Monatsarchiv: Juni 2012

Mein EM-Tagebuch (XIV) – 3 neue Fußballweisheiten von der EM 2012

1. Die einzig wahre Turniermannschaft ist Italien.
2. Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen dem Ball hinterher und am Ende gewinnt immer Spanien.
3. Das Spanien von früher heißt jetzt Deutschland.

Antwort an Julia Friedrichs: Der Journalismus braucht die Revolution von unten

Im Juni 2008 war ich zum ersten und einzigen Mal auf einer Tagung des Netzwerks Recherche. Ich stand kurz davor, mein Volontariat bei der Rhein-Zeitung zu beginnen. Meine journalistische Erfahrung gründete sich bis dato größtenteils auf meine freie Mitarbeit bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung während meines Studiums. Ich fuhr damals vor allem aus Neugier nach Hamburg, wollte einfach mal hören und sehen, wie eigentlich echte Journalisten so drauf sind. In einem Podium, in dem ich saß, ging es um das Verhältnis von Journalismus und PR. Zum ersten Mal erfuhr ich hautnah, unter welchen Bedingungen Journalisten wirklich arbeiten. Da berichteten freie Journalisten und Journalistinnen, dass sie mit PR das Geld verdienen würden, mit dem sie ihr “Hobby” Journalismus finanzieren. Andere erzählten von Dumping-Honoraren, die sie letztlich in die gute bezahlte Welt der Agentur-Kommunikation hatten flüchten lassen.

Nur ein paar Plätze neben mir saß eine junge Journalistin, die sich vehement, geradezu mit Verachtung dagegen aussprach, Journalismus und PR zu vermischen. Alle schienen zu wissen, wer die junge Frau war; “Julia Friedrichs muss ich Ihnen nicht weiter vorstellen”, sagte der Moderator der Runde einmal. Später googelte ich erstmal ihren Namen, stellte fest, dass sie einen Bestseller geschrieben hatte, den ich mir dann aus Interesse auch kaufte. “Gestatten, Elite” war tatsächlich ein klasse Buch. Ich kann mich auch deshalb so gut an Julia Friedrichs erinnern, weil ich beim googeln herausfinden sollte, dass sie kaum zwei Jahre älter war als ich. Auch das war eine Premiere an diesem Tag: Zum ersten Mal verspürte ich diesen kleinen Stich in der Magengegend, wenn man jemandem begegnet, der im gleichen Alter ist, aber schon ungleich viel mehr zu erreicht haben scheint. Buch geschrieben, ZEIT-Autorin, hofiert beim Netzwerk Recherche: Auf einmal fühlte ich mich als kleiner Lokaljournalist aus Mainz ganz schön klein. Vier Jahre später sticht es immer seltener. Es ist ungefähr so, wie mit einem Schluckauf, den man als Kind grauenvoll findet, während man heute einfach weiß, dass er wieder weggehen wird und man deshalb gar nicht mehr groß drüber nachdenkt. Es ist einem nur ein bisschen peinlich und man möchte ungern dabei ertappt werden.

Warum erzähle ich das alles? Weil Julia Friedrichs mir zusammen mit dem Netzwerk Recherche jetzt wieder begegnet ist. Auf Vocer wurde die Rede dokumentiert, die sie zu Eröffnung der diesjährigen Jahrestagung gehalten hat. (*pieks*) Es ist eine Rede, mit der sich wahrscheinlich viele aus unserer Journalistengeneration identifizieren können. Und natürlich unterstütze ich Julias Kernaussagen voll und ganz: Es ist ein Problem, dass Aufwand und Ertrag im Journalismus heute nicht mehr im Verhältnis stehen. Es ist ein Problem, dass kaum noch ein Freier von dem Leben kann, was er als Journalist verdient, während die festen Redakteursstellen immer weniger werden. Es ist ein Problem, dass dadurch viele korrumpiert werden und sich vom Journalismus abwenden, dass Journalismus zu einem Hobby von Kindern reicher Eltern wird. Julia fordert uns alle dazu auf, sich nicht von diesen Arbeitsbedingungen unterkriegen zu lassen. Die Ideale, die wir zu Beginn unseres Journalistendaseins mal hatten, nicht zu verraten. Weiter an unsere Tätigkeit zu glauben, die viel mehr ist als ein Beruf und viel mehr als ein Broterwerb, die ein vom Grundgesetz geschütztes Element unserer Demokratie ist. Ich möchte diese Gedanken noch ein wenig weiter ausführen und weiterdenken.

Fangen wir doch gleich mal beim Hauptproblem an: Journalismus ist heutzutage kaum noch jemandem etwas wert. Lesern und Zuschauern nicht, die sich über Jahrzehnte daran gewöhnt haben, dass Medienprodukte umsonst bis sehr günstig sind. Eine Tageszeitung ergäbe ein gedrucktes Buch, das noch dazu an Hunderttausende täglich ausgeliefert wird – und manchmal weniger als einen Euro kostet. Fernsehen ist gefühlt umsonst, und über die Gebühren von Öffentlich-Rechtlichem Rundfunk wird in der Regel geschimpft. Und im Internet… Nun ja.

Aber auch die Produzenten von Medien haben sich daran gewöhnt, dass Journalismus nichts kostet. Bisher haben sie noch für jedes Billighonorar einen gefunden, der bereit ist, dafür zu arbeiten. Warum also mehr zahlen? Sind wir ehrlich: Es gibt zu viele von uns. Und wo das Angebot an Arbeitskräften groß ist, ist der Preis dafür niedrig. Einfache Logik. Daran sind wir mit unserer Berufsethik ein Stück weit selbst schuld, mit unserem blöden Idealismus. Uns ist die Geschichte im Zweifel wichtiger als das Geld. Weil wir an das glauben, was wir tun, akzeptieren wir zu oft die Almosen der Verleger und Sender, die sich mit “Kostendruck” und “Personalaufwand” und “würden ja gerne mehr, aber…” rausreden. Manchmal ist uns unsere eigene Arbeit zu wenig wert. Das ist ein Dilemma, das kaum zu lösen scheint. Aber: Auswege daraus sind möglich. Nur leicht wird es sicher nicht.

Es muss ein Bewusstseinswandel her. Die Gesellschaft muss den Wert und die Wichtigkeit von Journalismus an sich wieder erkennen, vielleicht sogar neu erlernen. Das kann von oben oder unten kommen. Am besten aus beiden Richtungen.
Fangen wir einfach mal oben an: Die Menschen, die Journalismus in Deutschland finanzieren, müssen umdenken. Die Verleger müssen wieder in das Kerngeschäft investieren. Zyniker wie Bernd Buchholz, den Julia in ihrem Text zitiert mit: “Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu verändern ist”, müssen ganz einfach weg, mit ihren Einstellungen stehen sie Qualitätsjournalismus im Weg. Genauso muss sich einer wie ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo fragen, ob er als einer der anerkanntesten Journalisten Deutschlands am richtigen Platz sitzt, wenn er sagt: “Ich wünschte mir, wir hätten die Reserven, unsere Freien besser zu bezahlen.” Wenn ihm der Journalismus seines Blattes etwas bedeutet, würde er dafür kämpfen, dass die ZEIT ihren Mitarbeitern mehr bieten kann, als nur eine Girlande für den Lebenslauf zu sein, der in letzter Konsequenz weg von dem führt, wofür die ZEIT eigentlich steht. Ich hab einfach keinen Bock mehr auf diese Ausreden. Wir alle haben mal als Journalisten angefangen, weil wir Dinge ändern wollten. Diejenigen, die zu den besten und bestbezahlten unserer Berufs gehören, dürfen sich jetzt nicht hinter vermeintlichen Systemzwängen verstecken, sondern sollten mal bei sich selbst anfangen, Dinge zu verändern. Der Spiegel-Reporter Dirk Kurbjubweit hat aus seinem eigenen Vermögen ein 5000-Euro-Reporter-Stipendium aufgelegt. Das ist mal ein Beispiel, dem die di Lorenzos, Jauchs und Illners gerne folgen dürfen.

Ich möchte mal einen Verleger erleben, der eine Preiserhöhung seines Produkts nicht mit gestiegenen Papier- und Transportkosten begründet. Sondern damit, dass man den Journalisten angemessene Honorare zahlen möchte, damit die Qualität des Blattes erhalten bleibt. Könnte es nicht sogar sein, dass die Leute dafür sogar Verständnis hätten? Wenn sie mehr bezahlen müssen, aber sogar eine Gegenleistung, einen Mehrwert bekämen, anstatt einfach das gleiche langweilige Produkt wie vorher, nur teurer? Was spricht dagegen, die Kosten einer jeden Geschichte transparent zu machen, um den Lesern deutlich zu machen, wofür das Geld aus ihrem Abo ausgegeben wird?
Ich sage nicht, dass so ein Bewusstseinswandel leicht ist. Aber ich behaupte, dass es möglich ist. Man darf die Leute halt nur nicht für dumm halten und ihnen Scheiße als Gold verkaufen. Wir Journalisten haben auch eine Bringschuld, um mal mit Jogi Löw zu sprechen. Aber wer die ganze Zeit etwas von Qualität redet, muss sich auch an diesem Anspruch messen lassen. Zum Glück ist es ja sehr einfach geworden, sich von seinen Lesern entsprechendes Feedback zu holen. Zwei Telefonate geführt, Text geschrieben, fertig, der nächste bitte? Das war einmal. Journalistische Arbeit wird zu einem Prozess, ein Thema ist nicht mehr abgeschlossen, wenn der Text gedruckt, die Sendung gelaufen ist. Dann fängt es erst richtig an. Aber nur, wenn die Leute unsere Arbeit besser verstehen lernen, bringen sie auch Verständnis für dessen Wert auf.

Ich habe auch nichts dagegen, wenn Verlage ihren Journalismus querfinanzieren. Von mir aus soll die Süddeutsche so viele Buch- und DVD-Editionen auf den Markt schmeißen, wie sie will. Von mir aus sollen Verlage in Online-Versandhäuser und Dating-Portale investieren, bis nur noch top gekleidete, perfekt zusammenpassende Paare durch Deutschland laufen. Nur soll das Geld, das damit verdient wird, am Ende bitte wieder ins Kerngeschäft fließen. Von mir aus soll Gruner+Jahr mit Anzeigen vollgestopfte Golf- und Autohefte produzieren, bis sie nicht mehr können. Wenn es damit möglich wird, eine große Geo-Reportage zu finanzieren. Werde ich jetzt naiv? Keine Ahnung. Was ich eigentlich sagen will: Es braucht wieder Menschen, die Journalismus finanzieren wollen und ihn nicht als lästigen Personalposten in der Gesamtbilanz sehen. Wenn die Verleger das nicht wollen oder können, müssen es Stiftungen oder Privatpersonen übernehmen. Und natürlich die Öffentlich-Rechtlichen, von denen ich mit der Einfuhr der Zwangsabgabe bitte nie wieder das Kostenargument hören will. Nie wieder. Aber jetzt mal ehrlich: Glaubt jemand ernsthaft daran, dass es eine derartige Revolution von oben geben wird?

Also doch von unten, obwohl das fast noch schwieriger wird. Aber vielleicht ist das Internet ja gar nicht das Problem. Sondern die Lösung. In einem früheren Eintrag habe ich schon über das Crowdfunding-Projekt “Berlinfolgen” berichtet, für die es jetzt übrigens weiter gehen wird. Wenn die alten Modelle nicht mehr funktionieren, müssen eben neue her. Und es wächst ja gerade eine Generation auf, für die es völlig normal ist, dass jeder seine eigenen Inhalte auf eigene Faust produziert, ohne dass ihnen ein Verleger oder Sender die Gnade einer Publikation gewährt. Für die wird es ganz normal sein, dass jemand mit einem eigenen Blog, YouTube-Kanal oder was auch immer über das berichtet, was ihm wichtig ist. Ja, die Vorstellung, erst mal einen Abnehmer für einen Bericht oder einen Film finden zu müssen, der ihn für sie öffentlich macht, dürfte ihnen geradezu absurd vorkommen. Man kann es doch einfach selbst raushauen. Und für diese Generation von Medienmachern ist es auch völlig normal, auf Augenhöhe mit dem Publikum zu diskutieren, es am Produktionsprozess teilhaben zu lassen.

Der nächste, logische Schritt ist nur eine Frage der Zeit: Dass man sein Publikum bittet, einen finanziell zu unterstützen, damit man weiter die Inhalte produzieren kann, die es liebt. Auf Unterhaltungsebene funktioniert das bereits. Ich glaube daran, dass es auch im Journalismus funktionieren kann. Unsere Themen, unsere Geschichten sind uns wichtiger als die Bezahlung? Gut so. Aber dann kann man die Energie, die es braucht, um einen bornierten Verleger davon zu überzeugen, das Thema für einen Hungerlohn zu bringen, gleich sinnvoller einsetzen. Und besser sofort seinem Publikum klar machen, dass die eigene Geschichte es wert ist, dass sie dafür bezahlen. Ob dann am Ende 3000 mal ein Euro kommt oder einmal 3000 Euro, ist doch egal. Auch hier kommt es letztlich darauf an, dass man seine Arbeit gegenüber dem Publikum transparent macht und rechtfertigt. Aber wenn ein Thema wichtig für die Gesellschaft ist, dann wird es genug Leute geben, die bereit sind einen zu unterstützen. Occupy Journalism! Natürlich wird das für einen einzelnen Journalisten oder Kameramann auf Dauer ein Ding der Unmöglichkeit. In einer vernetzten Gesellschaft ist Einzelkämpfertum aber unnötig. Es wird neue Kollaborationen geben, neue Formen der Zusammenarbeit. Und daraus werden sich neue, größere und stärkere Netzwerke entwickeln, die es langfristig mit den alten Mediengesellschaften werden aufnehmen können.

Noch sind wir nicht ganz soweit. Dafür stecken wir noch zu sehr im alten Mediensystem fest, dessen Protagonisten ja derzeit verzweifelt versuchen, es mit allen Mitteln am Leben zu erhalten. Aber es wird so kommen, dass sich immer mehr Journalisten mit Hilfe eines engagierten Publikums von den Produktionsbedingungen des alten Systems losreißen können. Und wenn das passiert, werden vielleicht auch dessen Vertreter merken, dass sie sich für die falsche Seite entschieden haben, als die Revolution begann. Aber dann wird es womöglich zu spät sein, weil ihnen die Leute, die Qualität liefern können von der Fahne gegangen sind. Eine naive Zukunftsvision? Vielleicht. Aber in der momentanen Mediensituation hat man nur die Wahl zwischen Zynismus (=Pessimismus) und Naivität (=Optimisimus). Da entscheide ich mich doch lieber für zweiteres. Für Pessimismus fühle ich mich jedenfalls mit meinen 31 Jahren noch zu jung. Vielleicht haben Julia und ich uns in jemanden verliebt, dem es gerade nicht gut geht. Aber bevor ich mich zu denen geselle, die den Journalismus endgültig zu Grabe tragen wollen, versuche ich lieber, ihm da, wo ich kann, neues Leben einzuhauchen.

P.S. Julia, ich bin übrigens auch nicht mehr eifersüchtig auf dich.

Mein EM-Tagebuch (XIII) – Spielen wie ein 20-Jähriger: Doping im Fußball lohnt sich doch (IV mit Daniel Drepper)

Dopinggerüchte gehören im Fußball mittlerweile dazu. Bei dieser Euro rankten sie sich um die Ukraine. Im ersten Spiel hatte vor allem der furios aufspielende Schewtschenko die Fachwelt verblüfft. Nach dem Spiel fiel von ihm der verräterische Satz, er fühle sich wie ein 20-Jähriger. Nun wissen wir ja, dass der Jungbrunnen im Sport längst erfunden ist. Es ist alles nur eine Frage der Mittel. Kein Wunder also, dass der Argwohn einiger Journalisten geweckt war. Ins Bild passte da eine mysteriöse Welle von Darmerkrankungen, die mehrere Spieler der Ukraine vor dem Turnier erfasst hatte. Sie deutet womöglich auf den Missbrauch eines Medikaments zur Regenerationsförderung hin; der Mannschaftsarzt der Ukraine war mit einem ähnlichen Fall schon mal aufgefallen. Letztlich blieb es bislang bei Andeutungen und Mutmaßungen, wie so oft im Fußball.

Ein Blog als Rechercheinstrument
Damit sind wir bei Daniel Drepper angelangt. Der Sportjournalist aus Mainz hat vor einiger Zeit das Blog “Fussballdoping.de” gestartet. Daniel ist Mitarbeiter der WAZ-Rechercheredaktion, die sein Blog unterstützt. Es ist ein dickes Brett, das er da bohren will. Denn bislang scheint es, als wäre der Fußball von einer gut imprägnierten Schutzschicht umgeben, an der alle Dopinggerüchte und -anschuldigungen abperlen wie Regentropfen an der Frisur von Christiano Ronaldo. Daniels Hoffnung ist nun, dass sein Blog zur Anlaufstelle für all jene wird, die sich zu dem Thema äußern wollen: Kollegen, Wissenschaftler, aber natürlich hofft er auch auf Insider aus dem Betrieb, ohne deren Hinweise es letztlich nicht gehen wird. Großes Vorbild ist Jens Weinreich, dessen Blog sich zur wichtigsten sportkritischen Plattform in Deutschland entwickelt hat. Dennoch ist es journalistisches Neuland, auf das sich Daniel wagt: Ein öffentliches Blog als Instrument zur investigativen Recherche klingt erst mal wie ein Widerspruch. Daniel glaubt aber an seine Idee: “Es ist ein Langzeitprojekt. Vielleicht dauert es zwei Jahre, vielleicht vier, bis die ersten Durchbrüche gelingen. Wir wollen einfach zeigen, dass wir da jetzt dran bleiben.” Ihm ist es wichtig, überhaupt erst mal eine Diskussionsplattform für das Thema zu schaffen.

Von Bern über Turin nach Nordkorea

Denn dass es ein Thema ist, steht außer Frage. Das geht schon los beim Wunder von Bern, das höchstwahrscheinlich weniger den Schraubstollen von Adi Dassler als den Spritzen des Mannschaftsarztes zu verdanken war. Das geht weiter mit Sprüchen von Peter Neururer über den Einsatz von Captagon in den 80ern (“Die Spieler waren verrückt danach”). Neururer hat das schnell wieder dementiert, aber “ein Dutzend Leute haben es nach ihm bestätigt. Wie viel will man noch?”, sagt Daniel Drepper, der die Berichte von damals für seine Recherchen wieder rausgekramt hat. In den 90ern landet man dann bei Juventus Turin, die in mannschaftlicher Geschlossenheit Epo nahmen. Der Fall ist gerichtsfest. Einer der jüngsten Fälle war schließlich das Doping bei der Frauennationalmannschaft von Nordkorea zur WM 2011, für das
eine dem Metier angemessen bescheuerte Erklärung geliefert wurde, in der ein Blitzschlag und eine Moschuskur eine Rolle spielten.
Und auch um das derzeit erfolgreichste Nationalteam der Welt gibt es Dopinggerüchte. Angeblich hätten die spanischen Spieler Kontakte zum Dopingarzt Eufemanio Fuentes gehabt. Einmal mehr: Nur vage Andeutungen, für die sich in den Fuentes-Akten nach dem Kenntnisstand von Daniel Drepper keine Beweise finden lassen.

Jeder Spieler hat Anreize zu dopen

Wie verhält es sich nun mit einem Turnier wie der Euro? Auf der einen Seite sagt Daniel Drepper: “Die Kontrollen sind für Fußballverhältnisse sehr fortschrittlich.” Auf der anderen Seite sind gerade bei einem großen Turnier die Dopinganreize hoch. Nicht nur für ganze Mannschaften, sondern auch für jeden einzelnen Spieler. Die im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Turniere sind die ganz große Bühne, auf der man sich zeigen kann. Hier legen die Spieler die Grundlagen für den nächsten lukrativen Vertrag. Ein junger Spieler, der hier auf sich aufmerksam machen kann, spielt danach vielleicht in einer der großen Ligen. Auch Werbe- und Ausrüsterverträge spielen sicher eine Rolle. “Der finanzielle Druck ist im Fußball sehr viel höher als in anderen Sportarten”, sagt Daniel Drepper. Da mit Doping die entscheidenden Prozente rauszuholen, wäre naheliegend. Des weiteren sind die (konditionellen) Anforderungen eines Turniers hoch, gerade nach einer ohnehin langen Saison; ein harter Trainings- und Wettkampfrhythmus, der seinen Tribut fordert. Das geht in der Grauzone der Schmerzmittel los, die Fußballer inzwischen einzunehmen scheinen wie andere Leute Multivitamintabletten. Über diese gerade noch legalen Praktiken hinaus ist natürlich alles denkbar, was die gut sortierte Dopingapotheke so her gibt.
Wer das Turnier in Polen und der Ukraine aufmerksam verfolgt, wird nicht nur die ukrainischen Salate merkwürdig finden. Man kommt letztlich auch nicht drum herum zu fragen, unter welchen Umständen sich etwa ein Bastian Schweinsteiger derzeit von Spiel zu Spiel schleppt. Wie ein 20-Jähriger sieht der jedenfalls zur Zeit nicht aus. Vielleicht sollte er mal “Scheva” um Rat fragen.

Wer mehr Interesse an dem Thema hat, kann sich hier das Interview anhören, dass ich vor der Euro via Skype mit Daniel geführt habe.

Mein EM-Tagebuch (XII) – Was ziehe ich heute abend nur an?

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Unterwegs gebloggt mit WP 4 Android

Mein EM-Tagebuch (XI) – Kroatien oder Dänemark? Egal, Hauptsache Spanien!

Ein interessanter Kommentar von Thomas Kistner auf SZ.de rund um das Thema “Schiedsrichterentscheidungen, Torkamera, UEFA, FIFA”: Die These des Top-Journalisten lautet, grob zusammengefasst: Die Sportfunktionäre weisen die Schiedsrichter bei großen Turnieren an, die großen Fußballnationen zu bevorteilen. Die Indizien, die Kistner ins Feld führt, sind die beiden nicht gegebenen Strafstöße gegen Deutschland und Spanien sowie das eindeutige Tor der Ukraine gegen England, das nicht gegeben wurde.

Für mich klingt Kistners Theorie nicht unplausibel, sie passt im Übrigen zu dem, was ich hier vor ein paar Tagen schon mal zum Thema “EM-Erweiterung” geschrieben hatte: Die Verbände haben, angesichts des Drucks von Sponsoren, ein erhebliches Interesse daran, dass die Mannschaften möglichst weit kommen, in denen auch die Top-Stars des Turniers spielen. Für diesen Moment ist es zu aufwendig, alle wichtigen Spiele mit Top-Beteiligung auf fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen durchzugucken. Ein besonders krasses Beispiel der vergangenen Jahre möchte ich dennoch ins Feld führen: Thiery Henrys Handspiel im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Irland.

Bis heute ist es mir unbegreiflich, wie dieses klare Handspiel übersehen werden konnte, immerhin führt(!) Henry den Ball wie ein Basketballspieler und bringt ihn so ins Spiel zurück. Sagen wir mal so: Mich würde es nicht überraschen, wenn auch hier buchstäblich beide Augen zu Gunsten Frankreichs zugedrückt wurden, die zwar nicht so witzige Fans wie die Iren, jedoch deutlich populärere Fußballer in ihren Reihen haben. Das dürfte im Übrigen auch einer der Gründe sein, warum sich die UEFA unter Michel Platini so vehement gegen den Technologie im Fußball einsetzt: Es limitiert ihre Möglichkeiten, das Spiel von außen zu manipulieren (Sepp Blatter ist ja inzwischen Befürworter von Torlinientechnik).

In dieses Bild passen die absurden Setzlisten, die die UEFA für die Relegationsspiele der besten Gruppenzweiten eingeführt hat und die eindeutig und letztlich nicht nachvollziehbar die starken Nationen beeinflussen. Und auch der momentan viel diskutierte UEFA-Koeffizient ist so ein Fall. Wenn sich aus direktem Vergleich, Torverhältnis und Zahl der erzielten Tore keine eindeutige Platzierung ermitteln lässt, kommt noch vor dem Losverfahren ein dubioser Rechenfaktor zum Tragen. Auch der bevorteilt die stärkeren Mannschaften.

Ohne einen Kronzeugen, der auspackt, wird so eine These leider nie zu beweisen sein. Dennoch: Wer glaubt, dass im Fußball wenigstens das, was auf dem Rasen passiert, absolut authentisch und frei von äußeren Einflüssen ist, ist einfach nur naiv.

Die Grimme Online Awards 2012: Was wir von den Nominierten lernen können

Der erste fußballfreie Tag seit fast zwei Wochen ist doch eine gute Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass es auch noch andere Dinge auf der Welt gibt. Zum Beispiel die Grimme Online Awards, die am heutigen Mittwoch, 20.6.2012, in Köln verliehen werden. Ich werde für das Medium Magazin vor Ort sein und mir die Preisverleihung angucken. Mein Interesse gilt dabei vor allem der Frage, welche (online)-journalistischen Trends und Themen man beim GOA erkennen kann.

Im Vorfeld habe ich bereits mit einer Reihe von Nominierten und Verantwortlichen gesprochen. Das Interview mit den Nominierten von Spielverlagerung.de haben vielleicht einige schon gelesen. Die ausführlichen Ergebnisse der Recherche gibt es im nächsten Medium-Magazin zu lesen, aber ein paar kurze Stichworte will ich schon vorweg nehmen.

1. Mach, worauf du Bock hast
Eine der schönsten Medienentwicklungen des Internets ist die, dass immer mehr Menschen die Möglichkeit ergreifen, das, was sie interessiert, bewegt und aufregt, auch allen anderen Menschen zu präsentieren. Der Umkehrschluss daraus: Niemand muss, bzw. sollte mehr das machen, was ihn eigentlich nicht interessiert. Als ich noch bei der Rhein-Zeitung war, hat Sascha Lobo als Chefredakteur für einen Tag diese Logik zum Hauptthema seiner Ausgabe gemacht. Meiner Meinung nach war es eine der besten RZ-Ausgaben, die in meiner Zeit dort produziert wurden. Miesepeter würden befürchten, dass das ja zu einer sehr eintönigen, einseitigen Berichterstattung führt, die möglicherweise wichtige und gesellschaftlich relevante Themen ausblendet. Dass das Gegenteil stimmt, beweisen auch die Grimme Online Awards: Es sind politische und persönliche Projekte dabei, Zeitgeschichtliches und Gesellschaftliches, Kultur & Bildung finden ebenso ihren Platz wie der Sport. Warum? Weil es für jedes Thema immer einen gibt, der die Leidenschaft aufbringt, darüber zu berichten. Noch vor einigen Jahren galt überall die Logik der vermeintlich objektiven, journalistischen Nachrichtenauswahl. Weil aber auch Journalisten in einem sehr dicken, eigenen Saft kochen, führte das dazu, dass überall nur noch das Gleiche stand und, noch wichtiger, manche Sachen nirgendwo standen. Zu allem Überfluss war das, was es gab, meist auch noch uninteressant aufgearbeitet. Denn diejenigen, die die Interessenauswahl ihrer Vorgesetzten umsetzen mussten, hatten eigentlich gar keinen Bock auf diese Themen. Dieses Grundproblem der Medien besteht nach wie vor, und die, die es nicht lösen, werden daran zu Grunde gehen.

2. Leidenschaft zählt
Leute, die ihr Thema gefunden haben, bringen in der Regel auch die entsprechende Leidenschaft dafür mit. Sie wollen ja, dass ihr Thema, ihre Meinung gehört wird. Und je mehr Leidenschaft sie aufbringen, umso besser wird das Angebot. Das wird sicherlich in vielen Fällen auch dazu führen, dass der Ertrag dieses Projekts nicht dem Aufwand entspricht. Aber das ist das Tolle: Leuten mit der entsprechenden Leidenschaft ist das erst mal egal. Und wenn sie durchhalten und ihr Angebot immer besser machen, kommt irgendwann der Ertrag zurück, zum Beispiel in Form einer Nominierung für den Grimme Online Award. Wer Interesse und Leidenschaft hat, wird alles daran setzen, seine Sache gut zu machen. Und was gut ist, setzt sich irgendwann durch. Zwei einfache Logiken, die sich aber gerade bei den Nominierten des GOA exemplarisch zeigen.

3. Ein langer Atem ist wichtig
Natürlich gibt es die Durchstarter wie Spielverlagerung.de, die erst vor einem Jahr an den Start gingen und schon jetzt, auch dank der Euro, wohl zu den am häufigst genannten und gelesensten Blogs in Deutschland gehören (Zeigt aber auch nur, wie dringend nötig ein solches Angebot in der deutschen Sportmedienlandschaft war). Aber in der Regel gilt: Erfolg braucht Zeit. Angebote wie Klimaretter.info gibt es schon seit fünf Jahren, erst jetzt kommt die Nominierung für den GOA. Und selbst hinter den Angeboten, die auf den ersten Blick noch recht frisch im Netz wirken, stehen meist Leute, die sich schon seit Jahren mit diesem Thema beschäftigen, zum Beispiel der eingangs schon erwähnte Sascha Lobo, der für seine Spiegel-Online-Kolumne nominiert ist. Die ist aber nur deswegen so lesenswert, weil Sascha Lobo sich mit nichts anderem beschäftigt, seit er das erste Mal vor einem internetfähigen Rechner saß. Was gut ist, setzt sich durch. Doch der Zeitpunkt, wann das passiert, lässt sich nicht planen oder festlegen. Und hier kommt wieder die Leidenschaft ins Spiel: Nur, wer sich von Durststrecken nicht beirren lässt, wird es am Ende packen.

So, das klang jetzt alles ziemlich nach Motivationsseminar und irgendwie auch ein bisschen allgemeinplatzig. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, sich das immer wieder vor Augen zu führen. Am besten, man schaut sich die Nominierten des diesjährigen GOA einfach selber noch einmal an. Erst dann füllen sich meine Phrasen hier auch wirklich mit Inhalten. Ich bin heute abend auf der Preisverleihung in Köln vor Ort. Natürlich werde ich von dort den ein oder anderen Tweet absetzen. Und wenn ich morgen nicht den Kopf schon wieder voller Fußball habe, kommt hier vielleicht auch noch was dazu.

Mein EM-Tagebuch (X) – Fall Bendtner: UEFA greift endlich durch gegen Torjubel in Unterhose

100.000 Euro Strafe muss der dänische Stürmer Nicklas Bendtner für das teilweise Entblößen seiner unteren Köperregionen während eines offiziellen Fußballspiels zahlen. Das hat die UEFA entschieden und damit endlich ein klares Zeichen gesetzt. Denn was wie ein Einzelfall aussieht, entwickelt sich zu einem Besorgnis erregenden Trend: Anstatt das Trikot auszuziehen, wofür es bekanntlich Gelb gibt, verleihen immer mehr Fußballer ihrer Erregung über einen soeben erzielten Treffer Ausdruck, indem sie sich teilweise oder sogar ganz ihrer Sporthose entledigen.

Der clevere DäneBendtner ist nicht der Erste, der dieses Schlüpferloch im Regelwerk auszunutzen versteht. Die Fußball- und Trendikone des 21. Jahrhunderts, Christiano Ronaldo, aka CR7, machte zuletzt den Jubel mit quasi geöffnetem Hosenstall salonfähig. Gleich mehrfach entblößte der schöne Christian in der vergangenen Saison nach Fernschuss-Toren seinen erigierten Oberschenkel.

Damals hatten die Sittenwächter des Fußballs es noch versäumt, den unschicklichen Jubel zu sanktionieren; vielleicht, weil der teuerste Fußballer der Welt pikante Sonderrechte genießt?

Womöglich haben die Fußballmächtigen auch erst jetzt die wahren Ausmaße des inflationären Hosenverfalls begriffen. Nicht zuletzt müssen sie sich auch vorwerfen lassen, für den Trend zum Blankziehen mitverantwortlich zu sein. Die Rede ist natürlich vom fußballspielenden Löwen Goleo, der seinerzeit bei der WM 2006 sein freizügiges Unwesen trieb. Überhaupt muss die Weltturnier in Deutschland als Beginn der Bewegung des hosenlosen Spiels gelten. Der erste Nachahmer Goleos sollte schon im Finale in Person  Gennaro Gattusos auftreten. Der frischgebackene Weltmeister lief im Überschwang der Freude zwar mit bedecktem Oberkörper, aber untenrum nur mit einer wenig vorteilhaften, schlabbrigen Baumwollbuchse aus dem Zehnerpack bekleidet durch das Berliner Olympiastadion. Ein denkbar peinlicher Auftritt, über den Italien heute schamhaft schweigt.

Doch inzwischen muss man befürchten, dass die Zahl der Nachahmer größer wird, der unziemliche Goleo-Look auf einmal gesellschaftsfähig wird. Schon sieht man die ersten Kinder auf unseren Bolzplätzen freudig ihre Unterhosen präsentieren, wenn ihnen ein Tor gelingt. Es muss nicht weiter ausgeführt werden, wohin diese Debatte noch führen könnte.

Umso wichtiger, dass die UEFA jetzt endlich reagiert.

Schon Ernst Kuzorra wusste um den Vorteil langer Sporthosen, die man früher allein aus praktischen Erwägungen trug. Unvergessen die gewitzte Antwort des Schalker Originals auf die Frage, warum die langen Beinkleider vorteilhaft waren: “Weil wir so lange Dödel hatten”. Damals gab man eben noch was auf sittliches Auftreten. Heute jedoch scheinen die Spieler jeden Respekt vor dem Zuschauer verloren zu haben. Wenn man jetzt einem Spieler wie Bendtner gegenüber nachsichtig ist, fallen bald auch die letzten Hüllen des guten Anstands und wir sehen Dinge auf dem Fußballplatz, die besser da geblieben wären, wo sie hingehören. Man muss die Spieler hier auch vor sich selbst schützen. Bendtner hatte noch Glück im Unglück, dass ein ungewöhnlich breiter Hosenbund den Blick auf sein Danish Dynamite verstellte. Schließlich ist der Junge erst 24, und wir wissen ja, was in Zeiten los wie diesen los ist, wenn ein peinliches Foto einmal auf Facebook gelandet ist. Dann lieber 100.000 Euro gezahlt und die Lektion gelernt.

Dass hohe Geldstrafen etwas bringen, zeigt im Übrigen das Beispiel Robbie Fowler. Der Stürmer des FC Liverpool “schnupfte” einst nach einem Tor die Torlinie weg wie eine Line Koks. Ein geschmackloser, den Drogenkonsum verherrlichender Scherz, der den Kicker zurecht 60.000 Pfund Strafe kostete. Das Ergebnis: Drogen spielen heute im Fußball keine Rolle mehr, stattdessen werben brave Fußballer für Brotaufstrich und Dosenpfand. Man sieht: So manch exzessiver Torjubel hat schon einen Umdenkprozess eingeleitet. Jetzt muss nur noch ein weißer Fußballer zu heftig jubeln, während sein schwarzer Gegenspieler traurig daneben steht. Dann wird die UEFA sicher reagieren und zu euphorischen Torjubel in Gegenwart andersfarbiger Mitspieler streng sanktionieren.

Mein EM-Tagebuch (IX) – Ich hab’ immer an die Griechen geglaubt

Mein EM-Tagebuch (VIII) – Die Gomez-Show geht weiter

  1. Deutschland steht mit mit einem Bein und drei Zehen im Viertelfinale nach einem insgesamt sehr konzentriert rausgespielten 2:1-Sieg gegen die Niederlande. Mario Gomez goalt weiter, Schweini is back und der Titan twittert. Hier ist mein Storify-Rückblick auf das Match gestern.
  2. Mann des Spiels war natürlich Mario “Doppelpack” Gomez. Auch auf Twitter verstummten seine Kritiker gestern. Die Gomez-Fans hatten Oberwasser.
  3. ullrichsusanne
    Super sympathisch im Interview: Mario Gomez. Richtig so, zeig’s Deinen Kritikern :) #nedger
    Wed, Jun 13 2012 16:58:37
  4. Das beeindruckende an Gomez: Er macht aus sehr wenig sehr viel. Er verhält sich sehr unauffällig und interpretiert seine Stürmer-Rolle nach wie vor klassisch. Das heißt, er sucht nicht so sehr die Bindung zum Spiel wie Klose, fordert und holt nicht so viele Bälle. Er will den Ball nur dann haben, wenn er auch wirklich was damit anfangen kann.
  5. Zwofi
    #Gomez hatte bis zu seiner Auswechslung in der 71. Minute “nur” 26 #Ballkontakte. Sein 2. Tor war der 12. Ballkontakt. So muss das sein!
    Wed, Jun 13 2012 17:02:33
  6. Doch natürlich war Mehmet Scholls herbe Kritik immer noch präsent. Im ZDF-Interview nach dem Spiel hatte Gomez zwar betont, dass er eine solche Motivation nicht nötig habe. Nun denn, so ganz loswerden wird er dieses Thema wohl nicht mehr.
  7. thorstenfirlus
    Ich sage: Ohne Scholls Kritik waer Gomez zu faul gewesen, die 2 Tore zu schiessen. Also – danke Mehmet!
    Thu, Jun 14 2012 03:16:42
  8. Die Holländer waren verständlicherweise weniger erbaut über die Leistung des Stürmers und dürften sich gefragt haben, warum ihre Offensivleute nicht zu solchen Leistungen in der Lage sind. Van Persie machte zwar gestern ein gutes Spiel und traf einmal, auch Sneijder war sehr präsent. Doch direkt vor dem Tor fehlte das letzte Quäntchen, dazu kam noch ein sehr gut aufgelegter Manuel Neuer. Jetzt brauchen sie ausgerechnet unsere Hilfe, um ihre theoretische Chance aufs Weiterkommen noch zu nutzen.
  9. Die Fußballexperten im Web hoben natürlich auch die Leistung des deutschen Mitteldfelds hervor, beziehungsweise wunderten sich wie Michael Cox von Zonal Marking über die schwache Leistung der holländischen Zentrale.
  10. Dass Schweinsteiger wieder auf dem Weg zu alter Stärke ist, belegen auch diese eindrucksvollen Statistiken, die @MalolFootballclub zusammengestellt hat. “Der wahre Anführer des deutschen Spiels.”
  11. malolfootballcl
    Schweinsteiger s’est comporté en vrai patron du jeu allemand hier: 2 assists, 93% passes réussies (64/69) ! #euro2012 http://pic.twitter.com/qwrOBySr
    Thu, Jun 14 2012 01:19:23
  12. Seinen Notizen nach sah der @Ruhrpoet Sami Khedira sogar noch ein bisschen stärker als den Bayern-Spieler. Oder wie muss man das dicke Kästchen um Khedira deuten? Khedira spielt jedenfalls unglaublich stark, da gebe ich ihm recht. Er ist das perfekte Beispiel dafür, wie sich ein Spieler weiterentwickeln kann, wenn er zu einem Spitzenclub mit einem Spitzentrainer wechselt. Seine Ausstrahlung auf dem Platz ist fantastisch. Der Zeichnung gebe ich einen Extra-Punkt für den sauber eingetragenen Laufweg von Mats Hummels.
  13. ruhrpoet
    Meine Notizen für die Einzelkritik bei @DerWestenSport sahen so aus http://bit.ly/KCnphW #nedger #euro2012 http://twitpic.com/9w42qi
    Wed, Jun 13 2012 17:35:34
  14. Khedira ist sicherlich einer der Gründe dafür, dass Deutschland eine überragende Zweikampf-Statistik aufwies.
  15. OptaFranz
    64.9% – Deutschland gewann gegen Holland 64.9% seiner Zweikämpfe. Dies ist EM-Rekord seit detaillierter Datenerfassung 1980. Stark.
    Wed, Jun 13 2012 17:11:31
  16. Wenn es gestern etwas zu kritisieren gab, war es zum einen die schwache Leistung von Lukas Podolski, der wie schon gegen Portugal blass blieb. Fand auch Christian Nyari von den Bundesliga Fanatics.
  17. Cnyari
    Imagine how good this German side can be in cold weather and without Podolski! :D
    Wed, Jun 13 2012 17:20:18
  18. Ich persönlich hätte es gerne gesehen, wenn Löw ihn in der zweiten Halbzeit durch Schürrle oder Reus ersetzt hätte. Im Interview nach dem Spiel hatte Löw gesagt, dass Deutschland es versäumt habe, nach der 60. Minute, als Holland eigentlich K.O. war, das dritte Tor zu machen. Das lag aber auch an fehlender Torgefahr über die Außen, die Schürrle mit seinen gefährlichen Fernschüssen sicher gebracht hätte. Deshalb sehe ich es ähnlich wie Spielverlagerung.
  19. Spielvrlagerung
    Und zur Klarstellung: Löw ist natürlich kein Verlierer. Nur wie gesagt, Wechsel gehen aus meiner persönlichen Sicht noch besser!
    Wed, Jun 13 2012 16:44:46
  20. Ich bin gespannt, ob Löw zum Dänemark-Spiel reagieren wird. Podolski steht sicherlich ganz oben auf der Streichliste, möglicherweise würde sogar Özil eine Pause gut tun. Das wäre dann die Chance für Schürrle, Reus oder Götze. Die Frage ist nur, wie die mit Mario Gomez harmonieren würden. Definitiv ersetzt werden muss der gelb-gesperrte Jerome Boateng, was wohl Benedikt Höwedes zu seinem ersten Euro-Einsatz verhelfen wird.
  21. Bleibt nur noch der letzte Höhepunkt des Abends: Der erste und bislang einzige Tweet von Olli Kahn. Souverän ein Hashtag verwendet, unsouverän mit drei Ausrufezeichen geschlossen. Da ist noch ein bisschen Luft bis zum “Twitan”.

Mein EM-Tagebuch (VII) – Interview mit Tobias Escher von Spielverlagerung.de

Es ist eine der erstaunlichsten Blog-Karrieren in Deutschland. Erst vor einem Jahr, im Juni 2011, starteten sechs Fußballverrückte das Taktikblog “Spielverlagerung”, angelehnt an das große Vorbild aus England, Zonal Marking von Michael Cox. Nun, ein Jahr später, gehört Spielverlagerung zu den bekanntesten Fußballblogs in Deutschland, ist auch auf Eurosport zu lesen, wird im ZDF einer staunenden Katrin Müller-Hohenstein vorgeführt und ist für den Grimme Online-Award nominiert. Ich hatte ja das Euro-Sonderheft der Blogger schon gewürdigt, nun will ich euch das Blog selbst etwas ausführlicher vorstellen. Da ich über den Grimme Online-Award demnächst hier und an anderer Stelle mehr berichten werde, habe ich mich mit Tobias Escher, einem der Gründer von Spielverlagerung, ausführlich unterhalten. Im Interview erzählt er, wie er zum Taktikblogger wurde, was er von den Fußballkommentatoren im Fernsehen hält und wie viele Fußballspiele er pro Woche guckt. Das Interview entstand kurz nach dem Champions League-Finale und enthält dementsprechend keine aktuellen Fragen zur Euro. Und jetzt viel Spaß beim Lesen.

Sportstudent Tobias Escher (24) ist einer der Köpfe von Spielverlagerung.de Foto: TE

Hallo Tobias, erzähl doch mal, was bei Dir dazu geführt, dass Du dich intensiv für Fußball-Taktik interessiert hast?
Wie bei vielen in Deutschland, die sich dafür interessieren, hat es mit Christoph Biermann angefangen, der einige Bücher zu dem Thema veröffentlicht hat. Dazu kam Jürgen Klopp, der als Experte beim ZDF während der WM 2006 erstmals Fußballtaktisches im Fernsehen analysiert hat. Und dann habe ich beim Fußballgucken immer mehr drauf geachtet. Richtig los ging es dann 2010 mit dem Buch von Jonathan Wilson, “Revolution auf dem Rasen”, und mit Zonal Marking, dem Blog von Michael Cox. Das wollte ich dann unbedingt auf Deutsch anbieten. Zeitgleich haben andere Leute mit ähnlichen Blogs gestartet. Schließlich haben wir überlegt, dass es doch gut wäre, das alles auf einer Seite zu bündeln. So kam es zu Spielverlagerung.de.

Warum boomt die Taktik-Analyse im Internet so?
Ich glaube, es gibt einen kleinen Teil von Fußballfans, die sich für das Thema wirklich interessieren, die sehr viel Fußball gucken, denen die Fußballberichterstattung im Mainstream aber zu seicht ist. Die wollen tiefer in die Materie rein. Und das können sie auf unserer Seite. Fußball wird immer wichtiger, deshalb wird das Thema Taktik auch immer wichtiger.

Sicher spielt auch die immer einfachere Verfügbarkeit von Daten und Statistiken eine Rolle, oder?
Natürlich, das trägt dazu bei. Die Leute hören und sehen immer mehr Daten im Fernsehen und fragen sich dann, wie man die interpretieren kann. Manchmal steht ja zum Beispiel oben in der Ecke nur “Ballbesitz”, aber es wird nichts dazu gesagt. Wir versuchen ja auch immer Zahlen zu benutzen so gut es geht.

Wenn ein Fußballkommentator so eine Zahl wie Ballbesitz benutzt, leitet er daraus oft automatisch ab: Mehr Ballbesitz gleich die bessere, die dominantere Mannschaft. Ärgert dich das oberflächliche Niveau der Berichterstattung oder hörst du dann einfach weg?
Das ärgert mich nicht so sehr. In dem Sinne finde ich Vieles auch nicht schlecht. TV-Kommentatoren machen es halt für ein größeres Publikum. Ich glaube schon, dass viele Kommentatoren das Wissen über Taktik haben, es aber nicht einsetzen. Ich weiß auch von vielen Kommentatoren, dass die unser Blog lesen und das auch alles verstehen. Es ist nicht so, dass wir da irgendwie einen großen Vorsprung haben. Dadurch, dass wir nur ein gewisses Nischenpublikum ansprechen, können wir natürlich sehr viel mehr ins Detail gehen.

Glaubst du also, dass eure Form der Berichterstattung für ein normales Fernsehpublikum oder den Zeitungsleser nicht interessant wäre, dass er dann abschalten würde oder den Artikel nicht lesen würde?
Jein. Einerseits ja, natürlich, wenn man anfängt, wie wir über polyvalente Dreiecksbildung der Mittelfeldspieler zu sprechen. Andererseits würde ich mir gerade in der Zeitung mehr wünschen als den normalen Spielbericht. Nimm zum Beispiel das Champions-League-Finale: Da braucht eigentlich niemand mehr eine Zusammenfassung des Spiels, weil jeder, der sich dafür interessiert, es auch gesehen hat. Da würde ich mir mehr Analyse wünschen. Das muss ja gar nicht so tiefgehend sein. Wenn ich für ein Medium wie die 11-Freunde schreibe, habe ich auch ein rigoroses 3000-Zeichenlimit und bekomme trotzdem eine vernünftige Analyse hin.

Hast du ein Beispiel, wie das Aussehen könnte?
Beim Champions-League-Finale wurde zum Beispiel sehr wenig darüber gesprochen, was genau zu der Niederlage der Bayern geführt hat. Man hätte zum Beispiel mal genau den Eckball, der zum Gegentor geführt hat, analysieren können. Das hat keiner der beiden übertragenden Fernsehsender gemacht. Da waren aber einige taktische Fehler drin, die man dann hätte näher  beleuchten können.

Wenn man über Fußball redet, ist der Stammtisch nicht weit. Da wird dann über “fehlenden Biss” geredet oder, “dass die Einstellung nicht gestimmt hätte”. Reicht dir das manchmal als Erklärung auch aus oder ist es eben genau das nicht?
Ich finde das insofern schwierig, weil das im Gegensatz zu Taktik meist nicht nachprüfbar ist. Bei der Taktikanalyse kannst du eine Szene genau beobachten oder eine Statistik nehmen, die dieses oder jenes aussagt. Das ist auch nicht immer objektiv, aber es ist zumindest intersubjektiv. Wenn ich sage, “Die haben einen schlechten Tag gehabt”, kannst du das nicht wirklich überprüfen. Ich finde solche Aussagen auch interessant, wenn man es wirklich überprüfen kann. Bei den Bayern gab es nach dem Finale zum Beispiel die Aussage, dass niemand Elfmeter schießen wollte. Das ist dann schon ein klares Zeichen, dass es auch psychisch nicht gestimmt hat. Aber grundsätzlich sage ich, dass man sich auf das konzentrieren sollte, was man wirklich sieht.

Gehören Kommentatoren-Sprüche wie, “Die müssen jetzt mehr beißen, Gras fressen, etc.” für dich zum Sport dazu oder sagst du: “Nein! Das hat der Sportjournalismus nicht mehr nötig, wir haben die Möglichkeit, den Sport anders zu analysieren.”?
Solche Sprüche braucht es eigentlich nicht mehr. Aber die sind natürlich sehr mit unserem Bild von Fußball verbunden. Theoretisch könnte man sehr viel mehr analytisch machen und die meisten dieser Plattitüden rausstreichen. Mein Lieblingsspruch ist “Die Laufen zu wenig, da ist zu wenig Bewegung im Spiel”. Das deckt sich, behaupte ich, in zwei Drittel der Fälle nicht mit der Statistik der gelaufenen Kilometer. Und da würde ich mir wünschen, dass man erst mal auf die Statistik guckt, anstatt einfach so einen Satz rauszuhauen.

Ist eure Art der Analyse auch erst durch Trainer wie Tuchel, Klopp, Guardiola möglich geworden, die Fußballtaktik ganz anders als die Generation der Udo Latteks angehen?
Es macht die Arbeit zumindest einfacher. Gerade Klopp und Guardiola sind sehr gute Beispiele, weil die sehr detailreich arbeiten. Da kann man davon ausgehen, dass das, was man auf dem Platz sieht, in 90 Prozent der Fälle kein Zufall ist, weil die sich wirklich mit Geschichten beschäftigen wie: Wie muss der eigene Außenverteidiger in Relation zum Stürmer stehen? Vor 20 Jahren hatte man noch Trainer, die vor dem Spiel gar keine Taktikbesprechung gemacht haben.

Viele Leute stellen sich Fußball immer noch nach dem Beckenbauerschen Motto “Geht’s raus und spielt Fußball” vor. Ist Fußball so einfach?
Nur auf den ersten Blick kommt das so rüber, weil die Regeln von Fußball so einfach sind. Außer der Abseitsregel gibt es eigentlich keine komplizierte Regel im Fußball. Aber rein logisch betrachtet, ist das ganz anders. Bei keiner anderen Mannschaftssportart kann man sich so frei im Raum bewegen wie beim Fußball. American Football ist im Grunde nichts anderes als eine sich endlos wiederholende Standardsituation, beim Handball ist das Feld viel kleiner. Dadurch sind diese Sportarten sehr viel abgesteckter als Fußball, bei dem es unendlich viele Variationsmöglichkeiten auf dem Platz gibt. Deshalb ist es eigentlich ein ultrakomplexer Sport.

Was qualifiziert dann ausgerechnet ein paar Studenten ohne Profi- oder Trainererfahrung dazu, diesen Sport erklären zu können?
Naja, vieles ist ja einfach zu beobachten, zum Beispiel Abstände von Abwehrreihen. Und da muss man sich einfach viel Erfahrung holen, indem man viel Fußball guckt.

Wie viel Spiele guckst du in der Woche?
Zehn. Das ist schon echt happig geworden. In der Hochphase der Bundesliga versucht man ja auch, jedes Bundesligaspiel irgendwie zu gucken. Und dann kommt da noch mit der Champions League einiges zusammen. Aber wenn man so viel Fußball guckt, sieht man tatsächlich irgendwann Vieles intuitiver, als wenn man jede Woche nur ein Spiel schaut.

Wird man davon nicht völlig Banane im Schädel?
Hehe. Nein, es macht ja Spaß. Ich würde es nicht machen, wenn es mir keinen Spaß machen würde. Das ist genau das, was ich sage: Es gibt immer mehr Leute, denen Fußball extrem wichtig ist und die immer mehr Fußball schauen.

Glaubst du, dass das was ihr macht, jeder Sportjournalist in Deutschland genauso machen könnte?
Er sollte es zumindest können. Nicht jeder Sportjournalist, aber jeder Journalist, der sich nur mit Fußball beschäftigt.

Wie geht ihr denn mit dem Erfolg eurer Seite um?
Wir sind erstmal überrascht, dass wir so schnell so bekannt geworden sind. Wir hätten nicht gedacht, dass sich das so schnell entwickeln könnte. Es ist ja immer noch ein Nebenbeiprojekt von ein paar Studenten und macht dafür ganz schön viel Arbeit. Und natürlich entsteht dadurch auch eine gewisse Verantwortung, weil die Leute jetzt schon erwarten, dass bei den großen Spielen von uns auch was kommt.

Tobias, vielen Dank für das Gespräch.