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Auf der Suche nach dem Touch – Tim Burtons “Dark Shadows”: Review und Hintergründe

Wie bei fast allen Filmfans meiner Generation sind die Filme von Tim Burton für mich immer noch Highlights im Kinojahr. Kaum ein Regisseur der letzten zwei Jahrzehnte hat es so verstanden wie Burton, die magischen Möglichkeiten des Kinos so perfekt auszuschöpfen. Auch beim fünften, zehnten oder hundertsten Ansehen, hat man das Gefühl, kann man in seinen filmgewordenen Kinderträumen stets neue, fantastische Details entdecken. Doch zuletzt, insbesondere beim langweiligen 3-D-Vehikel “Alice im Wunderland”, hatte sich der Burton-Charme etwas abgenutzt. Mit “Dark Shadows” läuft nun gerade Burtons neustes Werk in den Kinos. Doch obwohl es in vieler Hinsicht “burtonesker” als viele seiner jüngeren Arbeiten ist – so ganz will sich der Zauber vergangener Tage nicht mehr einstellen.

Die erste Vampirseifenoper
Die Geschichte um den Vampir Barnabas Collins, der nach 200 Jahren wiedererweckt wird und nun seinen alten Platz als Oberhaupt einer alten Fischereifamilie wieder einnehmen will, basiert auf einer der ungewöhnlichsten Fernsehserien seiner Zeit: Von 1966 bis 1971 lief in den USA die Gothic-Seifenoper “Dark Shadows”. Bei mehr als 1200 Folgen ist es müßig, eine Inhaltsangabe zu machen. Im Detail nachlesen kann man die Plotentwicklung zum Beispiel in diesem Blog.  Die Optik der Serie erinnert sehr an die deutschen Edgar Wallace-Filme, die ungefähr zeitgleich in Deutschland für wohligen, aber harmlosen Grusel sorgten. Gedreht wurde Live-on-tape und “one take”. Versprecher oder Hänger der Schauspieler wurden nicht rausgeschnitten, was die campige Anmutung der Serie sicher noch verstärkte.

Nach einigen Start-Schwierigkeiten war es die Einführung übernatürlicher Elemente, die der Serie zum Durchbruch verhalf. So kam der im Burton-Film von Johnny Depp verkörperte Hauptcharakter Barnabas Collins erst nach neun Monaten Laufzeit das erste Mal in der Serie vor. Doch diese Horror-Elemente wurden zum Alleinstellungsmerkmal der Serie, die ansonsten alle Klischees einer typischen Seifenoper erfüllt. Mit der auf den ersten Blick völlig skurril anmutenden Verquickung von Seifenoper mit Vampir- und Geisterhorror eroberte sich die Serie aber in den USA eine große Fangemeinde und wurde zum Wegbereiter von modernem TV-Vampir-Kitsch wie “Buffy, the Vampire Slayer” oder “Vampire Diaries”. Noch heute gibt es sogar Dark-Shadow-Conventions. Als einer der großen Fans dieser Serie entpuppte sich Johnny Depp, der Barnabas Collins zu einem Helden seiner Jugend erkor, und sogar so aussehen wollte wie der bleiche Vampir. Wer sich einen Eindruck vom Look der Serie verschaffen will, wird in der Videowühlkiste nebenan fündig:

Starke Frauen für Johnny Depp
Burton, einem Regisseur der sich in seinen Filmen noch nie viel um Erzähllogik geschert hat, kommt die Prämisse der Seifenoper durchaus entgegen: Wo Drama vor Plot geht, kann man alle Gäule, die einem das Drehbuch vorsetzt, hemmungslos durchgehen lassen. Dementsprechend konfus gestaltet sich seine Filmversion. Hauptcharakter Barnabas Collins verhält sich praktisch in jeder Sequenz anders als in der vorangegangen, ist mal eine von 200 Jahren Gefangenschaft und verfluchter Vampirexistenz gebrochene Kreatur, dann wieder standhaftes und sorgendes Familienoberhaupt, gleichzeitig aber auch kaltblütiger Schlächter Unschuldiger, die seinem Blutdurst zum Opfer fallen. In einer Szene verhält er sich wie ein schüchterner Teenager, der das erste Mal verliebt ist, in der nächsten fällt er wolllüstig über eine Frau her. Für den Zuschauer kann das den Vorteil haben, dass die Handlung völlig unvorhersehbar ist. Es kann aber auch bedeuten, dass man sich verzweifelt fragt, was hier eigentlich gerade auf der Leinwand passiert.

Umgeben ist Collins von einer Reihe starker Frauencharaktere, allen voran Michelle Pfeiffer als neues Familienoberhaupt, die nach “Batman Returns” ins Burton-Universum zurückkehrt. Dann ist da natürlich Eva Green, die lustvoll die böse Hexe spielt, deren unerwiderte Liebe zu Barnabas Collins der Ursprung der fatalen, Jahrhunderte umspannenden Irrungen und Wirrungen ist. Natürlich ist auch Helena Bonham-Carter dabei, die als promillehaltige Haus- und Hofpsychologin der Familie Collins zur zynischen Inkarnation aller “Twilight-Moms” wird. Doch wie treue Burton-Fans wissen, ist keine dieser selbstbewussten Frauen der Typ, auf den Burtons Protagonisten abfahren würden. Die blass-blonde, von Geisterscheinungen geplagte Victoria Winters (Bella Hethcote) entspricht da schon eher dem burtonschen Beuteschema und reiht sich ein dessen Riege zerbrechlicher Heldinnen von Kim aus “Edward” über Victoria Everglot aus “Corpse Bride” bis hin zu “Sweeney Todds” Johanna und zuletzt Alice.

Von allem etwas, aber nichts so richtig
Wenn man mit Dark Shadows also mal wieder “Burton pur” bekommt, wie kommt es dann, dass der Film trotzdem nicht begeistern will? Vielleicht weil er zu unentschlossen ist: In dem einen Moment wallt der Nebel aus Sleepy Hollow durch Collinwood, im nächsten scheint der rachedurstige Sweeney Todd von Barnabas Collins Besitz ergriffen zu haben, dann wieder driftet die Handlung in eine von Beetlejuice durchtränkte Farce ab. Burton vermengt in Dark Shadows wüst die Genres, an denen er sich in den letzten mehr als zwei Jahrzehnten filmisch abgearbeitet hat, doch irgendwie wird kein harmonisches Ganzes aus. Als Zuschauer weiß man nicht, ob man sich nun von der Tragik, dem Grusel oder der Albernheit der Geschichte mitreißen lassen soll und bleibt schließlich unentschlossen am Rand zurück. Es ist, als würde man gleichzeitig eine Folge von “Die wilden 70er”, “Denver Clan”, “Addams Family” und “Twilight Zone” gucken. So bleibt Dark Shadows am Ende nicht als Burtons schlechtester (den Titel behält bis auf weiteres “Planet der Affen”), aber vielleicht unentschlossenster Film zurück. Fast scheint es, als wäre der Kinomagier selbst auf der Suche nach dem berühmten “Touch”, den seine Filme einst hatten. Möglicherweise findet er ihn in den Anfängen seiner Karriere: Sein nächstes Projekt “Frankenweenie” wird die Spielfilmversion einer seiner Kurzfilme aus frühen Disneytagen sein.

Allen Burton-Fans zu empfehlen ist Christian Hegers Buch “Mondbeglänzte Zaubernächte”, das keine Fragen zu dem großen Filmkünstler offen lässt und auch für diesen Blogeintrag die ein oder andere Inspiration und Quelle lieferte. Ich bin mit dem Autor befreundet und war minimal an der Entstehung des Buches beteiligt.

Dok-Filmer kämpfen für bessere Bezahlung

Im Stile des ORF-Protestvideos wehren sich Macher von Dokumentarfilmen gegen schlechte Bezahlung und miese Produktionsbedingungen. “Wir machen das echte Fernsehen!”, sagen die Mitglieder des Bundesverbands Regie, allerdings “zu absurden Pauschalgagen”. Damit ist gemeint, dass ein Film einmal bezahlt wird, ungeplant zusätzlich anfallende Arbeit durch Verzögerung beim Dreh oder Änderungswünsche der Produzenten aber nicht mehr extra entlohnt wird.

Wie das aussieht, erläutern die Regisseure in einem zweiten Beispielvideo, das das Ganze sehr schön veranschaulicht.

15 Oscar-Nominierungen am Stück: The Artist und The Descendants

Selten genug kommt man als junger Papa mal ins Kino. Umso mehr muss man die seltenen Gelegenheiten genießen. Vor kurzem war es mal wieder soweit, und ich gab mir ein dickes Oscar-Doppelfeature im sehr schönen Bochumer Union-Kino. The Artist und The Descendants bringen es gemeinsam auf satte 15 Nominierungen, in den Kategorien Bester Hauptdarsteller, Bester Film, Beste Regie und Schnitt treten sie direkt gegeneinander an. Und auch wenn George Clooney in diesem Jahr als heißer Kandidat für den besten Hauptdarsteller gehandelt wird, glaube ich, dass The Artist in allen Kategorien gewinnen wird. Mein Tipp: Mindestens acht von zehn Oscars wird der französische Stummfilm abräumen.

Viel ist schon gesagt worden über den ungewöhnlichsten Film der letzten Jahre: Schwarz-Weiß, OK, das hat auch Spielberg schon gemacht. Aber einen echten Stummfilm hat es lange nicht mehr im Kino gegeben, mir persönlich fällt nur die Mel Brooks-Parodie “Silent Movie” ein, der ist von 1976. Aber Michel Hazanavicius, Regisseur und Drehbuchautor, hat mit diesem Meisterwerk alles richtig gemacht. Sein Film funktioniert sicherlich auch deshalb als Stummfilm, weil dieses Medium genau das richtige ist, um seine Geschichte zu erzählen: George Valentin, ein Star der Stummfilm-Ära muss erkennen, dass im Zeitalter des Tonfilms anscheinend kein Platz für ihn ist. Eine junge Generation, allen voran die junge, kesse Peppy Miller (der nächste Oscar: Bérénice Bejo), hat ihm den Rang abgelaufen. Während Peppys Stern immer heller strahlt, sinkt Valentin immer tiefer in die Bedeutungslosigkeit.

Der Film beginnt mit einer Szene in einem Kino: Der ausverkaufte Saal verfolgt gebannt Valentines neuen Film. Als der Abspann beginnt, bricht tosender Applaus aus. In diesem Moment sind auch wir realen Kinozuschauer endgültig gepackt; denn man hört absolut nichts, das Klatschen spielt sich ausschließlich im Kopf ab. Es ist einer von vielen gelungenen Kniffen von Hazanvicius, um einen modernen Stummfilm zu erzählen. Immer wieder setzt er sehr effektvoll  nicht vorhandene Geräusche ein, etwa, wenn die ohnehin sehr laute Peppy Miller dem stillen Charakter Valentin frech auf den Fingern zupfeift. The Artist ist ein in jeder Hinsicht auf das minimal mögliche reduzierter Film und gerade deshalb so einnehmend. Einfach ein großer Kinospaß und Pflichtprogramm.

The Descendants ist etwas weniger spaßig, schließlich müssen sich hier ein Vater und seine zwei Töchter über die vollen 115 Minuten mit dem Tod auseinandersetzen. Denn die Frau von Matt King liegt nach einem Bootsunfall im Koma und kämpft um ihr Leben. In dieser Extremsituation stellt Matt nicht nur fest, dass er seine beiden Töchter zu sehr vernachlässigt hat. Seine Frau war offenbar auch nicht immer ehrlich zu ihm. Zu allem Überfluss machen ihm auch noch seine Cousins Druck: Matts Familie besitzt ein Stück Land auf Hawai, dessen Verkauf alle reich machen soll. Und Matt muss entscheiden, wer den Zuschlag bekommt.

Dass The Descendants auf Hawai spielt, ist in der Tat genau der entscheidende Dreh, um dieses Familiendrama über den Durchschnitt zu heben. Die meisten Zuschauer haben ein von Magnum und Elvis-Filmchen geprägtes Hawai-Bild im Kopf. Und genau damit räumt The Descendants sehr schön auf. Genau wie Matts bis dahin einigermaßen heile Welt ins Wanken gerät, wird auch das Bild des Zuschauers von dem Inselparadies zerstört. Es regnet unentwegt, man sieht Hochhäuser und langweilige Reihenhaus-mit-Vorgarten-Siedlungen. Nur ein Klischee scheint zu stimmen: Alle laufen in kurzen Hosen und Sandalen rum.

George Clooney spielt seine Rolle großartig, allerdings mit der ihm eigenen, sagen wir mal: zurückhaltenden, Mimik. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, als hätte er die Emotionalität seines Charakters ganz zu Ende ausgeschöpft. Ein wenig unfertig wirkt die Geschichte, die nicht alle ihre Konflikte zur möglichen Gänze ausspielt. So manch innerfamiliärer Streit wird etwas zu einfach beigelegt, um mit der Geschichte voranzukommen. Dennoch ist The Descendants ein sehr sehenswerter und packender Film. Wer beide Filme an einem Abend sehen will, sollte aber – anders als ich – versuchen, erst The Descendants und dann The Artist zu sehen. Man kommt mit besserer Laune nach Hause.

Endlich mal Eier – Tatort Wien

Es geht doch: Wien-Tatorte habe ich aus irgendeinem Grund immer nur sporadisch geguckt, aber was ich gestern im Action-Thriller “Kein Entkommen” gesehen habe, hat mich bekehrt. Einer der besten Tatorte seit langem fesselte mit einer spannenden Story und endlich einmal hochklassig und zeitgemäß inszenierter Action. Und Regisseur und Drehbuchautor Fabian Eder zeigt Eier: Er lässt unschuldige Polizisten und Studenten kaltblütig erschießen und setzt sein Kommissaren-Duo unter MG-Feuer. Selten genug sieht man sowas am Sonntagabend in der ARD, viel häufiger möchte man derartige Filme sehen.

Die Hintergrundgeschichte liefert eine paramilitärische Einheit des Jugoslawienkriegs, deren Überbleibsel es sich in Wien eingerichtet haben. Die einen haben sich eine serbisch-nationalistische Parallelwelt aufgebaut, einer aber ein neues Leben als treusorgender Familienvater. Freilich weiß die Familie von Mirko Gradic nichts von seiner Vergangenheit als skrupelloser Massenmörder. Als die einstigen Kameraden beginnen, Jagd auf Gradic zu machen, beginnt ein blutiges Morden in Wien, dem Moritz Eisner und Kollegin Bibi Fellner zunächst nur fassungs- und hilflos zuschauen können. Die Grippe ist in diesem Film nicht der einzige Virus, der die Stadt im Griff hat.

Die Inszenierung dieses Krimis ist schlicht grandios. Vor allem Christoph Bach als Mirko Gradic läuft in einigen Action-Szenen zu Hochform auf. Wie er im Alleingang ein serbisches Killerkommando ausschaltet, hat Kinoformat. Aber auch Harald Krassnitzer darf glänzen. Im grandiosen Showdown erweist er sich als kaltblütigste Figur des ganzen Films. Bei all der Action stimmen aber auch die Zwischentöne: Die Figuren sind glaubwürdig, genauso wie der Fortgang der Ermittlungen, in die sich auch internationale Kriegsverbrecherjäger einmischen. Auf sehr gelungene Weise fügt sich auch die Grippe-Geschichte in die Gesamthandlung ein, die anfangs nur für ein wenig “Comic Relief” zwischen all dem Morden sorgte.

Kritisieren mag man nur wenig. Wer den Startknopf bei dieser Geschichte gedrückt hat, bleibt unklar: Warum beginnen Mirkos ehemalige Kameraden ausgerechnet jetzt mit der Jagd nach ihm? Wie konnte er so lange in Wien untertauchen, ohne erkannt zu werden? Aber das sind Mini-Mängel, die einen ansonsten tollen Film nicht trüben. Man wünscht sich, dass auch deutsche Ermittler mal wieder mit einer derart kompromisslosen Geschichte konfrontiert werden.

Tim und Struppi – Indiana Jones mit Tolle

Wie in vielen Städten gab es auch in meiner Heimat einen Bücherbus der Stadtbücherei, in Herne trug er den schönen Namen “Schmökermolly”. Sein Halt bei uns direkt um die Ecke war für mich ein fester Termin in der Woche. Als erstes durchwühlte ich in der Schmökermolly immer die Kiste mit den Comics. Und mindestens ein Band von Tim und Struppi lag am Ende immer auf dem Stapel. Ich habe mich auf den Spielberg-Film darum einerseits sehr gefreut, andererseits war ich skeptisch, als ich hörte, dass es ein komplett am Computer erstellter, motion-gecaptureter Film werden würde. Könnte man so den Charme so liebenswerter Figuren wie Schultze & Schulze, Kaptain Haddock und natürlich Tim und Struppi selbst rüber bringen?

Man kann. Es ist bemerkenswert, dass hinter den Computergesichtern inzwischen so etwas wie eine schauspielerische Leistung zu erkennen ist. Aber tatsächlich ist es gelungen, Tim zu einem verschmitzten Reporter zu machen, Kaptain Haddock zu einem triefäugigen, traurigen Seebären und Saccharin zu einem verschlagenen Bösewicht. Die Figuren sind, man muss es so sagen, sehr liebenswert und detailreich gestaltet.

Umso simpler ist die Geschichte um ein sagenumwobenes Schiffsmodell der Haddock-Familie, das den Weg zu einem alten Schatz weisen soll. Entschlüssele das Rätsel, finde den Schatz, sei schneller als die Bösen. Das ist ein uraltes Spielberg-Rezept, das drei Indiana Jones-Filme zu Welterfolgen machte. Mit Tim und Struppi kehrt der Regie-Altmeister nur zu deutlich zu seinen Wurzeln zurück. Unentwegt fühlt man sich an die Wüstenlandschaften aus “Die Jäger des verlorenen Schatzes” erinnert, an die irrwitzigen Verfolgungsjagden aus “Der Tempel des Todes”, und mit dem draufgängerischen Tim und dem tollpatschigen, aber verlässlichen Haddock serviert uns Spielberg die legitimen Nachfolger von Henry Jones Jr. und seinem Vater aus “Der letzte Kreuzzug”. Genauso temporeich wie einst die archöologischen Hetzjagden um die Welt ist auch das Abenteuer von Tim, Struppi und Haddock. Ein wenig geht Spielberg dabei sein sonst so sicheres Gespür für Timing verloren: Eine wahnwitzige Verfolgungsjagd folgt auf die nächste, so dass man als Zuschauer irgendwann gar nicht mehr weiß, an welcher Stelle im Film man sich befindet. Atempausen gibt es keine. Das Ende des Films kommt dann so plötzlich, als säße man in einer Achterbahn, die aus voller Fahrt auf Null abgebremst wird, während man selber noch auf den nächsten Looping wartete.

Mit seiner Verfilmung ist es Steven Spielberg gelungen, die drolligen Charaktere aus den Comic-Heften ins Jetzt rüberzuholen. Tim und Struppi ist überdrehte Action mit vielen spaßigen Momenten und der erste Film, der CGI und Schauspielerei vereint.

Drei Filmkritiken – Troll Hunter, Submarine, Contagion

Troll Hunter

Bei großen Staatsverschwörungen denkt man meistens eher an die USA, Russland oder irgendwas mit Volksrepublik im Namen. Doch auch ein beschauliches, skandinavisches Idyll wie Norwegen hat seinen Geheimnisse. Tief in den norwegischen Bergen hausen nämlich wilde Trolle: Große, gefährliche Raubtiere, irgendwo zwischen Bär und King Kong angesiedelt. Zum Glück gibt es in Norwegen reichlich Platz, die Viecher vor der Bevölkerung zu verstecken. Und wenn sich doch mal einer aus dem Reservat wagt, gibt es ja noch ihn: Den Trolljäger, der sich furchtlos mit den stinkenden Biestern anlegt.

Es ist ein absurd-komischer Film, der aus Norwegen zum Liebling vieler Filmfeste wurde. Und er wird noch absurder dadurch, dass Regisseur André Ovredal beschloss, zum Stilmittel der “Mockumentary” oder “Fake-Doku” zu greifen. Seit dem Blair-Witch-Projekt kommen diese gruseligen Schein-Dokus immer mal wieder ins Kino und eigentlich hat man auch schon seit der Hexenjagd durch Herbstwälder genug davon. Bei Trolljäger funktioniert das Ganze trotzdem ganz gut. Die pseudo-wissenschaftlichen Erklärungen zur Lebensweise der Trolle geben dem Film eine nette Ironie, gekreuzt werden sie mit fantastischen Landschaftsaufnahmen, und außerdem gibt Ovredal dem Zuschauer auch das, was er sehen will: Trolle in allen Größen und Formen. Die sind ansehnlich getrickst, wenn auch nicht wirklich gruselig. Wer von Fake-Dokus nicht per se abgeschreckt wird und genug schwarzen Humor mitbringt, um sich auf das Troll-Szenario einzulassen, wird von Troll Hunter passabel unterhalten.

Submarine

Ahh, British Comedy, was wären wir nur ohne dich. Während man in den USA anscheinend nur über Fürze und andere Ausscheidungen lachen kann, dominiert in deutschen Kinos auch 17 Jahre nach “Der bewegte Mann” noch der verkrampfte Mann-Frau-Beziehungshumor. Nur auf der Insel, so scheint es, kann man einfach noch über das Lachen, worüber es sich am meisten zu lachen lohnt: Über das Scheiß-Leben, das einem so passiert.

Der 15-jährige Oliver macht halt so das, was man als 15-Jähriger, unterdurchschnittlich attraktiver und nur halbcooler Teenager so macht: Sich das erste Mal verlieben, sich für intellektueller halten, als man ist und zwischendurch die Ehe der Eltern retten. Das Wichtigste dabei: Bloß nicht zu sehr auffallen, immer schön unter dem Radar bleiben. Wenn das nur so einfach wäre.

Es gibt genug Filme übers Erwachsenwerden, so viele, dass man meint, es bräuchte keinen weiteren. Und dann ist man doch froh, dass Richard Ayoade dieses kleine Meisterwerk gedreht hat. Es ist die große, kleine Geschichte vom zum-Mann-werden, während die Erwachsenen um einen herum sich anscheinend wieder wie Teenager aufführen, die Ayoade erzählt und die jeder von uns selbst erlebt hat. Und obwohl Ehekrisen, Depressionen und Krebs eigentlich nicht witzig sind, muss man immer wieder lachen, weil es anders einfach nicht ginge. Submarine ist genau der richtige Film, wenn man mal wieder die Schnauze voll von allem hat. Danach weiß man, das man zumindest nicht alleine mit der Scheiße ist.

Contagion

Nichts jagt einem mehr Schauer über den Rücken, als wenn etwas Alltägliches plötzlich zur tödlichen Bedrohung wird. Nach Contagion jedenfalls wird man eine zeitlang bei jedem Husten, bei jedem Keuchen eines anderen Menschen unwillkürlich zusammenzucken.

Bei all den Finanz- und Euro- und Wirtschaftskrisen haben wir ja schon fast wieder vergessen, dass wir vor gar nicht allzulanger Zeit noch wegen etwas anderem hyperventilierten: Das H1N1-Schweinegrippen-Virus hielt uns vor zwei Jahren buchstäblich in Atem. Panisch wurde Impfstoff herausgegeben, vor einer globalen Epidemie gewarnt, und ja das Händewaschen nicht vergessen. Als der Angstschweiß verflossen war, musste man feststellen: Alles noch mal gut gegangen, war alles halb so schlimm. Auf dem millionenschweren Impfstoff allerdings bleiben wir sitzen.

Steven Soderbergh hat die Entwicklungen von damals jetzt mit einem All-Star-Cast verfilmt, allerdings unter veränderten Vorzeichen: Gwyneth Palttrow, Matt Damon, Laurence Fishburne, Kate Winslet, Marion Cotillard, Jude Law (und in einer kleinen Nebenrolle Armin Rohde) sehen sich tatsächlich einem tödlichen, sich schnell verbreitenden Virus gegenüber. Alles, was bei der Schweinegrippe nur befürchtet wurde, lässt Soderbergh wahr werden. Es hat sich nichts geändert: In einer global vernetzten Welt ist die Verbreitung eines Erregers nur eine Frage von Tagen, woran uns Soderbergh mit grausig-banalen Nah-Aufnahmen von Erdnussschalen, Wassergläsern und Händedrücken immer wieder erinnert. Als kleinen Subtext serviert er uns außerdem die zweite Seuche, die sich um die Welt ebenso schnell verbreitet hat: Genauso wie die Krankheitsviren gehen Gerüchte um die Welt, vermengen sich mit Informationen zu Halbwahrheiten, die von den Medien, von Bloggern zu einem noch gefährlicheren Cocktail verrührt werden.

Soderberghs Film verläuft fast schon dokumentarisch, mit einer angesichts von Millionen von Toten beinahe erschreckenden Gradlinigkeit, ist aber dennoch spannend und von den Darstellern (kein Wunder) sehr eindringlich rübergebracht. Wer nicht zu Paranoia und/oder Hypochondrie neigt, sollte ihn sich ansehen. Hust!

Neu im Abo (II) – Very british film reviews

Über Filme zu reden (und zu schreiben) macht nicht nur mir unheimlich Spaß. Es aber auf eine Art und Weise zu tun, die auch anderen Spaß macht, ist seeehr schwer. Viele Filmkritiken im Feuilleton sind unlesbare, möchtegernphilosphische Abhandlungen, umgekehrt machen User-Reviews im Stil von “Supergeile Action, wer braucht schon Handlung” irgendwie auch nicht Lust aufs Kino. Vor einiger Zeit entdeckte ich dann Kermode and Mayo’s Film Review von Radio BBC 5 live.

Die beiden Briten machen die vielleicht beste Kino-Sendung, die es gibt. Im Stile des odd couple rezensieren “Dr. K” and Simon jede Woche die britischen Neustarts, meist gibt es auch einen Studiogast. Eine Podcast-Episode geht meist etwa anderthalb Stunden, und jedes Mal wünsche ich mir, dass die Show noch nicht zu Ende wäre. Besonders schön: Die beiden verfallen nicht dem anstrengenden, reflexartigem Arthouse-Lobhudeln, das die meisten anspruchsvollen Filmkritiker so nervig macht. Nein, hier dürfen Kritiker-gehypte Filme von Godard oder Lars von Trier einfach mal “rubbish” sein.

Zudem wird auf vorbildliche Weise Social Media genutzt: Nicht nur, dass auch Zuschauerreviews immer wieder vorgelesen werden, man kann die beiden während der Show antwittern und die meisten Rezensionen werden auf ihrem YouTube-Kanal online gestellt. Nicht zuletzt empfehle ich, quasi als Zusatz-Abo, das Blog des guten Dr. K, in dem er regelmäßig seine persönlichen Ansichten zum Film-Business zur Diskussion stellt.

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Captain America: Gelungener Nazi-Trash-Blockbuster

Cap vs. Hitler

Es gibt drei prominente Superhelden, die blau und rot tragen, sich also in die Farben der amerikanischen Flagge hüllen: DC’s Superman, Marvels Spiderman und, aus dem gleichen Haus, Captain America. Es ist fast ein wenig verwunderlich, warum letzterer, der zum Superheld gewordene Patriotismus, erst jetzt seinen Weg auf die Kinoleinwände gefunden hat, aber nun ist es soweit. Endlich darf “Cap” Comic-Nazis verdreschen, das es nur so eine Freude ist. Das gelungene Camp-Feuerwerk “Captain America: The First Avenger” markiert außerdem den Abschluss einer außergewöhnlichen Film-Reihe, mit der Marvel mit bewunderswert langem Atem auf ein Großprojekt hingearbeitet hat, das in einem Jahr in die Kinos kommen wird: “The Avengers” werden 2012 unter der Führung Captain Americas die Welt retten.

Die Story von Captain America ist schnell erzählt: Steve Rogers ist ein ebenso schmächtiger wie mutiger Jüngling. Durch seinen Willen schafft er es, in ein Supersoldaten-Programm der Regierung, dass Geist und Körper in Einklang bringt. Als nunmehr auch körperlich überlegener Kraftprotz stellt er sich in Europa den Schergen der Hydra-Organisation um Super-Nazi “Red Skull” entgegen. Er bezwingt den größenwahnsinnigen Urvater aller Superschurken, allerdings auf Kosten eines seeeehr langen Schlafs im ewigen Eis. 70 Jahre später erwacht Captain America zu neuem Leben und ist bereit, sich im Hier und Jetzt neuen Feinden zu stellen.

Schon am Titelbild des ersten offiziellen Captain America-Comics von 1942 sieht man, dass die Figur des “Cap” aus heutiger Sicht hart an der Trashgrenze liegt. Ein Supersoldat, der sich aus dem Star-Spangled Banner ein Kostüm geschneidert hat, haut Hitler persönlich eine runter. Es ist nicht schwer, aus so einer Vorlage entweder ein völlig albernes Pulp-Spektaktel zu machen, das Adam Wests Batman der 60er Jahre Konkurrenz machen könnte (“Pow! Crack!”), oder aber in Michael-Bayigem US-Kampfhubschrauberpatriotismus zu ertrinken. Die Macher des Films sind dieser Falle gut entkommen. Bevor er seinen Captain endlich in die Schlacht schickt, nimmt Regisseur Joe Johnston ihn erstmal kräftig auf den Arm. Mit einem schönen Kniff steckt er den Muskelprotz in Strumpfhosen, ohne dass es irgendwie fehl am Platz wirkt. Johnston weiß um den Trash-Charakter seiner Figur und macht diesen zur Stärke. Die Nazi-Schergen der Hydra etwa sind so blödsinnig, dass es nur eine Chance gibt: Diesen Blödsinn zu zelebrieren. Und so werden die echten Nazis auch ziemlich schnell pulverisiert, Hitler tritt nur als Revue-Figur auf. Hinweg mit der realen Geschichtsschreibung, wir sind hier im Marvel-Universe, keiner will hier wissen, wie ein Nazi wirklich ausgesehen hat.

Dass das Ganze nicht albern wirkt, ist auch den Darstellern zu verdanken: Hugo Weaving knüpft als Red Skull an beste, diabolische Agent Smith-Zeiten an. Neben ihm glänzt als stiller Star Toby Jones als Wissenschaftler Dr. Arnim Zola, der aus seinem ambivalenten Nebencharakter das Optimum an Potenzial heraus holt. Hervorzuheben sind noch Tommy Lee Jones als knorriger Colonel, der seinen Auftritt nicht lustlos abspult, sondern offensichtlich mit Spaß bei der Sache ist und Dominic Cooper als Howard Stark, der sehr intelligent Robert Downey Jrs. Tony “Iron Man” Stark zitiert. Ein wenig blass bleibt leider Hayley Atwell als Love Interest für den von Chris Evans mit viel Pathos gespielten Captain. Im Gegensatz zu dem schwachen Thor hat man sich hier auch Mühe mit der Ausstattung gegeben. Wähnte man sich bei Thor noch in einem quietschbunten Vergügungspark, kommt bei Captain America in stimmungsvoll gestalteten Settings 40er-Jahre-Atmosphäre auf. Düster und grau hingegen wirken die Trümmerlandschaften des Zweiten Weltkriegs, in denen der Captain auch einige schwere Verluste verdauen muss.

Insgesamt kommt Captain America als Comic-Verfilmung aus einem Guss daher, als gelungene Gratwanderung zwischen B-Film-Trash und Superhelden-Blockbuster. Damit ist das lange Film-Vorspiel zu einem Projekt der Superlative abgeschlossen: In einem Jahr werden Iron Man, Thor, der Hulk und Captain America gemeinsam die Welt retten. Wer in allen Vorgänger-Filmen aufmerksam bis nach dem Abspann war, kann sich ungefähr ausrechnen, welche Schurken den “Rächern” das Leben schwer machen werden. Und wir sind gespannt, was es eigentlich mit dem von Samuel L. Jackson in der wohl bisher längsten Cameo-Reihe der Film-Geschichte gespielten Nick Fury auf sich hat. Es ist alles bereitet: Rächer, versammelt euch!

Winnetou kehrt mal wieder zurück

Eine Nachricht, die für verhaltene Vorfreude sorgt: Winnetou und Old Shatterhand sollen zurück kommen. Mal wieder. Es gibt kaum eine deutsche Roman-Figur, die sich einer so nachhaltigen popkulturellen Zweit-Verwertung erfreut, wie der Häuptling der Apachen. Je nach Zählung gibt es über 20 Karl-May-Filme, dazu eine Zeichentrickserie mit dem ultradämlichen Titel “Winnetoons“, die ich allerdings nie gesehen habe. 1998 gab es einen peinlichen Comeback-Versuch von Ur-Winnetou Pierre Brice, dem wie so vielen gealterten Stars am Ende nichts übrig blieb, als immer und immer wieder die Rolle seines Lebens zu spielen. So lange, bis er anscheinend eins wurde mit dieser Leinwand-Persona. Und dann ist da ja noch die tatsächlich ganz witzige Parodie “Schuh des Manitu“.
Am bekanntesten aber dürften jene 17 Karl-May-Filme sein, die zwischen 1962 und 1968 (!) entstanden. Nicht nur Winnetou und Old Shatterhand wurden in dieser Zeit zu Leinwand-Stars, wir folgten den verschiedenen Alter Egos von Karl May auch zu den Inkas und ins wilde Kurdistan. Der Look dieser Film mit den kroatischen Settings, die Kostüme, einfach alles sind sicher unverwechselbar und  genauso fester Bestandteil des deutschen Kinogedächtnisses geworden wie des familiären Sonntagnachmittagprogramms.
Nun also ein neuer Winnetou-Film, als Drehbuchautor ist angeblich der Schreiber vom Oscar-Abräumer “Der mit dem Wolf tanzt” engagiert. Einerseits ist die Vorstellung reizvoll, noch einmal einen Winnetou-Film in echter Western-Optik im modernen Kino-Look zu sehen. Andererseits ist natürlich zu befürchten, dass am Ende ein seelenloses Kommerzprodukt rauskommt, dass Hollywood-Kino sein will, aber in biederer deutscher TV-Optik hängen bleibt.
Spannend wird natürlich die Frage, wer Winnetou und Old Shatterhand spielen wird. Vor allem Lex Barker ist meiner Meinung nach damals ein echter Coup gewesen, weil er der ganzen Produktion den nötigen Schuss Internationalität mitgegeben hat. Ob so etwas wieder gelingen kann? Aber solange nicht Til Schweiger auf Hatatitla gesetzt wird, ist mir eigentlich alles egal.

Movie Double Feature: Super 8 und Planet der Affen: Prevolution

Super 8

Eigentlich gehört es sich nicht, schon wieder mit dem verkorksten Sommer anzufangen, aber im Fall von Super 8 bietet es sich an. Denn dieser Film zeigt einem 112 Minuten lang zumindest, wie es sein könnte. Die erste Liebe, mit den besten Kumpels abhängen und Blödsinn anstellen, während die Eltern mit besserem beschäftigt sind, die letzten Monaten an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsen werden; irgendwie kennt jeder diese Zeit, die tatsächlich vielleicht die beste, wenigstens die unbeschwerteste des Lebens ist. Super 8 von J.J. Abrams weckt in einem tatsächlich das Verlangen, diese Zeit möge noch einmal zurückkehren. Wobei die meisten von uns auf ein wütendes Monster als Begleitung verzichten könnten.

Super 8 ist aber mehr, als eine weitere Verfilmung des “Sommer unseres Lebens”. Super 8 ist eine Liebeserklärung an den Film an sich. Abrams (und Produzent Spielberg) erinnern uns in Zeiten seelenloser Materialschlachten wie Transformers oder Green Lantern daran, wie wenig es eigentlich braucht, um einen guten Film zu machen. Wichtig ist, dass man seinen Film und vor allem dessen Charaktere ernst nimmt. Und natürlich braucht es Liebe, viel Liebe: Liebe für seine Arbeit, Liebe zum Detail, Liebe im Film. “Wenn man weiß, dass sie ihn liebt, will man nicht, dass er stirbt. Irgendwie”, erklärt uns Nachwuchs-Regisseur Charles das simple Rezept, das selbst einen Zombie-B-Film zu einem liebenswerten Stück Kino macht.

Es ist viel über die Hommage an die 80er geschrieben worden, die dieser Film natürlich auch ist. Am Ende allerdings kann auch Abrams nicht der Versuchung widerstehen, noch einmal mächtig in die Krach-Bumm-Kiste zu greifen. Dabei hätten es ein paar Chinaböller auch getan. Es ist vielleicht der einzige Wermutstropfen in einem ansonsten überzeugenden Film, nach dem man unbedingt noch einmal 14 sein möchte. Nur ohne Monster.

Planet der Affen: Prevolution

Wir alle haben sie in uns, komischerweise gibt es eine sehr große Furcht vor ihnen. Gene galten in ihren guten Zeiten mal als die Bausteine des Lebens. Mittlerweile hat das Image der guten alten Desoxyribonukleinsäure heftig gelitten. Als Vorsilbe ist “Gen-” nur noch wenig beliebter als “Nazi-”, während die Shootingstars “Bio-” und “Öko-” längst an ihm vorbei gezogen sind. Dabei sind Gene keinesfalls böse, zumindest würde es uns ohne sie nicht besonders gut gehen. Aber gerade weil sie so essenziell für unsere Existenz sind, möchten wir einfachen Menschen sie gerne einfach in einen Giftschrank legen, diesen mit den dicksten Schlössern, die es gibt, verriegeln und die Schlüssel alle ins Meer werfen. Wer die Gene antastet, “spielt Gott”, wie es in Diskussionen immer gerne verschlagwortet wird.

“Prevolution” ist ein Film über diese Angst. Leider wird auch das Vorspiel zu der legendären Sci-Fi-Parabel nicht dazu beitragen, dass die Menschheit einen rationaleren Umgang mit dem Thema an den Tag legt. Den der junge Wissenschaftler Will Rodman (James Franco) gehört genau zu der Sorte Forscher, die uns nicht geheuer sind. Er stellt den Fortschritt (aus persönlichen Motiven) über alles und riskiert damit zu viel. Und gerade in dem Moment, als ihm das bewusst wird und er die Reißleine ziehen will, grätscht ihm des Menschen größte Schwäche rein. Die Gier des ihn beschäftigenden Pharmakonzerns ist schließlich der Tropfen auf dem heißen Stein. Die Revolution der Affen nimmt ihren Lauf.

Prevolution ist ein mitreißender Film geworden, der von Anfang an ein hohes Tempo anschlägt. Das muss auch sein, da das Endergebnis der Geschichte ja bekannt ist. Das Publikum darf auf keinen Fall gelangweilt werden und das gelingt Regisseur Rupert Wyatt auch über weite Strecken, wenngleich man den ein oder anderen rabiaten Umgang mit der Handlung übersehen muss. Nur als die ganze Geschichte in eine klassische, wenn nicht klischeehafte Gefängnis-Story abdriftet, muss man sich kurz zusammenreißen, dabei zu bleiben. Beeindruckend sind vor allem die komplett animierten Affen: “Gollum” Andy Serkis leihte Protagonist Caesar seine Bewegungen und Mimik. Doch es wurde bewusst darauf verzichtet, echte Affen in einigen Szenen einzusetzen. Das wäre etwas zu “ironic” gewesen, hatte Rupert Wyatt in einem Radiointerview gesagt.