Archiv der Kategorie: Sportberichterstattung

Sport und Sportgemecker

@DLF kündigt @JensWeinreich – Über Vorbilder im Journalismus

Jens Weinreich auf der DLF-Konferenz im Oktober 2011.

Vor fast einem Jahr, Anfang Oktober 2011, war ich in Köln auf einer Sportjournalistenkonferenz des DLF. Die Eröffnungsrede hielt Jens Weinreich. Er erzählte von seinen Recherchen bei FIFA und IOC, wie sich der Journalismus insgesamt verändern würde, wie er das Web für seine Arbeit nutzt. Es war eine gute, kluge und teilweise auch provokante Rede. Jens Weinreich als Eröffnungsredner auf einer DLF-Konferenz, da musste man annehmen, dass dieser Mann ein Aushängeschild des Radiosenders ist. Sonst hätte man ihn wohl kaum auf die Bühne gebeten. Jetzt wurde Jens Weinreich vom Deutschlandfunk vor die Tür gesetzt, und wie das abgelaufen ist, beschreibt er ausführlich in seinem Blog. Die Kündigung ist für ihn persönlich tragisch, nach eigener Aussage gehen ihm jetzt mal eben mehr als ein Drittel seiner Einnahmen flöten. Doch diese Personalie sagt auch etwas über den Zustand der Sportberichterstattung in Deutschland aus.

Ich will mich jetzt gar nicht über den Sachverhalt an sich groß auslassen. Ich weiß nicht, was genau zwischen dem DLF und Weinreich vorgefallen ist. Zumindest legen aber Kommentare wie dieser hier von Grit Harmann, die ebenfalls für den DLF tätig gewesen ist, nahe, dass der DLF hier tatsächlich großen Mist gebaut hat. Jens Weinreich stellt es jedenfalls so dar, dass Mitglieder des Sportausschusses Druck auf den DLF ausgeübt haben, Weinreich kalt zu stellen. Er hat immer wieder kritisch über den Sportausschuss des Bundestages und die Berichterstattung darüber geschrieben. Insbesondere diese Kollegenschelte führt der DLF jetzt als Grund für die Kündigung an. Das wäre schon ein starkes Stück, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender auf Druck von Politikern einen kritischen Journalisten abzieht.

Weinreich zeigt auf seinem Blog einen Brief, den er an die DLF-Sportredaktion geschrieben hat. Ich will daraus nur eine Passage rausgreifen.

Ich quatsche aber nicht nur so daher, ich lebe das, was ich da sage. Ich stelle mich der Diskussion. Ich lasse mich kritisieren. Ich will diese Kritik. Ich korrigiere meine Fehler öffentlich. Und ich stehe zu diesen Fehlern. Ich lerne daraus. Und, in aller Unbescheidenheit, ich habe damit (wie zuvor mit dem sportnetzwerk) eine Menge vor allem junger Kollegen inspiriert.

Jeder von uns (mehr oder weniger) jungen Journalisten hat Vorbilder. Ich kann jetzt nicht sagen, dass es genau die drei Journalisten gibt, denen ich unbedingt nacheifern will. Ich orientiere mich an vielen Vorbildern; bei einer Journalistin gefällt mir der originelle Schreibstil, bei einem anderen Reporter gefällt mir, wie er es als Einzelkämpfer geschafft hat, sich einen Namen zu machen. Aber wenn ich einen Journalisten rausgreifen müsste, der für mich beispielhaft dafür steht, wie ich mir Journalismus vorstelle, dann würde ich Jens Weinreich nennen. Er hat eine klare Haltung, er steht für journalistische Werte. Er arbeitet sich seit Jahren erfolgreich an Themen ab, die weder in der Öffentlichkeit, noch bei den Mächtigen auf viel Gegenliebe stoßen. Und als wäre es nix, zeigt er wie kaum ein anderer deutscher Journalist, wie man modernen Journalismus im Web macht.

Natürlich ist er oft unbequem, mit seiner Art über Kollegen zu urteilen auch herablassend. Aber, sorry, er kann es sich leisten. Seine Ergebnisse sprechen für sich. Was muss ich nun von einer Redaktion wie dem DLF halten, die einen solchen Kollegen einfach vor die Tür setzt? Ich sage es mal aus meiner Perspektive: Als potenzieller Arbeitgeber wird der Deutschlandfunk (der Luftlinie 300 Meter von mir weg ist) dadurch nicht attraktiver. Ich sehe nun einen Sender, der bei politischem Gegenwind seine Reporter nicht schützt, sondern einknickt, ja diese sogar vor die Tür setzt. Ich muss nun den Eindruck gewinnen, dass es beim DLF nicht gewünscht wird, wenn Journalisten sich mit den Mächtigen anlegen. Ich muss den Eindruck gewinnen, dass zumindest in der Sportredaktion kritischer Journalismus nicht gefragt ist.

Der Journalismus hat es heutzutage schwer, Journalisten haben es noch schwerer. Es gibt nicht mehr viele Medien, die sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten noch trauen, wirklich unbequem zu sein. Gerade ein öffentlich-rechtlicher Sender wie der DLF sollte aber genau dafür stehen. Wie es scheint, ist das nicht der Fall. Das macht nicht gerade Mut für die Zukunft des deutschen (Sport-)Journalismus.

Gold für Drepper und Schenck: Journalisten siegen gegen Innenminister #openFriedrich

Manchmal siegt das Gute eben doch: Die Journalisten Daniel Drepper und Niklas Schenk haben 14 Monate lang dafür gekämpft, die Medaillenvorgaben des Bundesinnenministeriums und des DOSB für die deutsche Olympiamannschaft in London einsehen zu dürfen. Das Ministerium, allen voran Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) haben sich mit Zähnen und Klauen dagegen gewehrt. Die Journalisten sollten mit bürokratischen Spitzfindigkeiten, horrenden Gebühren und nicht zuletzt politischem Druck daran gehindert werden, den Umgang mit 130 Millionen Euro Steuergeld öffentlich zu machen.

Am Ende entschied sogar das Berliner Verwaltungsgericht zu Gunsten der Pressefreiheit und ordnete an, die Vorgaben öffentlich zu machen. Das alles interessierte Friedrich nicht, stattdessen versuchte er sich aus der Nummer rauszuwinden. Am Ende siegte wohl die Einsicht, in dieser Schlacht nicht mehr gewinnen zu können. Die Zielvereinbarungen sind jetzt öffentlich. Sie offenbaren ein Sportsystem, das maßlos und wider jeden sportlichen Sachverstand nur eins kennt: Medaillen, Medaillen, am besten goldene Medaillen.

28 mal sollte in London die deutsche Nationalhymne erklingen. So häufig wie seit Barcelona 1992 nicht mehr. In Peking 2008 gab es noch 16 goldene Plaketten. Daniel Drepper und Niklas Schenk ging es bei ihren Recherchen immer um die eine Frage: Welchen Sport wollen wir in Deutschland? Wenn man sich diese Gier nach Medaillen anguckt, weiß man zumindest, welchen Sport man beim DOSB und dem BMI will: Den erfolgreichen Sport, und zwar um jeden Preis. Und da kann man gleich beim schlimmsten Übel anfangen: Wer insgesamt 86 Medaillen will (und mutmaßlich Förderung an Erfolge knüpft), ist bereit, bei Doping beide Augen zuzudrücken. Ja, er setzt geradezu einen Anreiz für Trainer und Athleten, zu verbotenen Substanzen zu greifen, um auf jeden Fall die Planvorgaben des Staates einhalten zu können. Hier geht es um Arbeitsplätze, um Zukunftsaussichten junger Menschen, um (sportliche) Existenzen.

Der internationale Sport steht sicherlich an einem Scheideweg: Dem normalen Menschen mögliche Leistungen sind in nahezu allen Disziplinen erreicht. Wie viel schneller kann ein Mensch noch rennen? Wie viel mehr Gewichte kann er noch stemmen? Wie weit kann er noch springen? Wir sind am Limit. Aber die Marketing- und Aufmerksamkeitsindustrie will mehr Rekorde. Sie will die 100 Meter in unter 9,5, den Marathon in unter zwei Stunden sehen. Der Mensch soll über seine Grenzen gehen, und wenn er dazu sein eigenes Erbgut manipulieren muss. Wer absurd viele Medaillen bei Olympia einfordert, spielt dieses Spiel mit.
Und nimmt die daraus erwachsenden Konsequenzen in Kauf. Mit den Medaillenvorgaben ist jetzt die Grundlage für die Diskussion auf dem Tisch: Wie soll der Sport der Zukunft in Deutschland aussehen? Erfolg um jeden Preis oder weniger ist mehr?

Olympia, Transparenz, Rechercheblogs

Länger nicht mehr zum Bloggen gekommen, deshalb ein kleines Mash-Up verschiedener Gedanken der letzten Tage.

Es ist schon komisch mit Olympia: Irgendwie möchte ich, dass es mir egal ist. Aber andererseits kann ich die Faszination des größten Sportfests der Welt nachvollziehen. Es ist eben nicht wie beim Fußball, in dem EM, WM oder Champions League längst völlig aus dem Ruder gelaufene, durchkommerzialisierte Marketingveranstaltungen sind, die man nicht mehr ernst nehmen kann. Olympia ist irgendwie anders. Natürlich: Korruption und Kommerz regieren auch diese Veranstaltung, die von den Mächtigen des Sport kaum weniger scheinheilig durchgezogen wird als eine Fußball-WM. Der Fall der Nazi-Braut “Drygalla” mag dafür ebenso als Beispiel dienen wie das Märchen von der saudi-arabischen Judoka, die angeblich eine Ikone der Frauenbewegung sein soll, letztlich aber nur Teil einer schäbigen Inszenierung des IOC ist.

Aber: Irgendwo zwischen dem ganzen Zynismus, den der Sport mittlerweile ausstrahlt, glimmt noch ein kleiner Funken Ehrlichkeit. Weil Olympia trotz allem immer noch den Geist des Amateursports atmet. Dass dort Sportschützen, Judokas und Slalom-Kanuten für einen Moment ins Rampenlicht treten können, hat einen gewissen Charme. Vor kurzem habe ich selbst jemanden kennen gelernt, der Olympiasieger geworden ist. Ich sehe diesen Menschen recht häufig im Alltag, ohne diese Person wirklich gut zu kennen. Aber vor der Leistung “Olympiasieg” habe ich Respekt. Dabei ist die Person ein völlig normaler Mensch mit einem ganz normalen Job und einem einfachen Leben, wie wir es alle führen. Aber sie hat eine Goldmedaille zu Hause. In Olympia steckt der Traum, dass jeder von uns mit seinem Hobby auf einmal etwas Großes erreichen kann, was einem niemals mehr weggenommen werden kann. Das ist der Unterschied zum Fußball, dessen Stars der Wirklichkeit mittlerweile völlig entrückt sind. Zu ihnen blickt man auf wie zu Wesen aus einer Parallelwelt. Olympiasieger aber könnte unser Studienkollege sein, der zufällig ein begnadeter Schwimmer ist. Es könnte unser Arbeitskollege sein, der all seine Freizeit auf einer Ringermatte verbringt oder in einem Ruderboot. Tatsächlich könnte man es selbst sein (wenn man nicht wie ich die 30 schon überschritten hat. Aber das ist ein anderes Thema).

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Schön, wenn es so einfach wäre: Wie es hinter den Kulissen des olympischen Sports zugeht, legen grade einmal mehr die Recherchen von Daniel Drepper und Niklas Schenck offen. Die Journalisten wollten eigentlich etwas ganz einfaches wissen: Wie viele Medaillen werden von den verschiedenen Sportarten eigentlich vom DOSB und dem Innenministerium erwartet? In den Sport werden Millionen an Steuergeldern gesteckt, auf dass die Athleten den Ruhm der Nation mehren mögen. Insofern ist es nachvollziehbar, dass diejenigen, die das Geld verteilen (BMI und DOSB) dafür auch entsprechende Leistungen erwarten. Weniger nachvollziehbar ist, warum diese Zielvorgaben mit einer Geheimniskrämerei behandelt werden wie ein Rüstungsvertrag zwischen Deutschland und Israel. Drepper und Schenck rannten mit ihrer anscheinend banalen Frage gegen eine feste Schweigemauer. Tatsächlich wurde den Sportverbänden von höchster Stelle sogar verboten, den Journalisten Informationen zu dem Thema zukommen zu lassen. Am Ende brauchte es ein Gericht, dass dem Ministerium und dem Sportbund erklärte, wie ein demokratischer Staat die Bürger über die Verwendung von Steuergelden zu informieren hat.

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Nachlesen kann und sollte man das alles im WAZ- und im Stern-Rechercheblog, in denen gemeinsam die Recherchen zum olympischen Komplex dokumentiert werden. Natürlich ist auch Jens Weinreich zu diesem Thema Pflichtlektüre, der es mit bewundernswerter Akribie schafft, nahezu jeder deutschen Medaille etwas von ihrem Glanz zu nehmen. Weinreich ist sicherlich einer der besten und erfolgreichsten Rechercheblogger dieses Landes. Ich hatte schon mal über das Rechercheblog von Daniel Drepper geschrieben und werde an anderer Stelle demnächst ausführlich über dieses Thema schreiben. Aber gerade die aktuellen Enthüllungen in Sachen DOSB/BMI zeigen die Wirkmacht, die das Medium Blog entfalten kann. Natürlich ließen sich die Fakten auch gut in einem Zeitungstext beschreiben. Doch die gesamte Brisanz des Falles, in dem immerhin ein Bundesministerium vorsätzlich Pressearbeit mit allen Mitteln behindert, entfaltet sich erst, wenn Daniel Drepper diese Vorgänge in aller Ausführlichkeit beschreibt und mit Gerichtsakten belegt. Gerade in dieser Sache sind die Vorgänge hinter den Kulissen mindestens genauso wichtig, wie das Thema selbst. In einem gedruckten Medium ließe sich das nie in dieser Ausführlichkeit dokumentieren.

Es ist ein gutes Zeichen, dass diese Blogs in immer größerer Zahl entstanden sind. Sie zeigen, dass anspruchsvoller und vor allem investigativer Journalismus auch im Netz und dort mit ganz anderen Mitteln möglich ist. Noch spielen sich die ganz großen Enthüllungen vor allem im Print und im TV ab. Das wird sicherlich auch noch so bleiben. Doch wenn es darum geht, über ein Thema über einen längeren Zeitraum zu berichten, und kontinuierlich Druck auszuüben, scheinen mir Blogs sogar das probatere Medium zu sein.

Pflichtlektüre: “Fifa Mafia” entlarvt die kriminellen Strukturen des Weltfußballs

Der internationale Profi-Fußball hat noch zwei Jahre bis zu seiner eigenen Abschaffung als ernsthafte Sportart. Nach der WM 2014 im Land des fünffachen Weltmeisters und Erfinder des schönen Spiels, Brasilien, verabschiedet sich der ohnehin schon völlig überkandidelte Zirkus endgültig in die Kasperletheaterliga. 2016 wird die Euro erstmals mit dem halben europäischen Kontinent als Teilnehmerfeld ausgetragen, und damit zur aufgeblasenen Farce eines Fußballturniers. Danach folgt (nach derzeitigem Stand) eine WM in Russland, der größten Scheindemokratie der Welt, bevor es dann zur Krönung des absurden Tehaters in den Glutofen des Scheich-Staates Katar geht, wo die Stadien in Sichtweite voneinander entfernt stehen werden. Wie es soweit kommen konnte, schildert der SZ-Journalist Thomas Kistner in seinem Buch Fifa-Mafia, in dem er die Ergebnisse aus mehr als 20 Jahren investigativer Recherche im Weltfußball bündelt.

Es ist nicht alles neu, was Kistner da auf gut 400 Seiten ausbreitet. Aber in dieser konzentrierten Form entfachen Kistners Recherchen noch mal eine ganz besondere Wirkung. Kopfschüttelnd arbeitet man sich durch das hochkomplexe Konvolut von Fakten, Seilschaften und juristischen Winkelzügen. Ein Leser, der noch nie von Fußball und Sepp Blatter gehört hätte, müsste denken, er würde hier einen brilliant ausgedachten Krimi lesen. Doch die handelnden Personen sind alle real. Weitestgehend unbehelligt von der Justiz, hofiert von der Politik, alle vier Jahre euphorisch bejubelt von der Sportpresse, hat sich eine kleine Gruppe von Männern ein Geld druckendes Sportimperium aufgebaut, mit dem Cäsaren Sepp Blatter an der Spitze. Als Leser schämt man sich angesichts Kistners Enthüllungen für jeden Euro, den man je für ein Fußballspiel ausgegeben hat.

Nun gut, aber das Spiel läuft doch, Fußball ist halt Fußball, mag der ein oder andere entgegen halten. Soll man sich doch nicht so drüber aufregen, solange auf dem Platz noch Elf gegen Elf spielen und die Fans ihren Spaß haben. Dass diese Sichtweise bestenfalls naiv, wenn nicht gefährlich dumm ist, zeigt sich im letzten Drittel von Kistners Buch, in dem er beschreibt, wie sich die jahrzehntelangen Korruptionsgeschäfte der Fifa-Familie auf bedenkliche Weise zuspitzen. Zu viele Abhängigkeiten sind in den Jahrzehnten entstanden, zu viele neue und mächtige Gestalten drängen ins Fußballgeschäft und wollen dessen globalen Einfluss für ihre Machenschaften nutzen. Was als Spiel von einer handvoll cleverer, aber gewissenloser Funktionärsgestalten begann, ist längst zu einem unkontrollierbaren Wettlauf zahlreicher Interessengruppen geworden. Clans der asiatischen Wettmafia, Oligarchen aus Osteuropa, dubiose Machthaber winziger, aber superreicher Ölstaaten haben alle den Fußball als perfektes Illusionstheater entdeckt, mit dem sich ihre kriminellen Machenschaften wunderbar verschleiern lassen. Geschützt vom Funktionärsstatus der Fifa und der Autonomie des Sports haben sich zahlreiche Figuren, die jedem James-Bond-Bösewicht Ehre machen würden, ein kriminelles Netzwerk im Fußball aufgebaut, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Und alle hängen mit drin: Große Namen wie Günther Netzer oder Franz Beckenbauer tauchen in dieser Gemengelage ebenso auf wie der FC Barcelona, Bayern München oder die deutsche Vorzeigefirma Adidas.

Zwar wachen die Ermittlungsbehörden langsam aber sicher auf und setzen ihre Strafverfolger auf die Fifa an. Doch die weiß sich zu wehren. Längst hat sie begonnen, auch die Sicherheitsapparate zu umgarnen und zu unterwandern – und ist dabei, geheimdienstähnliche Strukturen aufzubauen. Mittendrin thront Sepp Blatter: Fast scheint es, als würden ihn jeder weitere Skandal nur noch unantastbarer machen. Eine der mutmaßlich korruptesten Figuren der Sportgeschichte schielt dabei unverfroren auf den Friedensnobelpreis. All das schildert Kistner fakten- und kenntnisreich im lakonischen Tonfall des Journalisten, der inzwischen schon zu viel gesehen und erlebt hat, als dass ihn noch irgendeine Enthüllung aus dem Fifa-Dunstkreis überraschen könnte. Hoffnung, dass der Fußball noch zu retten ist, scheint zwischen seinen Zeilen kaum durch. So wird Kistners Buch auch zu einer traurigen Chronik über den Niedergang eines Sports, der sich von einem Wettkampf ehrbarer Sportsmänner zu einer der zynischsten wie auch erfolgreichsten Industrien der Welt gewandelt hat.

Die einzige Chance scheint wohl eine radikale Erneuerung der Fifa mit einem kompletten Austausch des Personals zu sein. Darauf hoffen kann man nicht. Aber jeder, der dieses Buch kauft, trägt schon mal ein bisschen dazu bei; in dem er dokumentiert, dass ihm kritischer Sportjournalismus etwas wert ist. Und wer weiß: Vielleicht wachen die Fans ja irgendwann selber auf und kehren dem monströsen Spektakel, das sie selbst geschaffen haben, den Rücken zu. Und zumindest eine Hoffnung will ich persönlich aufrecht erhalten: Dass im Jahr 2022 der Anstoß zur Fußball-WM nicht in Katar erfolgt.

Mein EM-Tagebuch (XV): Deutscher Journalismus und Social Media wollen nicht zusammen finden

Gerade lese ich mich so durch meinen Feedreader, da fallen mir zwei Artikel auf: Zum einen berichtet Universalcode von einer Studie, der zu Folge immerhin 45 Prozent der deutschen Journalisten glauben, für den Umgang mit Sozialen Netzwerken gerüstet zu sein. Kurz danach lese ich diesen Text bei Richard Gutjahr: Deutschland liegt weltweit nur auf Platz 18 bei der Zahl der Twitteraccounts. Irgendwas passt hier also nicht zusammen. Und bei der EM-Berichterstattung von ZDF und ARD konnte man mal wieder deutlich sehen, woran es krankt, wenn deutsche Journalisten Soziale Netwerke nutzen. Zwar wird durchaus viel gemacht: Aber der Zuschauer bekommt davon nichts mit.

Dass deutsche Journalisten glauben, für Social Media gut gerüstet zu sein, kann nur damit zusammenhängen, dass sie das wahre Potenzial der Netzwerke noch gar nicht erlebt haben. Sie reden wie jemand, der einen Flugsimulator am PC spielt, und dann behauptet, er sehe sich jetzt gut gerüstet, einen Jumbojet zu fliegen.
Gerade Twitter liegt in Deutschland immer noch unter der relevanten Wahrnehmungsschwelle, obwohl es im Vergleich zu Facebook das journalistisch viel interessantere, lebendigere Netzwerk ist. Doch noch immer istder Umgang damit manchmal erstaunlich unbeholfen. Bestes Beispiel war die tapsige Art, mit der das ZDF während der EM Oliver Kahns Twitter-Account einführte. Zwar diskutierten Sportschau und ZDF eifrig mit den Nutzern im Netz während der Spiele und reagierten auch viel auf Bemerkungen zu der Berichterstattung. Doch nur wenig davon fand Eingang in die TV-Berichterstattung.

Das Twitterteam der Sportschau reagierte zügig, wenn die Sendung kritisiert wurde.

Dass Bela Rethy oder Steffen Simon während der Spiele mal auf den offiziellen Hashtag zu den Matches hinwiesen, kam, soweit ich weiß, nie vor. Und ich habe 25 von 31 Spielen gesehen. Geschweige denn, dass sie selbst twittern würden oder mal einen interessanten Tweet in ihre Kommentierung einbauen würden. Gleiches gilt für die Nachberichterstattung. Wäre es so schwer für Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl, ein iPad vor sich hin zu legen, von dem aus sie ein paar interessante Kommentare aus sozialen Netzwerken vorlesen und diskutieren können? Wieso leitet Michael Steinbrecher im Interview nicht mal eine Frage eines Facebook-Nutzers an Jogi Löw weiter? Nichts von alledem, dabei wäre ein Großereignis wie die EM der perfekte Moment gewesen, Soziale Netzwerke (endlich) massentauglich in die Berichterstattung einzubauen.

Der Dialog auf Sozialen Netzwerken ist nur dann bereichernd, wenn die Informationen, den Mehrwert, den Journalisten daraus ziehen, auch ans Publikum weitergeben. Twitter und Facebook sind doch keine in sich geschlossenen Systeme, die man völlig losgelöst von dem Restprogramm eben auch noch bedient. Zur vollen Blüte gelangen sie erst, wenn man das reichhaltige Feedback von dort auch sinnvoll verwertet. Kein Wunder, dass das vorherrschende Urteil über Twitter und Facebook nach wie vor lautet, dass das ja ein ganz netter Zeitvertreib, aber letztlich doch nutzloser Quatsch ist. Evolutionär gesehen klettern wir in Sozialen Netzwerken noch auf Bäumen rum, während andere Länder längst den aufrechten Gang erlernt haben.

Mein EM-Tagebuch (XIV) – 3 neue Fußballweisheiten von der EM 2012

1. Die einzig wahre Turniermannschaft ist Italien.
2. Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen dem Ball hinterher und am Ende gewinnt immer Spanien.
3. Das Spanien von früher heißt jetzt Deutschland.

Mein EM-Tagebuch (XIII) – Spielen wie ein 20-Jähriger: Doping im Fußball lohnt sich doch (IV mit Daniel Drepper)

Dopinggerüchte gehören im Fußball mittlerweile dazu. Bei dieser Euro rankten sie sich um die Ukraine. Im ersten Spiel hatte vor allem der furios aufspielende Schewtschenko die Fachwelt verblüfft. Nach dem Spiel fiel von ihm der verräterische Satz, er fühle sich wie ein 20-Jähriger. Nun wissen wir ja, dass der Jungbrunnen im Sport längst erfunden ist. Es ist alles nur eine Frage der Mittel. Kein Wunder also, dass der Argwohn einiger Journalisten geweckt war. Ins Bild passte da eine mysteriöse Welle von Darmerkrankungen, die mehrere Spieler der Ukraine vor dem Turnier erfasst hatte. Sie deutet womöglich auf den Missbrauch eines Medikaments zur Regenerationsförderung hin; der Mannschaftsarzt der Ukraine war mit einem ähnlichen Fall schon mal aufgefallen. Letztlich blieb es bislang bei Andeutungen und Mutmaßungen, wie so oft im Fußball.

Ein Blog als Rechercheinstrument
Damit sind wir bei Daniel Drepper angelangt. Der Sportjournalist aus Mainz hat vor einiger Zeit das Blog “Fussballdoping.de” gestartet. Daniel ist Mitarbeiter der WAZ-Rechercheredaktion, die sein Blog unterstützt. Es ist ein dickes Brett, das er da bohren will. Denn bislang scheint es, als wäre der Fußball von einer gut imprägnierten Schutzschicht umgeben, an der alle Dopinggerüchte und -anschuldigungen abperlen wie Regentropfen an der Frisur von Christiano Ronaldo. Daniels Hoffnung ist nun, dass sein Blog zur Anlaufstelle für all jene wird, die sich zu dem Thema äußern wollen: Kollegen, Wissenschaftler, aber natürlich hofft er auch auf Insider aus dem Betrieb, ohne deren Hinweise es letztlich nicht gehen wird. Großes Vorbild ist Jens Weinreich, dessen Blog sich zur wichtigsten sportkritischen Plattform in Deutschland entwickelt hat. Dennoch ist es journalistisches Neuland, auf das sich Daniel wagt: Ein öffentliches Blog als Instrument zur investigativen Recherche klingt erst mal wie ein Widerspruch. Daniel glaubt aber an seine Idee: “Es ist ein Langzeitprojekt. Vielleicht dauert es zwei Jahre, vielleicht vier, bis die ersten Durchbrüche gelingen. Wir wollen einfach zeigen, dass wir da jetzt dran bleiben.” Ihm ist es wichtig, überhaupt erst mal eine Diskussionsplattform für das Thema zu schaffen.

Von Bern über Turin nach Nordkorea

Denn dass es ein Thema ist, steht außer Frage. Das geht schon los beim Wunder von Bern, das höchstwahrscheinlich weniger den Schraubstollen von Adi Dassler als den Spritzen des Mannschaftsarztes zu verdanken war. Das geht weiter mit Sprüchen von Peter Neururer über den Einsatz von Captagon in den 80ern (“Die Spieler waren verrückt danach”). Neururer hat das schnell wieder dementiert, aber “ein Dutzend Leute haben es nach ihm bestätigt. Wie viel will man noch?”, sagt Daniel Drepper, der die Berichte von damals für seine Recherchen wieder rausgekramt hat. In den 90ern landet man dann bei Juventus Turin, die in mannschaftlicher Geschlossenheit Epo nahmen. Der Fall ist gerichtsfest. Einer der jüngsten Fälle war schließlich das Doping bei der Frauennationalmannschaft von Nordkorea zur WM 2011, für das
eine dem Metier angemessen bescheuerte Erklärung geliefert wurde, in der ein Blitzschlag und eine Moschuskur eine Rolle spielten.
Und auch um das derzeit erfolgreichste Nationalteam der Welt gibt es Dopinggerüchte. Angeblich hätten die spanischen Spieler Kontakte zum Dopingarzt Eufemanio Fuentes gehabt. Einmal mehr: Nur vage Andeutungen, für die sich in den Fuentes-Akten nach dem Kenntnisstand von Daniel Drepper keine Beweise finden lassen.

Jeder Spieler hat Anreize zu dopen

Wie verhält es sich nun mit einem Turnier wie der Euro? Auf der einen Seite sagt Daniel Drepper: “Die Kontrollen sind für Fußballverhältnisse sehr fortschrittlich.” Auf der anderen Seite sind gerade bei einem großen Turnier die Dopinganreize hoch. Nicht nur für ganze Mannschaften, sondern auch für jeden einzelnen Spieler. Die im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Turniere sind die ganz große Bühne, auf der man sich zeigen kann. Hier legen die Spieler die Grundlagen für den nächsten lukrativen Vertrag. Ein junger Spieler, der hier auf sich aufmerksam machen kann, spielt danach vielleicht in einer der großen Ligen. Auch Werbe- und Ausrüsterverträge spielen sicher eine Rolle. “Der finanzielle Druck ist im Fußball sehr viel höher als in anderen Sportarten”, sagt Daniel Drepper. Da mit Doping die entscheidenden Prozente rauszuholen, wäre naheliegend. Des weiteren sind die (konditionellen) Anforderungen eines Turniers hoch, gerade nach einer ohnehin langen Saison; ein harter Trainings- und Wettkampfrhythmus, der seinen Tribut fordert. Das geht in der Grauzone der Schmerzmittel los, die Fußballer inzwischen einzunehmen scheinen wie andere Leute Multivitamintabletten. Über diese gerade noch legalen Praktiken hinaus ist natürlich alles denkbar, was die gut sortierte Dopingapotheke so her gibt.
Wer das Turnier in Polen und der Ukraine aufmerksam verfolgt, wird nicht nur die ukrainischen Salate merkwürdig finden. Man kommt letztlich auch nicht drum herum zu fragen, unter welchen Umständen sich etwa ein Bastian Schweinsteiger derzeit von Spiel zu Spiel schleppt. Wie ein 20-Jähriger sieht der jedenfalls zur Zeit nicht aus. Vielleicht sollte er mal “Scheva” um Rat fragen.

Wer mehr Interesse an dem Thema hat, kann sich hier das Interview anhören, dass ich vor der Euro via Skype mit Daniel geführt habe.

Mein EM-Tagebuch (XII) – Was ziehe ich heute abend nur an?

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Unterwegs gebloggt mit WP 4 Android

Mein EM-Tagebuch (XI) – Kroatien oder Dänemark? Egal, Hauptsache Spanien!

Ein interessanter Kommentar von Thomas Kistner auf SZ.de rund um das Thema “Schiedsrichterentscheidungen, Torkamera, UEFA, FIFA”: Die These des Top-Journalisten lautet, grob zusammengefasst: Die Sportfunktionäre weisen die Schiedsrichter bei großen Turnieren an, die großen Fußballnationen zu bevorteilen. Die Indizien, die Kistner ins Feld führt, sind die beiden nicht gegebenen Strafstöße gegen Deutschland und Spanien sowie das eindeutige Tor der Ukraine gegen England, das nicht gegeben wurde.

Für mich klingt Kistners Theorie nicht unplausibel, sie passt im Übrigen zu dem, was ich hier vor ein paar Tagen schon mal zum Thema “EM-Erweiterung” geschrieben hatte: Die Verbände haben, angesichts des Drucks von Sponsoren, ein erhebliches Interesse daran, dass die Mannschaften möglichst weit kommen, in denen auch die Top-Stars des Turniers spielen. Für diesen Moment ist es zu aufwendig, alle wichtigen Spiele mit Top-Beteiligung auf fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen durchzugucken. Ein besonders krasses Beispiel der vergangenen Jahre möchte ich dennoch ins Feld führen: Thiery Henrys Handspiel im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Irland.

Bis heute ist es mir unbegreiflich, wie dieses klare Handspiel übersehen werden konnte, immerhin führt(!) Henry den Ball wie ein Basketballspieler und bringt ihn so ins Spiel zurück. Sagen wir mal so: Mich würde es nicht überraschen, wenn auch hier buchstäblich beide Augen zu Gunsten Frankreichs zugedrückt wurden, die zwar nicht so witzige Fans wie die Iren, jedoch deutlich populärere Fußballer in ihren Reihen haben. Das dürfte im Übrigen auch einer der Gründe sein, warum sich die UEFA unter Michel Platini so vehement gegen den Technologie im Fußball einsetzt: Es limitiert ihre Möglichkeiten, das Spiel von außen zu manipulieren (Sepp Blatter ist ja inzwischen Befürworter von Torlinientechnik).

In dieses Bild passen die absurden Setzlisten, die die UEFA für die Relegationsspiele der besten Gruppenzweiten eingeführt hat und die eindeutig und letztlich nicht nachvollziehbar die starken Nationen beeinflussen. Und auch der momentan viel diskutierte UEFA-Koeffizient ist so ein Fall. Wenn sich aus direktem Vergleich, Torverhältnis und Zahl der erzielten Tore keine eindeutige Platzierung ermitteln lässt, kommt noch vor dem Losverfahren ein dubioser Rechenfaktor zum Tragen. Auch der bevorteilt die stärkeren Mannschaften.

Ohne einen Kronzeugen, der auspackt, wird so eine These leider nie zu beweisen sein. Dennoch: Wer glaubt, dass im Fußball wenigstens das, was auf dem Rasen passiert, absolut authentisch und frei von äußeren Einflüssen ist, ist einfach nur naiv.

Mein EM-Tagebuch (X) – Fall Bendtner: UEFA greift endlich durch gegen Torjubel in Unterhose

100.000 Euro Strafe muss der dänische Stürmer Nicklas Bendtner für das teilweise Entblößen seiner unteren Köperregionen während eines offiziellen Fußballspiels zahlen. Das hat die UEFA entschieden und damit endlich ein klares Zeichen gesetzt. Denn was wie ein Einzelfall aussieht, entwickelt sich zu einem Besorgnis erregenden Trend: Anstatt das Trikot auszuziehen, wofür es bekanntlich Gelb gibt, verleihen immer mehr Fußballer ihrer Erregung über einen soeben erzielten Treffer Ausdruck, indem sie sich teilweise oder sogar ganz ihrer Sporthose entledigen.

Der clevere DäneBendtner ist nicht der Erste, der dieses Schlüpferloch im Regelwerk auszunutzen versteht. Die Fußball- und Trendikone des 21. Jahrhunderts, Christiano Ronaldo, aka CR7, machte zuletzt den Jubel mit quasi geöffnetem Hosenstall salonfähig. Gleich mehrfach entblößte der schöne Christian in der vergangenen Saison nach Fernschuss-Toren seinen erigierten Oberschenkel.

Damals hatten die Sittenwächter des Fußballs es noch versäumt, den unschicklichen Jubel zu sanktionieren; vielleicht, weil der teuerste Fußballer der Welt pikante Sonderrechte genießt?

Womöglich haben die Fußballmächtigen auch erst jetzt die wahren Ausmaße des inflationären Hosenverfalls begriffen. Nicht zuletzt müssen sie sich auch vorwerfen lassen, für den Trend zum Blankziehen mitverantwortlich zu sein. Die Rede ist natürlich vom fußballspielenden Löwen Goleo, der seinerzeit bei der WM 2006 sein freizügiges Unwesen trieb. Überhaupt muss die Weltturnier in Deutschland als Beginn der Bewegung des hosenlosen Spiels gelten. Der erste Nachahmer Goleos sollte schon im Finale in Person  Gennaro Gattusos auftreten. Der frischgebackene Weltmeister lief im Überschwang der Freude zwar mit bedecktem Oberkörper, aber untenrum nur mit einer wenig vorteilhaften, schlabbrigen Baumwollbuchse aus dem Zehnerpack bekleidet durch das Berliner Olympiastadion. Ein denkbar peinlicher Auftritt, über den Italien heute schamhaft schweigt.

Doch inzwischen muss man befürchten, dass die Zahl der Nachahmer größer wird, der unziemliche Goleo-Look auf einmal gesellschaftsfähig wird. Schon sieht man die ersten Kinder auf unseren Bolzplätzen freudig ihre Unterhosen präsentieren, wenn ihnen ein Tor gelingt. Es muss nicht weiter ausgeführt werden, wohin diese Debatte noch führen könnte.

Umso wichtiger, dass die UEFA jetzt endlich reagiert.

Schon Ernst Kuzorra wusste um den Vorteil langer Sporthosen, die man früher allein aus praktischen Erwägungen trug. Unvergessen die gewitzte Antwort des Schalker Originals auf die Frage, warum die langen Beinkleider vorteilhaft waren: “Weil wir so lange Dödel hatten”. Damals gab man eben noch was auf sittliches Auftreten. Heute jedoch scheinen die Spieler jeden Respekt vor dem Zuschauer verloren zu haben. Wenn man jetzt einem Spieler wie Bendtner gegenüber nachsichtig ist, fallen bald auch die letzten Hüllen des guten Anstands und wir sehen Dinge auf dem Fußballplatz, die besser da geblieben wären, wo sie hingehören. Man muss die Spieler hier auch vor sich selbst schützen. Bendtner hatte noch Glück im Unglück, dass ein ungewöhnlich breiter Hosenbund den Blick auf sein Danish Dynamite verstellte. Schließlich ist der Junge erst 24, und wir wissen ja, was in Zeiten los wie diesen los ist, wenn ein peinliches Foto einmal auf Facebook gelandet ist. Dann lieber 100.000 Euro gezahlt und die Lektion gelernt.

Dass hohe Geldstrafen etwas bringen, zeigt im Übrigen das Beispiel Robbie Fowler. Der Stürmer des FC Liverpool “schnupfte” einst nach einem Tor die Torlinie weg wie eine Line Koks. Ein geschmackloser, den Drogenkonsum verherrlichender Scherz, der den Kicker zurecht 60.000 Pfund Strafe kostete. Das Ergebnis: Drogen spielen heute im Fußball keine Rolle mehr, stattdessen werben brave Fußballer für Brotaufstrich und Dosenpfand. Man sieht: So manch exzessiver Torjubel hat schon einen Umdenkprozess eingeleitet. Jetzt muss nur noch ein weißer Fußballer zu heftig jubeln, während sein schwarzer Gegenspieler traurig daneben steht. Dann wird die UEFA sicher reagieren und zu euphorischen Torjubel in Gegenwart andersfarbiger Mitspieler streng sanktionieren.