Vor fast einem Jahr, Anfang Oktober 2011, war ich in Köln auf einer Sportjournalistenkonferenz des DLF. Die Eröffnungsrede hielt Jens Weinreich. Er erzählte von seinen Recherchen bei FIFA und IOC, wie sich der Journalismus insgesamt verändern würde, wie er das Web für seine Arbeit nutzt. Es war eine gute, kluge und teilweise auch provokante Rede. Jens Weinreich als Eröffnungsredner auf einer DLF-Konferenz, da musste man annehmen, dass dieser Mann ein Aushängeschild des Radiosenders ist. Sonst hätte man ihn wohl kaum auf die Bühne gebeten. Jetzt wurde Jens Weinreich vom Deutschlandfunk vor die Tür gesetzt, und wie das abgelaufen ist, beschreibt er ausführlich in seinem Blog. Die Kündigung ist für ihn persönlich tragisch, nach eigener Aussage gehen ihm jetzt mal eben mehr als ein Drittel seiner Einnahmen flöten. Doch diese Personalie sagt auch etwas über den Zustand der Sportberichterstattung in Deutschland aus.
Ich will mich jetzt gar nicht über den Sachverhalt an sich groß auslassen. Ich weiß nicht, was genau zwischen dem DLF und Weinreich vorgefallen ist. Zumindest legen aber Kommentare wie dieser hier von Grit Harmann, die ebenfalls für den DLF tätig gewesen ist, nahe, dass der DLF hier tatsächlich großen Mist gebaut hat. Jens Weinreich stellt es jedenfalls so dar, dass Mitglieder des Sportausschusses Druck auf den DLF ausgeübt haben, Weinreich kalt zu stellen. Er hat immer wieder kritisch über den Sportausschuss des Bundestages und die Berichterstattung darüber geschrieben. Insbesondere diese Kollegenschelte führt der DLF jetzt als Grund für die Kündigung an. Das wäre schon ein starkes Stück, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender auf Druck von Politikern einen kritischen Journalisten abzieht.
Weinreich zeigt auf seinem Blog einen Brief, den er an die DLF-Sportredaktion geschrieben hat. Ich will daraus nur eine Passage rausgreifen.
Ich quatsche aber nicht nur so daher, ich lebe das, was ich da sage. Ich stelle mich der Diskussion. Ich lasse mich kritisieren. Ich will diese Kritik. Ich korrigiere meine Fehler öffentlich. Und ich stehe zu diesen Fehlern. Ich lerne daraus. Und, in aller Unbescheidenheit, ich habe damit (wie zuvor mit dem sportnetzwerk) eine Menge vor allem junger Kollegen inspiriert.
Jeder von uns (mehr oder weniger) jungen Journalisten hat Vorbilder. Ich kann jetzt nicht sagen, dass es genau die drei Journalisten gibt, denen ich unbedingt nacheifern will. Ich orientiere mich an vielen Vorbildern; bei einer Journalistin gefällt mir der originelle Schreibstil, bei einem anderen Reporter gefällt mir, wie er es als Einzelkämpfer geschafft hat, sich einen Namen zu machen. Aber wenn ich einen Journalisten rausgreifen müsste, der für mich beispielhaft dafür steht, wie ich mir Journalismus vorstelle, dann würde ich Jens Weinreich nennen. Er hat eine klare Haltung, er steht für journalistische Werte. Er arbeitet sich seit Jahren erfolgreich an Themen ab, die weder in der Öffentlichkeit, noch bei den Mächtigen auf viel Gegenliebe stoßen. Und als wäre es nix, zeigt er wie kaum ein anderer deutscher Journalist, wie man modernen Journalismus im Web macht.
Natürlich ist er oft unbequem, mit seiner Art über Kollegen zu urteilen auch herablassend. Aber, sorry, er kann es sich leisten. Seine Ergebnisse sprechen für sich. Was muss ich nun von einer Redaktion wie dem DLF halten, die einen solchen Kollegen einfach vor die Tür setzt? Ich sage es mal aus meiner Perspektive: Als potenzieller Arbeitgeber wird der Deutschlandfunk (der Luftlinie 300 Meter von mir weg ist) dadurch nicht attraktiver. Ich sehe nun einen Sender, der bei politischem Gegenwind seine Reporter nicht schützt, sondern einknickt, ja diese sogar vor die Tür setzt. Ich muss nun den Eindruck gewinnen, dass es beim DLF nicht gewünscht wird, wenn Journalisten sich mit den Mächtigen anlegen. Ich muss den Eindruck gewinnen, dass zumindest in der Sportredaktion kritischer Journalismus nicht gefragt ist.
Der Journalismus hat es heutzutage schwer, Journalisten haben es noch schwerer. Es gibt nicht mehr viele Medien, die sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten noch trauen, wirklich unbequem zu sein. Gerade ein öffentlich-rechtlicher Sender wie der DLF sollte aber genau dafür stehen. Wie es scheint, ist das nicht der Fall. Das macht nicht gerade Mut für die Zukunft des deutschen (Sport-)Journalismus.


