Archiv der Kategorie: Freizeitverhalten

Was ich sonst so tue, um mich bei Laune zu halten.

Croc Shots

Den Eis-Sonntag an einem der wärmsten Orte Kölns verbracht: Dem Hippodrom im Zoo. Dort gammelten auch ein paar Krokos rum, von denen habe ich diese Aufnahmen gemacht. Nichts besonderes, aber ganz nett. Coole Viecher, auf jeden Fall.

Croc Shots

Fische, Muschi, Werner Herzog: Erste Sätze aus meiner post-weihnachtlichen Leseliste

Hier sind die ersten Sätze (oder der Satz, den ich für den ersten hielt) aus meinem Stapel ungelesener Bücher, der nach Weihnachten noch mal um einiges größer geworden ist. Darauf basierend: Welches würdet ihr als erstes lesen?

“A long time ago in a galaxy far, far away, the most important person in a cinema was the projectionist.”

“Wir sind einmalig.”

“Im Jahr 1978 starben alle Fische, dir mir etwas bedeuteten.”

“Ich weiß nicht, warum man sich als Zeitungsmensch vor der digitalen Huffington Post oder einer anderen Netz-Zeitung fürchten soll.”

“Als Paul Jobs Ende des Zweiten Weltkriegs aus der U.S. Coast Guard entlassen wurde, schloss er mit seinen Mannschaftskameraden eine Wette ab.”

“In the year 1878 I took my degree of Doctor of Medicine of the University of London and proceeded to Netley to go through the course prescribed for surgeons in the Army.”

“Autumn Semmel spürte, wie Benjy Schnekes Fingerspitze ihren Schenkel rauf und dann am Saum ihrer Jungenshorts entlang zu ihrer Muschi gleitet.”

“We were somewhere near Lookout Mountain, on the outskirts of LA, when Werner Herzog’s trousers exploded.”

“Es war der letzte Anruf, den ich an meinem 80. Geburtstag erhielt.”

10 Jahre Herr der Ringe-Trilogie (I): Frodo bleibt

Vor zehn Jahren kam der erste Teil der Herr der Ringe-Trilogie ins Kino. Mit einer kleinen Blog-Reihe will ich in den nächsten Tagen und Wochen an dieses kleine Film-Jubiläum erinnern. Teil I: Warum HdR für mich auch Zeitreise ist, wie “Findet Nemo” eine Horde Uruk-Hai besänftigte und was eine Frau namens Frodo damit zu tun hat.

Ich erinnere mich noch genau an Frodo. Mit der Zuverlässigkeit eines Lachses, der zu seinem Laichgebiet zurückkehrt, tauchte sie Jahr für Jahr in dem Mainzer Multiplexkino auf, in dem ich damals arbeitete, um sich und andere Kinobesucher in Stimmung für den nächsten Herr der Ringe-Film zu bringen. Und Frodo kam nicht nur einmal: Frodo war immer da. Jeden Abend erschien sie im Kino in ihrem Kostüm und lief herum. Die Besucher dachten, sie wäre eine Mitarbeiterin des Hauses, aber das stimmte nicht. Frodo kam freiwillig und blieb freiwillig. Das bemerkenswerte an Frodo war, dass Frodo tatsächlich wie Frodo aussah, wahrscheinlich weiß ich deshalb bis heute nicht ihren richtigen Namen. Nicht nur ihr Kostüm war originalgetreu, von der blattförmigen Elbenbrosche bis hin zu den haarigen, übergroßen Füßen. Auch ihr Gesicht, ihre Frisur, ihr ganzes Wesen entsprach ziemlich genau dem Charakter, dessen Abenteuer wir damals gebannt auf der Leinwand verfolgten. Selbst ihre Körpergröße schien auf eine unwirkliche Art zu stimmen. Mir kam sie kaum größer als ein richtiger Hobbit vor.

Mit HdR zurück in die Studentenzeit

Gibt es einen Menschen, der sich damals, als “Herr der Ringe – Die Gefährten” ins Kino kam, dieser Geschichte entziehen konnte? Am 19. Dezember 2001 startete Peter Jacksons Epos zeitgleich auf der ganzen Welt. Ich hatte erst im Sommer davor das Buch gelesen, um nicht unvorbereitet in den Film zu stolpern. Damit scheide ich sicher als Hardcore-Fan aus, ich kenne Leute meines Alters, die kannten die Geschichte schon damals in- und auswendig. Das gilt nun für mich und die Filme: Es ist ein schönes Ritual geworden, jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit die DVDs (extended Edition) rauszukramen und nach Mittelerde zurückzukehren. Über drei Abende verteilt sehe ich mir die Filme dann wieder ganz in Ruhe an.

 

Für mich ist das immer auch eine Zeitreise: In dem Moment, in dem Howard Shores fantastischer Score ertönt, läuft vor meinem inneren Auge parallel noch ein anderer Film ab, mit Frodo in einer kleinen Nebenrolle (s.o.). Als die Filme ins Kino kamen, hatte ich gerade das erste Semester meines Studiums in Mainz begonnen. Natürlich suchte ich mir als erstes einen Nebenjob, nicht nur des Geldes wegen, auch um mich vom Studium ein wenig abzulenken. Die Stelle als Einlasser im Mainzer Cinestar sollte sich dafür als perfekt erweisen: Lange Arbeitszeiten mit anschließendem Kneipenbesuch, gratis Kinobesuche satt, viele junge Leute in der gleichen, trinkfreudigen Lebenssituation, mehr gibt es nicht zu sagen. In diesem Kino habe ich nicht nur Freunde gefunden, sondern auch die Frau kennen gelernt, mit der ich heute zusammenlebe. Unsere Tochter ist jetzt 14 Monate alt. 14 1/2.

Ein Kinosaal voller Uruks

Die Herr der Ringe-Filme sind mit dieser Zeit untrennbar verbunden: Der erste Teil war ein bombastischer Erfolg gewesen. Die Vorstellungen waren über Wochen und schließlich Monate immer voll und so fieberten wir den Fortsetzungen geradezu entgegen. Zu den Premieren erschienen nicht nur einige verrückte Besucher (s.o.), sondern auch Mitarbeiter verkleidet. Unsere Dekorateure hatten sich richtig ins Zeug gelegt und im Foyer eine kleine Hobbithöhle aus Pappmaché errichtet.

 

Der Besucheransturm zu den Premierennächten war jedesmal gewaltig. Die Nacht, in der “Die Rückkehr des Königs” anlief, sollte unvergesslich werden: In acht von zehn Sälen lief die komplette Trilogie am Stück, alle waren natürlich ausverkauft. Nicht nur ich hatte eine 16-Stunden-Schicht vor Augen, und dann passierte es: Im größten Kinosaal implodierte beim Start von “Die Gefährten” der Projektor, nichts ging mehr. Zum Glück ging in den anderen Sälen alles gut, aber in einem saßen trotzdem 500 Hardcore-HdR-Fans, die auf das Filmereignis ihres Lebens warteten und nun völlig perplex auf eine schwarze Leinwand starrten. Eine Horde kämpfender Uruk-Hai könnte nicht angsteinflößender sein. Nun, wie beruhigt man diese Meute am besten? Mit einem Kinderfilm: Nachdem der Projektor repariert war, spielten wir den Leuten als Auftakt zu sechs Stunden Schlachtengemetzel “Findet Nemo” vor, und das fanden die gar nicht mal so schlimm. Was vielleicht auch daran lag, dass als flankierende Maßnahme der sonst übliche Bezahlzwang an den Popcorn-Theken aufgehoben wurde. Die Verkäuferinnen schmissen mit Ware um sich, dass es eine Freude war. Ich erinnere mich, wie ich randvoll gepackte Einkaufswägen aus dem Süßwarenlager zu den Theken schob, die binnen weniger Minuten wieder geleert waren. Halleluja, war das eine Party!

 

Und mitten in diesem Chaos lief eine kleine Kreatur im Hobbit-Kostüm rum und tat das einzig richtige: Das, was sie jeden Abend tat. Sie war Frodo und erheiterte damit die Gäste. Nie war ich dankbarer, dass sie da war. Was aus Frodo geworden ist, weiß ich nicht. Ich nehme an, dass sie immer noch regelmäßig ihr Kostüm überstreift. Und vielleicht guckt sie ja auch wie ich Jahr für Jahr die HdR-Trilogie und denkt dabei an ein paar unvergessliche Jahre zurück.

Im nächsten Teil: Die Antwort auf die wichtigste Filmfrage seit “Wer ist der beste Bond-Darsteller?”

Jemand London-Tipps für mich?

Vom 24. bis zum 27. bin ich für ein paar Tage in London. Einfach so, nicht allein, aber auch nicht zu dritt. Wird toll, bestimmt. Wenn jemand Tipps hat, was man in dieser süßen, kleinen Stadt so machen könnte, immer her damit. Danke!

Vom Orm verlassen – Buchreview: “Das Labyrinth der träumenden Bücher”

Walter Moers’ neuer Zamonien-Roman “Das Labyrinth der träumenden Bücher” endet mit einer Entschuldigung. Das eigentliche Buch ist da schon zu Ende, die Geschichte aber nicht: Sie fängt hier erst an. Im Nachwort verkündet Moers, was man als Leser irgendwann schon selber ahnte: Leider ist er mit dem Buch nicht fertig geworden, es wird einen zweiten Teil geben.  Das alles steht in einer Passage des Nachworts, die viel über den ganz realen, irdischen Literaturbetrieb verrät. Noch mehr verrät sie aber über Moers selber: Gewollt oder nicht erklärt er hier, warum “Das Labyrinth der träumenden Bücher” sein bisher schwächster Roman ist. Wer zwischen den Zeilen ließt, kann nur zu einem Schluss kommen: Genau wie der schreibende Dinosaurier Mythenmetz zu Beginn des neuen Romans ist auch Moers vom Orm, der mythischen, zamonischen Inspirationsenergie,  verlassen worden

Tatsächlich ist “Das Labyrinth der träumenden Bücher” eine mehr als 400 Seiten lange Enttäuschung. Eine Enttäuschung, die sich in Ärger verwandelt, wenn man das Buch wie ich völlig blind und ohne Vorberichte gekauft und von Anfang bis Ende gelesen hat. Glaubt man dem Nachwort von Moers, spielte sich das Ganze so ab: Der Autor, also der echte, richtige Fleisch-und-Blut-Walter Moers, schaffte die vom Verlag gesetzte Deadline nicht. Die vom Zamonien-Übersetzer Moers vorgeschobene Ausrede ist, dass die Übersetzung des epischen Werks von Mythenmetz mehr Zeit als gedacht brauchte. Tatsächlich kann das nur bedeuten, dass Moers mit seiner eigenen Geschichte arge Probleme bekam, weshalb sie nicht fertig wurde. Die Lösung des Problems: “Das Labyrinth der träumenden Bücher” wird als Zweiteiler veröffentlicht.

In irritierender Offenheit schreibt Moers auch gleich, welche Vorteile das bringt: Er hat Zeit, seine Geschichte vernünftig zu Ende zu bringen, die Leser können sich schon bald auf einen neuen Zamonien-Roman freuen und der Verlag darf zweimal abkassieren. Als Leser kann man sich da nur veralbert vorkommen. Wirklich Lust, Geld für einen zweiten Teil vom “Labyrinth der träumenden Bücher” auszugeben, hat man nach der Lektüre des ersten nämlich nicht. Das Einzige, was einen zum Weiterlesen animieren könnte, ist die Hoffnung, dass Moers dann zu alter Größe zurückfindet und Zamonien endlich wieder zu der einzigartigen Fantasiewelt wird, die Moers mit den Vorgängern aufgebaut hat.

Tatsächlich klingt Moers’ Entschuldigung, die ganze Geschichte nicht in ein Buch gekriegt zu haben, erst Recht wie Hohn. Die Geschichte, wie Hildegunst von Mythenmetz 200 Jahre nach den Ereignissen aus “Die Stadt der träumenden Bücher” in eben jene zurückkehrt und ein neues, modernes Buchhaim vorfindet, ist ein quälend langatmiger Reisebericht, die ohne Probleme um mindestens die Hälfte kürzbar gewesen wäre. Ein wesentliches Element von Walter Moers Stil war schon immer die opulente Aufzählung zahlloser Kuriositäten und zamonischer Extravaganzen. “Käpt’n Blaubär”, “Rumo” und die “Träumenden Büchern” wurden so zu opulenten, überbordenden, Fantasy-Epen, Zamonien zu einer Welt, die keine Grenzen kennt, in der alles vorstell- und machbar wurde. Doch schon im “Schrecksenmeister” zeigten sich erste Abnutzungserscheinungen, ging das Staunen über Moers’ grenzenlosen Einfallsreichtum mitunter in gelangweiltes Gähnen über. Mit dem “Labyrinth” scheint die Quelle von Moers’ einst sprudelnder Phantasie nun endgültig versiegt zu sein.

Zwar erschafft Moers immer noch wahre Panoptiken zamonischer Skurrilitäten, doch sie entfalten keinen Sog mehr auf den Leser. Scheinbar endlos ist Mythenmetz’ Erkundung des neuen Buchhaim, das mit dem pittoresken Bücherstädtchen von einst nichts mehr zu tun hat. Doch keine seiner Entdeckungen entfaltet Handlungsrelevanz, kein Bild, das auf die Leinwand des Kopfkino projiziert wird, bleibt hängen. Höhepunkt dieses trägen Konvoluts ist eine seitenlange Nacherzählung des Vorgängerromans, der es im modernen Buchhaim zur gefeierten Theateraufführung gebracht hat. Was sicherlich ein besonders raffinierter Winkelzug im Spiel mit den verschiedenen Autorenpersönlichkeiten sein soll, ist leider nur eine ermüdende Wiederholung des längst Bekannten, wie man überhaupt beständig das Gefühl hat, dass sich im “Labyrinth” die Geschichte des Vorgängerromans einfach nur wiederholt.

Einst glichen Moers’ Bücher reißenden Strömen, deren irrwitzige Handlungen einen von einem Abenteuer ins nächste spülten. “Das Labyrinth der träumenden Bücher” hingegen ist eher ein Wackelpudding, der in alle möglichen Richtungen wabert, aber nie in der Lage ist, aus seinem erstarrten Zustand auszubrechen. In erstaunlicher Parallelität haben sich Walter Moers und sein Alter Ego Mythenmetz einander angenähert: Denn zu Beginn der Geschichte sieht sich auch der selbst ernannte größte Schriftsteller Zamoniens damit konfrontiert, dass seine Bücher keinerlei Magie mehr entfalten, zu literarisch bedeutungsloser Massenware verkommen sind. Könnte es also sein, dass Moers mit Absicht einen besonders langweiligen Roman vorgelegt hat, um den Abstieg seines Protagonisten deutlich zu machen? Das wäre dann in der Tat eine besonders raffinierte Form der Ironie, von deren weiterem Einsatz man nur dringend abraten kann. Ansonsten wird es in ganz Zamonien bald so dunkel wie im Bücherlabyrinth von Buchhaim.

Tim und Struppi – Indiana Jones mit Tolle

Wie in vielen Städten gab es auch in meiner Heimat einen Bücherbus der Stadtbücherei, in Herne trug er den schönen Namen “Schmökermolly”. Sein Halt bei uns direkt um die Ecke war für mich ein fester Termin in der Woche. Als erstes durchwühlte ich in der Schmökermolly immer die Kiste mit den Comics. Und mindestens ein Band von Tim und Struppi lag am Ende immer auf dem Stapel. Ich habe mich auf den Spielberg-Film darum einerseits sehr gefreut, andererseits war ich skeptisch, als ich hörte, dass es ein komplett am Computer erstellter, motion-gecaptureter Film werden würde. Könnte man so den Charme so liebenswerter Figuren wie Schultze & Schulze, Kaptain Haddock und natürlich Tim und Struppi selbst rüber bringen?

Man kann. Es ist bemerkenswert, dass hinter den Computergesichtern inzwischen so etwas wie eine schauspielerische Leistung zu erkennen ist. Aber tatsächlich ist es gelungen, Tim zu einem verschmitzten Reporter zu machen, Kaptain Haddock zu einem triefäugigen, traurigen Seebären und Saccharin zu einem verschlagenen Bösewicht. Die Figuren sind, man muss es so sagen, sehr liebenswert und detailreich gestaltet.

Umso simpler ist die Geschichte um ein sagenumwobenes Schiffsmodell der Haddock-Familie, das den Weg zu einem alten Schatz weisen soll. Entschlüssele das Rätsel, finde den Schatz, sei schneller als die Bösen. Das ist ein uraltes Spielberg-Rezept, das drei Indiana Jones-Filme zu Welterfolgen machte. Mit Tim und Struppi kehrt der Regie-Altmeister nur zu deutlich zu seinen Wurzeln zurück. Unentwegt fühlt man sich an die Wüstenlandschaften aus “Die Jäger des verlorenen Schatzes” erinnert, an die irrwitzigen Verfolgungsjagden aus “Der Tempel des Todes”, und mit dem draufgängerischen Tim und dem tollpatschigen, aber verlässlichen Haddock serviert uns Spielberg die legitimen Nachfolger von Henry Jones Jr. und seinem Vater aus “Der letzte Kreuzzug”. Genauso temporeich wie einst die archöologischen Hetzjagden um die Welt ist auch das Abenteuer von Tim, Struppi und Haddock. Ein wenig geht Spielberg dabei sein sonst so sicheres Gespür für Timing verloren: Eine wahnwitzige Verfolgungsjagd folgt auf die nächste, so dass man als Zuschauer irgendwann gar nicht mehr weiß, an welcher Stelle im Film man sich befindet. Atempausen gibt es keine. Das Ende des Films kommt dann so plötzlich, als säße man in einer Achterbahn, die aus voller Fahrt auf Null abgebremst wird, während man selber noch auf den nächsten Looping wartete.

Mit seiner Verfilmung ist es Steven Spielberg gelungen, die drolligen Charaktere aus den Comic-Heften ins Jetzt rüberzuholen. Tim und Struppi ist überdrehte Action mit vielen spaßigen Momenten und der erste Film, der CGI und Schauspielerei vereint.

Neu im Abo (III) – Gezeichnete Geschichten

Manchmal braucht es nicht viel, um ein Produkt massentauglich zu machen. Im Falle von Comics war es die Umbenennung in Graphic Novels, die sie vom Kinderkram zum Feuilleton beförderte. Inzwischen haben alle großen und erst recht viele kleine Buchhandlungen eine mehr oder weniger große Auswahl an Graphic Novels im Programm. In Mainz ist die junge Buchhandlung mit dem schönen Namen “Bukafski” eine gute Adresse in Sachen Graphic Novels. Dort wurde ich auch auf die Seite Graphic-Novel.info aufmerksam, die genau die Richtige ist, wenn man auf diesem Markt nichts verpassen will.

Ich lese gerne Comics, aber nur weil sie gezeichnet ist, finde ich eine Geschichte nicht automatisch lesenswerter, als wenn sie als Roman geschrieben wäre. Deshalb ist eigentlich absurd, in Buchhandlungen eine eigene Ecke für Graphic Novels zu machen, und auf diesen Haufen alles draufzuwerfen, was Bildchen statt Absätze enthält. Wäre es nicht sinnvoller, Comics ebenso nach den Literatur-Genres zu sortieren wie Romane? Naja, fast. Denn Comicliebhaber wie ich finden es vielleicht doch ganz angenehm, wenn sie sich nicht erst durch Charlotte Roche, Stig Larsson und Hape Kerkeling wühlen müssen, um zu den wirklich interessanten Werken zu kommen. Wer genau wie ich an Neu-Erscheinungen auf dem Comic-, bzw. Graphic Novel-Markt interessiert ist, bleibt bei Graphic-Novel.info immer auf dem Laufenden.

Feed-Adresse des Graphic Novel-Blogs: http://www.graphic-novel.info/?feed=rss2

Drei Filmkritiken – Troll Hunter, Submarine, Contagion

Troll Hunter

Bei großen Staatsverschwörungen denkt man meistens eher an die USA, Russland oder irgendwas mit Volksrepublik im Namen. Doch auch ein beschauliches, skandinavisches Idyll wie Norwegen hat seinen Geheimnisse. Tief in den norwegischen Bergen hausen nämlich wilde Trolle: Große, gefährliche Raubtiere, irgendwo zwischen Bär und King Kong angesiedelt. Zum Glück gibt es in Norwegen reichlich Platz, die Viecher vor der Bevölkerung zu verstecken. Und wenn sich doch mal einer aus dem Reservat wagt, gibt es ja noch ihn: Den Trolljäger, der sich furchtlos mit den stinkenden Biestern anlegt.

Es ist ein absurd-komischer Film, der aus Norwegen zum Liebling vieler Filmfeste wurde. Und er wird noch absurder dadurch, dass Regisseur André Ovredal beschloss, zum Stilmittel der “Mockumentary” oder “Fake-Doku” zu greifen. Seit dem Blair-Witch-Projekt kommen diese gruseligen Schein-Dokus immer mal wieder ins Kino und eigentlich hat man auch schon seit der Hexenjagd durch Herbstwälder genug davon. Bei Trolljäger funktioniert das Ganze trotzdem ganz gut. Die pseudo-wissenschaftlichen Erklärungen zur Lebensweise der Trolle geben dem Film eine nette Ironie, gekreuzt werden sie mit fantastischen Landschaftsaufnahmen, und außerdem gibt Ovredal dem Zuschauer auch das, was er sehen will: Trolle in allen Größen und Formen. Die sind ansehnlich getrickst, wenn auch nicht wirklich gruselig. Wer von Fake-Dokus nicht per se abgeschreckt wird und genug schwarzen Humor mitbringt, um sich auf das Troll-Szenario einzulassen, wird von Troll Hunter passabel unterhalten.

Submarine

Ahh, British Comedy, was wären wir nur ohne dich. Während man in den USA anscheinend nur über Fürze und andere Ausscheidungen lachen kann, dominiert in deutschen Kinos auch 17 Jahre nach “Der bewegte Mann” noch der verkrampfte Mann-Frau-Beziehungshumor. Nur auf der Insel, so scheint es, kann man einfach noch über das Lachen, worüber es sich am meisten zu lachen lohnt: Über das Scheiß-Leben, das einem so passiert.

Der 15-jährige Oliver macht halt so das, was man als 15-Jähriger, unterdurchschnittlich attraktiver und nur halbcooler Teenager so macht: Sich das erste Mal verlieben, sich für intellektueller halten, als man ist und zwischendurch die Ehe der Eltern retten. Das Wichtigste dabei: Bloß nicht zu sehr auffallen, immer schön unter dem Radar bleiben. Wenn das nur so einfach wäre.

Es gibt genug Filme übers Erwachsenwerden, so viele, dass man meint, es bräuchte keinen weiteren. Und dann ist man doch froh, dass Richard Ayoade dieses kleine Meisterwerk gedreht hat. Es ist die große, kleine Geschichte vom zum-Mann-werden, während die Erwachsenen um einen herum sich anscheinend wieder wie Teenager aufführen, die Ayoade erzählt und die jeder von uns selbst erlebt hat. Und obwohl Ehekrisen, Depressionen und Krebs eigentlich nicht witzig sind, muss man immer wieder lachen, weil es anders einfach nicht ginge. Submarine ist genau der richtige Film, wenn man mal wieder die Schnauze voll von allem hat. Danach weiß man, das man zumindest nicht alleine mit der Scheiße ist.

Contagion

Nichts jagt einem mehr Schauer über den Rücken, als wenn etwas Alltägliches plötzlich zur tödlichen Bedrohung wird. Nach Contagion jedenfalls wird man eine zeitlang bei jedem Husten, bei jedem Keuchen eines anderen Menschen unwillkürlich zusammenzucken.

Bei all den Finanz- und Euro- und Wirtschaftskrisen haben wir ja schon fast wieder vergessen, dass wir vor gar nicht allzulanger Zeit noch wegen etwas anderem hyperventilierten: Das H1N1-Schweinegrippen-Virus hielt uns vor zwei Jahren buchstäblich in Atem. Panisch wurde Impfstoff herausgegeben, vor einer globalen Epidemie gewarnt, und ja das Händewaschen nicht vergessen. Als der Angstschweiß verflossen war, musste man feststellen: Alles noch mal gut gegangen, war alles halb so schlimm. Auf dem millionenschweren Impfstoff allerdings bleiben wir sitzen.

Steven Soderbergh hat die Entwicklungen von damals jetzt mit einem All-Star-Cast verfilmt, allerdings unter veränderten Vorzeichen: Gwyneth Palttrow, Matt Damon, Laurence Fishburne, Kate Winslet, Marion Cotillard, Jude Law (und in einer kleinen Nebenrolle Armin Rohde) sehen sich tatsächlich einem tödlichen, sich schnell verbreitenden Virus gegenüber. Alles, was bei der Schweinegrippe nur befürchtet wurde, lässt Soderbergh wahr werden. Es hat sich nichts geändert: In einer global vernetzten Welt ist die Verbreitung eines Erregers nur eine Frage von Tagen, woran uns Soderbergh mit grausig-banalen Nah-Aufnahmen von Erdnussschalen, Wassergläsern und Händedrücken immer wieder erinnert. Als kleinen Subtext serviert er uns außerdem die zweite Seuche, die sich um die Welt ebenso schnell verbreitet hat: Genauso wie die Krankheitsviren gehen Gerüchte um die Welt, vermengen sich mit Informationen zu Halbwahrheiten, die von den Medien, von Bloggern zu einem noch gefährlicheren Cocktail verrührt werden.

Soderberghs Film verläuft fast schon dokumentarisch, mit einer angesichts von Millionen von Toten beinahe erschreckenden Gradlinigkeit, ist aber dennoch spannend und von den Darstellern (kein Wunder) sehr eindringlich rübergebracht. Wer nicht zu Paranoia und/oder Hypochondrie neigt, sollte ihn sich ansehen. Hust!

Traumzeit

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Wenn mich das Orm nur einmal so durchströmen würde wie den einzigartigen Mythenmetz…

Und immer geht es in die Hose – Plan D von Simon Urban

Stellt euch vor, Lafontaine wäre Kanzler der BRD. Grusel? Schubber? Und jetzt stellt euch vor, die Wende hätte es nie gegeben und die DDR würde immer noch existieren. Doppelgrusel? Megaschubber? Dann herzlich willkommen in der Welt von Plan D, der Gegenwartszukunftsvision, mit der Simon Urban gerade den deutschen Buchmarkt aufmischt. Schluss ist jetzt mit (n)ostalgisch-verklärten Rückblicken auf den Arbeiter-und-Bauern-Staat, keine trivialen Aufarbeitungen der eigenen DDR-Jugend mehr. Simon Urban lässt die DDR fulminant wieder auferstehen, um den Unrechtsstaat dabei ebenso gnadenlos zu entblößen.

Sein Held ist einer der klügsten, armseligsten Bullen, die mir seit langem untergekommen sind. Volkspolizist Martin Wegener hat die undankbare Aufgabe bekommen, den wahren Täter eines vermeintlichen Stasi-Mordes zu finden, begangen in einem fiktiven DDR-Ost-Berlin von heute. Das Problem: Das Opfer war bestens vernetzt bis hinauf zu Egon Krenz und die Tat stellt die deutsch-deutschen Beziehungen auf eine harte Probe, ausgerechnet vor wichtigen Energieverhandlungen. Ein Mörder muss dringend her, aber er darf auf keinen Fall aus den Reihen der Stasi kommen. Das wird nicht leicht für Wegener, der seit dem mysteriösen Verschwinden seines ehemaligen Partners ein gehöriges Misstrauen gegenüber der Obrigkeit entwickelt hat. Noch dazu hat er private Probleme: Seine Freundin Karolina hat ihn verlassen, läuft ihm aber bei seinen Ermittlungen permanent über den Weg.

Es ist ein kraftvolles Stück Literatur, das Urban hier hervorgebracht hat, getragen von starken Sätzen wie “Sein schönes Gesicht war von den Ereignissen der letzten 24 Stunden ausgelutscht wie ein Schale Rinderhack von einem Labradorhund”. Originell und zuweilen mit boshafter Ironie verwebt Urban unsere Gegenwart mit seiner Fiktion: Das Volkshandy heißt “Minsk” und die Vorzeige-Linke Sarah Wagenknecht ist eine Ikone des Ost-Blockbuster-Kinos. Dabei lässt er einen Moloch von Ost-Berlin vor unseren Augen auferstehen, der aus allen Ecken stinkt, brodelt und lärmt. Durch diese verkommene Großstadt, in der jeder Passant, jeder Nachbar, jeder Arbeitskollege ein IM der Stasi sein könnte, irrlichtert Wegener, der stets einen Schritt voraus sein will, aber immer wieder erkennen muss, dass seine Gegner bessere Abkürzungen kennen.

Der Überwachungsstaat ist das Einzige, was in dem ansonsten abgewirtschafteten System noch funktioniert, dessen Tristesse Urban den Leser auf allen Seiten spüren lässt. Und während die Stasi jeden Menschen mit ihren Abhörmethoden all seiner Intimsphäre berauben kann, sucht Wegener verzweifelt nach dem Durchblick, greift seinen Gegenüber immer wieder mit den Augen in die Hose und ist selbst dann nicht in der Lage sie zu durchschauen.

Es ist auch diese wiederkehrende Entblößung von erigierten Pimmeln und tropfenden Mösen, mit denen Urban seine fiktive DDR der Lächerlichkeit preisgibt. Damit wird sein Roman auch zur hinterlistigen Abrechnung mit all jenen, die auch heute noch diesem in die Hose gegangenen System hinterhertrauern und sich klammheimlich die Mauer zurückwünschen. War doch nicht alles schlecht damals? Vielleicht nicht. Aber heute wäre es noch schlimmer.