ACHTUNG: Enthält Film und Buch-Spoiler zum Kleinen Hobbit:
Über Weihnachten hatte ich die Gelegenheit, den Hobbit im Kino zu sehen. Ich sah ihn in 3D, 24 Frames in einem recht kleinen, schäbigen Kino, was zumindest von dieser Seite keine besonders schöne Erfahrung war. Es ist definitiv ein Film für den Big Screen. Aber er brachte mich dazu, das Buch noch mal zu lesen. Zuletzt hatte ich das vor geschätzt 15 Jahren getan. Wie sich herausstellen sollte, hatte ich so ziemlich 90 Prozent der Handlung vergessen. In meiner Erinnerung bestand die aus Hobbit – Zwerge – mehr Zwerge – Zauberer – Trolle – Orks – Gollum – Ring – Berg – Drache – Orks – Ende. Zumindest für den Film wäre das vielleicht sogar die bessere Vorlage gewesen.
Der ist nämlich laaaaaang. Seeeeeehr laaaaang. Es passiert gerade am Anfang wenig, und das in epischer Breite. Erst ab dem Moment, ab dem Gollum ins Spiel kommt, nimmt die Geschichte mächtig Fahrt auf und entwickelt sich zu einem packenden Fantasy-Film, der es mit den Herr der Ringe-Filmen aufnehmen kann. Das größte Problem des Films ist sicherlich: Wo Peter Jackson für die erste Trilogie sich noch das beste aus dem Buch pickte und zu einem packenden, neuen Ganzen verwob, verhält es sich beim Hobbit umgekehrt.
Um den auf Länge zu kriegen, ist wirklich Alles, und ich meine Alles, was sich zumindest in den ersten paar Kapiteln abspielt, im Film drin. Und noch mehr. Tatsächlich hat Jackson sich die Freiheit genommen, die Geschichte noch mehr auszuschmücken (Was eine gute Geschichte erst ausmacht, wie Gandalf im Hobbit einmal wohl nicht ganz zufällig bemerkt). Neue Storylines, neue Charaktere, mehr Hintergründe zu den bestehenden Charakteren; der ganze Film wird aufgeblasen wie ein schlaffer Luftballon, der jetzt allerdings kurz vor dem Platzen steht.
Womit wir zum Buch kommen, das sich heute, gut 80 Jahre nach der Veröffentlichung seltsam holprig liest, dafür dass es eines der Fantasy-Klassiker ist. Fast liest es sich wie eine Sammlung Kurzgeschichten, die durch eine etwas halbgare Queste um einen sagenhaften Drachenhort zusammengehalten wird. Insofern sind einige der Veränderungen, die Jackson vorgenommen hat, sogar zum besseren. Insbesondere der Charakter Thorin Eichenschild wird in Tolkiens Buch, wie fast alle der 13 Zwerge, seltsam lieblos behandelt. Er wirkt mürrisch, eigensinnig und gierig, insgesamt wenig sympathisch. Und schon gar nicht ist er der charismatische, heldenhafte Anführer und Zwergenkrieger, zu dem Jackson ihn gemacht. Insgesamt empfand ich Thorin als eine der besten Figuren des Films, auf jeden Fall auf Augenhöhe mit Gandalf und Gollum.
Bei 13 Zwergen ist es natürlich auch im Film schwer, allen Tiefe und Hintergrund zu verleihen. Doch die Tapsigkeit und Lieblosigkeit, mit der Tolkiens sie im Buch durch Mittelerde stolpern lässt, wirkt heute wenig zeitgemäß. Eher erinnern sie an die zipfelbemützten Zwerg grimmscher Prägung als an mutige Krieger und Schmiedekünstler. Überhaupt erweist sich Tolkien im Hobbit nicht als großer Virtuose der Charakter- und Plotentwicklung. Das Aufeinandertreffen mit dem großen Drachen Smaug, das über 200 Seiten aufgebaut wird, gerät geradezu enttäuschend knapp. Immer wieder zaubert Tolkien urplötzlich neue Figuren aus dem Hut, die dann auf einmal tragende und entscheidende Rollen für die Geschichte spielen. Die einzige Figur, mit der man sich identifizieren kann, ist Bilbo, alle anderen erscheinen mehr oder weniger als Vehikel, die aber letztlich austauschbar sind. Hier dürfen wir auch in den kommenden Filmen erwarten, dass Jackson da ordentlich Feinschliff vornehmen wird.
So scheint mir ein Problem des langen, sperrigen Films tatsächlich die kurze, sperrige Vorlage zu sein, die Jackson an einigen Stellen verbessert, an anderen verschlimmbessert hat (Radergast!). Empfehlen würde ich den Film übrigens trotzdem. Man sollte sich nur ein größeres Kino als ich dafür aussuchen.




