Der internationale Profi-Fußball hat noch zwei Jahre bis zu seiner eigenen Abschaffung als ernsthafte Sportart. Nach der WM 2014 im Land des fünffachen Weltmeisters und Erfinder des schönen Spiels, Brasilien, verabschiedet sich der ohnehin schon völlig überkandidelte Zirkus endgültig in die Kasperletheaterliga. 2016 wird die Euro erstmals mit dem halben europäischen Kontinent als Teilnehmerfeld ausgetragen, und damit zur aufgeblasenen Farce eines Fußballturniers. Danach folgt (nach derzeitigem Stand) eine WM in Russland, der größten Scheindemokratie der Welt, bevor es dann zur Krönung des absurden Tehaters in den Glutofen des Scheich-Staates Katar geht, wo die Stadien in Sichtweite voneinander entfernt stehen werden. Wie es soweit kommen konnte, schildert der SZ-Journalist Thomas Kistner in seinem Buch Fifa-Mafia, in dem er die Ergebnisse aus mehr als 20 Jahren investigativer Recherche im Weltfußball bündelt.
Es ist nicht alles neu, was Kistner da auf gut 400 Seiten ausbreitet. Aber in dieser konzentrierten Form entfachen Kistners Recherchen noch mal eine ganz besondere Wirkung. Kopfschüttelnd arbeitet man sich durch das hochkomplexe Konvolut von Fakten, Seilschaften und juristischen Winkelzügen. Ein Leser, der noch nie von Fußball und Sepp Blatter gehört hätte, müsste denken, er würde hier einen brilliant ausgedachten Krimi lesen. Doch die handelnden Personen sind alle real. Weitestgehend unbehelligt von der Justiz, hofiert von der Politik, alle vier Jahre euphorisch bejubelt von der Sportpresse, hat sich eine kleine Gruppe von Männern ein Geld druckendes Sportimperium aufgebaut, mit dem Cäsaren Sepp Blatter an der Spitze. Als Leser schämt man sich angesichts Kistners Enthüllungen für jeden Euro, den man je für ein Fußballspiel ausgegeben hat.
Nun gut, aber das Spiel läuft doch, Fußball ist halt Fußball, mag der ein oder andere entgegen halten. Soll man sich doch nicht so drüber aufregen, solange auf dem Platz noch Elf gegen Elf spielen und die Fans ihren Spaß haben. Dass diese Sichtweise bestenfalls naiv, wenn nicht gefährlich dumm ist, zeigt sich im letzten Drittel von Kistners Buch, in dem er beschreibt, wie sich die jahrzehntelangen Korruptionsgeschäfte der Fifa-Familie auf bedenkliche Weise zuspitzen. Zu viele Abhängigkeiten sind in den Jahrzehnten entstanden, zu viele neue und mächtige Gestalten drängen ins Fußballgeschäft und wollen dessen globalen Einfluss für ihre Machenschaften nutzen. Was als Spiel von einer handvoll cleverer, aber gewissenloser Funktionärsgestalten begann, ist längst zu einem unkontrollierbaren Wettlauf zahlreicher Interessengruppen geworden. Clans der asiatischen Wettmafia, Oligarchen aus Osteuropa, dubiose Machthaber winziger, aber superreicher Ölstaaten haben alle den Fußball als perfektes Illusionstheater entdeckt, mit dem sich ihre kriminellen Machenschaften wunderbar verschleiern lassen. Geschützt vom Funktionärsstatus der Fifa und der Autonomie des Sports haben sich zahlreiche Figuren, die jedem James-Bond-Bösewicht Ehre machen würden, ein kriminelles Netzwerk im Fußball aufgebaut, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Und alle hängen mit drin: Große Namen wie Günther Netzer oder Franz Beckenbauer tauchen in dieser Gemengelage ebenso auf wie der FC Barcelona, Bayern München oder die deutsche Vorzeigefirma Adidas.
Zwar wachen die Ermittlungsbehörden langsam aber sicher auf und setzen ihre Strafverfolger auf die Fifa an. Doch die weiß sich zu wehren. Längst hat sie begonnen, auch die Sicherheitsapparate zu umgarnen und zu unterwandern – und ist dabei, geheimdienstähnliche Strukturen aufzubauen. Mittendrin thront Sepp Blatter: Fast scheint es, als würden ihn jeder weitere Skandal nur noch unantastbarer machen. Eine der mutmaßlich korruptesten Figuren der Sportgeschichte schielt dabei unverfroren auf den Friedensnobelpreis. All das schildert Kistner fakten- und kenntnisreich im lakonischen Tonfall des Journalisten, der inzwischen schon zu viel gesehen und erlebt hat, als dass ihn noch irgendeine Enthüllung aus dem Fifa-Dunstkreis überraschen könnte. Hoffnung, dass der Fußball noch zu retten ist, scheint zwischen seinen Zeilen kaum durch. So wird Kistners Buch auch zu einer traurigen Chronik über den Niedergang eines Sports, der sich von einem Wettkampf ehrbarer Sportsmänner zu einer der zynischsten wie auch erfolgreichsten Industrien der Welt gewandelt hat.
Die einzige Chance scheint wohl eine radikale Erneuerung der Fifa mit einem kompletten Austausch des Personals zu sein. Darauf hoffen kann man nicht. Aber jeder, der dieses Buch kauft, trägt schon mal ein bisschen dazu bei; in dem er dokumentiert, dass ihm kritischer Sportjournalismus etwas wert ist. Und wer weiß: Vielleicht wachen die Fans ja irgendwann selber auf und kehren dem monströsen Spektakel, das sie selbst geschaffen haben, den Rücken zu. Und zumindest eine Hoffnung will ich persönlich aufrecht erhalten: Dass im Jahr 2022 der Anstoß zur Fußball-WM nicht in Katar erfolgt.





Drei Sonderhefte zur Euro 2012 habe ich mir mal gegönnt: Das vom Kicker, die obligatorische EM-Ausgabe von den 11 Freunden und den großen Rundumschlag der Taktikgurus von Spielverlagerung.de. Hier sind kurz sortiert meine Meinungen dazu: