Wer Geld verdienen will, geht in die PR. Wer Journalismus machen will, entscheidet sich für ein Leben in finanzieller Unsicherheit. Auf diese kurze Formel kann man einen langen und sehr lesenswerten Text aus der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” der Bundeszentrale für politische Bildung bringen. Er passt zu dem, was ich vor einiger Zeit selbst gebloggt habe. Ich sage mal danke an die Autoren Volker Lilienthal und Thomas Schnedler, dass sie meine Thesen mit weiteren Fakten untermauert haben. Wer die beschriebenen und inzwischen ja auch hinlänglich bekannten Tatsachen zu Ende denkt, kann nur zu einem Schluss kommen: Journalismus ist der falsche Ort für Marktwirtschaft.
Dabei will ich es mal mit den im Netz etwas zu Unrecht gedissten Autoren eines anderen Standardwerks der BpB halten: Wolfgang Schneider und Paul-Josef Raue schreiben in ihrem Klassiker “Das neue Handbuch des Journalismus” immer in einem Kapitel, welche Journalisten sich von ihrem Buch nicht angesprochen fühlen müssen: Es sind die, die sich “lediglich marktgerecht verhalten (…), Verantwortungsgefühl schadet ihm nur.” So will ich es auch halten: Wenn ich hier schreibe, dann immer nur über die, die ihren Beruf deshalb ausüben, weil sie daran glauben, dass dieser für die Gesellschaft und die Demokratie unabdingbar ist. Man nennt diese Leute auch Idealisten (was ja bei manchen Leuten schon ein Schimpfwort ist).
Vor kurzem hatte ich mit einem befreundeten Arzt eine Diskussion über das Gesundheitssystem, insbesondere über die Lage in Krankenhäusern und Praxen. Tatsächlich gibt es dort ein ähnliches Problem. Das Gesundheitssystem ist in den letzten Jahrzehnten ebenfalls immer mehr marktwirtschaftlichen Mechanismen unterworfen worden. Das hat dazu geführt, dass sich ein Arzt besser stellt, wenn er sich darauf spezialisiert, die Nasen von Models zu begradigen, die Gebisse von Schauspielern noch ein wenig makelloser zu machen – oder Spenderorgane nicht nach Bedürftigkeit, sondern nach Geldbeutel zu verteilen. Wer hingegen davon leben will, dass er arme Menschen gesund machen, Kinder optimal vor Krankheiten schützen möchte, oder sich einfach nur Zeit für seine Patienten nehmen möchte, stößt schnell an seine Grenzen. Um mal in der Analogie zu bleiben: Erstere Gruppe würde ich nicht meinen, wenn ich von Ärzten spreche. Vielleicht könnte man sie als medizinische Kosmetiker bezeichnen. Oder als Typen, die mit menschlichem Knetgummi spielen; was auch immer. Genau wie der Journalistenberuf verlangt der Arztberuf einen gewissen Berufsethos.
Gerade in einer Zeit, in der der Kapitalismus als System grundsätzlich in der Krise ist, sollte man also überlegen, ob es sinnvoll ist, alle gesellschaftlichen Bereiche nach dessen Mechanismen zu organisieren, wie es in den letzten Jahrzehnten geschehen ist. Universitäten, Krankenhäuser, Stadtverwaltungen, alles musste auf einmal dem Wettbewerb und dem Leistungsprinzip unterworfen werden. Und das gilt natürlich auch für Journalismus. Doch wenn dessen Erzeugnisse auch als Produkte taugen müssen, kann er nicht funktionieren, es ist geradezu ein Widerspruch in sich. Guter Journalismus lebt ja gerade davon, dass er manchmal nur schwer zu verkaufen ist. Weil er Missstände in der Gesellschaft offenlegt, weil er scheinbar honorigen Menschen nachweist, dass sie in Wahrheit kriminell sind, weil er Dinge öffentlich macht, die manche eigentlich gar nicht wissen wollten. Journalismus ist also nicht immer ein unbedingt attraktives Produkt, gleichzeitig aber sehr teuer zu produzieren. Dennoch ist es nötig, dass Journalismus zu einem vernünftigen Preis angeboten wird. Es ist ja kein System-Fehler, dass eine ordentliche Tageszeitung schon für ein bis zwei Euro zu haben, und damit auch für sozial schwache Menschen zumindest ab und zu erschwinglich ist.
Der Satz “Mit Journalismus lässt sich kein Geld verdienen” sollte in der Diskussion nicht länger als Lamento dienen. Stattdessen sollte man diese Tatsache als eine gesellschaftliche Errungenschaft preisen. Ich bin der Meinung, dass jeder, der mit Journalismus (noch mal: verstanden im obigen Sinne) Geld verdienen will, die falsche Einstellung dazu hat. Ganz ehrlich: Es hat noch nie funktioniert. Guter Journalismus war, ist und bleibt immer ein Zuschussgeschäft. Früher waren es die Anzeigen, die den Zuschuss geliefert haben, doch das wird sich über kurz oder lang wohl erledigt haben. Es sei denn, jemand hat die Knaller-Idee, wie man Google, Apple, Facebook & Co. noch klein kriegt. Der ein oder andere wird es evtl. hinkriegen, sich zum Großteil über den Verkauf (von Abos oder am Kiosk) zu finanzieren, doch die werden weniger werden, zumindest, wenn sie es allein mit journalistischen Inhalten probieren. Vielleicht wird eine Quersubventionierung funktionieren: Verlage verkaufen gleichzeitig Bücher, DVDs und Reisen, um mit dem damit verdienten Geld Redaktionen zu finanzieren. Bin aber skeptisch, ob sich jeder Verlag in ein Versandhaus ummodeln lässt. Dazu kommt erschwerend hinzu, dass man sich dann auch noch Amazon als Gegner aussucht.
Bleibt nur noch das Öffentlich-Rechtliche Modell: Die Menschen zahlen für etwas (nicht immer ganz freiwillig), weil es für die Gesellschaft nötig ist. Und so sehr die Verleger auch gegen die angeblich subventionierte Konkurrenz wettern: Dieser Weg wird schon bald auch für viele Zeitungen der einzige sein. Das Genossenschaftsmodell der Taz macht es vor: Die Leser können und werden den Journalismus finanzieren; wenn dieser Journalismus das auch wert ist. Dann wollen sie aber auch mitreden dürfen. Kluge Verlage suchen schon jetzt den Weg zu Mäzenen und Stiftungen, um so ihren Journalisten zu ermöglichen, ohne Kostendruck und Angst vorm Arbeitsplatz zu arbeiten. Dass daraus eine andere Anspruchshaltung an den Journalismus erwachsen wird, ist klar, aber das ist ja nur wünschenswert. Das soll im Übrigen nicht heißen, dass man mit Journalismus gar kein Geld mehr machen soll. Die Suche nach dem berühmten “Erlösmodell” kann ja gerne weitergehen. Je mehr man mit gutem Journalismus verdienen kann, umso besser. Aber es kann und darf eben nicht das alleinige Ziel sein.

