernehme ich jetzt genau das, was ich eigentlich nie wollte: die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Journalismus, bitte um die Erlaubnis, von Bord gehen zu dürfen!

Zunächst mal ein paar kurze Worte zu der neuen Stelle. Es ist – glaube ich – einer der coolsten Medienjobs, den man derzeit haben kann. Mediakraft ist das reichweitenstärkste YouTube-Netzwerk Deutschlands, bei dem unter anderem Y-Titty, Ponk, Fresh Torge, LeFLoid und Daaruum dabei sind – neben mehr als 180 weiteren YouTubern, die alle zu den Besten ihres Genres gehören. Das mag dem ein oder anderen jetzt nur wenig sagen. Nun, das zu ändern, wird eine meiner neuen Aufgaben sein. YouTube ist das bestimmende Medium für die Jugendkultur dieser Generation, es wird also einen Riesenspaß machen. Hey, ich bin jetzt bei Viva! (Also dem coolen 90er-Viva mit Stefan Raab und Heike Makatsch und Enie van de Meiklokjes)

Dem Journalismus kehre ich damit also erstmal den Rücken. Ehrlich gesagt: ohne schlechtes Gewissen. Daniel Drepper hat gerade erst geschrieben, es sei “die geilste Zeit Journalist zu werden”. Nun, aus Daniels Perspektive stimmt das. Schließlich ist Daniel auch einer der geilsten Journalisten dieser Zeit. Fußballdoping.de ist ein super Projekt, seine Recherchen zur Medaillenvorgaben des DOSB und des BMI waren ebenso beispielhaft wie bahnbrechend und haben nichts weniger verändert als die Art und Weise, wie in Deutschland über Leistungssport diskutiert wird. Und Daniel ist noch nicht mal 30. Geil!

Es gibt aber auch die ungeile Seite, die gerade zum Beispiel die Redakteure der Westfälischen Rundschau erleben müssen. Oder der FR oder FTD; und es werden weitere folgen, die Journalismus 2013 irgendwie überhaupt nicht geil finden. Ich sage ganz ehrlich: Wer jetzt noch Journalist als Berufsziel angibt, ist entweder unverbesserlicher Idealist (was gut ist!) oder nicht mehr ganz richtig im Kopf. Wir erleben gerade, wie ein Beruf zum Hobby degeneriert. Es wird natürlich eine Elite geben, die dank einer (nicht gut bezahlten) Festanstellung als Redakteur leben kann – eine Familie ernähren ist eine andere Sache. In den Urlaub fahren oder eine Auto bezahlen auch. Ansonsten wird der Journalismus der Zukunft von Studenten betrieben, die von den Eltern finanziert werden und deshalb nicht aufs Geld gucken müssen. Andere werden ihn sich querfinanzieren mit PR oder kellnern oder was weiß ich. Und schließlich wird es welche geben, die einen gut bezahlten Beruf ausüben, aber nebenher immer noch Zeit finden, ein Blog zu betreiben oder mal ein paar schlaue Zeilen für irgendwelche Portale zu dichten. Die letzten Inseln des hauptberuflichen Journalismus werden irgendwann der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk und ein paar wenige überlebende Verlags-Dinos sein. Dahinter, darunter und drumherum: Leidenschaftlich gepflegtes Amateurtum.

Bei mir persönlich kommt dazu: Meine Motivation für diese so genannten alten Medien zu arbeiten, nahm doch recht rapide ab in den letzten Monaten. Wer mag sich noch bei einem Regional-Verlag auf einen höchst wackligen Redakteursstuhl setzen? Wer mag sich noch in den zersetzenden Konkurrenzkampf um einen der wenigen begehrten Arbeitsplätze bei ARD und ZDF stürzen? Und wer hat überhaupt Lust auf privaten Rundfunk? Mein Bauch sagt mir, dass das, was bei Mediakraft passiert, in die Zukunft geht. Und weil ich gerade so wegen der miesen Bezahlung rumgeätzt habe: Reich werde ich bei MK auch nicht. Jedenfalls nicht heute. Aber die Zukunft gehört nicht den RTLs und ARDs und Pro7s. Und den Zeitungsverlagen erst recht nicht. In diesem Sinne:

Wie und warum jetzt die Paywalls kommen – und wieder verschwinden

Zuletzt hatte ich ja geschrieben, warum ich nicht glaube, dass Paywalls eine Lösung für die Krise der Zeitungen sind. Ich habe in den letzten Tagen intensiv für das Medium Magazin dazu recherchiert und auch mit vielen Verlagen und Zeitungen über ihre Paywall-Pläne geredet. Gleichzeitig haben sich viele kluge Blogger ebenfalls zu dem Thema geäußert. Hier möchte ich jetzt meine Gedanken zu dem Thema zusammenfassen:

1. Die Paywalls werden kommen, das ist so sicher wie das “One more thing” bei Apple. Pläne dafür haben alle Verlage in der Schublade, die Frage ist nur, wann sie damit rauskommen. Viele werden jetzt sicherlich abwarten, was mit Springers Welt.de passiert, wenn die in wenigen Tagen bis Wochen kommt (sie soll noch 2012 kommen). Wer sich zu früh einmauert, riskiert natürlich, von den Nutzern auch als erster abgestraft zu werden. Wer zu spät loslegt, lässt Geld liegen. Denn das kann man schon mal sagen, nachdem Medien wie Hannoversche Allgemeine, Hamburger Abendblatt oder Volksfreund erste Erfahrungen gemacht haben: Es gibt Nutzer, die zahlen. Es sind nicht viele, aber sie tun es. Gleichzeitig bleiben dank Google-Schlupflöchern und Frei-Zugang für Print-Abonennten die Nutzerzahlen hoch genug, dass nicht die Anzeigenerlöse abrauschen. Was man mit Paywalls verdient, kommt on-top – auch wenn es nicht viel ist.

2. Der Ton wird die Musik machen. Auch deshalb warten viele wohl noch ab: Sie wollen gucken, wer seine Leser am besten von welchem Modell überzeugen kann. Vor diesem Hintergrund ist besonders die Taz-Variante sehr spannend, die ihr System Freiwilligkeit/Crowdfunding jetzt forciert. Die erste Bilanz der Tageszeitung fällt nach eigenen Angaben positiv aus. Die User-Kommentare mögen ein anderes Bild widerspiegeln, aber es ist wohl auch bei der taz so, dass eher affektgesteuert kommentiert wird. Dass man in das System Freiwilligkeit allerdings (noch) keine allzugroßen Hoffnungen setzen sollte, verdeutlicht dieser Kommentar von Sebastian Heiser: Nicht mal ein Prozent der Taz-Ausgaben werden von den User-Spenden gedeckt. Dass man als Medium allerdings besser fährt, wenn die Leser zahlen, weil sie es wollen, hat schon diese Studie zur New York Times gezeigt. Das muss natürlich glaubwürdig kommen. Da hat es die Taz sicher leichter als der Mega-Verlag Springer, der in diesem Jahr laut Manager-Magazin wieder einen Rekordumsatz machen wird. Umso mehr bin ich auf dessen Kommunikationsstrategie in Sachen Paywall gespannt. Ein “Zahlen jetzt, basta!” wird sicher nicht reichen.

3. Bezahlinhalte werden die Redaktionen fordern. Was im Moment bei den meisten Medien online geboten wird, ist zuwenig, um ernsthaft neue Leser zu gewinnen. Und das muss schließlich das große Ziel aller Medien sein. Print-Abonennten wird verständlicherweise freier Zugang zur Webseite gewährt, wenn also was reinkommen soll, muss man Leute gewinnen, die von einem Medium online so überzeugt sind, dass sie freiwillig einen digitalen Zugang bezahlen. Das ist viel schwerer, als ein Zeitungsabo zusammen mit einem Radiowecker zum Probepreis zu verticken. Ein Online-Abo wird auch nicht von den Eltern an den Sohnemann verschenkt, der jetzt mit Frau und Kind eine Straße weiter im Dorf lebt. Online-Leser muss man sich verdienen, und zwar jeden einzelnen. Scoops und investigative Geschichten, wie von Thomas Knüwer gefordert, helfen da sicherlich, sind aber meiner Meinung nur die Sahne auf dem Kuchen. Was viel mehr helfen würde, wäre ein nützlicher Internetauftritt, also einer, den ich im Alltag wirklich gebrauchen kann. Wenn ich morgens beim Frühstück auf meinem Tablet die Seite aufrufe, will ich als erstes lesen, ob ich pünktlich zur Arbeit durch den Verkehr komme und ob ich einen Regenschirm oder Sonnencreme brauche. Wenn ich danach lese, dass Kita-Plätze fehlen, will ich von der Zeitung eine Auflistung der bestehenden Einrichtungen und Alternativen wie Tagesmütter, inkl. Kontaktdaten. Wenn der Skaterladen in der City Ausverkauf hat, will ich das rechtzeitig zur Mittagspause erfahren, inklusive Bewertung, welche Klamotten die besten Schnäppchen sind. Wenn die Putzfrauen in der Schule streiken, will ich, dass die Zeitung online nach Freiwilligen fahndet, die nachmittags beim Aufräumen helfen – die Fotogalerie mit allen Helfern gibt’s dann zur Reportage dazu. Ich will eine ständig aktualisierte Übersicht über die Preise beim Wochenmarkt, am besten mit Foto und Kurzporträt von jedem Stand dazu. Wer sowas alles leisten soll? Das fragen Sie am besten Ihren Verleger.

4. Paywalls sind unattraktive Insellösungen. Ja, wir werden jetzt eine zeitlang mit Ihnen zu tun haben. Und sie werden kolossal nerven. Aber sie werden schnell wieder verschwinden. Eine zeitlang werden es sich einige Verlage hinter ihren Mauern schön gemütlich machen. Aber dann werden vor allem die kleinen und mittleren feststellen, dass es ganz schön einsam auf einer Insel werden kann, wenn nie ein Schiff oder wenigstens ein kleines Floß mit Gestrandeten anlegt. Und dann werden sie feststellen, dass man als kleine Insel irgendwo im Ozean ganz schön abstinkt, wenn die Nutzer auf riesigen Kontinenten namens Google News, Facebook oder Apple wandeln können. Dann werden einige Medien sich umgucken und feststellen, dass sie ja nicht die einzige Insel sind. Sondern dass es um sie herum ganz viele gibt. Und wenn aus vielen Inseln eine Inselkette wird, mit ganz vielen tollen Freizeitangeboten, Inselhopping, Para-Gliding und Power-Boat, dann sieht das auf einmal wieder viel attraktiver aus. Also werden sich einige zusammenschließen und die Nutzer zum All-Inclusive-Trip einladen. Die dürfen dann einmal bezahlen, je nachdem wie lange sie bleiben wollen, und dafür machen wie sie wollen, sich auf der einen Insel die leckeren Cocktails reinhauen und auf der anderen das Actionboot fahren. Und keiner von den Inselhäuptlingen ist böse, wenn mal ein Nutzer rüber zur anderen Insel fährt, schließlich verdienen ja alle daran. Die richtig schlauen Inselhäuptlinge empfehlen den Nutzern sogar, doch auch mal bei den Nachbarn vorbeizuschauen, weil die richtig tolle Sachen im Programm haben. Wahrscheinlich wird es auch ein paar Häuptlinge geben, die keine Lust auf die Inselkette haben und sich weiter einmauern werden. Auch die werden ihre Nutzer finden. Nur, dass die dann ausschließlich aus Atlantis kommen.

Journalistentag NRW: Ausstellung der lebenden Fossilien. #jnrw12

Als lebende Fossilien werden biologische Arten oder Artengruppen (Taxa) bezeichnet, die ihren Bauplan seit oftmals Hunderten von Jahrmillionen nur sehr wenig verändert haben. Häufig haben sie einmal weite Bereiche unseres Planeten besiedelt, kommen jedoch heute nur noch in wenigen Regionen vor (Reliktvorkommen). (aus Wikipedia, 26.11.2012)

Brückenechse

Ein Mitarbeiter des WAZ-Verlags auf der Suche nach einem Überlebensrezept. (Bild: Wikimedia Commons)

Die Krise der Zeitungen, sie war auch beim Journalistentag des DJV NRW allgegenwärtig. Wer allerdings die Zeitungsmacher bei den Panels reden hörte, bekam einen guten Eindruck davon, wie diese Krise ihren Anfang nahm. Und warum sie vermutlich weitergehen wird. Vor allem der WAZ-Verlag hinterließ bei mir einen verheerenden Eindruck: So sieht also der Überlebenskampf einer vom Aussterben bedrohten Art aus.

Da saß ein Mann namens Thomas Lau auf dem Podium zum Thema Community-Management. Er fabulierte über “affektgesteuerte Kommentarschreiber” (vulgo: Trolle) in den WAZ-Foren, dass man Redakteuren nicht zumuten könne, auch noch auf Social Media reagieren zu müssen und erklärte schließlich, dass das Thema User Generated Content gescheitert sei, weil die WAZ noch nie einen 60-Zeiler aus dem Netz 1:1 ins Blatt gehoben hätte. Nun, immerhin soviel journalistischen Anspruch gibt es noch in dem Riesenverlag. Lau ist laut Beschreibung Community Manager bei DerWesten.de und nach diesem Auftritt wundert es mich nicht, dass das Portal mehr oder weniger gescheitert ist. Die Reaktionen im Publikum auf den um Kopf-und-Kragen-Auftritt reichten jedenfalls von Kopfschütteln bis Fremdschämen. Neben Lau saß mein Ex-RZ-Kollege Lars Wienand, sichtlich um diplomatische Einordnung der unfassbar engstirnigen Äußerungen des WAZ-Mannes bemüht. Als Lars berichtete, wie die RZ über Twitter Unfallfotos von 16-Jährigen zugeschickt bekommt, erntete er noch ein gönnerhaftes “Naja gut, ein Unfallfoto”. Als er dann erzählte, dass die RZ über den gleichen Kanal auch vertrauliche Hinweise von Einsatzkräften bekommt, wenn irgendwo im Land was passiert ist, staunte das Publikum. “Die wissen eben, dass wir damit sorgfältig umgehen”, konterte Lars die Frage des Moderators, ob von denen keiner Probleme dadurch bekäme. Anpassung an veränderte Umweltbedingungen nennt man das.

Wie ein lebendes Fossil präsentierte sich der Dinosaurier-Verlag aus Essen auch auf dem Lokalpodium, dass den bezeichnenden Titel “Ist das Lokale der Rettungsanker für Print?” trug. Diese gefühlt seit dem Pleistozän vorgetragene Binse war symptomatisch für die Runde, die sich krampfhaft daran klammerte, dass es nur der entsprechenden Inhalte bedürfe, um die Zeitung zu retten. Readerscanner Carlo Imboden war zugegen, was ehrenwert ist. Seine Arbeit hat sicherlich deutlicher als viele andere Untersuchungen geholfen, die Probleme der Tageszeitungen aufzudecken. Sicherlich haben auch viele Medien ihre Schlüsse daraus gezogen. Mehr gute Geschichten, mehr Menschen, mehr Alltagsnähe, “den Leser abholen”, diese Parolen haben nur leider inzwischen – so richtig sie immer noch sind – viel Patina angesetzt. Inzwischen reicht es doch längst nicht mehr, den Lokalteil  mal ein wenig aufzumöbeln, und dann werden die Leser schon zurückkommen. Doch wie man Online nutzen könnte, um den Lokaljournalismus von heute zu gestalten, darüber wurde kein Wort verloren. Zynisch wurde es, als Frank Fligge, bei der WAZ-Gruppe zuständig für Redaktionelles Qualitätsmanagement, sich in die Runde einbrachte. Von einem Verlag, der im Grunde nur noch mit Streichungen und Kürzungen von sich reden macht, ist es schon stark, stolz zu erzählen, wie viel Energie man jetzt in die Lokalberichterstattung stecken würde. Und selbst wenn: Die Anstrengungen kommen wahrscheinlich zu spät. Denn es sind längst Arten entstanden, die die neuen Lebensräume erfolgreich für sich erobern. Für Nachzügler ist da nur wenig Platz.

Wie diese neuen Arten aussehen, erfuhr man mehr auf dem zweiten Lokalpodium, wo die Online-Lokaljournalisten Günther Mydlak (HalloHerne.de) und Johannes Michel (NachrichtenamOrt.de) berichteten, wie sie ihre Lokalportale auf den Weg gebracht haben. Das Trauerspiel für die WAZ setzte sich hier indirekt fort. Vor einigen Jahren setzte die WAZ (sicherlich als Maßnahme des redaktionellen Qualitätsmanagements) 300 Redakteure vor die Tür, Günther Mydlak war einer davon. “Ich habe mich selbst wegrationalisiert”, sagte er ohne Bedauern in der Stimme. Er nahm eine Abfindung des Konzerns und ließ die Zeitungsredaktion, für die er Jahrzehnte gearbeitet hatte, hinter sich. Jetzt schwärmt er von der großen Zufriedenheit, die er wieder im Beruf verspüren würde, wie viel Spaß ihm die Arbeit machte. Seit 2 1/2 Jahren macht Mydlak jetzt Hallo Herne. Wie alle Online-Zeitungsmacher steckt er mehr rein, als am Ende rauskommt. Wie bei allen Lokalbloggern kümmert ihn das wenig: “Jetzt ist Gründerzeit. Keiner weiß, was in fünf Jahren sein wird”, verkündete er optimistisch. Dass Mydlak an sein Projekt glaubt, wird dadurch belegt, dass er sogar schon ausbildet. Einen Volontär beschäftigt Hallo Herne, demnächst will Mydlak einen Förderverein gründen, um diesem auch Seminare in Journalistenakademien bezahlen zu können. Ich behaupte: Wenn es nicht schon der Fall ist, wird es bald so sein, dass die Herner Schülerinnen und Schüler sich lieber für ein Praktikum bei Hallo Herne als bei der WAZ bewerben werden. Spätestens, wenn der Nachwuchs weg bleibt, wird man bei der WAZ spüren, dass es eng wird für das eigene Überleben.

Update: Hier ist ein Video von der Diskussion mit Hallo Herne-Gründer Günther Mydlak.

Resiprint Evil: Sind #Paywalls das Gegenmittel für die Zeitungsseuche? – 2 Cents zum Aus der #FR

Der Virus ist heimtückisch. Er tötet nicht schnell, sondern langsam. Opfer werden zu Zombies verwandelt, bevor sie irgendwann endgültig sterben. Einige Verzweifelte suchen nach dem rettenden Gegenmittel, doch es könnte schon zu spät sein. Das Zeitungssterben in Deutschland geht um. Und so langsam aber sicher sind es nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen, die dran glauben müssen.
Schlimm traf es in Deutschland Nürnberg, wo es von drei Lokalteilen innerhalb kurzer Zeit runter auf einen ging die Abendzeitung erwischte. Doch das prominenteste Opfer der Seuche erwischte es heute: Die Frankfurter Rundschau meldet Insolvenz an, meldet der SPIEGEL am heutigen Dienstag, 13. November. Die FR galt bei vielen immer noch irgendwie als “Qualitätsmedium”, inwieweit sie das in den letzten Jahren noch war, kann ich nicht wirklich beurteilen, da ich sie selten gelesen habe. Doch allgemein eilte ihr der Ruf voraus, ihre besten Jahre als linkes, überregionales Vorzeigemedium lange hinter sich zu haben; längst zombiefiziert. Nichtsdestotrotz ist die schon lange gemunkelte Insolvenz ein Schlag, in erster Linie natürlich für die beschäftigten Journalisten dort. Aber die FR ist wohl nur das bisher prominenteste Opfer der Seuche Zeitungssterben.
Es ist kein Geheimnis: Die Auflage der Zeitungen sinkt. Seit Jahren und beständig. Das Ende rückt näher, auch wenn sich tapfer immer wieder an das berühmte Rieplsche Gesetz geklammert wird (Das eigentlich eher eine Theorie ist, die bislang nur noch nicht wirklich widerlegt wurde). Haben sich so auch die Dinosaurier gefühlt, als sie vor 65 Millionen Jahren verwundert zusahen, wie sich über ein paar Jahrhunderte der Himmel im weiter verdunkelte, und es immer kälter auf der Erde wurde? Überlebt haben nur die Kleinsten, die aber am besten an den Wandel der Umwelt angepasst werden.
Ein Gegenmittel gegen die Seuche probieren immer mehr Verlage aus: Sie verordnenen sich quasi stärkere Abwehrkräfte, in dem sie ihre Online-Angebote nur noch gegen Bezahlung rausgeben. 2013 wird das Jahr der Paywalls werden, so viel kann man jetzt schon mal sagen. Spätestens wenn Springer seine Ankündigung umsetzt, BILD.de teilweise kostenpflichtig zu machen, wird das Thema die breite Masse der deutschen Netznutzer erreichen. Und wie wir wissen, sind Springer nicht die einzigen, die laut über eine Paywall nachdenken. Und auch auf dem regionalen Markt werden die Paywalls kommen – oder sind schon da, wie in Hannover, in Trier, in Saarbrücken oder Hamburg.
Ob sich die grassierende Seuche damit wirklich stoppen lässt, wird man vermutlich erst fünf oder zehn Jahre später wirklich beantworten können. Ich glaube, Bezahlinhalte nach klassischer Denkweise, also Abonnementzugänge für bestimmte Webangebote, werden meist bestenfalls eine lebensverlängernde Maßnahme werden, keine rettende. Wer wie ich zumindest schon mal in seinem Leben ein Zeitungsabo abgeschlossen hat, für den ist der Gedanke, sich auch im Netz ein Medienangebot zu abonnieren nicht unnormal. Doch wer eher damit aufwächst, sich auf iTunes alle möglichen Medien nach Wunsch ganz individuell zusammenstellen zu können, der wird mit diesem Konzept eher seine Probleme haben. Ob die Generation der jetzt unter 25-Jährigen ernsthaft Online-Abos abschließen wird, wage ich zu bezweifeln. Am Ende übrigens wird auch das wahrscheinlich zum großen Teil von einem Faktor abhängen: Sind die Inhalte es wert?
Ich sage nicht, dass es überhaupt nicht funktionieren kann. Mit Sicherheit wird es leuchtende Beispiele geben, die gut damit fahren. Aber das sind wahrscheinlich eher die, die jetzt schon gut gegen die Seuche gerüstet sind und sich entsprechend aufgestellt haben. Viele andere hingegen sind wahrscheinlich schon infiziert und trotten nur noch als dumpfe Leistungsschutzrecht-Zombies durch die Medienwelt. Sie wissen nur nicht, dass die Seuche sie längst erwischt hat.

Korrektur: In Nürnberg gibt es nach wie vor zwei Lokalteile, es wurden nur zwei Sonderbeilagen zusammengelegt, wie ich hier aufgeklärt wurde.

“Die mediale Apokalypse”: Abschiedsfilm der BR-Volontäre

Bei Thomas Knüwer habe ich diesen Film der BR-Volontäre entdeckt. Ich finde, er ist eine nette Fortsetzung zum vorigen Blogpost über die Journalistenausbildung. Wie viele Volos der klassischen Medien wohl das Gefühl haben, für eine sterbende Zielgruppe anstatt für die Zukunft ausgebildet worden zu sein?

Wer macht aus Digital Natives richtige Reporter? Das Dilemma der Journalistenausbildung

Ein sehr schönes Projekt ist mir vor einigen Tagen begegnet: Junge Journalisten haben die rechte Rheinseite von Köln erkundet und aus ihren Erkenntnissen die Seite “Schäl-Klick” gebastelt. Datenjournalismus und Foto-Reportagen (vulgo Audioslideshows) gehen Hand in Hand, um die Menschen und deren Lebensumstände auf der “Schäl Sick” vorzustellen. Die jungen Reporter sind alle Stipendiaten der Journalistenakademie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Seite haben sie in zehn Tagen buchstäblich aus dem Boden gestampft, hat mir Philipp Offenberg erzählt. Er war mit bei dem Projekt dabei, ich kannte ihn noch von seinem Praktikum bei der Rhein-Zeitung in Mainz. Die Seite entstand im Rahmen des Multimedia-Kurses der Journalistenförderung.

Ich finde das Projekt in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: Zum einen ist es für den kurzen Zeitraum bemerkenswert gut gelungen. Natürlich holpert es hier und da ein wenig, gerade bei den Audioslideshows, die eindeutig nicht für jedes Thema als Darstellungsform geeignet sind. Doch gerade die datenjournalistische Umsetzung ist gut gelungen. So kann man zum Beispiel in einer schönen Übersicht sehen, welcher Stadtteil wie viel Geld aus dem Stadthaushalt bekommt. In kurzer Zeit ist hier eine Seite entstanden, die mit vielen lokalen Angeboten konkurrieren kann. Der Umkehrschluss ist natürlich: Wenn eine Gruppe Journalistenschüler sowas in wenigen Tagen in Köln hinkriegt, warum sieht man das von lokalen Medien nicht jede Woche in irgendeiner Form? Und das meine ich jetzt gar nicht speziell auf die Kölner Medien bezogen, die Frage lässt sich ja für jede Großstadt oder Region stellen.

Die Antwort darauf führt zu einem anderen Thema, dass mir beim Surfen durch Schäl-Klick bewusst geworden ist. In vielen Häusern gibt es schlicht nicht die qualifizierten Leute, um so ein multimediales Projekt umzusetzen. Es ist ja paradox: Heute werden junge Journalisten manchmal nicht eingestellt, weil sie überqualifiziert seien. Das berichtete Christian Jakubetz in diesem Blogpost; sie würden die älteren Kollegen angeblich noch älter aussehen lassen heißt es dort sinngemäß. Tatsächlich eilt ja jeder 23-jährigen Reporterin heute der Ruf voraus, sie könne sich das Internet nur mit der Kraft ihrer Gedanken untertan machen. Die erste Gruppe der sogenannten “Digital Natives”, die eine Welt ohne Internet gar nicht mehr erlebt haben, drängt nun in die Medienberufe, und wer seine Nabelschnur direkt mit einem USB-Kabel getauscht hat, muss ja dieses ganze moderne Zeugs einfach drauf haben, oder? Die Realität sieht aber anders aus, wie mir Frank Windeck, Referent bei der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung, gesagt hat. Keineswegs sei es so, dass die heutige Generation sehr viel versierter mit den digitalen Tools umgehen würde. “Das mit den Digital Natives ist ein Vorurteil”, sagt Windeck. Auch Philipp Offenberg berichtet, dass Datenjournalismus und Audioslideshow für die meisten der Stipendiaten absolutes Neuland waren. Deshalb legt die KAS Wert darauf, in Projekten wie Schäl-Klick junge Journalisten mit den entsprechenden Fähigkeiten auszustatten, um sie auf den heutigen Medienmarkt vorzubereiten. Schäl-Klick wird übrigens nicht aktualisiert, es war ein einmaliges Lehrprojekt. Aber als Anschuungs- und Nachmachbeispiel taugt es sicherlich.

Nun hat nicht jeder das Glück, in einem Programm wie bei der KAS landen zu können. Die große Frage also lautet: Wer soll die heutige Generation junger Journalisten ausbilden? Die Annahme, dass die sich multimediale Fähigkeiten mal so nebenbei zwischen einem Facebook-Chat und einem YouTube-Video selbst drauf geschafft haben, erweist sich als Trugschluss. In den Redaktionen fehlt es aber häufig noch an entsprechend geschulten Redakteuren, die Volontäre in Dingen wie Datenjournalismus oder multimedialem Erzählen ausbilden könnten. Welche Folgen dieses Dilemma für die Medienlandschaft hat, damit werde ich mich in den nächsten Tagen noch intensiver beschäftigen. Wenn jemand der Meinung ist, dass es dieses Dilemma gar nicht gibt, oder es aber mit Erfahrungen aus der eigenen Ausbildung unterstützen will, ist hier herzlich willkommen.

Recap “Besser online 2012″: Die Zeit ist reif für Bezahlinhalte #djv_bo

Die kleine, urlaubsbedingte Sommerpause hier ist beendet. Am Wochenende war ich auf der DJV-Konferenz “Besser online” in Bonn und habe mal reingeschnuppert, welche Themen die deutsche Medienszene in Sachen online derzeit so diskutiert. Auf den Podien ließ man sich dabei von der nicht völlig unberechtigten aber sehr zugespitzten Kritik von SZ-Online-Chef Stefan Plöchinger nicht unterkriegen und diskutierte erfreulich nach vorne gerichtet. Ein großes Thema in allen von mir besuchten Panels: Das liebe Geld. Und der in diesem Blog schon angedeutete Wandel scheint sich langsam zu vollziehen. Das Zeitalter der Gratis-News im Web wird bald enden. Immer mehr Medien werden von den Nutzern Geld für ihre Angebote verlangen, und wir werden eine Antwort auf die Frage aller Medienfragen bekommen: Für welche Art von Journalismus im Web werden die Leute Geld bezahlen?

Ganz konkret darum ging es im Panel “Neue Chance für Bezahlinhalte im Web”, an dem neben Alexander Houben vom Trierischen Volksfreund, Kai-Hinrich Renner vom Hamburger Abendblatt auch mein einstiger Chef, RZ-Chefredakteur Christian Lindner, beteiligt war. Letzterer warf einige mutige Thesen in den Raum, unter anderem glaubt Lindner, dass 2013 das Jahr wird, in dem wir “Bezahlschranken dutzendfach” erleben werden. Abendblatt und Volksfreund haben schon länger eine Paywall für regionale und lokale News, die RZ wird bald folgen und mit ihr wohl viele andere. Die Ausgestaltung wird sicherlich bei jedem Medienhaus im Detail unterschiedlich sein (freier Zugang via Google? Wie viele Artikel sind frei, bis die Wand hochgeht?), doch der große Trend ist klar: Ihre Kernkompetenz im lokalen und regionalen Journalismus werden die Medienhäuser online nicht mehr verschleudern. Die Leser werden diesen Schritt mitgehen, glaubt Lindner.

Er präsentierte eine sehr spannende Zahl: 158 Artikel liest ein RZ-Online-Stammleser laut RZ-Erhebung im Monat durchschnittlich. Das finde ich eine beachtliche Größe. Genau diese treuen Online-Leser werden auch im Web bezahlen, wenn die Inhalte stimmen. Denn sie lesen die RZ im Netz, weil sie von deren Angebot so überzeugt sind, dass sie regelmäßig wiederkommen. Bei diesen Leuten ist auch ein Bewusstsein für die Qualität des Mediums da. Und das wird auch meiner Meinung nach entscheidend sein: Die Leute müssen an ihr Online-Medium glauben, dann unterstützen sie es auch, und zwar mehr oder weniger aus freien Stücken. Deshalb ist der Begriff “Bezahlschranke” (vulgo: Paywall) auch so unglaublich dämlich und sollte unbedingt abgeschafft werden. Denn er suggeriert eine Art Aussperrung der Leser von wichtigen Informationen, so als wollte man ihnen etwas vorenthalten. Besser wäre ein positiver Begriff, der aussagt, was tatsächlich gemeint ist: “Ihre Spende für hochwertigen Journalismus”. Die Nutzer müssen das Gefühl haben, dass sie mit ihrem Geld etwas Wertvolles unterstützen.

Und jetzt sind wir (also wir Journalisten im Allgemeinen) dran: Für ihr Geld müssen die Leser etwas zurückbekommen. Die Inhalte im Netz müssen ihr Geld auch wert sein. Für Lindner ist hier die Chance für eine “Renaissance des Journalismus”. Schluss mit Vereinsfesten, Schluss mit Terminhatz, stattdessen wieder Konzentration auf das Kerngeschäft. Insofern war der Titel des Panels “Neue Chancen für Bezahlinhalte” nicht ganz präzise: “Neue Chancen mit Bezahlinhalten” hätte es getroffen. Denn das steckt wirklich drin: Eine Chance für die Leser, Journalismus zu unterstützen, eine Chance für Journalisten, ihren Lesern wieder mehr Qualität zu liefern. Klingt für mich nach Win-Win, und wenn das eintrifft, was Alexander Houben prognostiziert hat, wird es eine Win-Win-Win-Situation: Denn relevanter Journalismus wird auch wieder für Anzeigenkunden interessant. Einige Punkte blieben freilich offen: So fehlt es noch an einem tauglichen, auf die Bedürfnisse der Verlage zugeschnittenen Micro-Payment-System, das es zum Beispiel ermöglicht, einzelne Online-Artikel mit Kleinstbeträgen im Bereich von fünf bis fünfzig Cent zu bezahlen; hier könnte sich ein cleverer Dienstleister noch ein goldene Nase verdienen, glaube ich. Nicht völlig geklärt ist auch die Frage, inwieweit die Redakteure, insbesondere die im Lokalen grausam unterbezahlten Freien, an den Online-Erlösen beteiligt werden. Ich würde aber dennoch sagen, dass die Richtung in dieser Debatte stimmt.

Bleibt also die große Unbekannte: Werden die Leser das auch annehmen und mitmachen? Erfolgreiche Einführungen von iPad-Ausgaben und Apps lassen zumindest hoffen, dass Zahlungsbereitschaft da ist. Bis es flächen- und vor allem kostendeckend funktioniert dürfte es noch ein paar Jährchen dauern. Aber das haben Renaissancen wohl so an sich.

Zusammenfassungen von vielen Panels der Tagung gibt es auf der Homepage von Besser Online

Stefan Plöchinger dokumentiert seine Eröffnungsrede.
Das sagt Sonja Kaute aka @Stiftblog
und das Marko Litzenberg
Ein Beitrag zur Konferenz bei DRadio Wissen

Der Mo auf der Gamescom

In dieser Woche startet die Gamescom in Köln, eine der größten Computerspielmessen der Welt. Ich werde an allen Tagen da sein und zum Einen das Clixoom-Team bei seiner Arbeit unterstützen. Christoph Krachten macht an allen vier Tagen Clixoom-Interviews mit Gamer-Persönlichkeiten. Mit dabei sind Jan Müller-Michaelis, Spiele-Entwickler und Gründer der Firma Daedalic, Sascha “Goody” Lupp, professioneller Starcraft-Spieler, YouTuberin Coldmirror und der Let’s Player CommanderKrieger. Vor allem auf Jan Müller-Michaelis bin ich sehr gespannt. Er hat die beiden Adventures Edna bricht aus und Harveys neue Augen entwickelt. Mit seinen Spielen verfolgt Müller-Michaelis, auch bekannt als “Poki”, ein paar sehr interessante Ansätze, die auch für Journalisten interessant sind. Ich will im Verlauf oder nach der Gamescom hier ein bisschen mehr dazu schreiben. Der klassische Journalismus kann jedenfalls einiges von Computerspielen lernen. Und a propos klassischer Journalismus: Außerdem bin ich an der Produktion einer 30 minütigen WDR-Reportage über die Gamescom beteiligt. Sie läuft am Montag um 22:45h im WDR-Fernsehen, guckt sie euch an. Wird interessant.

@DLF kündigt @JensWeinreich – Über Vorbilder im Journalismus

Jens Weinreich auf der DLF-Konferenz im Oktober 2011.

Vor fast einem Jahr, Anfang Oktober 2011, war ich in Köln auf einer Sportjournalistenkonferenz des DLF. Die Eröffnungsrede hielt Jens Weinreich. Er erzählte von seinen Recherchen bei FIFA und IOC, wie sich der Journalismus insgesamt verändern würde, wie er das Web für seine Arbeit nutzt. Es war eine gute, kluge und teilweise auch provokante Rede. Jens Weinreich als Eröffnungsredner auf einer DLF-Konferenz, da musste man annehmen, dass dieser Mann ein Aushängeschild des Radiosenders ist. Sonst hätte man ihn wohl kaum auf die Bühne gebeten. Jetzt wurde Jens Weinreich vom Deutschlandfunk vor die Tür gesetzt, und wie das abgelaufen ist, beschreibt er ausführlich in seinem Blog. Die Kündigung ist für ihn persönlich tragisch, nach eigener Aussage gehen ihm jetzt mal eben mehr als ein Drittel seiner Einnahmen flöten. Doch diese Personalie sagt auch etwas über den Zustand der Sportberichterstattung in Deutschland aus.

Ich will mich jetzt gar nicht über den Sachverhalt an sich groß auslassen. Ich weiß nicht, was genau zwischen dem DLF und Weinreich vorgefallen ist. Zumindest legen aber Kommentare wie dieser hier von Grit Harmann, die ebenfalls für den DLF tätig gewesen ist, nahe, dass der DLF hier tatsächlich großen Mist gebaut hat. Jens Weinreich stellt es jedenfalls so dar, dass Mitglieder des Sportausschusses Druck auf den DLF ausgeübt haben, Weinreich kalt zu stellen. Er hat immer wieder kritisch über den Sportausschuss des Bundestages und die Berichterstattung darüber geschrieben. Insbesondere diese Kollegenschelte führt der DLF jetzt als Grund für die Kündigung an. Das wäre schon ein starkes Stück, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender auf Druck von Politikern einen kritischen Journalisten abzieht.

Weinreich zeigt auf seinem Blog einen Brief, den er an die DLF-Sportredaktion geschrieben hat. Ich will daraus nur eine Passage rausgreifen.

Ich quatsche aber nicht nur so daher, ich lebe das, was ich da sage. Ich stelle mich der Diskussion. Ich lasse mich kritisieren. Ich will diese Kritik. Ich korrigiere meine Fehler öffentlich. Und ich stehe zu diesen Fehlern. Ich lerne daraus. Und, in aller Unbescheidenheit, ich habe damit (wie zuvor mit dem sportnetzwerk) eine Menge vor allem junger Kollegen inspiriert.

Jeder von uns (mehr oder weniger) jungen Journalisten hat Vorbilder. Ich kann jetzt nicht sagen, dass es genau die drei Journalisten gibt, denen ich unbedingt nacheifern will. Ich orientiere mich an vielen Vorbildern; bei einer Journalistin gefällt mir der originelle Schreibstil, bei einem anderen Reporter gefällt mir, wie er es als Einzelkämpfer geschafft hat, sich einen Namen zu machen. Aber wenn ich einen Journalisten rausgreifen müsste, der für mich beispielhaft dafür steht, wie ich mir Journalismus vorstelle, dann würde ich Jens Weinreich nennen. Er hat eine klare Haltung, er steht für journalistische Werte. Er arbeitet sich seit Jahren erfolgreich an Themen ab, die weder in der Öffentlichkeit, noch bei den Mächtigen auf viel Gegenliebe stoßen. Und als wäre es nix, zeigt er wie kaum ein anderer deutscher Journalist, wie man modernen Journalismus im Web macht.

Natürlich ist er oft unbequem, mit seiner Art über Kollegen zu urteilen auch herablassend. Aber, sorry, er kann es sich leisten. Seine Ergebnisse sprechen für sich. Was muss ich nun von einer Redaktion wie dem DLF halten, die einen solchen Kollegen einfach vor die Tür setzt? Ich sage es mal aus meiner Perspektive: Als potenzieller Arbeitgeber wird der Deutschlandfunk (der Luftlinie 300 Meter von mir weg ist) dadurch nicht attraktiver. Ich sehe nun einen Sender, der bei politischem Gegenwind seine Reporter nicht schützt, sondern einknickt, ja diese sogar vor die Tür setzt. Ich muss nun den Eindruck gewinnen, dass es beim DLF nicht gewünscht wird, wenn Journalisten sich mit den Mächtigen anlegen. Ich muss den Eindruck gewinnen, dass zumindest in der Sportredaktion kritischer Journalismus nicht gefragt ist.

Der Journalismus hat es heutzutage schwer, Journalisten haben es noch schwerer. Es gibt nicht mehr viele Medien, die sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten noch trauen, wirklich unbequem zu sein. Gerade ein öffentlich-rechtlicher Sender wie der DLF sollte aber genau dafür stehen. Wie es scheint, ist das nicht der Fall. Das macht nicht gerade Mut für die Zukunft des deutschen (Sport-)Journalismus.

Gold für Drepper und Schenck: Journalisten siegen gegen Innenminister #openFriedrich

Manchmal siegt das Gute eben doch: Die Journalisten Daniel Drepper und Niklas Schenk haben 14 Monate lang dafür gekämpft, die Medaillenvorgaben des Bundesinnenministeriums und des DOSB für die deutsche Olympiamannschaft in London einsehen zu dürfen. Das Ministerium, allen voran Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) haben sich mit Zähnen und Klauen dagegen gewehrt. Die Journalisten sollten mit bürokratischen Spitzfindigkeiten, horrenden Gebühren und nicht zuletzt politischem Druck daran gehindert werden, den Umgang mit 130 Millionen Euro Steuergeld öffentlich zu machen.

Am Ende entschied sogar das Berliner Verwaltungsgericht zu Gunsten der Pressefreiheit und ordnete an, die Vorgaben öffentlich zu machen. Das alles interessierte Friedrich nicht, stattdessen versuchte er sich aus der Nummer rauszuwinden. Am Ende siegte wohl die Einsicht, in dieser Schlacht nicht mehr gewinnen zu können. Die Zielvereinbarungen sind jetzt öffentlich. Sie offenbaren ein Sportsystem, das maßlos und wider jeden sportlichen Sachverstand nur eins kennt: Medaillen, Medaillen, am besten goldene Medaillen.

28 mal sollte in London die deutsche Nationalhymne erklingen. So häufig wie seit Barcelona 1992 nicht mehr. In Peking 2008 gab es noch 16 goldene Plaketten. Daniel Drepper und Niklas Schenk ging es bei ihren Recherchen immer um die eine Frage: Welchen Sport wollen wir in Deutschland? Wenn man sich diese Gier nach Medaillen anguckt, weiß man zumindest, welchen Sport man beim DOSB und dem BMI will: Den erfolgreichen Sport, und zwar um jeden Preis. Und da kann man gleich beim schlimmsten Übel anfangen: Wer insgesamt 86 Medaillen will (und mutmaßlich Förderung an Erfolge knüpft), ist bereit, bei Doping beide Augen zuzudrücken. Ja, er setzt geradezu einen Anreiz für Trainer und Athleten, zu verbotenen Substanzen zu greifen, um auf jeden Fall die Planvorgaben des Staates einhalten zu können. Hier geht es um Arbeitsplätze, um Zukunftsaussichten junger Menschen, um (sportliche) Existenzen.

Der internationale Sport steht sicherlich an einem Scheideweg: Dem normalen Menschen mögliche Leistungen sind in nahezu allen Disziplinen erreicht. Wie viel schneller kann ein Mensch noch rennen? Wie viel mehr Gewichte kann er noch stemmen? Wie weit kann er noch springen? Wir sind am Limit. Aber die Marketing- und Aufmerksamkeitsindustrie will mehr Rekorde. Sie will die 100 Meter in unter 9,5, den Marathon in unter zwei Stunden sehen. Der Mensch soll über seine Grenzen gehen, und wenn er dazu sein eigenes Erbgut manipulieren muss. Wer absurd viele Medaillen bei Olympia einfordert, spielt dieses Spiel mit.
Und nimmt die daraus erwachsenden Konsequenzen in Kauf. Mit den Medaillenvorgaben ist jetzt die Grundlage für die Diskussion auf dem Tisch: Wie soll der Sport der Zukunft in Deutschland aussehen? Erfolg um jeden Preis oder weniger ist mehr?