Wie bei fast allen Filmfans meiner Generation sind die Filme von Tim Burton für mich immer noch Highlights im Kinojahr. Kaum ein Regisseur der letzten zwei Jahrzehnte hat es so verstanden wie Burton, die magischen Möglichkeiten des Kinos so perfekt auszuschöpfen. Auch beim fünften, zehnten oder hundertsten Ansehen, hat man das Gefühl, kann man in seinen filmgewordenen Kinderträumen stets neue, fantastische Details entdecken. Doch zuletzt, insbesondere beim langweiligen 3-D-Vehikel “Alice im Wunderland”, hatte sich der Burton-Charme etwas abgenutzt. Mit “Dark Shadows” läuft nun gerade Burtons neustes Werk in den Kinos. Doch obwohl es in vieler Hinsicht “burtonesker” als viele seiner jüngeren Arbeiten ist – so ganz will sich der Zauber vergangener Tage nicht mehr einstellen.
Die erste Vampirseifenoper
Die Geschichte um den Vampir Barnabas Collins, der nach 200 Jahren wiedererweckt wird und nun seinen alten Platz als Oberhaupt einer alten Fischereifamilie wieder einnehmen will, basiert auf einer der ungewöhnlichsten Fernsehserien seiner Zeit: Von 1966 bis 1971 lief in den USA die Gothic-Seifenoper “Dark Shadows”. Bei mehr als 1200 Folgen ist es müßig, eine Inhaltsangabe zu machen. Im Detail nachlesen kann man die Plotentwicklung zum Beispiel in diesem Blog. Die Optik der Serie erinnert sehr an die deutschen Edgar Wallace-Filme, die ungefähr zeitgleich in Deutschland für wohligen, aber harmlosen Grusel sorgten. Gedreht wurde Live-on-tape und “one take”. Versprecher oder Hänger der Schauspieler wurden nicht rausgeschnitten, was die campige Anmutung der Serie sicher noch verstärkte.
Nach einigen Start-Schwierigkeiten war es die Einführung übernatürlicher Elemente, die der Serie zum Durchbruch verhalf. So kam der im Burton-Film von Johnny Depp verkörperte Hauptcharakter Barnabas Collins erst nach neun Monaten Laufzeit das erste Mal in der Serie vor. Doch diese Horror-Elemente wurden zum Alleinstellungsmerkmal der Serie, die ansonsten alle Klischees einer typischen Seifenoper erfüllt. Mit der auf den ersten Blick völlig skurril anmutenden Verquickung von Seifenoper mit Vampir- und Geisterhorror eroberte sich die Serie aber in den USA eine große Fangemeinde und wurde zum Wegbereiter von modernem TV-Vampir-Kitsch wie “Buffy, the Vampire Slayer” oder “Vampire Diaries”. Noch heute gibt es sogar Dark-Shadow-Conventions. Als einer der großen Fans dieser Serie entpuppte sich Johnny Depp, der Barnabas Collins zu einem Helden seiner Jugend erkor, und sogar so aussehen wollte wie der bleiche Vampir. Wer sich einen Eindruck vom Look der Serie verschaffen will, wird in der Videowühlkiste nebenan fündig:
Starke Frauen für Johnny Depp
Burton, einem Regisseur der sich in seinen Filmen noch nie viel um Erzähllogik geschert hat, kommt die Prämisse der Seifenoper durchaus entgegen: Wo Drama vor Plot geht, kann man alle Gäule, die einem das Drehbuch vorsetzt, hemmungslos durchgehen lassen. Dementsprechend konfus gestaltet sich seine Filmversion. Hauptcharakter Barnabas Collins verhält sich praktisch in jeder Sequenz anders als in der vorangegangen, ist mal eine von 200 Jahren Gefangenschaft und verfluchter Vampirexistenz gebrochene Kreatur, dann wieder standhaftes und sorgendes Familienoberhaupt, gleichzeitig aber auch kaltblütiger Schlächter Unschuldiger, die seinem Blutdurst zum Opfer fallen. In einer Szene verhält er sich wie ein schüchterner Teenager, der das erste Mal verliebt ist, in der nächsten fällt er wolllüstig über eine Frau her. Für den Zuschauer kann das den Vorteil haben, dass die Handlung völlig unvorhersehbar ist. Es kann aber auch bedeuten, dass man sich verzweifelt fragt, was hier eigentlich gerade auf der Leinwand passiert.
Umgeben ist Collins von einer Reihe starker Frauencharaktere, allen voran Michelle Pfeiffer als neues Familienoberhaupt, die nach “Batman Returns” ins Burton-Universum zurückkehrt. Dann ist da natürlich Eva Green, die lustvoll die böse Hexe spielt, deren unerwiderte Liebe zu Barnabas Collins der Ursprung der fatalen, Jahrhunderte umspannenden Irrungen und Wirrungen ist. Natürlich ist auch Helena Bonham-Carter dabei, die als promillehaltige Haus- und Hofpsychologin der Familie Collins zur zynischen Inkarnation aller “Twilight-Moms” wird. Doch wie treue Burton-Fans wissen, ist keine dieser selbstbewussten Frauen der Typ, auf den Burtons Protagonisten abfahren würden. Die blass-blonde, von Geisterscheinungen geplagte Victoria Winters (Bella Hethcote) entspricht da schon eher dem burtonschen Beuteschema und reiht sich ein dessen Riege zerbrechlicher Heldinnen von Kim aus “Edward” über Victoria Everglot aus “Corpse Bride” bis hin zu “Sweeney Todds” Johanna und zuletzt Alice.
Von allem etwas, aber nichts so richtig
Wenn man mit Dark Shadows also mal wieder “Burton pur” bekommt, wie kommt es dann, dass der Film trotzdem nicht begeistern will? Vielleicht weil er zu unentschlossen ist: In dem einen Moment wallt der Nebel aus Sleepy Hollow durch Collinwood, im nächsten scheint der rachedurstige Sweeney Todd von Barnabas Collins Besitz ergriffen zu haben, dann wieder driftet die Handlung in eine von Beetlejuice durchtränkte Farce ab. Burton vermengt in Dark Shadows wüst die Genres, an denen er sich in den letzten mehr als zwei Jahrzehnten filmisch abgearbeitet hat, doch irgendwie wird kein harmonisches Ganzes aus. Als Zuschauer weiß man nicht, ob man sich nun von der Tragik, dem Grusel oder der Albernheit der Geschichte mitreißen lassen soll und bleibt schließlich unentschlossen am Rand zurück. Es ist, als würde man gleichzeitig eine Folge von “Die wilden 70er”, “Denver Clan”, “Addams Family” und “Twilight Zone” gucken. So bleibt Dark Shadows am Ende nicht als Burtons schlechtester (den Titel behält bis auf weiteres “Planet der Affen”), aber vielleicht unentschlossenster Film zurück. Fast scheint es, als wäre der Kinomagier selbst auf der Suche nach dem berühmten “Touch”, den seine Filme einst hatten. Möglicherweise findet er ihn in den Anfängen seiner Karriere: Sein nächstes Projekt “Frankenweenie” wird die Spielfilmversion einer seiner Kurzfilme aus frühen Disneytagen sein.
Allen Burton-Fans zu empfehlen ist Christian Hegers Buch “Mondbeglänzte Zaubernächte”, das keine Fragen zu dem großen Filmkünstler offen lässt und auch für diesen Blogeintrag die ein oder andere Inspiration und Quelle lieferte. Ich bin mit dem Autor befreundet und war minimal an der Entstehung des Buches beteiligt.

