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Afrika-Cup: Mali oder Elfenbeinküste – Ein Land wird weinen

Es ist eines der großen Themen des afrikanischen Fußballs: Auf kaum einem anderen Kontinent wird das Spiel so sehr mit Hoffnung und Sehnsüchten aufgeladen wie in Afrika. Wenn dann tatsächlich mal einem Spieler eines Landes der Durchbruch bei einem großen Verein gelingt, wird dieser schnell zu einer Erlöserfigur, der stellvertretend für ein ganzes Land dessen Träume wahrgemacht hat. Ein Rucksack, den auch zwei Star-Spieler beim Afrika-Cup aufgeladen bekommen haben. Für einen von beiden wird das Halbfinale in Tränen enden; entweder Chelseas Didier Drogba, Kapitän der Elfenbeinküste, oder Barcas Seydou Keita, der Mali auf den Platz führt, wird seine Landsleute heute enttäuschen.

Didier Drogba, der fast schon Alt-Star der Elfenbeinküste, ist für sein Land mittlerweile zu einer unverzichtbaren Symbolfigur geworden. Zuletzt wurde er in eine Wahrheitsfindungskommission berufen, die die Unruhen nach der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr untersuchen soll. In diesem Jahr will er endlich seinen Traum vom Afrika-Cup-Gewinn wahr machen und damit auch eine Sehnsucht seines von Bürgerkriegen geplagten Landes erfüllen. Brächte Drogba den Titel mit nach Hause, wäre sein Heldenstatus endgültig festgemeißelt. Ob ein Fußballpokal ausreicht, ein ganzes Land zu stabilisieren, sei dahin gestellt. Aber schaden würde es sicher nicht.

Der Weg dahin führt die “Elefanten” nur über Mali, der Gegner im zweiten Halbfinale am heutigen Mittwochabend um 20 Uhr. Doch Mali könnte ein Erfolgserlebnis selbst dringender denn je gebrauchen. Hunger und ein drohender Bürgerkrieg haben das Land in eine Krise gestürzt. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht bereits von 22.000 Flüchtlingen, die das Land verlassen haben. Regierungssoldaten und Tuareg-Rebellen bekämpfen sich im Norden des Landes, auch in der Hauptstadt Bamako kommt es zu Gefechten.

In dieser Situation ruhen viele Hoffnungen auf Seydou Keita vom FC Barcelona. Jonathan Wilson vom Guardian schreibt sehr kenntnisreich und einfühlsam, in welcher Situation der Spieler steckt. Keita hat vor dem Turnier bereits auf die Hungersnot in der Sahelzone aufmerksam gemacht, nach dem dramatischen Sieg im Elfmeterschießen gegen Gastgeber Gabun – Keita verwandelte den entscheidenden Schuss – appellierte er an die Parteien, die Kämpfe einzustellen.

We need peace, we are all Malians. The president of the republic needs to do the most he can to stop it. We are celebrating our win but at the same time we feel very sad. There is a sadness among the players.

Dabei erklärt Wilson auch, dass die neue Gewalt in Mali in direktem Zusammenhang mit dem Fall des Gaddafi-Regimes in Lybien steht. Die Tuareg-Kämpfer standen auf Seiten des Ex-Diktators und versteckten sich offenbar in dessen Land. Nach dem Tod des Herrschers flohen sie aus Lybien zurück nach Mali, wo sie nun eine Separatisten-Bewegung unterstützen und eine Spirale der Gewalt in Gang setzten. Eigentlich herrschte seit drei Jahren Frieden in Mali. Nun ruhen viele Hoffnungen auf Keita und seinem Team, dass der Erfolgs der malischen Mannschaft das Land wieder vereinen könnte.

Ein Sieg über die Elfenbeinküste wäre sicherlich eine Sensation: Bisher haben sich die Elefanten keine Blöße geben und alle ihre Spiele anscheinend souverän gewonnen. Doch sie profitierten auch von den Schwächen ihrer Gegner. Noch wurden Drogba und seine Mannen noch nicht ernsthaft gefordert. Mali hingegen hat gezeigt, dass sie bis zum Ende jeder Partie an sich glauben, zweimal schon haben sie Matches bei dem Turnier noch gedreht.

Ich weiß, dass heute abend auch noch drei total wichtige Spiele in Deutschland anstehen, bei denen es um so existenzielle Fragen geht, wie “Finden Robben und Ribery zu ihrer Form zurück?” oder “Bleibt Holger Stanislawski Trainer in Hoffenheim?”. Da hält ganz Fußballdeutschland den Atem an. Doch wer ein Spiel sehen will, in dem es für zwei Mannschaften wirklich um was geht, der schaltet heute abend Eurosport ein und guckt das Halbfinale Elfenbeinküste gegen Mali.

Afrika-Cup: Spanien auf dem Weg zum Titel?

Heute endet die Vorrunde des Afrika-Cups mit den letzten Spielen der Gruppe D, in denen sich entscheiden wird, ob Mali oder Guinea noch ins Viertelfinale kommen werden (ein bisschen hoffe ich auf Mali, for personal reasons). Bisher ist es ein sehr interessantes Turnier. Die Elfenbeinküste um ihren (Alt-)Star Didier Drogba präsentieren sich sehr souverän: Drei Siege in ihrer Gruppe lassen sie derzeit als klaren Favoriten erscheinen. Davon träumt man im Senegal nur: Ohne Punkte fahren sie wieder heim, dabei hatten sie mit ihrem Kader, in dem auch Premiere-League-Spieler stehen, als einer der Mit-Favoriten gegolten. Auch draußen: WM-2010-Teilnehmer Angola.

Besser präsentieren sich die beiden Gastgeber Gabun und Äquatorial-Guinea: Beide sind weiter, der Stimmung bei so einem Turnier ist das ja meist zuträglich. Vor allem Gabun mit dem deutschen Trainer Gernot Rohr spielt bislang sehr überzeugend: Drei Siege in einer schweren Gruppe mit Tunesien und Marokko sprechen für sich. Die Mannschaft aus Äquatorial-Guinea ist aus einem anderen Grund interessant: In ihr spielen kaum Äquatorial-Guineaner. Der Großteil der Spieler ist eingebürgert, vor allem aus Spanien, was FAZ-Reporter Daniel Meuren zu der Aussage verleitet, dass sich dieses Land nach dem WM- und EM-Titel nun auch Hoffnungen auf die Afrikameisterschaft machen könne.

Das Team der Gastgeber lenkt jedenfalls den Blick auf ein neues Problem des internationalen Fußballs, dass sich diesmal tatsächlich in Afrika manifestiert. Vor einigen Jahren schon machte ja die Runde, dass sich Katar mit seinen Öl-Milliarden eine Nationalmannschaft zusammenkaufen wollte. Unter anderem im Gespräch: Beinahe-Dschungelkönig Ailton. Äquatorial-Guinea setzt diesen Plan nun nachträglich um. Auch das westafrikanische Land ist reich an Öl, von dem die Nationalmannschaft mehr profitiert als die Bevölkerung. “Der spanisch geprägte Aufschwung weckt Misstrauen”, schreibt Daniel Meuren in seinem Artikel, es gibt bereits Klagen anderer afrikanischer Verbände gegen die Teilnahme Äquatorial-Guineas. Erfolg dürften sie kaum haben. Den eingebürgerten Iberern, allesamt in unterklassigen Vereinen unterwegs und mit wenig Aussicht auf Nationalmannschaftskarrieren, dürfte das sowieso egal sein. Für sie ist das Ganze wahrscheinlich nur ein weiterer Job auf dem Fußballarbeitsmarkt und sicher auch ein Abenteuer.

So hat in einer globalisierten Wettlauf das Wettrüsten um die besten Spieler für das eigene Land begonnen. Die unterste Stufe dieses Wettstreits der Länder erleben wir ja auch in Deutschland regelmäßig, wenn es darum geht, hierzulande aufgewachsene türkische Talente davon abzuhalten, für das Land ihrer Väter zu spielen. Noch ist zumindest mir nichts bekannt, dass dafür auch Geld oder Prämien bezahlt werden, aber bis es soweit ist, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein. Der Transfermarkt für junge Nationalspieler, er wird auch nach Europa kommen. In Afrika ist er schon da.

Das Spiel der Vorrunde: Gabun-Marokko 3-2, nach 89 Minuten führt Gabun 2-1, dann Handelfmeter für M. und Ausgleich, in der 93. Minute Freistoß G., drin und 3-2!

Africa-Cup of Nations am Start

Alle zwei Jahre spielt Afrika seinen kontinentalen Champion aus, diesmal in Äquatorial-Guinea und Gabun. In den deutschen Medien dominieren meist wenige stereotype Berichte über das Turnier: Typische Themen sind a) Trainer, die sich über die Abwesenheit ihrer Spieler mitten in der Saison beklagen, b) chaotische Verhältnisse in vermeintlichen Fußballentwicklungsländern, c) irgendwas mit Voodoo. Ich kann daher nur empfehlen, dass Turnier zum Beispiel beim Guardian zu verfolgen, der eine komplette Match-Coverage und auch Hintergrundberichte satt anbietet. Auch auf dieser deutschen Seite zum Afrika-Cup findet man Berichte zu allen Spielen. Im TV ist man bei Eurosport gut aufgehoben, die alle Spiele live zeigen. Ein bisschen Gaga-Wissen zum Angeben in geselliger Runde findet man bei den 11 Freunden.

Ich verfolge den Afrika-Cup immer sehr gerne. Die Menschen dort lieben Fußball über alles, manchmal vielleicht zu sehr. Aber dadurch entsteht eine  ehrliche Atmosphäre, man erlebt Fußball noch sehr ungeschminkt, im Guten wie im Schlechten. Dazu fasziniert mich die enge Verflechtung von Fußball, Gesellschaft und Politik, die in afrikanischen Ländern so spürbar ist wie nirgendwo sonst. Nehmen wir die Mannschaft Lybiens, in der ein Spieler noch vor Wochen auf Seiten der Rebellen gegen Gaddafis Armee gekämpft hat und jetzt beim Cup of Nations auf dem Platz steht.

Dem gegenüber stehen nachdenklich machende Geschichten: Internationale Konzerne sind bereits dabei, den Geist der demokratischen Revolutionen in den arabischen Ländern mit ihren eigenen Botschaften zu besetzen: Coca-Cola liefert die Hymne für das tunesische Nationalteam, nachzulesen im brillianten Middle-East-Soccer-Fußballblog. Das sind einmalige Geschichten, deren Bedeutung weit über die eigentliche Banalität des Spiels hinausreicht, und die zumindest mir einen Zugang zu einem komplexen wie faszinierenden Kontinent ermöglichen. Ich will versuchen, in den nächsten Wochen immer mal über den Fortgang des Turniers zu bloggen und den ein oder anderen interessanten Link hier posten.