Archiv der Kategorie: Freizeitverhalten

Was ich sonst so tue, um mich bei Laune zu halten.

Der Hobbit: Buch und Film im Vergleich

ACHTUNG: Enthält Film und Buch-Spoiler zum Kleinen Hobbit:

Über Weihnachten hatte ich die Gelegenheit, den Hobbit im Kino zu sehen. Ich sah ihn in 3D, 24 Frames in einem recht kleinen, schäbigen Kino, was zumindest von dieser Seite keine besonders schöne Erfahrung war. Es ist definitiv ein Film für den Big Screen. Aber er brachte mich dazu, das Buch noch mal zu lesen. Zuletzt hatte ich das vor geschätzt 15 Jahren getan. Wie sich herausstellen sollte, hatte ich so ziemlich 90 Prozent der Handlung vergessen. In meiner Erinnerung bestand die aus Hobbit – Zwerge – mehr Zwerge – Zauberer – Trolle – Orks – Gollum – Ring – Berg – Drache – Orks – Ende. Zumindest für den Film wäre das vielleicht sogar die bessere Vorlage gewesen.

Der ist nämlich laaaaaang. Seeeeeehr laaaaang. Es passiert gerade am Anfang wenig, und das in epischer Breite. Erst ab dem Moment, ab dem Gollum ins Spiel kommt, nimmt die Geschichte mächtig Fahrt auf und entwickelt sich zu einem packenden Fantasy-Film, der es mit den Herr der Ringe-Filmen aufnehmen kann. Das größte Problem des Films ist sicherlich: Wo Peter Jackson für die erste Trilogie sich noch das beste aus dem Buch pickte und zu einem packenden, neuen Ganzen verwob, verhält es sich beim Hobbit umgekehrt.

Um den auf Länge zu kriegen, ist wirklich Alles, und ich meine Alles, was sich zumindest in den ersten paar Kapiteln abspielt, im Film drin. Und noch mehr. Tatsächlich hat Jackson sich die Freiheit genommen, die Geschichte noch mehr auszuschmücken (Was eine gute Geschichte erst ausmacht, wie Gandalf im Hobbit einmal wohl nicht ganz zufällig bemerkt). Neue Storylines, neue Charaktere, mehr Hintergründe zu den bestehenden Charakteren; der ganze Film wird aufgeblasen wie ein schlaffer Luftballon, der jetzt allerdings kurz vor dem Platzen steht.

Womit wir zum Buch kommen, das sich heute, gut 80 Jahre nach der Veröffentlichung seltsam holprig liest, dafür dass es eines der Fantasy-Klassiker ist. Fast liest es sich wie eine Sammlung Kurzgeschichten, die durch eine etwas halbgare Queste um einen sagenhaften Drachenhort zusammengehalten wird. Insofern sind einige der Veränderungen, die Jackson vorgenommen hat, sogar zum besseren. Insbesondere der Charakter Thorin Eichenschild wird in Tolkiens Buch, wie fast alle der 13 Zwerge, seltsam lieblos behandelt. Er wirkt mürrisch, eigensinnig und gierig, insgesamt wenig sympathisch. Und schon gar nicht ist er der charismatische, heldenhafte Anführer und Zwergenkrieger, zu dem Jackson ihn gemacht. Insgesamt empfand ich Thorin als eine der besten Figuren des Films, auf jeden Fall auf Augenhöhe mit Gandalf und Gollum.

Bei 13 Zwergen ist es natürlich auch im Film schwer, allen Tiefe und Hintergrund zu verleihen. Doch die Tapsigkeit und Lieblosigkeit, mit der Tolkiens sie im Buch durch Mittelerde stolpern lässt, wirkt heute wenig zeitgemäß. Eher erinnern sie an die zipfelbemützten Zwerg grimmscher Prägung als an mutige Krieger und Schmiedekünstler. Überhaupt erweist sich Tolkien im Hobbit nicht als großer Virtuose der Charakter- und Plotentwicklung. Das Aufeinandertreffen mit dem großen Drachen Smaug, das über 200 Seiten aufgebaut wird, gerät geradezu enttäuschend knapp. Immer wieder zaubert Tolkien urplötzlich neue Figuren aus dem Hut, die dann auf einmal tragende und entscheidende Rollen für die Geschichte spielen. Die einzige Figur, mit der man sich identifizieren kann, ist Bilbo, alle anderen erscheinen mehr oder weniger als Vehikel, die aber letztlich austauschbar sind. Hier dürfen wir auch in den kommenden Filmen erwarten, dass Jackson da ordentlich Feinschliff vornehmen wird.

So scheint mir ein Problem des langen, sperrigen Films tatsächlich die kurze, sperrige Vorlage zu sein, die Jackson an einigen Stellen verbessert, an anderen verschlimmbessert hat (Radergast!). Empfehlen würde ich den Film übrigens trotzdem. Man sollte sich nur ein größeres Kino als ich dafür aussuchen.

YouTube-Originals: Das können die neuen Kanäle

Seit kurzem laufen auf YouTube auch in Deutschland die Original-Channels. Das sind von YouTube geförderte und von großen Produktionsfirmen gemachte YouTube-Kanäle, mit denen die Videoplattform sich als Alternative zum Fernsehen weiter profilieren will. Insgesamt gibt es in Deutschland bislang 12 Original-Kanäle. An Bord sind Endemol, UFA-Film; also durchaus etablierte Unterhaltungsgrößen. Es sollte aber nicht verwundern, dass der bislang erfolgreichste Original-Kanal “Ponk” von Mediakraft auf den Weg gebracht wurde. Das größte deutsche YouTube-Netzwerk hat das meiste Know-How und die besten Kontakte in die YouTuber-Szene. Die für den Durchschnitts-Deutschen eher semilustige Comedy-WG “Ponk” erreicht inzwischen mehr als 220.000 Abonennten und bietet genau das, was der Durchschnitts-YouTuber erwartet: Anarcho-Comedy, Gaming und Real Life; wobei nicht immer klar ist, welches Video jetzt wo einzuordnen ist.

Ebenfalls gut dabei ist die Auto-Show Motorvision mit derzeit knapp 40.000 Abos, der Rest hat (viel) Luft nach oben. Wenn man sich durch die Kanäle durchklickt, stellt man vor allem eins fest: Es wird noch viel ausgestestet. Bei dem Kino-Kanal “Shortcuts” (3.200 Abos) fragt man sich, wie jemand wie Nilz Bokelberg mit seiner Erfahrung in Sachen Unterhaltung so langweilig sein kann. Den meisten Videos fehlt definitiv Pfeffer im Hintern. Klassische Nerd-Falle, würde ich sagen.

Wer sich aber die Mühe macht, durch die Kanäle zu klicken, findet fast überall nette, kleine Perlen, die zeigen, wie es gehen könnte. Der “Survival Guide for Parents” (magere 650 Abos) ist im Großen und Ganzen nett gemacht, dürfte aber noch ein paar Jahre brauchen, bis er durch die Decke geht. Bis die YouTube-Generation eigenen Nachwuchs in die Welt setzt, dauert es wohl noch etwas. Der Versuch, diese Gruppe dennoch zu erreichen, zeigen Gaga-Videos wie “Kotze & Kacke selbermachen”, die neben ernstgemeinten Ratschlägen zum Thema Cybermobbing stehen. Ob ich diese Videos gemeinsam mit meiner Tochter gucken würde? Ich weiß es nicht…

Das Team von “High 5″ (ordentliche 50.000 Abos) trifft schon eher den Nerv der Community. Wären wir in den 90ern, würde High 5 vermutlich bei Viva laufen und von Nilz Bokelberg in dünn und spaßig moderiert werden. High 5 hat auf jeden Fall das Zeug, sich auf YouTube zu etablieren.

Interessant ist auch das Format “Trigger”, das sich rund um das Thema Kriminalität dreht. Mit Lawblogger Udo Vetter hat man schon mal einen echten Netz-Veteranen an Bord; ob er seinen Erfolg als Blogger bei YouTube wiederholen kann, wird spannend zu beobachten. Ebenfalls sehr gelungen finde ich die animierten Graphic Novels zu Serienkillern. Allein die hätten mehr als die derzeit 4200 Abonennten verdient.

Mein erstes Mal: Re-Publica 2013 #rp13

Bis jetzt ist sie immer mehr oder weniger an mir vorbeigezogen. Im nächsten Jahr will und werde ich dann bei der siebten Auflage endlich mal dabei sein: Bei der größten… Ja, was eigentlich? Blogger-Konferenz, Nerd-Versammlung, Laber-Runde, Internet-Klassentreffen des Jahres? Man kann die Re-Publica nennen wie man will. Auf jeden Fall soll es ja ein Riesenspaß sein und ich werde ihn mir geben. Ich freue mich schon drauf. Vom 6.-8. Mai in Berlin.

RP13

#Dortmund, ich komm aus dir – Review des neuen #WDR #Tatort

Ach, Schimanski… Muss das sein, dass man immer noch diesem Tatort-Fossil hinterhertrauert, der zwar der beste Fernseh-Komissar ever, am Ende aber genauso abgenutzt wie seine Jacke war? Ja, das muss. Erst recht, wenn es einen neuen Ruhrgebiets-Tatort gibt und erst recht, wenn dieser so halbgar daher kommt, wie der Auftakt des neuesten Ermittler-Quartetts des WDR. Schimanski kratzte sich zur Begrüßung einst erst mal am Hintern, während er auf die graue Kulisse der zu Grunde gehenden Stahlindustrie starrte. Darauf trank er erstmal zwei rohe Eier zum Frühstück aus einem ungespülten Glas, im Hintergrund dudelte “Leader of the Pack” aus dem Radio.

So brilliant hätte man es sich wieder gewünscht, aber Brillianz lässt sich eben nicht auf Knopfdruck wiederholen. Versonnen starren tun auch Dortmunder Kommissare, in diesem Fall vom Dach ihrer alten Schule in die Vergangenheit. Der neue Chefermittler Peter Faber steht am Abgrund, das wird dem Zuschauer reichlich unsubtil mit den ersten Einstellungen klar gemacht. Damit er nicht noch einen Schritt weiter geht, schmeißt er Pillen. Tatortmäßig ist er dabei in guter Gesellschaft, in Kiel darf ja neuerdings eine Epileptikerin ermitteln, in Frankfurt ist ein praktizierender, in Leipzig ein trockener Alkoholiker am Start. Kein Kommissar mehr ohne Macke, das ist die moderne Krimischule, die in Drehbuchseminaren gelehrt wird. Das jetzt mal einer mit Depressionen an den Start darf, mutet daher nur auf den ersten Blick originell an, genauso wie die Tatsache, dass da einer wie der Kollege aus Stuttgart Frau und Tochter verloren hat.

Das kennt man, genau wie die Senior-Partnerin von Faber, die wie ihre ebenfalls blonden Kolleginnen aus Bremen (Lürsen) und Hannover (Lindholm) neben ihrer Rolle als Polizistin auch noch Mutter sein muss. Bleiben noch die zwei Jungspunde in der Runde, die mit einer nur mäßig prickelnden Kissenschlacht diesen sexuell aufgeladenen Schwulen-Krimi angemessen auf den Weg bringen. Womit auch die Typen “Junger Draufgänger” und “Toughe Polizeianfängerin” besetzt sind. Beide blieben blass in diesem ersten Fall und durften nur mit dem wie üblich mürrisch-komischen Pathologen ein paar Dialogzeilen tauschen, die auf dem Papier sicher flott aussahen, im Film aber äußerst verkniffen rüber kamen. Zumindest der Draufgänger erfüllt eine wichtige Rolle für den Faktor “Regionalität”: Er hat eine Dauerkarte für den BVB, danke schön, Haken dran. Mal sehen, wann der erste Mordfall im schwarz-gelben Milieu zu lösen ist.

Womit wir beim Thema “Ruhrpott” an sich sind: Tatorte sind ja auch so eine Art Heimatkundeunterricht. Deshalb hier zum Mitschreiben: Schimanskis Stahlkulisse gibt’s nicht mehr, dafür baut man im Pott jetzt Roboter. Fördertürme stehen längst im Grünen und sind nur noch zum Gucken da, aber den ein oder anderen Vatter halten sich die Tauben noch in einem kleinen Käfig, muss sich ja nicht alles ändern im Pott. Dazu gibt’s Schnittbilder vom Unions-U, dem Westfalenstadion, und dem Stadtpanorama, fertig ist das Dortmund-Album. Ja, so unspannend kann Fernsehen sein. Da wünscht man sich als Zuschauer doch nur eins: Dass Schimanski sich noch einmal die abgenutzte Jacke überstreifen möge, um den Spacken in Dortmund mal kräftig in den Arsch zu treten.

Ja, sie schießen wirklich! – Der Afghanistan-Comic “Wave and Smile”

Wave & Smile von Arne Jysch ist erschienen bei Carlsen-Comics.

Es ist ein lässig gekleideter Typ mit Base-Cap und Kapuzenpulli, der für Hauptmann Chris Menger zu weit geht. Als der Bundeswehrsoldat dem Hipster eine 1-Euro-Münze, die dieser verloren hatte, wiedergeben will, lehnt der entrüstet ab: “Ich nehme nichts aus Mörderhänden.” Drei Monate und eine Scheidung nach seinem Afghanistaneinsatz ist das zu viel für Menger. Er verliert vor seiner Tochter die Beherrschung und zwölf Panels später liegt der Typ mit dem vorlauten Mundwerk in seinem eigenen Kaffee. In dieser kurzen Szene verdichten sich alle Stärken und Schwächen von Arne Jyschs Afghanistan-Comic “Wave and Smile”, der jetzt bei Carlsen erschienen ist.

Der Krieg der Bundeswehr in Afghanistan dauert nun schon über eine Dekade, entsprechend groß ist mittlerweile das Spektrum kritischer Reflexionen und vor allem Selbstreflexionen über die Mission der deutschen Soldaten. Nicht wenige von ihnen haben ihre traumatischen Erlebnisse vom Krieg gegen den Terror in Büchern verarbeitet. In unzähligen Talkshows redeten sich die Scholl-Latours der Nation den Mund fusselig über den Einsatz, selbst der Tatort thematisierte schon die Folgen der Isaf-Mission. Man könnte also annehmen, dass inzwischen alles gesagt ist über den größten deutschen Militäreinsatz der Nachkriegszeit. Und doch gelingt es Jysch, dem Afghanistankomplex neue Facetten hinzuzufügen.

Das liegt vor allem an der Macht der Bilder, der großen Stärke des Mediums Comic. Denn trotz aller Berichterstattung fällt es der Öffentlichkeit immer noch schwer, sich deutsche Soldaten im Kampfeinsatz vorzustellen. Echtes Bildmaterial mitten aus einem Kampfeinsatz gibt es kaum, und das deutsche Kino ist im Gegensatz zu Hollywood nicht in der Lage (oder willens), entsprechende Szenerien glaubwürdig nachzustellen. Doch nicht umsonst ist Comic das Genre, dass dem Film am nächsten kommt. Aus Berichten und Erzählungen von Soldaten erschafft der Storyboardzeichner Jysch Bilder, die haften bleiben; im Großen wie im Kleinen. Egal, ob es um einen Hubschrauberabsturz oder ein Saufgelage geht, die Zeichnungen wirken glaubwürdig. So ist der Leser schnell drin in der Geschichte um den Hauptmann Chris Menger, seinen Feldwebel Marco und die Fotografin Anni. Letztere kommt als Journalistin nach Afghanistan und hat neben ihrer Kamera auch noch ihre naiv-idealistische Sichtweise auf die Welt dabei. Doch schon bald müssen Anni und damit auch die Leser auf die harte Tour lernen, dass es so einfach nicht ist mit der Friedens-Mission der Bundeswehr.

So traut sich Jysch etwas explizit zu machen, wovor viele Menschen in Deutschland nach wie vor die Augen verschließen: Deutsche müssen in Afghanistan töten, um ihre Mission erfolgreich beenden zu können. Dass Bundeswehrsoldaten “da unten” sterben, wird uns leider immer wieder in Erinnerung gerufen. Dass Soldaten sich aber auch zur Wehr setzen und selbst Leben nehmen müssen, ist immer noch ein Tabuthema. Dominiert wird diese Diskussion zu häufig noch von dem “Soldaten sind Mörder”-Zungenschlag, der auch Jyschs Hauptmann die Fassung verlieren ließ. Ich sehe es als Jyschs größten Verdienst an, dass er diese Situation ohne Zurückhaltung aus der Perspektive der Soldaten führt. Denn die fehlte gerade bei diesem Thema zu häufig.

Jyschs Bilder erinnern an große Blockbuster-Kriegsfilme der letzten Jahre, etwa “Black Hawk Down” oder “Hurt Locker”. Leider tappt Jysch genau an dieser Stelle in die Klischeefalle. Zu viel in der Charakter- und Plotentwicklung kommt dann doch vom Reißbrett eines Hollywood-Autors. Bezeichnend und exemplarisch mag hier der schießwütige Kamerad von Menger stehen, der den Spitznamen “Rocker” trägt (ein anderer heißt “Django”). Ein verbohrter Vorgesetzter und ein wenig diplomatischer Amerikaner stammen ebenso aus dem Standard-Repertoire der Charaktere wie der eingangs erwähnte, schnöselige Hipster von der Anti-Kriegs-Fraktion. Die Perspektive des Autors ist klar: Er fährt mit unseren Jungs im Panzerfahrzeug mit, trauert mit ihnen um die gefallenen Kameraden und verteidigt sie gegen die bornierte Öffentlichkeit. So ist Jyschs Comic vor allem ein Plädoyer dafür, die Augen für die Situation der Kamerden am Hindukusch zu öffnen und sie nicht mit ihren Problemen alleinzulassen.

Die Identifizierung mit Menger, Marco und Anni fällt auch deshalb so leicht, weil den Charakteren die Brüche fehlen. In die Abgründe des Kriegs blicken wir mit ihnen nicht wirklich, trotz ausführlicher Thematisierung der posttraumatischen Belastungsstörung. Zum deutschen “Hurt Locker” fehlt “Wave and Smile” die Prise Wahnsinn, der Mut, die Extreme der Soldatenpsyche wirklich auszuloten. Jysch unternimmt gar nicht erst den Versuch, seiner Geschichte etwas mehr psychologische Differenzierung und Tiefe zu verleihen. Ich nehme an, dass der Autor sich auf diesen dunklen Pfad auch gar nicht begeben wollte, denn das hätte seiner Kernbotschaft, mehr Solidarität mit den Bundeswehrsoldaten zu zeigen, im Weg gestanden. “Wave and Smile” leistet einen guten und wichtigen Beitrag zur Debatte um den Afghanistan-Einsatz, der aber gerade auf dem Comic-Sektor noch Luft für weitere, wünschenswerte Geschichten liefert.

Auf der Suche nach dem Touch – Tim Burtons “Dark Shadows”: Review und Hintergründe

Wie bei fast allen Filmfans meiner Generation sind die Filme von Tim Burton für mich immer noch Highlights im Kinojahr. Kaum ein Regisseur der letzten zwei Jahrzehnte hat es so verstanden wie Burton, die magischen Möglichkeiten des Kinos so perfekt auszuschöpfen. Auch beim fünften, zehnten oder hundertsten Ansehen, hat man das Gefühl, kann man in seinen filmgewordenen Kinderträumen stets neue, fantastische Details entdecken. Doch zuletzt, insbesondere beim langweiligen 3-D-Vehikel “Alice im Wunderland”, hatte sich der Burton-Charme etwas abgenutzt. Mit “Dark Shadows” läuft nun gerade Burtons neustes Werk in den Kinos. Doch obwohl es in vieler Hinsicht “burtonesker” als viele seiner jüngeren Arbeiten ist – so ganz will sich der Zauber vergangener Tage nicht mehr einstellen.

Die erste Vampirseifenoper
Die Geschichte um den Vampir Barnabas Collins, der nach 200 Jahren wiedererweckt wird und nun seinen alten Platz als Oberhaupt einer alten Fischereifamilie wieder einnehmen will, basiert auf einer der ungewöhnlichsten Fernsehserien seiner Zeit: Von 1966 bis 1971 lief in den USA die Gothic-Seifenoper “Dark Shadows”. Bei mehr als 1200 Folgen ist es müßig, eine Inhaltsangabe zu machen. Im Detail nachlesen kann man die Plotentwicklung zum Beispiel in diesem Blog.  Die Optik der Serie erinnert sehr an die deutschen Edgar Wallace-Filme, die ungefähr zeitgleich in Deutschland für wohligen, aber harmlosen Grusel sorgten. Gedreht wurde Live-on-tape und “one take”. Versprecher oder Hänger der Schauspieler wurden nicht rausgeschnitten, was die campige Anmutung der Serie sicher noch verstärkte.

Nach einigen Start-Schwierigkeiten war es die Einführung übernatürlicher Elemente, die der Serie zum Durchbruch verhalf. So kam der im Burton-Film von Johnny Depp verkörperte Hauptcharakter Barnabas Collins erst nach neun Monaten Laufzeit das erste Mal in der Serie vor. Doch diese Horror-Elemente wurden zum Alleinstellungsmerkmal der Serie, die ansonsten alle Klischees einer typischen Seifenoper erfüllt. Mit der auf den ersten Blick völlig skurril anmutenden Verquickung von Seifenoper mit Vampir- und Geisterhorror eroberte sich die Serie aber in den USA eine große Fangemeinde und wurde zum Wegbereiter von modernem TV-Vampir-Kitsch wie “Buffy, the Vampire Slayer” oder “Vampire Diaries”. Noch heute gibt es sogar Dark-Shadow-Conventions. Als einer der großen Fans dieser Serie entpuppte sich Johnny Depp, der Barnabas Collins zu einem Helden seiner Jugend erkor, und sogar so aussehen wollte wie der bleiche Vampir. Wer sich einen Eindruck vom Look der Serie verschaffen will, wird in der Videowühlkiste nebenan fündig:

Starke Frauen für Johnny Depp
Burton, einem Regisseur der sich in seinen Filmen noch nie viel um Erzähllogik geschert hat, kommt die Prämisse der Seifenoper durchaus entgegen: Wo Drama vor Plot geht, kann man alle Gäule, die einem das Drehbuch vorsetzt, hemmungslos durchgehen lassen. Dementsprechend konfus gestaltet sich seine Filmversion. Hauptcharakter Barnabas Collins verhält sich praktisch in jeder Sequenz anders als in der vorangegangen, ist mal eine von 200 Jahren Gefangenschaft und verfluchter Vampirexistenz gebrochene Kreatur, dann wieder standhaftes und sorgendes Familienoberhaupt, gleichzeitig aber auch kaltblütiger Schlächter Unschuldiger, die seinem Blutdurst zum Opfer fallen. In einer Szene verhält er sich wie ein schüchterner Teenager, der das erste Mal verliebt ist, in der nächsten fällt er wolllüstig über eine Frau her. Für den Zuschauer kann das den Vorteil haben, dass die Handlung völlig unvorhersehbar ist. Es kann aber auch bedeuten, dass man sich verzweifelt fragt, was hier eigentlich gerade auf der Leinwand passiert.

Umgeben ist Collins von einer Reihe starker Frauencharaktere, allen voran Michelle Pfeiffer als neues Familienoberhaupt, die nach “Batman Returns” ins Burton-Universum zurückkehrt. Dann ist da natürlich Eva Green, die lustvoll die böse Hexe spielt, deren unerwiderte Liebe zu Barnabas Collins der Ursprung der fatalen, Jahrhunderte umspannenden Irrungen und Wirrungen ist. Natürlich ist auch Helena Bonham-Carter dabei, die als promillehaltige Haus- und Hofpsychologin der Familie Collins zur zynischen Inkarnation aller “Twilight-Moms” wird. Doch wie treue Burton-Fans wissen, ist keine dieser selbstbewussten Frauen der Typ, auf den Burtons Protagonisten abfahren würden. Die blass-blonde, von Geisterscheinungen geplagte Victoria Winters (Bella Hethcote) entspricht da schon eher dem burtonschen Beuteschema und reiht sich ein dessen Riege zerbrechlicher Heldinnen von Kim aus “Edward” über Victoria Everglot aus “Corpse Bride” bis hin zu “Sweeney Todds” Johanna und zuletzt Alice.

Von allem etwas, aber nichts so richtig
Wenn man mit Dark Shadows also mal wieder “Burton pur” bekommt, wie kommt es dann, dass der Film trotzdem nicht begeistern will? Vielleicht weil er zu unentschlossen ist: In dem einen Moment wallt der Nebel aus Sleepy Hollow durch Collinwood, im nächsten scheint der rachedurstige Sweeney Todd von Barnabas Collins Besitz ergriffen zu haben, dann wieder driftet die Handlung in eine von Beetlejuice durchtränkte Farce ab. Burton vermengt in Dark Shadows wüst die Genres, an denen er sich in den letzten mehr als zwei Jahrzehnten filmisch abgearbeitet hat, doch irgendwie wird kein harmonisches Ganzes aus. Als Zuschauer weiß man nicht, ob man sich nun von der Tragik, dem Grusel oder der Albernheit der Geschichte mitreißen lassen soll und bleibt schließlich unentschlossen am Rand zurück. Es ist, als würde man gleichzeitig eine Folge von “Die wilden 70er”, “Denver Clan”, “Addams Family” und “Twilight Zone” gucken. So bleibt Dark Shadows am Ende nicht als Burtons schlechtester (den Titel behält bis auf weiteres “Planet der Affen”), aber vielleicht unentschlossenster Film zurück. Fast scheint es, als wäre der Kinomagier selbst auf der Suche nach dem berühmten “Touch”, den seine Filme einst hatten. Möglicherweise findet er ihn in den Anfängen seiner Karriere: Sein nächstes Projekt “Frankenweenie” wird die Spielfilmversion einer seiner Kurzfilme aus frühen Disneytagen sein.

Allen Burton-Fans zu empfehlen ist Christian Hegers Buch “Mondbeglänzte Zaubernächte”, das keine Fragen zu dem großen Filmkünstler offen lässt und auch für diesen Blogeintrag die ein oder andere Inspiration und Quelle lieferte. Ich bin mit dem Autor befreundet und war minimal an der Entstehung des Buches beteiligt.

Let’s Play Tatort: Online-Ermittlung des SWR war ein Erfolg

Ich muss wohl erst mal Abbitte leisten. Zuletzt hatte ich geschrieben, dass ich nicht glaube, dass ein Online-Tatort, in dem man selber ermitteln kann, das richtige Angebot ist, um die Tatort-Community anzusprechen. Ich habe mich geirrt. Fast 110.000 Spieler (exakt laut ARD: 109.862) haben den letzten SWR-Tatort “Der Wald steht schwarz und schweiget” im Internet weiter gespielt. Immerhin jeder fünfte (exakt laut ARD: 20.513) hat das Spiel auch zu Ende gebracht und den Fall gelöst. Auch ich habe mich als Ermittler versucht.

Lena Odenthal in der Gewalt der Gang. Foto: SWR

Ich gebe zu: Meine Vorbehalte gegenüber dem Online-Spiel hingen auch damit zusammen, dass der Online-Tatort als Anhängsel zum letzten Fall von Lena Odenthal kam. Selten stehen die SWR-Tatorte für innovative Krimi-Handlungen, doch dieses Mal konnte die Ludwigshafener Ermittlerin überzeugen. Eine Gruppe krimineller Jugendlicher nahm sie als Geisel, nachdem einer von ihnen den Betreuer der Gruppe von einem Felsen gestoßen und umgebracht hat. Mit Lena im Schlepp versuchten die Jungs sich nun nach Frankreich durchzuschlagen und der Polizei zu entkommen.

Die Geschichte war eine nette Abwechslung von der üblichen Ermittlungsarbeit und überzeugte insbesondere mit dem dunklen Charme des Pfälzer Waldes, dem heimlichen Hauptdarsteller des Films. Er war auch deutlich spannender als die üblichen Odenthal-Drehbücher, wenngleich man nie wirklich dran glauben wollte, dass Lena ernsthaft in Lebensgefahr schwebt. Zu überlegen war die erfahrene Kommissarin den Halbstarken. Doch das Ende eignete sich perfekt für eine Weitererzählung: Denn keiner von den Jungs wollte auspacken, was wirklich passiert ist. So hatte Lena Odenthal keine Chance, den wahren Mörder herauszufinden. An dieser Stelle konnten die Spieler unmittelbar nach dem Tatort in die Handlung einsteigen.

“Wir wollten schon länger eine spielerische Erweiterung zum Tatort machen, um die Online-Community des Tatorts zu erreichen. Und dafür bot sich dieser Fall einfach an. Auch Drehbuchautorin Dorothee Schön war einverstanden, ihre Geschichte weiterzudrehen”, beschreibt SWR-Sprecherin Annette Gilker die Entstehungsgeschichte des Spiels. Das Drehbuch lag zu diesem Zeitpunkt schon vor, die Handlung wurde also nicht bewusst so konstruiert, dass sie im Netz weitergespielt werden kann. Entwickelt wurde das Spiel von der Kölner Agentur “Gesamtkunstwerk“, die mit dem SWR bereits die innovative, transmediale Serie “Alpha 0.7″ entwickelt hat.

In Absprache mit der SWR-Redaktion und der Autorin machte sich das Team von Gesamtkunstwerk im März diesen Jahres daran, die Krimi-Handlung weiterzuspinnen und als Online-Spiel umzusetzen. Der Spieler startet im Präsidium von Lena. Mit Hilfe von Sekretärin Frau Keller und Spurensicherer Becker macht man sich an die Ermittlungen. Das ganze ist im “Point&Click”-Stil gehalten. Man steuert also mit der Maus, kann verschiedene Gegenstände auf dem Bildschirm betrachten und einsammeln. Bestimmte Dinge können in der Spurensicherung weiter untersucht werden, um zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen. Dazu kann man noch die Verdächtigen befragen und weitere Zeugen im Rauhberghof, der Besserungsanstalt, in der die Jugendlichen untergebracht waren. Hier kommen auch weitere Charaktere ins Spiel, die im Film gar nicht auftauchten.

Nach der originellen Krimi-Handlung geht es hier also wieder ziemlich klassisch zu. Finde den Mörder, heißt die Aufgabe, und Tatort-typisch muss man dazu auch ein paar Umwege gehen. Als Spieler begegnen einem viele Tatort-Klischees wieder, etwa der dringend benötigte Durchsuchungsbeschluss, den man erst nach einem äußerst langwierigen Prozedere urplötzlich in den Händen hält. Und natürlich hatte der Tote auch ein Verhältnis mit einer Zeugin.

Der Schwierigkeitsgrad war an sich nicht hoch, nur an einer Stelle war tatsächlich Köpfchen gefragt – zu viel für mich, wie ich einräumen muss. Kaya Berndt, Sprecherin von Gesamtkunstwerk, beschreibt den Schwierigkeitsgrad so: “Wie bei jedem guten Spiel braucht es natürlich immer die richtige Mischung aus leichteren und schwierigen Aufgaben, die den Spieler etwas mehr fordern, zumal wir bei dem Spiel auch die Zusammenarbeit innerhalb der Community fördern wollten. Der Tatort hat z.B. auf Twitter und Facebook sehr viele engagierte User und Fans.” Auch ich musste die Hilfe der Facebook-User einmal in Anspruch nehmen. Lieber wäre mir aber gewesen, ich hätte einen kleinen Hinweis auf die Lösung im Spiel bekommen. Insgesamt hatte das Spiel durchaus also einige kleine Schwächen: Nicht immer war der Ablauf der einzelnen Handlungselemente selbsterklärend – zum Beispiel bei dem eher vom Himmel fallenden Durchsuchungsbeschluss – und wurde so mitunter etwas zäh. Das war aber wohl der kurzen Entwicklungszeit geschuldet sind. Dennoch würde ich sagen, dass der Spielspaß überwogen hat.

Die Kommentare auf Facebook sprechen denn auch für sich. Es sind zwar mit einigen Hundert nicht übertrieben viele, aber die Resonanz ist überwiegend positiv. Dafür ist die Interaktionsrate ziemlich hoch, was meiner Meinung im Zweifel mehr wert ist, als 10.000 “Geil, weiter so”-Meinungen. Oben habe ich ja geschrieben, dass jeder fünfte Spieler das Spiel durchgezockt hat. Das bedeutet natürlich auch: 80 Prozent der Spieler sind irgendwann, aus Zeitmangel, Desinteresse oder Frustration aus dem Spiel ausgestiegen. Ob das jetzt eine gute Durchklickrate für ein Online-Game ist, vermag ich nicht zu sagen, wäre aber für Einschätzungen dankbar. Laut Annette Gilker ist man mit den Abrufen sehr zufrieden, es gab aber ihrer Aussage nach auch keine interne Zielvorgaben dafür. Das Ganze war eben einfach mal ein erster Versuch, zu dem auch Vergleichszahlen fehlen.

Ich finde den Online-Tatort, nachdem ich ihn auch selbst gespielt habe, eine ganz nette Idee. Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, das Format online weiter attraktiv zu machen und die Community einzubinden. Ein- oder zweimal im Jahr kann man sowas sicher machen. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, wäre es auch ganz amüsant, dem Spieler mal andere Ermittlertypen zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall war der Tonfall noch recht typisches Tatort-Beamtendeutsch. Ich würde auch gerne mal einen Online-Schimanski spielen (“Benutze Stiefel mit: Tür”). Ob es soweit kommen wird, lässt die ARD offen: Konkret geplant ist jedenfalls erst mal nix, heißt es im Statement zum Tatort+. Das ist insofern schade, weil das Spiel schon nicht mehr spielbar ist. Wie alle fiktionalen Angebote der Öffentlich-Rechtlichen muss es nach einer Woche aus der Internetpräsenz verschwinden. Danke für nichts, Privatsender! Aber das ist ein anderes Thema. Wer dennoch wissen will, wie das Spiel ausgesehen hat und natürlich wer der Mörder ist, kann ja mal in mein Let’s play dazu gucken.

15 Oscar-Nominierungen am Stück: The Artist und The Descendants

Selten genug kommt man als junger Papa mal ins Kino. Umso mehr muss man die seltenen Gelegenheiten genießen. Vor kurzem war es mal wieder soweit, und ich gab mir ein dickes Oscar-Doppelfeature im sehr schönen Bochumer Union-Kino. The Artist und The Descendants bringen es gemeinsam auf satte 15 Nominierungen, in den Kategorien Bester Hauptdarsteller, Bester Film, Beste Regie und Schnitt treten sie direkt gegeneinander an. Und auch wenn George Clooney in diesem Jahr als heißer Kandidat für den besten Hauptdarsteller gehandelt wird, glaube ich, dass The Artist in allen Kategorien gewinnen wird. Mein Tipp: Mindestens acht von zehn Oscars wird der französische Stummfilm abräumen.

Viel ist schon gesagt worden über den ungewöhnlichsten Film der letzten Jahre: Schwarz-Weiß, OK, das hat auch Spielberg schon gemacht. Aber einen echten Stummfilm hat es lange nicht mehr im Kino gegeben, mir persönlich fällt nur die Mel Brooks-Parodie “Silent Movie” ein, der ist von 1976. Aber Michel Hazanavicius, Regisseur und Drehbuchautor, hat mit diesem Meisterwerk alles richtig gemacht. Sein Film funktioniert sicherlich auch deshalb als Stummfilm, weil dieses Medium genau das richtige ist, um seine Geschichte zu erzählen: George Valentin, ein Star der Stummfilm-Ära muss erkennen, dass im Zeitalter des Tonfilms anscheinend kein Platz für ihn ist. Eine junge Generation, allen voran die junge, kesse Peppy Miller (der nächste Oscar: Bérénice Bejo), hat ihm den Rang abgelaufen. Während Peppys Stern immer heller strahlt, sinkt Valentin immer tiefer in die Bedeutungslosigkeit.

Der Film beginnt mit einer Szene in einem Kino: Der ausverkaufte Saal verfolgt gebannt Valentines neuen Film. Als der Abspann beginnt, bricht tosender Applaus aus. In diesem Moment sind auch wir realen Kinozuschauer endgültig gepackt; denn man hört absolut nichts, das Klatschen spielt sich ausschließlich im Kopf ab. Es ist einer von vielen gelungenen Kniffen von Hazanvicius, um einen modernen Stummfilm zu erzählen. Immer wieder setzt er sehr effektvoll  nicht vorhandene Geräusche ein, etwa, wenn die ohnehin sehr laute Peppy Miller dem stillen Charakter Valentin frech auf den Fingern zupfeift. The Artist ist ein in jeder Hinsicht auf das minimal mögliche reduzierter Film und gerade deshalb so einnehmend. Einfach ein großer Kinospaß und Pflichtprogramm.

The Descendants ist etwas weniger spaßig, schließlich müssen sich hier ein Vater und seine zwei Töchter über die vollen 115 Minuten mit dem Tod auseinandersetzen. Denn die Frau von Matt King liegt nach einem Bootsunfall im Koma und kämpft um ihr Leben. In dieser Extremsituation stellt Matt nicht nur fest, dass er seine beiden Töchter zu sehr vernachlässigt hat. Seine Frau war offenbar auch nicht immer ehrlich zu ihm. Zu allem Überfluss machen ihm auch noch seine Cousins Druck: Matts Familie besitzt ein Stück Land auf Hawai, dessen Verkauf alle reich machen soll. Und Matt muss entscheiden, wer den Zuschlag bekommt.

Dass The Descendants auf Hawai spielt, ist in der Tat genau der entscheidende Dreh, um dieses Familiendrama über den Durchschnitt zu heben. Die meisten Zuschauer haben ein von Magnum und Elvis-Filmchen geprägtes Hawai-Bild im Kopf. Und genau damit räumt The Descendants sehr schön auf. Genau wie Matts bis dahin einigermaßen heile Welt ins Wanken gerät, wird auch das Bild des Zuschauers von dem Inselparadies zerstört. Es regnet unentwegt, man sieht Hochhäuser und langweilige Reihenhaus-mit-Vorgarten-Siedlungen. Nur ein Klischee scheint zu stimmen: Alle laufen in kurzen Hosen und Sandalen rum.

George Clooney spielt seine Rolle großartig, allerdings mit der ihm eigenen, sagen wir mal: zurückhaltenden, Mimik. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, als hätte er die Emotionalität seines Charakters ganz zu Ende ausgeschöpft. Ein wenig unfertig wirkt die Geschichte, die nicht alle ihre Konflikte zur möglichen Gänze ausspielt. So manch innerfamiliärer Streit wird etwas zu einfach beigelegt, um mit der Geschichte voranzukommen. Dennoch ist The Descendants ein sehr sehenswerter und packender Film. Wer beide Filme an einem Abend sehen will, sollte aber – anders als ich – versuchen, erst The Descendants und dann The Artist zu sehen. Man kommt mit besserer Laune nach Hause.

Instant Review Tatort Bremen: Warum…

… zum Beispiel sitzen jeden Sonntag Millionen vor dem Fernseher und gucken ein eigentlich ausgelutschtes Krimi-Format?

… musste dieser Mensch sterben, fragen sich die Kommissare in jeder Folge dieses Krimi-Formats?

… sollte ich mir angucken, wie zwei Kommissare von einer Irren genervt werden, während sie versuchen, einen Tankstellenmord aufklären, habe ich mich nach dem dieswöchigen Fall des Bremer Duos Lürsen/Stedefreund gefragt.

Oft genug werden Tatorte mit enervierenden, gewollt sozialkritischen Botschaften überfrachtet, anstatt einen guten Krimi zu erzählen. In diesem Fall sucht man selbst danach vergeblich. Offenkundig sollte hier das Psychogramm einer Familie entworfen werden, in der die Mutter, bzw. Ehefrau unter schweren Wahnvorstellungen leidet und damit auch die Leben ihres Mannes und ihres Sohnes zerstört. Das wäre ein spannendes Thema gewesen, doch weil wir uns im Genre “Sonntagabend-Krimi” befinden, können die Drehbuchautoren nicht anders, und schreiben eine Leiche in den Plot. Und das bereitete ihnen offenkundig arge Probleme.

Denn so richtig will sich die Hintergrundstory um eine kroatische Bruderschaft, eine weitere, nicht intakte Familie und eine Lebensversicherung nicht einfügen. Stattdessen stehen zwei völlig verschiedene Geschichten nebeneinander, die zu keinem Zeitpunkt ein harmonisches Ganzes ergeben. Ich wusste jedenfalls nicht, was mich mehr nervt: Die anstrengende Irre und ihre Familie, die einer simplen Auflösung des Krimis im Weg stehen, oder der völlig banale Mordfall, der mir den Zugang zu psychologisch interessanten Charakteren versperrt.

Der sperrige Plot scheint auch Stedefreund und Lürsen nicht wirklich zuzusagen, jedenfalls verrichten sie ihre Ermittlungen äußerst bocklos. Tatsächlich sind sie in den kompletten 90 Minuten nicht in der Lage, auch nur einmal einen Tatverdächtigen zu benennen. Und anstatt den mutmaßlich einzigen Zeugen zu einer verwertbaren Aussage zu bringen, spielt Stedefreund mit diesem Verstecken im Wald. Bevor das Verhalten der beiden an Arbeitsverweigerung grenzt, spielt Lürsen dann Hobby-Psychologin und entschlüsselt mal eben den Irrsinn der Mira Partecke vortrefflich gespielten Verwirrten. Auch wenn die Auflösung schließlich noch einigermaßen originell gerät, kann sie einen ansonsten sehr unentschlossenen Tatort nicht mehr über den Durchschnitt heben. Als Zuschauer bleibt man ratlos zurück: Eine Botschaft wird aus Bremen nicht übermittelt. Ein Film, der schon bald vergessen sein wird.

 

Endlich mal Eier – Tatort Wien

Es geht doch: Wien-Tatorte habe ich aus irgendeinem Grund immer nur sporadisch geguckt, aber was ich gestern im Action-Thriller “Kein Entkommen” gesehen habe, hat mich bekehrt. Einer der besten Tatorte seit langem fesselte mit einer spannenden Story und endlich einmal hochklassig und zeitgemäß inszenierter Action. Und Regisseur und Drehbuchautor Fabian Eder zeigt Eier: Er lässt unschuldige Polizisten und Studenten kaltblütig erschießen und setzt sein Kommissaren-Duo unter MG-Feuer. Selten genug sieht man sowas am Sonntagabend in der ARD, viel häufiger möchte man derartige Filme sehen.

Die Hintergrundgeschichte liefert eine paramilitärische Einheit des Jugoslawienkriegs, deren Überbleibsel es sich in Wien eingerichtet haben. Die einen haben sich eine serbisch-nationalistische Parallelwelt aufgebaut, einer aber ein neues Leben als treusorgender Familienvater. Freilich weiß die Familie von Mirko Gradic nichts von seiner Vergangenheit als skrupelloser Massenmörder. Als die einstigen Kameraden beginnen, Jagd auf Gradic zu machen, beginnt ein blutiges Morden in Wien, dem Moritz Eisner und Kollegin Bibi Fellner zunächst nur fassungs- und hilflos zuschauen können. Die Grippe ist in diesem Film nicht der einzige Virus, der die Stadt im Griff hat.

Die Inszenierung dieses Krimis ist schlicht grandios. Vor allem Christoph Bach als Mirko Gradic läuft in einigen Action-Szenen zu Hochform auf. Wie er im Alleingang ein serbisches Killerkommando ausschaltet, hat Kinoformat. Aber auch Harald Krassnitzer darf glänzen. Im grandiosen Showdown erweist er sich als kaltblütigste Figur des ganzen Films. Bei all der Action stimmen aber auch die Zwischentöne: Die Figuren sind glaubwürdig, genauso wie der Fortgang der Ermittlungen, in die sich auch internationale Kriegsverbrecherjäger einmischen. Auf sehr gelungene Weise fügt sich auch die Grippe-Geschichte in die Gesamthandlung ein, die anfangs nur für ein wenig “Comic Relief” zwischen all dem Morden sorgte.

Kritisieren mag man nur wenig. Wer den Startknopf bei dieser Geschichte gedrückt hat, bleibt unklar: Warum beginnen Mirkos ehemalige Kameraden ausgerechnet jetzt mit der Jagd nach ihm? Wie konnte er so lange in Wien untertauchen, ohne erkannt zu werden? Aber das sind Mini-Mängel, die einen ansonsten tollen Film nicht trüben. Man wünscht sich, dass auch deutsche Ermittler mal wieder mit einer derart kompromisslosen Geschichte konfrontiert werden.