Olympia, Transparenz, Rechercheblogs

Länger nicht mehr zum Bloggen gekommen, deshalb ein kleines Mash-Up verschiedener Gedanken der letzten Tage.

Es ist schon komisch mit Olympia: Irgendwie möchte ich, dass es mir egal ist. Aber andererseits kann ich die Faszination des größten Sportfests der Welt nachvollziehen. Es ist eben nicht wie beim Fußball, in dem EM, WM oder Champions League längst völlig aus dem Ruder gelaufene, durchkommerzialisierte Marketingveranstaltungen sind, die man nicht mehr ernst nehmen kann. Olympia ist irgendwie anders. Natürlich: Korruption und Kommerz regieren auch diese Veranstaltung, die von den Mächtigen des Sport kaum weniger scheinheilig durchgezogen wird als eine Fußball-WM. Der Fall der Nazi-Braut “Drygalla” mag dafür ebenso als Beispiel dienen wie das Märchen von der saudi-arabischen Judoka, die angeblich eine Ikone der Frauenbewegung sein soll, letztlich aber nur Teil einer schäbigen Inszenierung des IOC ist.

Aber: Irgendwo zwischen dem ganzen Zynismus, den der Sport mittlerweile ausstrahlt, glimmt noch ein kleiner Funken Ehrlichkeit. Weil Olympia trotz allem immer noch den Geist des Amateursports atmet. Dass dort Sportschützen, Judokas und Slalom-Kanuten für einen Moment ins Rampenlicht treten können, hat einen gewissen Charme. Vor kurzem habe ich selbst jemanden kennen gelernt, der Olympiasieger geworden ist. Ich sehe diesen Menschen recht häufig im Alltag, ohne diese Person wirklich gut zu kennen. Aber vor der Leistung “Olympiasieg” habe ich Respekt. Dabei ist die Person ein völlig normaler Mensch mit einem ganz normalen Job und einem einfachen Leben, wie wir es alle führen. Aber sie hat eine Goldmedaille zu Hause. In Olympia steckt der Traum, dass jeder von uns mit seinem Hobby auf einmal etwas Großes erreichen kann, was einem niemals mehr weggenommen werden kann. Das ist der Unterschied zum Fußball, dessen Stars der Wirklichkeit mittlerweile völlig entrückt sind. Zu ihnen blickt man auf wie zu Wesen aus einer Parallelwelt. Olympiasieger aber könnte unser Studienkollege sein, der zufällig ein begnadeter Schwimmer ist. Es könnte unser Arbeitskollege sein, der all seine Freizeit auf einer Ringermatte verbringt oder in einem Ruderboot. Tatsächlich könnte man es selbst sein (wenn man nicht wie ich die 30 schon überschritten hat. Aber das ist ein anderes Thema).

***

Schön, wenn es so einfach wäre: Wie es hinter den Kulissen des olympischen Sports zugeht, legen grade einmal mehr die Recherchen von Daniel Drepper und Niklas Schenck offen. Die Journalisten wollten eigentlich etwas ganz einfaches wissen: Wie viele Medaillen werden von den verschiedenen Sportarten eigentlich vom DOSB und dem Innenministerium erwartet? In den Sport werden Millionen an Steuergeldern gesteckt, auf dass die Athleten den Ruhm der Nation mehren mögen. Insofern ist es nachvollziehbar, dass diejenigen, die das Geld verteilen (BMI und DOSB) dafür auch entsprechende Leistungen erwarten. Weniger nachvollziehbar ist, warum diese Zielvorgaben mit einer Geheimniskrämerei behandelt werden wie ein Rüstungsvertrag zwischen Deutschland und Israel. Drepper und Schenck rannten mit ihrer anscheinend banalen Frage gegen eine feste Schweigemauer. Tatsächlich wurde den Sportverbänden von höchster Stelle sogar verboten, den Journalisten Informationen zu dem Thema zukommen zu lassen. Am Ende brauchte es ein Gericht, dass dem Ministerium und dem Sportbund erklärte, wie ein demokratischer Staat die Bürger über die Verwendung von Steuergelden zu informieren hat.

***

Nachlesen kann und sollte man das alles im WAZ- und im Stern-Rechercheblog, in denen gemeinsam die Recherchen zum olympischen Komplex dokumentiert werden. Natürlich ist auch Jens Weinreich zu diesem Thema Pflichtlektüre, der es mit bewundernswerter Akribie schafft, nahezu jeder deutschen Medaille etwas von ihrem Glanz zu nehmen. Weinreich ist sicherlich einer der besten und erfolgreichsten Rechercheblogger dieses Landes. Ich hatte schon mal über das Rechercheblog von Daniel Drepper geschrieben und werde an anderer Stelle demnächst ausführlich über dieses Thema schreiben. Aber gerade die aktuellen Enthüllungen in Sachen DOSB/BMI zeigen die Wirkmacht, die das Medium Blog entfalten kann. Natürlich ließen sich die Fakten auch gut in einem Zeitungstext beschreiben. Doch die gesamte Brisanz des Falles, in dem immerhin ein Bundesministerium vorsätzlich Pressearbeit mit allen Mitteln behindert, entfaltet sich erst, wenn Daniel Drepper diese Vorgänge in aller Ausführlichkeit beschreibt und mit Gerichtsakten belegt. Gerade in dieser Sache sind die Vorgänge hinter den Kulissen mindestens genauso wichtig, wie das Thema selbst. In einem gedruckten Medium ließe sich das nie in dieser Ausführlichkeit dokumentieren.

Es ist ein gutes Zeichen, dass diese Blogs in immer größerer Zahl entstanden sind. Sie zeigen, dass anspruchsvoller und vor allem investigativer Journalismus auch im Netz und dort mit ganz anderen Mitteln möglich ist. Noch spielen sich die ganz großen Enthüllungen vor allem im Print und im TV ab. Das wird sicherlich auch noch so bleiben. Doch wenn es darum geht, über ein Thema über einen längeren Zeitraum zu berichten, und kontinuierlich Druck auszuüben, scheinen mir Blogs sogar das probatere Medium zu sein.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.