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Pflichtlektüre: “Fifa Mafia” entlarvt die kriminellen Strukturen des Weltfußballs

Der internationale Profi-Fußball hat noch zwei Jahre bis zu seiner eigenen Abschaffung als ernsthafte Sportart. Nach der WM 2014 im Land des fünffachen Weltmeisters und Erfinder des schönen Spiels, Brasilien, verabschiedet sich der ohnehin schon völlig überkandidelte Zirkus endgültig in die Kasperletheaterliga. 2016 wird die Euro erstmals mit dem halben europäischen Kontinent als Teilnehmerfeld ausgetragen, und damit zur aufgeblasenen Farce eines Fußballturniers. Danach folgt (nach derzeitigem Stand) eine WM in Russland, der größten Scheindemokratie der Welt, bevor es dann zur Krönung des absurden Tehaters in den Glutofen des Scheich-Staates Katar geht, wo die Stadien in Sichtweite voneinander entfernt stehen werden. Wie es soweit kommen konnte, schildert der SZ-Journalist Thomas Kistner in seinem Buch Fifa-Mafia, in dem er die Ergebnisse aus mehr als 20 Jahren investigativer Recherche im Weltfußball bündelt.

Es ist nicht alles neu, was Kistner da auf gut 400 Seiten ausbreitet. Aber in dieser konzentrierten Form entfachen Kistners Recherchen noch mal eine ganz besondere Wirkung. Kopfschüttelnd arbeitet man sich durch das hochkomplexe Konvolut von Fakten, Seilschaften und juristischen Winkelzügen. Ein Leser, der noch nie von Fußball und Sepp Blatter gehört hätte, müsste denken, er würde hier einen brilliant ausgedachten Krimi lesen. Doch die handelnden Personen sind alle real. Weitestgehend unbehelligt von der Justiz, hofiert von der Politik, alle vier Jahre euphorisch bejubelt von der Sportpresse, hat sich eine kleine Gruppe von Männern ein Geld druckendes Sportimperium aufgebaut, mit dem Cäsaren Sepp Blatter an der Spitze. Als Leser schämt man sich angesichts Kistners Enthüllungen für jeden Euro, den man je für ein Fußballspiel ausgegeben hat.

Nun gut, aber das Spiel läuft doch, Fußball ist halt Fußball, mag der ein oder andere entgegen halten. Soll man sich doch nicht so drüber aufregen, solange auf dem Platz noch Elf gegen Elf spielen und die Fans ihren Spaß haben. Dass diese Sichtweise bestenfalls naiv, wenn nicht gefährlich dumm ist, zeigt sich im letzten Drittel von Kistners Buch, in dem er beschreibt, wie sich die jahrzehntelangen Korruptionsgeschäfte der Fifa-Familie auf bedenkliche Weise zuspitzen. Zu viele Abhängigkeiten sind in den Jahrzehnten entstanden, zu viele neue und mächtige Gestalten drängen ins Fußballgeschäft und wollen dessen globalen Einfluss für ihre Machenschaften nutzen. Was als Spiel von einer handvoll cleverer, aber gewissenloser Funktionärsgestalten begann, ist längst zu einem unkontrollierbaren Wettlauf zahlreicher Interessengruppen geworden. Clans der asiatischen Wettmafia, Oligarchen aus Osteuropa, dubiose Machthaber winziger, aber superreicher Ölstaaten haben alle den Fußball als perfektes Illusionstheater entdeckt, mit dem sich ihre kriminellen Machenschaften wunderbar verschleiern lassen. Geschützt vom Funktionärsstatus der Fifa und der Autonomie des Sports haben sich zahlreiche Figuren, die jedem James-Bond-Bösewicht Ehre machen würden, ein kriminelles Netzwerk im Fußball aufgebaut, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Und alle hängen mit drin: Große Namen wie Günther Netzer oder Franz Beckenbauer tauchen in dieser Gemengelage ebenso auf wie der FC Barcelona, Bayern München oder die deutsche Vorzeigefirma Adidas.

Zwar wachen die Ermittlungsbehörden langsam aber sicher auf und setzen ihre Strafverfolger auf die Fifa an. Doch die weiß sich zu wehren. Längst hat sie begonnen, auch die Sicherheitsapparate zu umgarnen und zu unterwandern – und ist dabei, geheimdienstähnliche Strukturen aufzubauen. Mittendrin thront Sepp Blatter: Fast scheint es, als würden ihn jeder weitere Skandal nur noch unantastbarer machen. Eine der mutmaßlich korruptesten Figuren der Sportgeschichte schielt dabei unverfroren auf den Friedensnobelpreis. All das schildert Kistner fakten- und kenntnisreich im lakonischen Tonfall des Journalisten, der inzwischen schon zu viel gesehen und erlebt hat, als dass ihn noch irgendeine Enthüllung aus dem Fifa-Dunstkreis überraschen könnte. Hoffnung, dass der Fußball noch zu retten ist, scheint zwischen seinen Zeilen kaum durch. So wird Kistners Buch auch zu einer traurigen Chronik über den Niedergang eines Sports, der sich von einem Wettkampf ehrbarer Sportsmänner zu einer der zynischsten wie auch erfolgreichsten Industrien der Welt gewandelt hat.

Die einzige Chance scheint wohl eine radikale Erneuerung der Fifa mit einem kompletten Austausch des Personals zu sein. Darauf hoffen kann man nicht. Aber jeder, der dieses Buch kauft, trägt schon mal ein bisschen dazu bei; in dem er dokumentiert, dass ihm kritischer Sportjournalismus etwas wert ist. Und wer weiß: Vielleicht wachen die Fans ja irgendwann selber auf und kehren dem monströsen Spektakel, das sie selbst geschaffen haben, den Rücken zu. Und zumindest eine Hoffnung will ich persönlich aufrecht erhalten: Dass im Jahr 2022 der Anstoß zur Fußball-WM nicht in Katar erfolgt.

Mein EM-Tagebuch (XV): Deutscher Journalismus und Social Media wollen nicht zusammen finden

Gerade lese ich mich so durch meinen Feedreader, da fallen mir zwei Artikel auf: Zum einen berichtet Universalcode von einer Studie, der zu Folge immerhin 45 Prozent der deutschen Journalisten glauben, für den Umgang mit Sozialen Netzwerken gerüstet zu sein. Kurz danach lese ich diesen Text bei Richard Gutjahr: Deutschland liegt weltweit nur auf Platz 18 bei der Zahl der Twitteraccounts. Irgendwas passt hier also nicht zusammen. Und bei der EM-Berichterstattung von ZDF und ARD konnte man mal wieder deutlich sehen, woran es krankt, wenn deutsche Journalisten Soziale Netwerke nutzen. Zwar wird durchaus viel gemacht: Aber der Zuschauer bekommt davon nichts mit.

Dass deutsche Journalisten glauben, für Social Media gut gerüstet zu sein, kann nur damit zusammenhängen, dass sie das wahre Potenzial der Netzwerke noch gar nicht erlebt haben. Sie reden wie jemand, der einen Flugsimulator am PC spielt, und dann behauptet, er sehe sich jetzt gut gerüstet, einen Jumbojet zu fliegen.
Gerade Twitter liegt in Deutschland immer noch unter der relevanten Wahrnehmungsschwelle, obwohl es im Vergleich zu Facebook das journalistisch viel interessantere, lebendigere Netzwerk ist. Doch noch immer istder Umgang damit manchmal erstaunlich unbeholfen. Bestes Beispiel war die tapsige Art, mit der das ZDF während der EM Oliver Kahns Twitter-Account einführte. Zwar diskutierten Sportschau und ZDF eifrig mit den Nutzern im Netz während der Spiele und reagierten auch viel auf Bemerkungen zu der Berichterstattung. Doch nur wenig davon fand Eingang in die TV-Berichterstattung.

Das Twitterteam der Sportschau reagierte zügig, wenn die Sendung kritisiert wurde.

Dass Bela Rethy oder Steffen Simon während der Spiele mal auf den offiziellen Hashtag zu den Matches hinwiesen, kam, soweit ich weiß, nie vor. Und ich habe 25 von 31 Spielen gesehen. Geschweige denn, dass sie selbst twittern würden oder mal einen interessanten Tweet in ihre Kommentierung einbauen würden. Gleiches gilt für die Nachberichterstattung. Wäre es so schwer für Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl, ein iPad vor sich hin zu legen, von dem aus sie ein paar interessante Kommentare aus sozialen Netzwerken vorlesen und diskutieren können? Wieso leitet Michael Steinbrecher im Interview nicht mal eine Frage eines Facebook-Nutzers an Jogi Löw weiter? Nichts von alledem, dabei wäre ein Großereignis wie die EM der perfekte Moment gewesen, Soziale Netzwerke (endlich) massentauglich in die Berichterstattung einzubauen.

Der Dialog auf Sozialen Netzwerken ist nur dann bereichernd, wenn die Informationen, den Mehrwert, den Journalisten daraus ziehen, auch ans Publikum weitergeben. Twitter und Facebook sind doch keine in sich geschlossenen Systeme, die man völlig losgelöst von dem Restprogramm eben auch noch bedient. Zur vollen Blüte gelangen sie erst, wenn man das reichhaltige Feedback von dort auch sinnvoll verwertet. Kein Wunder, dass das vorherrschende Urteil über Twitter und Facebook nach wie vor lautet, dass das ja ein ganz netter Zeitvertreib, aber letztlich doch nutzloser Quatsch ist. Evolutionär gesehen klettern wir in Sozialen Netzwerken noch auf Bäumen rum, während andere Länder längst den aufrechten Gang erlernt haben.

Mein EM-Tagebuch (XIII) – Spielen wie ein 20-Jähriger: Doping im Fußball lohnt sich doch (IV mit Daniel Drepper)

Dopinggerüchte gehören im Fußball mittlerweile dazu. Bei dieser Euro rankten sie sich um die Ukraine. Im ersten Spiel hatte vor allem der furios aufspielende Schewtschenko die Fachwelt verblüfft. Nach dem Spiel fiel von ihm der verräterische Satz, er fühle sich wie ein 20-Jähriger. Nun wissen wir ja, dass der Jungbrunnen im Sport längst erfunden ist. Es ist alles nur eine Frage der Mittel. Kein Wunder also, dass der Argwohn einiger Journalisten geweckt war. Ins Bild passte da eine mysteriöse Welle von Darmerkrankungen, die mehrere Spieler der Ukraine vor dem Turnier erfasst hatte. Sie deutet womöglich auf den Missbrauch eines Medikaments zur Regenerationsförderung hin; der Mannschaftsarzt der Ukraine war mit einem ähnlichen Fall schon mal aufgefallen. Letztlich blieb es bislang bei Andeutungen und Mutmaßungen, wie so oft im Fußball.

Ein Blog als Rechercheinstrument
Damit sind wir bei Daniel Drepper angelangt. Der Sportjournalist aus Mainz hat vor einiger Zeit das Blog “Fussballdoping.de” gestartet. Daniel ist Mitarbeiter der WAZ-Rechercheredaktion, die sein Blog unterstützt. Es ist ein dickes Brett, das er da bohren will. Denn bislang scheint es, als wäre der Fußball von einer gut imprägnierten Schutzschicht umgeben, an der alle Dopinggerüchte und -anschuldigungen abperlen wie Regentropfen an der Frisur von Christiano Ronaldo. Daniels Hoffnung ist nun, dass sein Blog zur Anlaufstelle für all jene wird, die sich zu dem Thema äußern wollen: Kollegen, Wissenschaftler, aber natürlich hofft er auch auf Insider aus dem Betrieb, ohne deren Hinweise es letztlich nicht gehen wird. Großes Vorbild ist Jens Weinreich, dessen Blog sich zur wichtigsten sportkritischen Plattform in Deutschland entwickelt hat. Dennoch ist es journalistisches Neuland, auf das sich Daniel wagt: Ein öffentliches Blog als Instrument zur investigativen Recherche klingt erst mal wie ein Widerspruch. Daniel glaubt aber an seine Idee: “Es ist ein Langzeitprojekt. Vielleicht dauert es zwei Jahre, vielleicht vier, bis die ersten Durchbrüche gelingen. Wir wollen einfach zeigen, dass wir da jetzt dran bleiben.” Ihm ist es wichtig, überhaupt erst mal eine Diskussionsplattform für das Thema zu schaffen.

Von Bern über Turin nach Nordkorea

Denn dass es ein Thema ist, steht außer Frage. Das geht schon los beim Wunder von Bern, das höchstwahrscheinlich weniger den Schraubstollen von Adi Dassler als den Spritzen des Mannschaftsarztes zu verdanken war. Das geht weiter mit Sprüchen von Peter Neururer über den Einsatz von Captagon in den 80ern (“Die Spieler waren verrückt danach”). Neururer hat das schnell wieder dementiert, aber “ein Dutzend Leute haben es nach ihm bestätigt. Wie viel will man noch?”, sagt Daniel Drepper, der die Berichte von damals für seine Recherchen wieder rausgekramt hat. In den 90ern landet man dann bei Juventus Turin, die in mannschaftlicher Geschlossenheit Epo nahmen. Der Fall ist gerichtsfest. Einer der jüngsten Fälle war schließlich das Doping bei der Frauennationalmannschaft von Nordkorea zur WM 2011, für das
eine dem Metier angemessen bescheuerte Erklärung geliefert wurde, in der ein Blitzschlag und eine Moschuskur eine Rolle spielten.
Und auch um das derzeit erfolgreichste Nationalteam der Welt gibt es Dopinggerüchte. Angeblich hätten die spanischen Spieler Kontakte zum Dopingarzt Eufemanio Fuentes gehabt. Einmal mehr: Nur vage Andeutungen, für die sich in den Fuentes-Akten nach dem Kenntnisstand von Daniel Drepper keine Beweise finden lassen.

Jeder Spieler hat Anreize zu dopen

Wie verhält es sich nun mit einem Turnier wie der Euro? Auf der einen Seite sagt Daniel Drepper: “Die Kontrollen sind für Fußballverhältnisse sehr fortschrittlich.” Auf der anderen Seite sind gerade bei einem großen Turnier die Dopinganreize hoch. Nicht nur für ganze Mannschaften, sondern auch für jeden einzelnen Spieler. Die im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Turniere sind die ganz große Bühne, auf der man sich zeigen kann. Hier legen die Spieler die Grundlagen für den nächsten lukrativen Vertrag. Ein junger Spieler, der hier auf sich aufmerksam machen kann, spielt danach vielleicht in einer der großen Ligen. Auch Werbe- und Ausrüsterverträge spielen sicher eine Rolle. “Der finanzielle Druck ist im Fußball sehr viel höher als in anderen Sportarten”, sagt Daniel Drepper. Da mit Doping die entscheidenden Prozente rauszuholen, wäre naheliegend. Des weiteren sind die (konditionellen) Anforderungen eines Turniers hoch, gerade nach einer ohnehin langen Saison; ein harter Trainings- und Wettkampfrhythmus, der seinen Tribut fordert. Das geht in der Grauzone der Schmerzmittel los, die Fußballer inzwischen einzunehmen scheinen wie andere Leute Multivitamintabletten. Über diese gerade noch legalen Praktiken hinaus ist natürlich alles denkbar, was die gut sortierte Dopingapotheke so her gibt.
Wer das Turnier in Polen und der Ukraine aufmerksam verfolgt, wird nicht nur die ukrainischen Salate merkwürdig finden. Man kommt letztlich auch nicht drum herum zu fragen, unter welchen Umständen sich etwa ein Bastian Schweinsteiger derzeit von Spiel zu Spiel schleppt. Wie ein 20-Jähriger sieht der jedenfalls zur Zeit nicht aus. Vielleicht sollte er mal “Scheva” um Rat fragen.

Wer mehr Interesse an dem Thema hat, kann sich hier das Interview anhören, dass ich vor der Euro via Skype mit Daniel geführt habe.

Mein EM-Tagebuch (IX) – Ich hab’ immer an die Griechen geglaubt

Mein EM-Tagebuch (VII) – Interview mit Tobias Escher von Spielverlagerung.de

Es ist eine der erstaunlichsten Blog-Karrieren in Deutschland. Erst vor einem Jahr, im Juni 2011, starteten sechs Fußballverrückte das Taktikblog “Spielverlagerung”, angelehnt an das große Vorbild aus England, Zonal Marking von Michael Cox. Nun, ein Jahr später, gehört Spielverlagerung zu den bekanntesten Fußballblogs in Deutschland, ist auch auf Eurosport zu lesen, wird im ZDF einer staunenden Katrin Müller-Hohenstein vorgeführt und ist für den Grimme Online-Award nominiert. Ich hatte ja das Euro-Sonderheft der Blogger schon gewürdigt, nun will ich euch das Blog selbst etwas ausführlicher vorstellen. Da ich über den Grimme Online-Award demnächst hier und an anderer Stelle mehr berichten werde, habe ich mich mit Tobias Escher, einem der Gründer von Spielverlagerung, ausführlich unterhalten. Im Interview erzählt er, wie er zum Taktikblogger wurde, was er von den Fußballkommentatoren im Fernsehen hält und wie viele Fußballspiele er pro Woche guckt. Das Interview entstand kurz nach dem Champions League-Finale und enthält dementsprechend keine aktuellen Fragen zur Euro. Und jetzt viel Spaß beim Lesen.

Sportstudent Tobias Escher (24) ist einer der Köpfe von Spielverlagerung.de Foto: TE

Hallo Tobias, erzähl doch mal, was bei Dir dazu geführt, dass Du dich intensiv für Fußball-Taktik interessiert hast?
Wie bei vielen in Deutschland, die sich dafür interessieren, hat es mit Christoph Biermann angefangen, der einige Bücher zu dem Thema veröffentlicht hat. Dazu kam Jürgen Klopp, der als Experte beim ZDF während der WM 2006 erstmals Fußballtaktisches im Fernsehen analysiert hat. Und dann habe ich beim Fußballgucken immer mehr drauf geachtet. Richtig los ging es dann 2010 mit dem Buch von Jonathan Wilson, “Revolution auf dem Rasen”, und mit Zonal Marking, dem Blog von Michael Cox. Das wollte ich dann unbedingt auf Deutsch anbieten. Zeitgleich haben andere Leute mit ähnlichen Blogs gestartet. Schließlich haben wir überlegt, dass es doch gut wäre, das alles auf einer Seite zu bündeln. So kam es zu Spielverlagerung.de.

Warum boomt die Taktik-Analyse im Internet so?
Ich glaube, es gibt einen kleinen Teil von Fußballfans, die sich für das Thema wirklich interessieren, die sehr viel Fußball gucken, denen die Fußballberichterstattung im Mainstream aber zu seicht ist. Die wollen tiefer in die Materie rein. Und das können sie auf unserer Seite. Fußball wird immer wichtiger, deshalb wird das Thema Taktik auch immer wichtiger.

Sicher spielt auch die immer einfachere Verfügbarkeit von Daten und Statistiken eine Rolle, oder?
Natürlich, das trägt dazu bei. Die Leute hören und sehen immer mehr Daten im Fernsehen und fragen sich dann, wie man die interpretieren kann. Manchmal steht ja zum Beispiel oben in der Ecke nur “Ballbesitz”, aber es wird nichts dazu gesagt. Wir versuchen ja auch immer Zahlen zu benutzen so gut es geht.

Wenn ein Fußballkommentator so eine Zahl wie Ballbesitz benutzt, leitet er daraus oft automatisch ab: Mehr Ballbesitz gleich die bessere, die dominantere Mannschaft. Ärgert dich das oberflächliche Niveau der Berichterstattung oder hörst du dann einfach weg?
Das ärgert mich nicht so sehr. In dem Sinne finde ich Vieles auch nicht schlecht. TV-Kommentatoren machen es halt für ein größeres Publikum. Ich glaube schon, dass viele Kommentatoren das Wissen über Taktik haben, es aber nicht einsetzen. Ich weiß auch von vielen Kommentatoren, dass die unser Blog lesen und das auch alles verstehen. Es ist nicht so, dass wir da irgendwie einen großen Vorsprung haben. Dadurch, dass wir nur ein gewisses Nischenpublikum ansprechen, können wir natürlich sehr viel mehr ins Detail gehen.

Glaubst du also, dass eure Form der Berichterstattung für ein normales Fernsehpublikum oder den Zeitungsleser nicht interessant wäre, dass er dann abschalten würde oder den Artikel nicht lesen würde?
Jein. Einerseits ja, natürlich, wenn man anfängt, wie wir über polyvalente Dreiecksbildung der Mittelfeldspieler zu sprechen. Andererseits würde ich mir gerade in der Zeitung mehr wünschen als den normalen Spielbericht. Nimm zum Beispiel das Champions-League-Finale: Da braucht eigentlich niemand mehr eine Zusammenfassung des Spiels, weil jeder, der sich dafür interessiert, es auch gesehen hat. Da würde ich mir mehr Analyse wünschen. Das muss ja gar nicht so tiefgehend sein. Wenn ich für ein Medium wie die 11-Freunde schreibe, habe ich auch ein rigoroses 3000-Zeichenlimit und bekomme trotzdem eine vernünftige Analyse hin.

Hast du ein Beispiel, wie das Aussehen könnte?
Beim Champions-League-Finale wurde zum Beispiel sehr wenig darüber gesprochen, was genau zu der Niederlage der Bayern geführt hat. Man hätte zum Beispiel mal genau den Eckball, der zum Gegentor geführt hat, analysieren können. Das hat keiner der beiden übertragenden Fernsehsender gemacht. Da waren aber einige taktische Fehler drin, die man dann hätte näher  beleuchten können.

Wenn man über Fußball redet, ist der Stammtisch nicht weit. Da wird dann über “fehlenden Biss” geredet oder, “dass die Einstellung nicht gestimmt hätte”. Reicht dir das manchmal als Erklärung auch aus oder ist es eben genau das nicht?
Ich finde das insofern schwierig, weil das im Gegensatz zu Taktik meist nicht nachprüfbar ist. Bei der Taktikanalyse kannst du eine Szene genau beobachten oder eine Statistik nehmen, die dieses oder jenes aussagt. Das ist auch nicht immer objektiv, aber es ist zumindest intersubjektiv. Wenn ich sage, “Die haben einen schlechten Tag gehabt”, kannst du das nicht wirklich überprüfen. Ich finde solche Aussagen auch interessant, wenn man es wirklich überprüfen kann. Bei den Bayern gab es nach dem Finale zum Beispiel die Aussage, dass niemand Elfmeter schießen wollte. Das ist dann schon ein klares Zeichen, dass es auch psychisch nicht gestimmt hat. Aber grundsätzlich sage ich, dass man sich auf das konzentrieren sollte, was man wirklich sieht.

Gehören Kommentatoren-Sprüche wie, “Die müssen jetzt mehr beißen, Gras fressen, etc.” für dich zum Sport dazu oder sagst du: “Nein! Das hat der Sportjournalismus nicht mehr nötig, wir haben die Möglichkeit, den Sport anders zu analysieren.”?
Solche Sprüche braucht es eigentlich nicht mehr. Aber die sind natürlich sehr mit unserem Bild von Fußball verbunden. Theoretisch könnte man sehr viel mehr analytisch machen und die meisten dieser Plattitüden rausstreichen. Mein Lieblingsspruch ist “Die Laufen zu wenig, da ist zu wenig Bewegung im Spiel”. Das deckt sich, behaupte ich, in zwei Drittel der Fälle nicht mit der Statistik der gelaufenen Kilometer. Und da würde ich mir wünschen, dass man erst mal auf die Statistik guckt, anstatt einfach so einen Satz rauszuhauen.

Ist eure Art der Analyse auch erst durch Trainer wie Tuchel, Klopp, Guardiola möglich geworden, die Fußballtaktik ganz anders als die Generation der Udo Latteks angehen?
Es macht die Arbeit zumindest einfacher. Gerade Klopp und Guardiola sind sehr gute Beispiele, weil die sehr detailreich arbeiten. Da kann man davon ausgehen, dass das, was man auf dem Platz sieht, in 90 Prozent der Fälle kein Zufall ist, weil die sich wirklich mit Geschichten beschäftigen wie: Wie muss der eigene Außenverteidiger in Relation zum Stürmer stehen? Vor 20 Jahren hatte man noch Trainer, die vor dem Spiel gar keine Taktikbesprechung gemacht haben.

Viele Leute stellen sich Fußball immer noch nach dem Beckenbauerschen Motto “Geht’s raus und spielt Fußball” vor. Ist Fußball so einfach?
Nur auf den ersten Blick kommt das so rüber, weil die Regeln von Fußball so einfach sind. Außer der Abseitsregel gibt es eigentlich keine komplizierte Regel im Fußball. Aber rein logisch betrachtet, ist das ganz anders. Bei keiner anderen Mannschaftssportart kann man sich so frei im Raum bewegen wie beim Fußball. American Football ist im Grunde nichts anderes als eine sich endlos wiederholende Standardsituation, beim Handball ist das Feld viel kleiner. Dadurch sind diese Sportarten sehr viel abgesteckter als Fußball, bei dem es unendlich viele Variationsmöglichkeiten auf dem Platz gibt. Deshalb ist es eigentlich ein ultrakomplexer Sport.

Was qualifiziert dann ausgerechnet ein paar Studenten ohne Profi- oder Trainererfahrung dazu, diesen Sport erklären zu können?
Naja, vieles ist ja einfach zu beobachten, zum Beispiel Abstände von Abwehrreihen. Und da muss man sich einfach viel Erfahrung holen, indem man viel Fußball guckt.

Wie viel Spiele guckst du in der Woche?
Zehn. Das ist schon echt happig geworden. In der Hochphase der Bundesliga versucht man ja auch, jedes Bundesligaspiel irgendwie zu gucken. Und dann kommt da noch mit der Champions League einiges zusammen. Aber wenn man so viel Fußball guckt, sieht man tatsächlich irgendwann Vieles intuitiver, als wenn man jede Woche nur ein Spiel schaut.

Wird man davon nicht völlig Banane im Schädel?
Hehe. Nein, es macht ja Spaß. Ich würde es nicht machen, wenn es mir keinen Spaß machen würde. Das ist genau das, was ich sage: Es gibt immer mehr Leute, denen Fußball extrem wichtig ist und die immer mehr Fußball schauen.

Glaubst du, dass das was ihr macht, jeder Sportjournalist in Deutschland genauso machen könnte?
Er sollte es zumindest können. Nicht jeder Sportjournalist, aber jeder Journalist, der sich nur mit Fußball beschäftigt.

Wie geht ihr denn mit dem Erfolg eurer Seite um?
Wir sind erstmal überrascht, dass wir so schnell so bekannt geworden sind. Wir hätten nicht gedacht, dass sich das so schnell entwickeln könnte. Es ist ja immer noch ein Nebenbeiprojekt von ein paar Studenten und macht dafür ganz schön viel Arbeit. Und natürlich entsteht dadurch auch eine gewisse Verantwortung, weil die Leute jetzt schon erwarten, dass bei den großen Spielen von uns auch was kommt.

Tobias, vielen Dank für das Gespräch.

Mein EM-Tagebuch (IV) – Sieben Gründe, die Euro nicht zu gucken (und einer, es doch zu tun)

1. Ukraine
Es ist nicht das Land, auf keinen Fall. Ich würde die Ukraine aus mehreren, auch persönlichen Gründen, einmal sehr gerne bereisen. Ich glaube, dass dort unfassbar nette Menschen leben, die mit Recht Stolz auf ihre Heimat sind. Aber die Ukraine steht auch für ein bestimmtes politisches System. Ein System, das womöglich andere Dinge gebrauchen kann, als ein Fußballturnier und in dem nicht das Volk, sondern Oligarchen herrschen. Und ich habe grundsätzlich ein Problem damit, wenn man diesen Menschen eine Bühne liefert, sich als “lupenreine Demokraten” (frei nach einem Altkanzler) hinzustellen. Noch mehr habe ich ein Problem damit, wenn man diesen Menschen auch noch die Möglichkeit gibt, ihre vollen Taschen noch voller zu machen. Zum Beispiel die von

2. Gregori Surkis und seine Freunde
Der ist ein Oligarch. Ein Machtmensch. Einer, der in Schiedsrichterbestechungen verwickelt war. Der mitten im wichtigsten Entscheidungsgremium der UEFA sitzt. Der die Euro in die Ukraine holte. Einfach nur mal diesen Text lesen und sich seine Gedanken machen. Man könnte jetzt noch eine ganze Clique dubioser ukrainischer Fußballgestalten aufzählen. Man kann aber auch einfach weitermachen mit

3. Michel Platini

Ja, er war mal ein toller Fußballer. Irgendwann mal. Vor meiner Zeit als aktiv beobachtender Fußballfan. Deshalb ist es mir eigentlich auch egal, wie viele Tore er mal bei irgendeiner Euro geschossen hat, als die Fernseher noch Schwarz-Weiß waren und Papa vom Krieg erzählt hat. Vielleicht war er damals ein netter Kerl. Heute ist Platini einer der Top-Funktionäre des Fußballs und allein deshalb schon mal suspekt. Heute kritisiert er Philipp Lahm dafür, dass der sich kritisch über die Lage der Ukraine äußert. Heute will er mal Nachfolger von Joseph Blatter werden und dafür predigt er das große, verlogene Motto des Weltsports:

4. “Sport und Politik
haben nichts miteinander zu tun.” Und vielleicht muss man jemandem wie Platini dankbar sein, wenn er extrem dünnhäutig auf kritische Fragen zur UEFA reagiert. Das ist dann so, wie wenn man im Theater sitzt und während der Aufführung für einen kurzen Augenblick sehen kann, was hinter den Kulissen passiert. So ist es auch im Falle des Sports, dessen Funktionäre immer wieder predigen, dass Sport Sport und nichts außer Sport zu sein habe und sich jede Einmischung verbietet. Trotzdem wird von diesen Leuten mit einer unfassbaren Selbstgerechtigkeit gefordert, dass für Großereignisse egal welcher Art, Gesetze und Vorschriften eines Landes, kurz geltendes Recht, geändert, außer Kraft oder schlicht ignoriert werden. Steuervorteile werden nicht erbeten, sondern selbstverständlich verlangt als Bewerbungsvoraussetzung. Wenn dann aber umgekehrt gefordert wird, dass auch der Sport sich eindeutig positioniert und seine hehren Worte von Werten und Idealen einfach mal ernst nimmt, dann fahren sofort alle Abwehrsysteme hoch. Diese widerwärtige Doppelmoral kann einen eigentlich nur noch ankotzen, oder?

5. Korruption (zum Ersten)
Überrascht es da einen wirklich, dass es schon seit Jahren Korruptionsvorwürfe um die Vergabe der Euro nach Polen und in die Ukraine gibt? Und dass die UEFA sich viel Mühe gibt, diese nicht aufzuklären?

6. Korruption (zum Zweiten)
Aber vielleicht ist die Vergabe eines Fußballturniers in die Ukraine dann auch nur folgerichtig? Schließlich gehört es dort zum Alltag, dass Schmiergelder für Bauaufträge von überteuerten Fußballstadien gezahlt werden. Mit denen dann hinterher wieder keiner was anfangen kann. Aber, hey, was rege ich mich hier eigentlich so künstlich auf?

7. Es geht doch nur um Fußball

Ja, so seht Ihr das. Fußball ist toll und wichtig is’ auf’m Platz. Und Ihr habt ja recht. Ich gucke gerne Fußball und ich gucke viel Fußball. Und deshalb regt es mich umso mehr auf, wenn dieses simple, geniale, schöne Spiel benutzt wird. Für schäbige Inszenierungen. Als Schauplatz krimineller Machenschaften. Als Werbeplattform für Fast-Food-Ketten, Softdrinks, Alkohol und Glücksspiel. Ich will Spaß am Fußball haben. Kann ich aber nicht. Ihr steht draußen auf den Fanmeilen vor Leinwänden, sitzt in gesponsorten Party-EM-Lounges irgendwelcher Getränkehersteller, zieht schwarz-rot-goldene Trikotkopien von Chips- oder Deofabrikanten über, kippt Dosenbier und Jäger-M in Euch hinein, beschmiert Eure Gesichter mit fettigen, dreifarbigen Schmiergriffeln, grölt “Schland, oh, Schland” und findet Euch dabei witzig, dumpflabert was von “Ronaldo durch die Wand hauen” und “Holländer platt machen” als wäre es das Wichtigste auf der Welt und spielt so das schmutzige Spiel mit, das Fußball geworden ist und vielleicht schon immer war. Euch ist das alles egal und ihr wollt es auch gar nicht wissen. Hauptsache, “wir holen den Pott nach Hause”, ne?

Aber ich bin ja nicht besser als Ihr. Natürlich wird zu Hause jetzt schwarz-rot-gold dekoriert. Natürlich will ich so viele Spiele wie möglich sehen, am besten alle. Sogar Griechenland gegen Polen. Natürlich werde ich über den Couchtisch springen, wenn Poldi trifft und in selbigen reinbeißen, wenn Schweini den entscheidenden Elfer gegen Spanien verschießt. Ich kann nicht anders. Weil

1. Fußball einfach Fußball ist.

Mein EM-Tagebuch (III) – Das Ende der Todesgruppen oder: Bald ist Euro für alle

Ein Grund, diese Euro in Polen und der Ukraine zu genießen, ist, dass es die letzte Europameisterschaft ist, die noch echte sportliche Spannung verspricht. Ab 2016, wenn passenderweise Frankreich Gastgeber dieses Turniers ist, wird nämlich die wichtigste Reform von UEFA-Präsident Michel Platini umgesetzt: Die Aufstockung Aufblähung des Turniers von 16 auf 24 Teilnehmer.
Mit diesem Versprechen erkaufte sich Platini seinerzeit die entscheidenden Stimmen für die Wahl zum UEFA-Boss bei den kleineren Mitgliedsverbänden, die nun hoffen können, häufiger bei der Euro mitmischen zu dürfen. Bei derzeit 53 UEFA-Mitgliedern heißt das immerhin, das fast jedes zweite Mitglied bei dem Turnier mitspielen wird.

Ein Gedankenexperiment
Ich habe mir mal die Mühe gemacht und durchgespielt, was gewesen wäre, wenn die Euro schon seit 1996, als auf 16 Teilnehmer aufgestockt wurde, mit 24 Nationen gespielt worden wäre. Dazu habe ich die fehlenden Teilnehmer zunächst um die Verlierer der Relegationsspiele ergänzt. In der Regel bedeutete das einfach, dass alle Erst- und Zweitplatzierten automatisch qualifziert sind. Die fehlenden Plätze habe ich mit den besten Gruppendritten aufgefüllt, wobei ich mich an die UEFA-Praxis gehalten habe und die Spiele gegen die schwächsten Teams gestrichen habe, um die Gruppen vergleichbar zu machen. Dazu muss man natürlich einschränken, dass das hier nur ein Gedankenexperiment ist ohne Anspruch auf Wahrheit. Ein Turnier mit 24 Ländern wird wahrscheinlich auch in einem ganz anderen Quali-Modus gespielt, so dass es durchaus zu Abweichungen kommen kann. Außerdem konnte ich nicht mögliche Entscheidungsspiele für freie Plätze berücksichtigen. Diese Grafik hier zeigt, wie sich das Teilnehmerfeld verändern wird.

Die Häufigkeit der Häufigkeit von EM-Teilnahmen: Der harte Kern wird größer, um die restlichen Plätze wird sich gebalgt. Ganz rechts die Zahl der Länder, die nur bei einem 24er-Modus qualifiziert hätten.

Eine Sache fällt sofort auf: Der harte Kern europäischer Spitzenmannschaften wird stark vergrößert und wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Plätze der Euro für sich buchen. 15 Teams wären bei einem 24er-Modus bei jeder Euro dabei gewesen. Von 1996 bis 2012 gab es sieben Mannschaften (Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Portugal, Spanien, Tschechien), die bei jeder Euro dabei waren. Damit blieben neun Plätze über für andere Teams. In meiner Berechnung wären es sogar weniger freie Plätze gewesen: Dann hätte es 15 Teams gegeben, die bei allen Euros mitgespielt hätten, was acht Plätze für andere Teams übrig gelassen hätte. Auch wenn es nur ein Gedankenspiel ist, kann man schon mal sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Abwechslung größer wird. Eine bestimmte Gruppe europäischer Spitzennationen, dazu gehören neben den genannten sieben noch England, die skandinavischen Teams (außer Finnland), Kroatien und Russland, wird einen Großteil der Plätze blocken. Die Wahrscheinlichkeit für eine kleine Fußballnation, einen Platz bei der Euro zu kriegen, wäre bei einem 24er-Modus seit 1996 also nicht größer gewesen. Stattdessen erhöht dieser Modus nur den Kreis derer, die im Grunde jedes Turnier fest buchen können. Diese Grafik zeigt das noch mal. Wer sie in ordentlicher Größe angucken will, kann das auch hier tun, wo sich auch noch mal meine Vorgehensweise zusammengefasst findet.

Alle EM-Teilnehmer von 1996 bis heute und die Häufigkeit ihrer Teilnahme je nach Modus. Man beachte zum Beispiel Norwegen, die nur einmal dabei waren, es bei einem 24er-Modus aber zu jeder EM geschaft hätten.

EM wird Closed-Shop
Die Folgen dieser Aufstockung werden also andere sein. Es wird immer wenige Überraschungssieger geben. Dänemark 1992, Griechenland 2004: Solche Underdog-Siege werden immer unwahrscheinlicher. Warum? Ganz einfach: Das Niveau des Turniers wird sinken. Mehr Teams bedeutet automatisch mehr schwächere Teams im Vergleich zu den großen Nationen. Die EMs sind berühmt für ihre “Todesgruppen“: Schon früh im Turnier treffen die Favoriten in der Gruppenphase aufeinander und elimieren sich unter Umständen gegenseitig. Bei einer günstigen Auslosung und kann eine vermeintlich schwächere Mannschaft davon profitieren und sich zum Beispiel, wie die Türkei 2008 in einer Gruppe mit Tschechien und Portugal, in den Vordergrund spielen. Doch bei mehr Teilnehmern werden die Gruppen automatisch leichter, dafür sorgt allein schon die Setzliste der UEFA. Dass sich Niederlande, Spanien, Deutschland oder Frankreich schon in der Gruppenphase begegnen, wird also seltener, stattdessen heißen deren Gegner dann öfter Slowenien, Polen, Serbien oder Norwegen. Die Floskel, dass das Turnier “erst mit dem Achtelfinale richtig beginnt”, wird in Zukunft nicht nur alle vier Jahre bei der WM, sondern auch bei den Euros zu hören sein.

Wozu das in letzter Konsequenz führt, konnte man in den letzten Jahren bei einem anderen großen Turnier der UEFA beobachten. Die Champions League wird immer mehr zu einem Closed-Shop der großen europäischen Mannschaften, insbesondere aus Spanien und England. Selbst Teams vom Format Juventus Turin oder Olympique Lyon haben große Mühe gegen die Chelseas, Barcas oder ManUniteds zu bestehen, von Mannschaften wie Celtic Glasgow, Benfica Lissabon oder Ajax Amsterdam gar nicht zu reden. Außenseitererfolge sind in der Champions-League so gut wie ausgeschlossen und so wird es auch bei der Euro kommen. Wir halten noch mal fest: Die Gruppenphase wird langweiliger, in der Endrunde sehen wir immer wieder die gleichen Teams, den Sieger werden die immer gleichen vier bis fünf Mannschaften unter sich ausmachen. Warum also macht die UEFA das?

Überraschung: Es geht ums Geld
Natürlich nicht, um Montenegro und Kasachstan entgegenzukommen. Tatsächich geht es vor allem um die Vermarktung: Die großen Topstars, an denen die dicksten Werbeverträge hängen, sollen natürlich nach dem Wunsch von Adidas, Nike, Coca-Cola und Co. immer und möglichst lange auf der Bühne der großen Turniere präsent sein. Derzeit haben Nationen wie England, Portugal oder auch Holland immer ein gewissens Restrisiko, die Quali zur mit 16 Teams schmal besetzten Euro zu verpassen. Das wurde zwar durch die Einführung einer absurden Setzliste in den Relegationsspielen schon minimiert, aber sicher ist sicher. Denn wenn Spieler vom Format eines Ronaldo, Sneijder oder Rooney nicht dabei sind, gehen wichtige Werbe- und Merchandisingmärkte verloren, ganz zu schweigen von nationalen und interationalen Fernsehgeldern.

Damit sind wir beim nächste Thema: Der Haupteffekt dieses Wahnwitzes ist natürlich, dass es mehr Spiele geben wird. Und das ist Teil zwei der Vermarktung: 51 statt 31 Spiele müssen sich Fußballfans in Zukunft geben – und sie werden es tun. Das sind 20 Spiele mehr, die man an Fernsehsender verkaufen kann, mit denen man den Fans das Geld für überteuerte Tickets aus der Tasche ziehen kann, die man mit Bier-, Softdrink- und Fast-Food-Herstellern vermarkten kann. Platini hat das Ganze verkauft als Reaktion auf die neue, vielgestaltige Mitgliederstruktur der UEFA, als Entgegenkommen für die Ostblock- und Balkanstaaten. Einen Gefallen hat er ihnen damit nicht getan: Sie werden in Zukunft erst Recht Zaungäste sein, während die vier, fünf großen Fußballnationen alle vier Jahre ihren Meister unter sich ausmachen und gleichzeitig die Kassen der UEFA füllen. Und die Grenzen sind natürlich noch nicht erreicht: Mit einer Aufstockung auf 32 oder gar 48 Teams könnte Platini endlich die frohe Botschaft “Euro für alle” verkünden. Luxemburg gegen Albanien in der Vorrunde, wer wäre da nicht heiß drauf?

Mein EM-Tagebuch (II) – Euro-Sonderhefte im Vergleich

Drei Sonderhefte zur Euro 2012 habe ich mir mal gegönnt: Das vom Kicker, die obligatorische EM-Ausgabe von den 11 Freunden und den großen Rundumschlag der Taktikgurus von Spielverlagerung.de. Hier sind kurz sortiert meine Meinungen dazu:

Das Kicker-Sonderheft
Der wahre Titel des Hefts: “Der Fischer-Fußball-Almanach, Sonderausgabe zur UEFA-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine”
Ein typischer Satz lautet “Das Potenzial zum Europameister haben Neuer, Hummels, Özil, Klose und Kollegen allemal.”
So hilft das Heft beim Angeben “Ah, Thomas Müller, bei Bayern war die Saison durchwachsen, aber in der EM-Quali hatte er einen Notenschnitt von 2,70, erzielte 3 Tore in 10 Spielen. Von allen deutschen Spielern hatte er die meiste Einsatzzeit. Ich glaube nicht, dass Jogi auf ihn verzichten wird.”
Das schlägt man noch während des Turniers nach Das Reglement, was passiert, wenn zwei Teams nach der Vorrunde punktgleich sind.
Das Kickerheft sollte man kaufen, wenn man seine Sammlung von allen Stecktabellen seit 1984 auch lückenlos halten will.
Die perfekte Einschlafhilfe ist das Interview mit Miro Klose, in dem Fragen auf dem Niveau eines “Meine-besten-Freunde”-Buchs gestellt werden: “Wer war ihr härtester Gegenspieler?”, “Gibt es für sie ein Länderspiel, das für sie das unvergesslichste (sic!) ist?” “Welche Finalniederlage war schlimmer: 2002 oder 2008?” usw., usw.
Fazit Der Kicker wartet mit der erwartbaren, gepflegten Langeweile auf. Natürlich sind die detailreichen Vorstellungen der einzelnen Teams immer gut, wenn man während eines Spiels mal schnell nachschlagen will, wie schwer eigentlich Wayne Rooney ist oder wie viel Tore Zlatan Ibrahimovic schon geschossen hat – und man grad kein Tablet zur Hand hat. Journalistisch dominiert der gut abgehangene Allgemeinplatz. Dänemark sind “die Außenseiter in der Todesgruppe”, die politische Situation in der Ukraine “darf nicht vergessen werden” (was die Redaktion des Heftes dann aber geflissentlich tut), usw.. Das Kicker-Sonderheft gibt es für 5 Euro an jedem Kiosk.

Das 11-Freunde-Sonderheft
Der wahre Titel des Hefts: 1000 Dinge über die Europameisterschaft, die niemand wissen muss
Ein typischer Satz lautet  “Als Kapitän durfte Bernhard Dietz seine Pasta mit einem goldenen Besteck essen.”
So hilft das Heft beim Angeben “Das Jogi Löw mal ein guter Trainer werden würde, hat man schon gesehen, als er seine aktive Karriere beim FC Schaffhausen in der zweiten Schweizer Liga ausklingen ließ. Übrigens hatte er damals nebenher einen Krawattenversand. Verrückt, oder”?
Das schlägt man noch während des Turniers nach Die zehn peinlichsten Pleiten in EM-Testspielen
Das 11-Freundeheft sollte man kaufen, wenn zwischen Neon und Zeit-Magazin noch ein Platz auf dem Wohnzimmertisch frei ist
Die perfekte Einschlafhilfe Die Lobpreisung Mesut Özils von Literaturprof. Hans Ulrich Gumbrecht: “Sein Minimalismus ist eine Variante jenes Grundprinzips, auf das immer schon (bewusst oder unbewusst) anspielte, wer seit der europäischen Renaissance das Wort “Eleganz” gebraucht hat.” Heißt das, der Özil “is’ praktisch ‘a Weltstar”?
Fazit Tja, auch das 11-Freunde-Prinzip hat sich am Mainstream etwas rundgeschliffen. Natürlich badet man immer noch gerne und ausgiebig in Fußball-Nostalgie, lässt Protagonisten von einst zu Wort kommen und sammelt allerlei Kurioses zum Schmunzeln aus der verrückten Fuballwelt, die am liebsten augenzwinkernd betrachtet wird. Doch die ganz großen Aha-Geschichten, die wirklich originellen Zugänge, die mutigen Ideen findet auch die 11-Freunde nicht mehr ganz so zuverlässig. Denkt man, und ließt dann die genialen Bild-Unterschriften zu den Fotos polnischer Hooligans. 11-Freunde bleibt trotz der ansetzenden Patina unverzichtbar für alle, die von “Schland”-Gesängen Schüttelfrost und Brechreiz kriegen.

Die Spielverlagerungs-Sonderausgabe
Der wahre Titel des Hefts Die Taktik europäischer Fußballnationalmannschaften – Analyse und Vergleich anhand von 16 Beispielen
Ein typischer Satz lautet “Das effektiv gespielte System variierte schließlich von einem 4-2-3-1 bis zu einem 4-1-4-1, da sich Khedira durchaus vertikal präsentierte.”
So hilft das Heft beim Angeben “Da sieht man wieder die Spielmacherprolematik bei Spanien. Im vorderen Angriffsdrittel kommen die Qualitäten von Xabi Alonso halt nicht so zur Geltung. Da fehlt einer wie Messi, der die Rolle der falschen Neun überzeugend ausfüllen kann.”
Das schlägt man noch während des Turniers nach Jede Taktikanalyse eines deutschen Gegners.
Das Spielverlagerungs-Heft sollte man kaufen, wenn man eher mit seinen Followern bei Twitter als beim Public Viewing die Spiele guckt.
Die perfekte Einschlafhilfe Die Qual der Wahl für del Bosque: Spaniens taktische Möglichkeiten in den Varianten A-H, verteilt auf elf Seiten.
Fazit Vom Ansatz her ist das EM-Sonderheft – oder besser Sonder-E-Book – auf jeden Fall die interessanteste Neu-Erscheinung auf dem Markt. Die Taktikblogger von Spielverlagerung.de haben dafür alle Teams genau unter die Lupe genommen, um nicht zu sagen, seziert. Das ist natürlich ein Festmahl für alle Fußballnerds, für den gemeinen Fan aber wohl unverdauliche Kost. Aufgelockert werden die Diskussionen um polyvalente Außenverteidiger und fluide Offensivsysteme von eingestreuten Trainerporträts, lesenswert etwa der Werdegang von Hansi Flick, Rückblicken und einem Interview mit dem Godfather of Tactics, Michael Cox von Zonal Marking. Da das Ganze in Eigenregie und als Freizeitprojekt entstand, muss man auch das an eine Doktorarbeit gemahnende Layout in Kauf nehmen. Dennoch: Wer die EM-Spiele nicht nur schauen, sondern auch durchschauen möchte, wer sich mit “Druck-und-immer-weiter-machen”-Pseudo-Analysen von Oliver Kahn nicht zufrieden geben will, sollte die knapp sechs Euro ruhig mal investieren. Immerhin unterstützt man damit auch eines der besten Fußballblogs des Landes und das ist ja auch was wert. Das E-Book gibt es bei Amazon für den Kindle und in einer PDF-Version bei Xinxii

Mein EM-Tagebuch (I) – Erinnerungen an Wien

Noch zehn Tage bis zur nächsten Fußballsause in Polen und Ukraine. Ab heute gibt es hier im Blog regelmäßige (täglich mag ich nicht versprechen), fein mit Salz und Pfeffer abgeschmeckte Fußballinhalte. Für mich ist das natürlich auch ein back to the roots, schließlich war ich ja auch mal Fußballblogger; damals, als ich noch im Hexenkessel kochte. Zur Einstimmung auf die nächsten vier Wochen deshalb auch einen Link auf meinen kleinen Reisebericht aus Wien, wo ich vor vier Jahren das Spiel Österreich gegen Deutschland mitverfolgte. Schön war’s. Ob es diesmal einen Roadtrip nach Lwiw, Charkow oder Danzig gibt? Ich  bin skeptisch. Aber hier wird es sicher auch aufregend. Ach ja: Europameister wird natürlich Deutschland.

Wie ein blauer Hulk – Meine Gedanken zum CL-Finale

Zur Zeit läuft der Kinofilm “The Avengers” im Kino, einer der zentralen Charaktere ist Bruce Banner alias “Der Hulk”. Der grüne Gigant hat bereits von Natur aus gewaltige Körperkräfte. Doch je mehr er in Rage versetzt wird, desto stärker wird er. Das macht die Comic-Kreatur nahezu unbesiegbar. Am Abend des 19. Mai erlebten Millionen Menschen auf der ganzen Welt, wie eine Fußballmannschaft zum Hulk wurde, angeführt von einem Mann, dessen Physis in der Tat Vergleiche zu dem Kraftmonster zulässt. Didier Drogba und der FC Chelsea besiegten den FC Bayern München im Endspiel der Champions League im Elfmeterschießen, und der Respekt gebietet es, zunächst mal klar zu stellen, warum Chelsea diesen Titel verdient hat.

Tatsächlich erweckte die englische Mannschaft den Eindruck, nahezu unzerstörbar zu sein; ja, es schien, als ob sie mit jedem Wirkungstreffer, den Bayern ihnen versetzte, stärker zu werden schien. Schon im Halbfinale gegen Barcelona hatten die Blues bemerkenswerte Comeback-Qualitäten gezeigt. Ein 0:2-Rückstand, der ihr Aus bedeutet hätte, schockte sie überhaupt nicht. Stattdessen entfesselten sie wie aus dem Nichts einen Gegenschlag, setzten einen Konter zum 1:2 und brachten sich damit wieder auf die Siegerstraße. Auch Bayern erzielte ein vermeintlich entscheidendes Tor, das wahrscheinlich jeder anderen Mannschaft den K.O. versetzt hätte. Doch kaum lag Chelsea im Rückstand, wurden sie wütend und entfachten ihr ganzes Angriffspotenzial, das sich in einem Mann zusammenballt: Drogba ließ seine ganze Wucht los und hämmerte einen Kopfball nach Chelseas erster Ecke mit einer Gewalt ins Tor, die manche Spieler nicht in ihrem Schuss haben.

Später parierte Peter Czech noch einen Elfmeter von Robben: Unzerstörbar. Im Elfmeterschießen vergab Chelsea den ersten Elfer. Doch während die Bayernspieler mit jedem Schuss wackeliger wurden, erhöhte Chelsea mit jedem Versuch seine Präzision. Nie, so schien es, hat eine englische Mannschaft besser Elfmeter geschossen. Jeder Treffer ein Hieb wie vom mächtigen Hulk ausgeführt, unter dessen Kraft Bayern schließlich zusammensackte. Aus.

Doch halt: Der Mythos des unzerstörbaren Abwehrbollwerks sollte gar nicht erst geschrieben werden. Wer genauer hinsieht, muss erkennen, dass Bayern sich die Niederlage selbst zuzuschreiben hat. Bayern hatte es in der Hand und hat sich durch unnötiges Versagen in entscheidenden Sitauationen selbst um den eigentlich verdienten Ruhm gebracht. Nun stehen sie genauso da, wie einst Leverkusen 2002. Dabei war es wohl nie einfacher, die Champions League zu gewinnen. Bayern spielte zu Hause gegen einen in jeder Hinsicht unterlegenen Gegner, der mit einem Haufen Fußballer, für die “über den Zenit” noch eine freundliche Umschreibung ist, und der Taktik eines Abstiegskandidaten in der Allianz-Arena auflief. Großchancen für Gomez, Müller und Olic hätten das Spiel früher entscheiden können. Doch nur Müller traf; und dann versäumten es die Bayern, alles richtig zu machen.

Die Ecke war sträflich schlecht verteidigt und dürfte nicht nur Joachim Löw mit Blick auf Boatengs Zukunft Sorgen bereiten. Mein Tipp: In zwei Jahren spielt er in der Versenkung beim HSV, der Serie A oder für Schweinekohle in Moskua. Überhaupt muss man sich fragen, wie man Drogba zum Kopfball lassen konnte. Bei aller individuellen Klasse des Superstürmers: Wer sonst außer Drogba sollte Anspielstation für die Ecke sein? Man hätte ihn mit fünf Mann decken können und trotzdem wäre der Ball in seine Richtung gesegelt, weil er die einzige scharfe Waffe im Arsenal der Blauen ist. Warum sich nicht van Buyten mit seinem Kleiderschrankkörper vor ihm postierte, um dessen Laufweg zu blocken, warum Boateng ihn weglaufen ließ, obwohl es doch die einzig mögliche Bewegung Drogbas war, ist einfach unbegreiflich. Dieses Tor muss man einfach verhindern. Aus.

Kommen wir zum zweiten Problem der Bayern: Das Ego von Arjen Robben. Schon gegen Dortmund hat er mit einem schlampig geschossenen Elfmeter Bayern (endgültig) einen Titel gekostet, nun hat er den zweiten in einer Saison fahrlässig verschossen. Der Holländer, der eigentlich Titel für die Bayern holen sollte, wird langsam aber sicher zum Problem für München. Vier wichtige Elfer hat für den FCB zuletzt geschossen, zwei wurden gehalten (BVB, Chelsea), einer ging gerade so rein (Madrid), nur einer saß sicher (Pokal). Ich glaube, in dem Moment, als er den Ball nahm, glaubte außer ihm keiner, weder im Stadion noch vor dem Fernseher, dass das ein sicheres Ding wird. Als er anlief, glaubte er es dann selbst auch nicht mehr, so holperte die Kugel müde in die Arme von Czech, der den Ball sogar festhalten konnte. Leider hatte keiner im Team der Bayern die Eier, Robben von seinem egomanen Vorhaben, der Mann des Spiels zu werden, abzuhalten.

Dabei ist es an der Zeit, dass die Mannschaft erkennt, dass der überschätzte Holländer dem Spiel des Teams nicht gut tut. Im Finale schoss er häufiger in Richtung Tor als die gesamte Mannschaft Chelseas, doch kein einziger Versuch war ernsthaft gefährlich. Chelsea benötigte eine Ecke, um zum Torerfolg zu kommen, die gefühlt 127 Ecken Robbens waren ungefähr so gefährlich wie in den 16er geworfene Wattebäuschchen. 2010 brachte Robben Bayern noch fast im Alleingang ins Finale. 2012 ist er ein Klotz im Münchener Spiel. Zu leicht auszurechnen – hat er eigentlich je einen Elfer in die linke Ecke geschossen? -, ohne die Spielintelligenz eines Ribery (20 Assists in der Liga, Robben 6) und längst nicht mehr so torgefährlich wie noch vor zwei Jahren, ist es derzeit fraglich, wie er den Bayern noch weiterhelfen soll. Aus.

Bayern hat das Finale letztlich verdient verloren: Chelseas so simple, wie hässliche Taktik, hinten auf beinharte Abwehrarbeit und Czech und vorne auf Drogba zu vertrauen, ging letztlich auf. Noch gegen Leverkusen in der Vorrunde sah es nicht so aus, als würde aus diesem Chelsea noch was werden. Doch der Trainerwechsel von Villas-Boas zu di Matteo war wohl genau die fehlende Dosis Gamma-Strahlung, die nötig wahr, um den Hulk in Bruce Banner zu entfesseln. Gegen Bayern hatte die in diesem Fall blaue Bestie ihre wahre Kraft erreicht. Aus.