Monatsarchiv: Juli 2012

Erlösmodell? – Mit Journalismus wurde noch nie Geld verdient. Zum Glück

Wer Geld verdienen will, geht in die PR. Wer Journalismus machen will, entscheidet sich für ein Leben in finanzieller Unsicherheit. Auf diese kurze Formel kann man einen langen und sehr lesenswerten Text aus der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” der Bundeszentrale für politische Bildung bringen. Er passt zu dem, was ich vor einiger Zeit selbst gebloggt habe. Ich sage mal danke an die Autoren Volker Lilienthal und Thomas Schnedler, dass sie meine Thesen mit weiteren Fakten untermauert haben. Wer die beschriebenen und inzwischen ja auch hinlänglich bekannten Tatsachen zu Ende denkt, kann nur zu einem Schluss kommen: Journalismus ist der falsche Ort für Marktwirtschaft.

Dabei will ich es mal mit den im Netz etwas zu Unrecht gedissten Autoren eines anderen Standardwerks der BpB halten: Wolfgang Schneider und Paul-Josef Raue schreiben in ihrem Klassiker “Das neue Handbuch des Journalismus” immer in einem Kapitel, welche Journalisten sich von ihrem Buch nicht angesprochen fühlen müssen: Es sind die, die sich “lediglich marktgerecht verhalten (…), Verantwortungsgefühl schadet ihm nur.” So will ich es auch halten: Wenn ich hier schreibe, dann immer nur über die, die ihren Beruf deshalb ausüben, weil sie daran glauben, dass dieser für die Gesellschaft und die Demokratie unabdingbar ist. Man nennt diese Leute auch Idealisten (was ja bei manchen Leuten schon ein Schimpfwort ist).

Vor kurzem hatte ich mit einem befreundeten Arzt eine Diskussion über das Gesundheitssystem, insbesondere über die Lage in Krankenhäusern und Praxen. Tatsächlich gibt es dort ein ähnliches Problem. Das Gesundheitssystem ist in den letzten Jahrzehnten ebenfalls immer mehr marktwirtschaftlichen Mechanismen unterworfen worden. Das hat dazu geführt, dass sich ein Arzt besser stellt, wenn er sich darauf spezialisiert, die Nasen von Models zu begradigen, die Gebisse von Schauspielern noch ein wenig makelloser zu machen – oder Spenderorgane nicht nach Bedürftigkeit, sondern nach Geldbeutel zu verteilen. Wer hingegen davon leben will, dass er arme Menschen gesund machen, Kinder optimal vor Krankheiten schützen möchte, oder sich einfach nur Zeit für seine Patienten nehmen möchte, stößt schnell an seine Grenzen. Um mal in der Analogie zu bleiben: Erstere Gruppe würde ich nicht meinen, wenn ich von Ärzten spreche. Vielleicht könnte man sie als medizinische Kosmetiker bezeichnen. Oder als Typen, die mit menschlichem Knetgummi spielen; was auch immer. Genau wie der Journalistenberuf verlangt der Arztberuf einen gewissen Berufsethos.

Gerade in einer Zeit, in der der Kapitalismus als System grundsätzlich in der Krise ist, sollte man also überlegen, ob es sinnvoll ist, alle gesellschaftlichen Bereiche nach dessen Mechanismen zu organisieren, wie es in den letzten Jahrzehnten geschehen ist. Universitäten, Krankenhäuser, Stadtverwaltungen, alles musste auf einmal dem Wettbewerb und dem Leistungsprinzip unterworfen werden. Und das gilt natürlich auch für Journalismus. Doch wenn dessen Erzeugnisse auch als Produkte taugen müssen, kann er nicht funktionieren, es ist geradezu ein Widerspruch in sich. Guter Journalismus lebt ja gerade davon, dass er manchmal nur schwer zu verkaufen ist. Weil er Missstände in der Gesellschaft offenlegt, weil er scheinbar honorigen Menschen nachweist, dass sie in Wahrheit kriminell sind, weil er Dinge öffentlich macht, die manche eigentlich gar nicht wissen wollten. Journalismus ist also nicht immer ein unbedingt attraktives Produkt, gleichzeitig aber sehr teuer zu produzieren. Dennoch ist es nötig, dass Journalismus zu einem vernünftigen Preis angeboten wird. Es ist ja kein System-Fehler, dass eine ordentliche Tageszeitung schon für ein bis zwei Euro zu haben, und damit auch für sozial schwache Menschen zumindest ab und zu erschwinglich ist.

Der Satz “Mit Journalismus lässt sich kein Geld verdienen” sollte in der Diskussion nicht länger als Lamento dienen. Stattdessen sollte man diese Tatsache als eine gesellschaftliche Errungenschaft preisen. Ich bin der Meinung, dass jeder, der mit Journalismus (noch mal: verstanden im obigen Sinne) Geld verdienen will, die falsche Einstellung dazu hat. Ganz ehrlich: Es hat noch nie funktioniert. Guter Journalismus war, ist und bleibt immer ein Zuschussgeschäft. Früher waren es die Anzeigen, die den Zuschuss geliefert haben, doch das wird sich über kurz oder lang wohl erledigt haben. Es sei denn, jemand hat die Knaller-Idee, wie man Google, Apple, Facebook & Co. noch klein kriegt. Der ein oder andere wird es evtl. hinkriegen, sich zum Großteil über den Verkauf (von Abos oder am Kiosk) zu finanzieren, doch die werden weniger werden, zumindest, wenn sie es allein mit journalistischen Inhalten probieren. Vielleicht wird eine Quersubventionierung funktionieren: Verlage verkaufen gleichzeitig Bücher, DVDs und Reisen, um mit dem damit verdienten Geld Redaktionen zu finanzieren. Bin aber skeptisch, ob sich jeder Verlag in ein Versandhaus ummodeln lässt. Dazu kommt erschwerend hinzu, dass man sich dann auch noch Amazon als Gegner aussucht.

Bleibt nur noch das Öffentlich-Rechtliche Modell: Die Menschen zahlen für etwas (nicht immer ganz freiwillig), weil es für die Gesellschaft nötig ist. Und so sehr die Verleger auch gegen die angeblich subventionierte Konkurrenz wettern: Dieser Weg wird schon bald auch für viele Zeitungen der einzige sein. Das Genossenschaftsmodell der Taz macht es vor: Die Leser können und werden den Journalismus finanzieren; wenn dieser Journalismus das auch wert ist. Dann wollen sie aber auch mitreden dürfen. Kluge Verlage suchen schon jetzt den Weg zu Mäzenen und Stiftungen, um so ihren Journalisten zu ermöglichen, ohne Kostendruck und Angst vorm Arbeitsplatz zu arbeiten. Dass daraus eine andere Anspruchshaltung an den Journalismus erwachsen wird, ist klar, aber das ist ja nur wünschenswert. Das soll im Übrigen nicht heißen, dass man mit Journalismus gar kein Geld mehr machen soll. Die Suche nach dem berühmten “Erlösmodell” kann ja gerne weitergehen. Je mehr man mit gutem Journalismus verdienen kann, umso besser. Aber es kann und darf eben nicht das alleinige Ziel sein.

Ja, sie schießen wirklich! – Der Afghanistan-Comic “Wave and Smile”

Wave & Smile von Arne Jysch ist erschienen bei Carlsen-Comics.

Es ist ein lässig gekleideter Typ mit Base-Cap und Kapuzenpulli, der für Hauptmann Chris Menger zu weit geht. Als der Bundeswehrsoldat dem Hipster eine 1-Euro-Münze, die dieser verloren hatte, wiedergeben will, lehnt der entrüstet ab: “Ich nehme nichts aus Mörderhänden.” Drei Monate und eine Scheidung nach seinem Afghanistaneinsatz ist das zu viel für Menger. Er verliert vor seiner Tochter die Beherrschung und zwölf Panels später liegt der Typ mit dem vorlauten Mundwerk in seinem eigenen Kaffee. In dieser kurzen Szene verdichten sich alle Stärken und Schwächen von Arne Jyschs Afghanistan-Comic “Wave and Smile”, der jetzt bei Carlsen erschienen ist.

Der Krieg der Bundeswehr in Afghanistan dauert nun schon über eine Dekade, entsprechend groß ist mittlerweile das Spektrum kritischer Reflexionen und vor allem Selbstreflexionen über die Mission der deutschen Soldaten. Nicht wenige von ihnen haben ihre traumatischen Erlebnisse vom Krieg gegen den Terror in Büchern verarbeitet. In unzähligen Talkshows redeten sich die Scholl-Latours der Nation den Mund fusselig über den Einsatz, selbst der Tatort thematisierte schon die Folgen der Isaf-Mission. Man könnte also annehmen, dass inzwischen alles gesagt ist über den größten deutschen Militäreinsatz der Nachkriegszeit. Und doch gelingt es Jysch, dem Afghanistankomplex neue Facetten hinzuzufügen.

Das liegt vor allem an der Macht der Bilder, der großen Stärke des Mediums Comic. Denn trotz aller Berichterstattung fällt es der Öffentlichkeit immer noch schwer, sich deutsche Soldaten im Kampfeinsatz vorzustellen. Echtes Bildmaterial mitten aus einem Kampfeinsatz gibt es kaum, und das deutsche Kino ist im Gegensatz zu Hollywood nicht in der Lage (oder willens), entsprechende Szenerien glaubwürdig nachzustellen. Doch nicht umsonst ist Comic das Genre, dass dem Film am nächsten kommt. Aus Berichten und Erzählungen von Soldaten erschafft der Storyboardzeichner Jysch Bilder, die haften bleiben; im Großen wie im Kleinen. Egal, ob es um einen Hubschrauberabsturz oder ein Saufgelage geht, die Zeichnungen wirken glaubwürdig. So ist der Leser schnell drin in der Geschichte um den Hauptmann Chris Menger, seinen Feldwebel Marco und die Fotografin Anni. Letztere kommt als Journalistin nach Afghanistan und hat neben ihrer Kamera auch noch ihre naiv-idealistische Sichtweise auf die Welt dabei. Doch schon bald müssen Anni und damit auch die Leser auf die harte Tour lernen, dass es so einfach nicht ist mit der Friedens-Mission der Bundeswehr.

So traut sich Jysch etwas explizit zu machen, wovor viele Menschen in Deutschland nach wie vor die Augen verschließen: Deutsche müssen in Afghanistan töten, um ihre Mission erfolgreich beenden zu können. Dass Bundeswehrsoldaten “da unten” sterben, wird uns leider immer wieder in Erinnerung gerufen. Dass Soldaten sich aber auch zur Wehr setzen und selbst Leben nehmen müssen, ist immer noch ein Tabuthema. Dominiert wird diese Diskussion zu häufig noch von dem “Soldaten sind Mörder”-Zungenschlag, der auch Jyschs Hauptmann die Fassung verlieren ließ. Ich sehe es als Jyschs größten Verdienst an, dass er diese Situation ohne Zurückhaltung aus der Perspektive der Soldaten führt. Denn die fehlte gerade bei diesem Thema zu häufig.

Jyschs Bilder erinnern an große Blockbuster-Kriegsfilme der letzten Jahre, etwa “Black Hawk Down” oder “Hurt Locker”. Leider tappt Jysch genau an dieser Stelle in die Klischeefalle. Zu viel in der Charakter- und Plotentwicklung kommt dann doch vom Reißbrett eines Hollywood-Autors. Bezeichnend und exemplarisch mag hier der schießwütige Kamerad von Menger stehen, der den Spitznamen “Rocker” trägt (ein anderer heißt “Django”). Ein verbohrter Vorgesetzter und ein wenig diplomatischer Amerikaner stammen ebenso aus dem Standard-Repertoire der Charaktere wie der eingangs erwähnte, schnöselige Hipster von der Anti-Kriegs-Fraktion. Die Perspektive des Autors ist klar: Er fährt mit unseren Jungs im Panzerfahrzeug mit, trauert mit ihnen um die gefallenen Kameraden und verteidigt sie gegen die bornierte Öffentlichkeit. So ist Jyschs Comic vor allem ein Plädoyer dafür, die Augen für die Situation der Kamerden am Hindukusch zu öffnen und sie nicht mit ihren Problemen alleinzulassen.

Die Identifizierung mit Menger, Marco und Anni fällt auch deshalb so leicht, weil den Charakteren die Brüche fehlen. In die Abgründe des Kriegs blicken wir mit ihnen nicht wirklich, trotz ausführlicher Thematisierung der posttraumatischen Belastungsstörung. Zum deutschen “Hurt Locker” fehlt “Wave and Smile” die Prise Wahnsinn, der Mut, die Extreme der Soldatenpsyche wirklich auszuloten. Jysch unternimmt gar nicht erst den Versuch, seiner Geschichte etwas mehr psychologische Differenzierung und Tiefe zu verleihen. Ich nehme an, dass der Autor sich auf diesen dunklen Pfad auch gar nicht begeben wollte, denn das hätte seiner Kernbotschaft, mehr Solidarität mit den Bundeswehrsoldaten zu zeigen, im Weg gestanden. “Wave and Smile” leistet einen guten und wichtigen Beitrag zur Debatte um den Afghanistan-Einsatz, der aber gerade auf dem Comic-Sektor noch Luft für weitere, wünschenswerte Geschichten liefert.

Pflichtlektüre: “Fifa Mafia” entlarvt die kriminellen Strukturen des Weltfußballs

Der internationale Profi-Fußball hat noch zwei Jahre bis zu seiner eigenen Abschaffung als ernsthafte Sportart. Nach der WM 2014 im Land des fünffachen Weltmeisters und Erfinder des schönen Spiels, Brasilien, verabschiedet sich der ohnehin schon völlig überkandidelte Zirkus endgültig in die Kasperletheaterliga. 2016 wird die Euro erstmals mit dem halben europäischen Kontinent als Teilnehmerfeld ausgetragen, und damit zur aufgeblasenen Farce eines Fußballturniers. Danach folgt (nach derzeitigem Stand) eine WM in Russland, der größten Scheindemokratie der Welt, bevor es dann zur Krönung des absurden Tehaters in den Glutofen des Scheich-Staates Katar geht, wo die Stadien in Sichtweite voneinander entfernt stehen werden. Wie es soweit kommen konnte, schildert der SZ-Journalist Thomas Kistner in seinem Buch Fifa-Mafia, in dem er die Ergebnisse aus mehr als 20 Jahren investigativer Recherche im Weltfußball bündelt.

Es ist nicht alles neu, was Kistner da auf gut 400 Seiten ausbreitet. Aber in dieser konzentrierten Form entfachen Kistners Recherchen noch mal eine ganz besondere Wirkung. Kopfschüttelnd arbeitet man sich durch das hochkomplexe Konvolut von Fakten, Seilschaften und juristischen Winkelzügen. Ein Leser, der noch nie von Fußball und Sepp Blatter gehört hätte, müsste denken, er würde hier einen brilliant ausgedachten Krimi lesen. Doch die handelnden Personen sind alle real. Weitestgehend unbehelligt von der Justiz, hofiert von der Politik, alle vier Jahre euphorisch bejubelt von der Sportpresse, hat sich eine kleine Gruppe von Männern ein Geld druckendes Sportimperium aufgebaut, mit dem Cäsaren Sepp Blatter an der Spitze. Als Leser schämt man sich angesichts Kistners Enthüllungen für jeden Euro, den man je für ein Fußballspiel ausgegeben hat.

Nun gut, aber das Spiel läuft doch, Fußball ist halt Fußball, mag der ein oder andere entgegen halten. Soll man sich doch nicht so drüber aufregen, solange auf dem Platz noch Elf gegen Elf spielen und die Fans ihren Spaß haben. Dass diese Sichtweise bestenfalls naiv, wenn nicht gefährlich dumm ist, zeigt sich im letzten Drittel von Kistners Buch, in dem er beschreibt, wie sich die jahrzehntelangen Korruptionsgeschäfte der Fifa-Familie auf bedenkliche Weise zuspitzen. Zu viele Abhängigkeiten sind in den Jahrzehnten entstanden, zu viele neue und mächtige Gestalten drängen ins Fußballgeschäft und wollen dessen globalen Einfluss für ihre Machenschaften nutzen. Was als Spiel von einer handvoll cleverer, aber gewissenloser Funktionärsgestalten begann, ist längst zu einem unkontrollierbaren Wettlauf zahlreicher Interessengruppen geworden. Clans der asiatischen Wettmafia, Oligarchen aus Osteuropa, dubiose Machthaber winziger, aber superreicher Ölstaaten haben alle den Fußball als perfektes Illusionstheater entdeckt, mit dem sich ihre kriminellen Machenschaften wunderbar verschleiern lassen. Geschützt vom Funktionärsstatus der Fifa und der Autonomie des Sports haben sich zahlreiche Figuren, die jedem James-Bond-Bösewicht Ehre machen würden, ein kriminelles Netzwerk im Fußball aufgebaut, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Und alle hängen mit drin: Große Namen wie Günther Netzer oder Franz Beckenbauer tauchen in dieser Gemengelage ebenso auf wie der FC Barcelona, Bayern München oder die deutsche Vorzeigefirma Adidas.

Zwar wachen die Ermittlungsbehörden langsam aber sicher auf und setzen ihre Strafverfolger auf die Fifa an. Doch die weiß sich zu wehren. Längst hat sie begonnen, auch die Sicherheitsapparate zu umgarnen und zu unterwandern – und ist dabei, geheimdienstähnliche Strukturen aufzubauen. Mittendrin thront Sepp Blatter: Fast scheint es, als würden ihn jeder weitere Skandal nur noch unantastbarer machen. Eine der mutmaßlich korruptesten Figuren der Sportgeschichte schielt dabei unverfroren auf den Friedensnobelpreis. All das schildert Kistner fakten- und kenntnisreich im lakonischen Tonfall des Journalisten, der inzwischen schon zu viel gesehen und erlebt hat, als dass ihn noch irgendeine Enthüllung aus dem Fifa-Dunstkreis überraschen könnte. Hoffnung, dass der Fußball noch zu retten ist, scheint zwischen seinen Zeilen kaum durch. So wird Kistners Buch auch zu einer traurigen Chronik über den Niedergang eines Sports, der sich von einem Wettkampf ehrbarer Sportsmänner zu einer der zynischsten wie auch erfolgreichsten Industrien der Welt gewandelt hat.

Die einzige Chance scheint wohl eine radikale Erneuerung der Fifa mit einem kompletten Austausch des Personals zu sein. Darauf hoffen kann man nicht. Aber jeder, der dieses Buch kauft, trägt schon mal ein bisschen dazu bei; in dem er dokumentiert, dass ihm kritischer Sportjournalismus etwas wert ist. Und wer weiß: Vielleicht wachen die Fans ja irgendwann selber auf und kehren dem monströsen Spektakel, das sie selbst geschaffen haben, den Rücken zu. Und zumindest eine Hoffnung will ich persönlich aufrecht erhalten: Dass im Jahr 2022 der Anstoß zur Fußball-WM nicht in Katar erfolgt.

Mein EM-Tagebuch (XV): Deutscher Journalismus und Social Media wollen nicht zusammen finden

Gerade lese ich mich so durch meinen Feedreader, da fallen mir zwei Artikel auf: Zum einen berichtet Universalcode von einer Studie, der zu Folge immerhin 45 Prozent der deutschen Journalisten glauben, für den Umgang mit Sozialen Netzwerken gerüstet zu sein. Kurz danach lese ich diesen Text bei Richard Gutjahr: Deutschland liegt weltweit nur auf Platz 18 bei der Zahl der Twitteraccounts. Irgendwas passt hier also nicht zusammen. Und bei der EM-Berichterstattung von ZDF und ARD konnte man mal wieder deutlich sehen, woran es krankt, wenn deutsche Journalisten Soziale Netwerke nutzen. Zwar wird durchaus viel gemacht: Aber der Zuschauer bekommt davon nichts mit.

Dass deutsche Journalisten glauben, für Social Media gut gerüstet zu sein, kann nur damit zusammenhängen, dass sie das wahre Potenzial der Netzwerke noch gar nicht erlebt haben. Sie reden wie jemand, der einen Flugsimulator am PC spielt, und dann behauptet, er sehe sich jetzt gut gerüstet, einen Jumbojet zu fliegen.
Gerade Twitter liegt in Deutschland immer noch unter der relevanten Wahrnehmungsschwelle, obwohl es im Vergleich zu Facebook das journalistisch viel interessantere, lebendigere Netzwerk ist. Doch noch immer istder Umgang damit manchmal erstaunlich unbeholfen. Bestes Beispiel war die tapsige Art, mit der das ZDF während der EM Oliver Kahns Twitter-Account einführte. Zwar diskutierten Sportschau und ZDF eifrig mit den Nutzern im Netz während der Spiele und reagierten auch viel auf Bemerkungen zu der Berichterstattung. Doch nur wenig davon fand Eingang in die TV-Berichterstattung.

Das Twitterteam der Sportschau reagierte zügig, wenn die Sendung kritisiert wurde.

Dass Bela Rethy oder Steffen Simon während der Spiele mal auf den offiziellen Hashtag zu den Matches hinwiesen, kam, soweit ich weiß, nie vor. Und ich habe 25 von 31 Spielen gesehen. Geschweige denn, dass sie selbst twittern würden oder mal einen interessanten Tweet in ihre Kommentierung einbauen würden. Gleiches gilt für die Nachberichterstattung. Wäre es so schwer für Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl, ein iPad vor sich hin zu legen, von dem aus sie ein paar interessante Kommentare aus sozialen Netzwerken vorlesen und diskutieren können? Wieso leitet Michael Steinbrecher im Interview nicht mal eine Frage eines Facebook-Nutzers an Jogi Löw weiter? Nichts von alledem, dabei wäre ein Großereignis wie die EM der perfekte Moment gewesen, Soziale Netzwerke (endlich) massentauglich in die Berichterstattung einzubauen.

Der Dialog auf Sozialen Netzwerken ist nur dann bereichernd, wenn die Informationen, den Mehrwert, den Journalisten daraus ziehen, auch ans Publikum weitergeben. Twitter und Facebook sind doch keine in sich geschlossenen Systeme, die man völlig losgelöst von dem Restprogramm eben auch noch bedient. Zur vollen Blüte gelangen sie erst, wenn man das reichhaltige Feedback von dort auch sinnvoll verwertet. Kein Wunder, dass das vorherrschende Urteil über Twitter und Facebook nach wie vor lautet, dass das ja ein ganz netter Zeitvertreib, aber letztlich doch nutzloser Quatsch ist. Evolutionär gesehen klettern wir in Sozialen Netzwerken noch auf Bäumen rum, während andere Länder längst den aufrechten Gang erlernt haben.