Crowdfunding auf der Meta-Ebene: Das Projekt “Unterwegs mit…” von @jsachse und @_catenaccio

Journalisten interviewen Journalisten, klingt erstmal ziemlich langweilig. Die kleine, feine Interviewreihe “Unterwegs mit…” von Jonathan Sachse und Jens Peters ist trotzdem ein sehr schönes Projekt. Gerade haben die beiden die zweite Staffel ihrer Serie gestartet. Nach Ronny Blaschke treffen sie nun den ehemaligen Sportchef des Deutschlandfunks, Herbert Fischer-Solms, am Point Alpha am ehemaligen Grenzstreifen zwischen BRD und DDR.

Dass es Interesse daran gibt, belegen die 31 Unterstützer – ich war übrigens einer davon – auf StartNext. Mit der Crowdfunding-Plattform haben Jens und Jonathan einen Teil ihrer Unkosten decken können. Damit haben sie etwas geschafft, was hierzulande noch in den Anfängen steckt: Ein journalistisches Projekt via Crowdfunding zu finanzieren. Wie ihre Erfahrungen damit waren, habe ich sie im Interview gefragt.

Mehr Meta-Ebene geht nicht, glaube ich: Ich interviewe Journalisten, die Journalisten interviewen. Ist das nötig, dass wir immer so um uns selbst kreisen?
Jonathan: Genau den Punkt habe ich im Rahmen unserer Produktion immer wieder gehört. Auch in den Kommentaren zu unseren Blogs kam das immer wieder, warum wir jetzt schon wieder Journalisten interviewen müssen. Der Ansatz war, dass wir nur Sportjournalisten interviewen wollen. Mittlerweile sind wir schon soweit, dass wir es eventuell auflockern wollen und nicht nur Journalisten zu Wort kommen lassen. Ich habe aber das Gefühl, dass das keine Personen sind, die groß in der Öffentlichkeit auftauchen, außer dadurch, dass sie selbst Dinge öffentlich machen. Und das war der erste Gedanke: Leute, die nicht groß in Videos oder im Fernsehen auftauchen, mal kennen zu lernen.

Erklärt doch noch mal, wie das Format entstanden ist.
Jens: Es muss Anfang des Jahres gewesen sein. Jonathan hatte in so einer Art Jahresrückblick in seinem Blog geschrieben, dass er mal was in Richtung Video machen würde, gerne auch ein Interviewprojekt. Und genau das wollte ich zu der Zeit auch machen. Ich hab mich dann bei ihm gemeldet und wir haben uns erst mal telefonisch ausgetauscht. Dann haben wir eine Nullnummer gedreht, mit Ronny Blaschke die erste Folge, und jetzt sind wir bei Herbert Fischer-Solms mit der zweiten.
Jonathan: Es war auch so, dass wir uns bis dahin gar nicht kannten. Wir haben vielleicht mal gegenseitig die Blogs mitgelesen. Aber die Zusammenarbeit hat schnell funktioniert.

Warum habt ihr euch für Sportjournalisten entschieden? Seid ihr Fanboys, die damit auch mal ihren Idolen näher kommen wollten?
Jonathan: Auf das Wort Fanboys reagiere ich ein bisschen allergisch. Diese Leute mal persönlich kennen zu lernen, war nur ein vierter oder fünfter Gedanke. Sportjournalisten haben wir deshalb genommen, weil wir die Themen spannend finden, die wir mit ihnen besprechen können. Bei Herbert Fischer-Solms zum Beispiel die Themen DDR-Sport und Doping.
Jens: Es ist ja auch so, dass Sportjournalisten durchaus was zu erzählen haben. Wir unterhalten uns ja nicht über den Beruf und die Methoden, sondern es geht um Schwerpunktthemen. Bei Ronny Blaschke war das die Geschichte vom “Angriff von Rechtsaußen”: Wie unterwandern Rechtsextreme den Amateursport und jetzt eben die Bereiche DDR und Doping. Das sind Themen, die über den Journalismus hinaus interessant sind und eine breitere Zielgruppe ansprechen.
Jonathan: Ich kann mal ein Beispiel aus der aktuellen Folge erzählen. Da gibt es eine Passage, in der wir beiden Journalisten uns mit Herbert Fischer-Solms speziell über Sportjournalismus unterhalten. Das war der Punkt, an dem wir beide gedacht haben: Das ist jetzt eher eine Nerdgeschichte und wirklich nicht spannend. Erst wollten wir das nur als Special bringen oder nur für die Leute, die auch bei StartNext eine DVD bestellt haben. Davon sind wir jetzt weg, weil es schon wichtig ist, wie diese Person Sportjournalismus definiert. Aber der Schwerpunkt soll sein Thema sein, in dem er sich auskennt.

Für welche Zielgruppe macht ihr die Interviews?
Jens: Die Zielgruppe sind wir natürlich selber, weil wir gerne so ein Videoprojekt machen wollten. Darüberhinaus sind es natürlich unsere Blogleser. Die interessieren sich sicherlich für diese Themen, bei Jonathan vielleicht ein paar mehr als bei mir.
Jonathan: Bei Jens finde ich es spannend, dass er bei sich Leute hat, die sich mehr auf die ganze Kamerageschichte konzentrieren: Wie machen wir den Schnitt, was haben wir grundsätzlich für eine Konzeption? Da gucke ich immer gerne rein.

Aber es ist schon ein sehr spezielles Projekt mit einer kleinen, feinen Zielgruppe. Die YouTube-Zahlen sind auch überschaubar. Wie motiviert ihr euch dafür?
Jonathan: Bei mir persönlich ist es, dass ich mich einfach mal vor der Kamera ausprobieren möchte. Und ich hatte Lust auf eine Videoserie ohne Auftraggeber, ohne externe Vorgaben und Schranken. Das allein ist schon Motivation. Ich betrachte das als ehrenamtliches Projekt, wo vielleicht langfristig was rausspringen kann. Aber ansonsten geht es darum, was zu machen, worauf man Bock hat, ohne dass es gleich ums Geld verdienen geht.
Jens: Das geht mir ähnlich. Ich möchte mich gerne im Umgang mit der Kamera professionalisieren. Und das können wir auf diese Weise ohne Auftraggeber ausprobieren. Wobei: Jetzt sind wir natürlich schon mehr verpflichtet, weil die Leute uns für die aktuelle Folge Geld gegeben haben.

Ihr habt es beide angesprochen, reden wir also mal übers Geld: Ihr habt die zweite Episopde über StartNext finanziert. Die bescheidene Summe von 300 Euro wolltet ihr haben, um Reisekosten decken zu können. Wie waren jetzt eure Erfahrungen damit?
Jonathan: Es ist kein Selbstläufer. Den Aufwand und die Zeit haben wir unterschätzt. Man muss auch bei 300 Euro das Ding vernünftig angehen, damit die Leute angeregt werden, das Geld zu geben. Was ich aber jetzt schon merke, ist, dass die Nutzer durch das Crowdfunding viel stärker eingebunden werden. Die Reaktionen auf den Trailer waren deutlich besser als bei der ersten Folge.

Wie seid Ihr damit klar gekommen, als Bittsteller aufzutreten?
Jens: Klar, das ist erstmal eine komische Sache, um das Geld zu bitten. Auch wenn sich 300 Euro nicht viel anhört und auf diesen Crowdfunding-Plattformen oft ganz andere Summen gefordert werden. Aber man spürt schon die Verantwortung, mit diesem Geld auch was Vernünftiges anzustellen.

War es ein Vorteil, dass es nur eine kleine Summe war?
Jens: Ganz bestimmt. Wenn wir um 1000 Euro gebeten hätten und uns unsere Arbeit damit quasi hätten bezahlen lassen, wäre es was ganz was anderes gewesen. Da stellt sich die Frage, ob wir schon so weit sind, das überhaupt machen zu können. Jetzt ist es so: Wir wollen uns ausprobieren und es wäre schön, wenn wir nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Das haben wir bei dieser Folge tatsächlich geschafft. Das ist super. Und es steigert natürlich die Motivation weiterzumachen, und es beim nächsten Mal wieder ein Stückchen professioneller zu machen.

Gab es irgendwas, was die Spender besonders motiviert hat?
Jonathan: Wichtig sind die Bonusgeschichten, die man sich ausdenkt. An den unterschiedlichen Stufen kann sich der User bei seinen Spenden gut orientieren. Wir haben zum Beispiel für zehn Euro angeboten, dass dann Name und Website von uns genannt werden. Es gab zwar auch welche, die gesagt haben, dass sie gar nicht wollen, dass die Seite genannt wird oder dass sie gar keine Website haben. Aber an sich war die Stufe zehn Euro ganz gut, weil die Leute dann gesagt haben: “Na gut, dann krieg ich noch einen Link auf mein Blog.” Der Spendenverlauf war aber relativ kontinuierlich. Es kam immer was rein.
Jens: Genau. Es lief drei Wochen. In der ersten kamen vielleicht 100 bis 150 Euro rein, in der zweiten etwas weniger und in der dritten haben wir dann noch mal Werbung über Facebook und Twitter gemacht und dann hat es auch geklappt.

Habt ihr denn jetzt Blut geleckt und geht beim nächsten mal auf 500 Euro hoch, vielleicht auch um in der Produktion noch mal was draufzulegen, oder war das ein einmaliges Experiment?
Jonathan: Das hängt sicherlich auch vom nächsten Gast ab. Wir haben zum Beispiel Michael Steinbrecher angefragt, bei dem könnte ich mir vorstellen, dass es wieder geht. Unser Ansatz soll aber bleiben, dass wir die Unkosten erstattet bekommen. Und ob wir dann noch jemanden für den Ton holen, würde auch von der Location abhängen. Wenn wir jetzt in Berlin oder bei Jens in der Ecke drehen, hätte nur einer Fahrtkosten. Dann könnte man sicherlich überlegen, ob man noch jemanden dazuholt.

Welches Potenzial gebt ihr Crowdfunding denn allgemein für journalistische Projekte?

Jonathan: Ich glaube, wenn man den Leuten ein konkretes Ziel nennt, so dass sie genau wissen, was sie erwartet, ist das auch für journalistische Projekte das Richtige. Es ist schwierig, wenn es sehr theoretisch bleibt. Bei Startnext läuft gerade eins von Radio München, die wollen 14.500 Euro für die Konzeptionserstellung. Das finde ich schwierig, weil ich nicht weiß, ob am Ende nicht trotzdem ein Radio rauskommt, was es schon tausendmal gibt. Bei uns konnten die Leute sich die erste Folge schon angucken und sehen, wo es ungefähr hingeht. Auch bei Rechercheprojekten finde ich es genau das Richtige, wenn man es kommunizieren kann, ohne dass es ein Eigentor gibt. Aber wenn man sagt: Wir müssen Akten besorgen, dafür verlangen die Behörden 500 Euro, dann wissen die Leute, wo ihr Geld hingeht. Größere Summen sind aber schwierig. Außer bei Filmprojekten funktioniert das im Journalismus nicht, glaube ich.

Wer wissen will, wie ich die Zitate von Jens und Jonathan verdreht und aus dem Kontext gerissen habe, kann hier das komplette Gespräch nachhören. Darin gibt es auch noch ein paar Extrainfos, zum Beispiel was sie gemacht hätten, wenn das Geld nicht reingekommen wäre und mit welcher Technik sie ihre Videos produzieren. Guckt in die Anmerkungen zum Talk, da findet ihr alles.

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