Mein EM-Tagebuch (XIII) – Spielen wie ein 20-Jähriger: Doping im Fußball lohnt sich doch (IV mit Daniel Drepper)

Dopinggerüchte gehören im Fußball mittlerweile dazu. Bei dieser Euro rankten sie sich um die Ukraine. Im ersten Spiel hatte vor allem der furios aufspielende Schewtschenko die Fachwelt verblüfft. Nach dem Spiel fiel von ihm der verräterische Satz, er fühle sich wie ein 20-Jähriger. Nun wissen wir ja, dass der Jungbrunnen im Sport längst erfunden ist. Es ist alles nur eine Frage der Mittel. Kein Wunder also, dass der Argwohn einiger Journalisten geweckt war. Ins Bild passte da eine mysteriöse Welle von Darmerkrankungen, die mehrere Spieler der Ukraine vor dem Turnier erfasst hatte. Sie deutet womöglich auf den Missbrauch eines Medikaments zur Regenerationsförderung hin; der Mannschaftsarzt der Ukraine war mit einem ähnlichen Fall schon mal aufgefallen. Letztlich blieb es bislang bei Andeutungen und Mutmaßungen, wie so oft im Fußball.

Ein Blog als Rechercheinstrument
Damit sind wir bei Daniel Drepper angelangt. Der Sportjournalist aus Mainz hat vor einiger Zeit das Blog “Fussballdoping.de” gestartet. Daniel ist Mitarbeiter der WAZ-Rechercheredaktion, die sein Blog unterstützt. Es ist ein dickes Brett, das er da bohren will. Denn bislang scheint es, als wäre der Fußball von einer gut imprägnierten Schutzschicht umgeben, an der alle Dopinggerüchte und -anschuldigungen abperlen wie Regentropfen an der Frisur von Christiano Ronaldo. Daniels Hoffnung ist nun, dass sein Blog zur Anlaufstelle für all jene wird, die sich zu dem Thema äußern wollen: Kollegen, Wissenschaftler, aber natürlich hofft er auch auf Insider aus dem Betrieb, ohne deren Hinweise es letztlich nicht gehen wird. Großes Vorbild ist Jens Weinreich, dessen Blog sich zur wichtigsten sportkritischen Plattform in Deutschland entwickelt hat. Dennoch ist es journalistisches Neuland, auf das sich Daniel wagt: Ein öffentliches Blog als Instrument zur investigativen Recherche klingt erst mal wie ein Widerspruch. Daniel glaubt aber an seine Idee: “Es ist ein Langzeitprojekt. Vielleicht dauert es zwei Jahre, vielleicht vier, bis die ersten Durchbrüche gelingen. Wir wollen einfach zeigen, dass wir da jetzt dran bleiben.” Ihm ist es wichtig, überhaupt erst mal eine Diskussionsplattform für das Thema zu schaffen.

Von Bern über Turin nach Nordkorea

Denn dass es ein Thema ist, steht außer Frage. Das geht schon los beim Wunder von Bern, das höchstwahrscheinlich weniger den Schraubstollen von Adi Dassler als den Spritzen des Mannschaftsarztes zu verdanken war. Das geht weiter mit Sprüchen von Peter Neururer über den Einsatz von Captagon in den 80ern (“Die Spieler waren verrückt danach”). Neururer hat das schnell wieder dementiert, aber “ein Dutzend Leute haben es nach ihm bestätigt. Wie viel will man noch?”, sagt Daniel Drepper, der die Berichte von damals für seine Recherchen wieder rausgekramt hat. In den 90ern landet man dann bei Juventus Turin, die in mannschaftlicher Geschlossenheit Epo nahmen. Der Fall ist gerichtsfest. Einer der jüngsten Fälle war schließlich das Doping bei der Frauennationalmannschaft von Nordkorea zur WM 2011, für das
eine dem Metier angemessen bescheuerte Erklärung geliefert wurde, in der ein Blitzschlag und eine Moschuskur eine Rolle spielten.
Und auch um das derzeit erfolgreichste Nationalteam der Welt gibt es Dopinggerüchte. Angeblich hätten die spanischen Spieler Kontakte zum Dopingarzt Eufemanio Fuentes gehabt. Einmal mehr: Nur vage Andeutungen, für die sich in den Fuentes-Akten nach dem Kenntnisstand von Daniel Drepper keine Beweise finden lassen.

Jeder Spieler hat Anreize zu dopen

Wie verhält es sich nun mit einem Turnier wie der Euro? Auf der einen Seite sagt Daniel Drepper: “Die Kontrollen sind für Fußballverhältnisse sehr fortschrittlich.” Auf der anderen Seite sind gerade bei einem großen Turnier die Dopinganreize hoch. Nicht nur für ganze Mannschaften, sondern auch für jeden einzelnen Spieler. Die im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Turniere sind die ganz große Bühne, auf der man sich zeigen kann. Hier legen die Spieler die Grundlagen für den nächsten lukrativen Vertrag. Ein junger Spieler, der hier auf sich aufmerksam machen kann, spielt danach vielleicht in einer der großen Ligen. Auch Werbe- und Ausrüsterverträge spielen sicher eine Rolle. “Der finanzielle Druck ist im Fußball sehr viel höher als in anderen Sportarten”, sagt Daniel Drepper. Da mit Doping die entscheidenden Prozente rauszuholen, wäre naheliegend. Des weiteren sind die (konditionellen) Anforderungen eines Turniers hoch, gerade nach einer ohnehin langen Saison; ein harter Trainings- und Wettkampfrhythmus, der seinen Tribut fordert. Das geht in der Grauzone der Schmerzmittel los, die Fußballer inzwischen einzunehmen scheinen wie andere Leute Multivitamintabletten. Über diese gerade noch legalen Praktiken hinaus ist natürlich alles denkbar, was die gut sortierte Dopingapotheke so her gibt.
Wer das Turnier in Polen und der Ukraine aufmerksam verfolgt, wird nicht nur die ukrainischen Salate merkwürdig finden. Man kommt letztlich auch nicht drum herum zu fragen, unter welchen Umständen sich etwa ein Bastian Schweinsteiger derzeit von Spiel zu Spiel schleppt. Wie ein 20-Jähriger sieht der jedenfalls zur Zeit nicht aus. Vielleicht sollte er mal “Scheva” um Rat fragen.

Wer mehr Interesse an dem Thema hat, kann sich hier das Interview anhören, dass ich vor der Euro via Skype mit Daniel geführt habe.

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