Monatsarchiv: Mai 2012

Mein EM-Tagebuch (II) – Euro-Sonderhefte im Vergleich

Drei Sonderhefte zur Euro 2012 habe ich mir mal gegönnt: Das vom Kicker, die obligatorische EM-Ausgabe von den 11 Freunden und den großen Rundumschlag der Taktikgurus von Spielverlagerung.de. Hier sind kurz sortiert meine Meinungen dazu:

Das Kicker-Sonderheft
Der wahre Titel des Hefts: “Der Fischer-Fußball-Almanach, Sonderausgabe zur UEFA-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine”
Ein typischer Satz lautet “Das Potenzial zum Europameister haben Neuer, Hummels, Özil, Klose und Kollegen allemal.”
So hilft das Heft beim Angeben “Ah, Thomas Müller, bei Bayern war die Saison durchwachsen, aber in der EM-Quali hatte er einen Notenschnitt von 2,70, erzielte 3 Tore in 10 Spielen. Von allen deutschen Spielern hatte er die meiste Einsatzzeit. Ich glaube nicht, dass Jogi auf ihn verzichten wird.”
Das schlägt man noch während des Turniers nach Das Reglement, was passiert, wenn zwei Teams nach der Vorrunde punktgleich sind.
Das Kickerheft sollte man kaufen, wenn man seine Sammlung von allen Stecktabellen seit 1984 auch lückenlos halten will.
Die perfekte Einschlafhilfe ist das Interview mit Miro Klose, in dem Fragen auf dem Niveau eines “Meine-besten-Freunde”-Buchs gestellt werden: “Wer war ihr härtester Gegenspieler?”, “Gibt es für sie ein Länderspiel, das für sie das unvergesslichste (sic!) ist?” “Welche Finalniederlage war schlimmer: 2002 oder 2008?” usw., usw.
Fazit Der Kicker wartet mit der erwartbaren, gepflegten Langeweile auf. Natürlich sind die detailreichen Vorstellungen der einzelnen Teams immer gut, wenn man während eines Spiels mal schnell nachschlagen will, wie schwer eigentlich Wayne Rooney ist oder wie viel Tore Zlatan Ibrahimovic schon geschossen hat – und man grad kein Tablet zur Hand hat. Journalistisch dominiert der gut abgehangene Allgemeinplatz. Dänemark sind “die Außenseiter in der Todesgruppe”, die politische Situation in der Ukraine “darf nicht vergessen werden” (was die Redaktion des Heftes dann aber geflissentlich tut), usw.. Das Kicker-Sonderheft gibt es für 5 Euro an jedem Kiosk.

Das 11-Freunde-Sonderheft
Der wahre Titel des Hefts: 1000 Dinge über die Europameisterschaft, die niemand wissen muss
Ein typischer Satz lautet  “Als Kapitän durfte Bernhard Dietz seine Pasta mit einem goldenen Besteck essen.”
So hilft das Heft beim Angeben “Das Jogi Löw mal ein guter Trainer werden würde, hat man schon gesehen, als er seine aktive Karriere beim FC Schaffhausen in der zweiten Schweizer Liga ausklingen ließ. Übrigens hatte er damals nebenher einen Krawattenversand. Verrückt, oder”?
Das schlägt man noch während des Turniers nach Die zehn peinlichsten Pleiten in EM-Testspielen
Das 11-Freundeheft sollte man kaufen, wenn zwischen Neon und Zeit-Magazin noch ein Platz auf dem Wohnzimmertisch frei ist
Die perfekte Einschlafhilfe Die Lobpreisung Mesut Özils von Literaturprof. Hans Ulrich Gumbrecht: “Sein Minimalismus ist eine Variante jenes Grundprinzips, auf das immer schon (bewusst oder unbewusst) anspielte, wer seit der europäischen Renaissance das Wort “Eleganz” gebraucht hat.” Heißt das, der Özil “is’ praktisch ‘a Weltstar”?
Fazit Tja, auch das 11-Freunde-Prinzip hat sich am Mainstream etwas rundgeschliffen. Natürlich badet man immer noch gerne und ausgiebig in Fußball-Nostalgie, lässt Protagonisten von einst zu Wort kommen und sammelt allerlei Kurioses zum Schmunzeln aus der verrückten Fuballwelt, die am liebsten augenzwinkernd betrachtet wird. Doch die ganz großen Aha-Geschichten, die wirklich originellen Zugänge, die mutigen Ideen findet auch die 11-Freunde nicht mehr ganz so zuverlässig. Denkt man, und ließt dann die genialen Bild-Unterschriften zu den Fotos polnischer Hooligans. 11-Freunde bleibt trotz der ansetzenden Patina unverzichtbar für alle, die von “Schland”-Gesängen Schüttelfrost und Brechreiz kriegen.

Die Spielverlagerungs-Sonderausgabe
Der wahre Titel des Hefts Die Taktik europäischer Fußballnationalmannschaften – Analyse und Vergleich anhand von 16 Beispielen
Ein typischer Satz lautet “Das effektiv gespielte System variierte schließlich von einem 4-2-3-1 bis zu einem 4-1-4-1, da sich Khedira durchaus vertikal präsentierte.”
So hilft das Heft beim Angeben “Da sieht man wieder die Spielmacherprolematik bei Spanien. Im vorderen Angriffsdrittel kommen die Qualitäten von Xabi Alonso halt nicht so zur Geltung. Da fehlt einer wie Messi, der die Rolle der falschen Neun überzeugend ausfüllen kann.”
Das schlägt man noch während des Turniers nach Jede Taktikanalyse eines deutschen Gegners.
Das Spielverlagerungs-Heft sollte man kaufen, wenn man eher mit seinen Followern bei Twitter als beim Public Viewing die Spiele guckt.
Die perfekte Einschlafhilfe Die Qual der Wahl für del Bosque: Spaniens taktische Möglichkeiten in den Varianten A-H, verteilt auf elf Seiten.
Fazit Vom Ansatz her ist das EM-Sonderheft – oder besser Sonder-E-Book – auf jeden Fall die interessanteste Neu-Erscheinung auf dem Markt. Die Taktikblogger von Spielverlagerung.de haben dafür alle Teams genau unter die Lupe genommen, um nicht zu sagen, seziert. Das ist natürlich ein Festmahl für alle Fußballnerds, für den gemeinen Fan aber wohl unverdauliche Kost. Aufgelockert werden die Diskussionen um polyvalente Außenverteidiger und fluide Offensivsysteme von eingestreuten Trainerporträts, lesenswert etwa der Werdegang von Hansi Flick, Rückblicken und einem Interview mit dem Godfather of Tactics, Michael Cox von Zonal Marking. Da das Ganze in Eigenregie und als Freizeitprojekt entstand, muss man auch das an eine Doktorarbeit gemahnende Layout in Kauf nehmen. Dennoch: Wer die EM-Spiele nicht nur schauen, sondern auch durchschauen möchte, wer sich mit “Druck-und-immer-weiter-machen”-Pseudo-Analysen von Oliver Kahn nicht zufrieden geben will, sollte die knapp sechs Euro ruhig mal investieren. Immerhin unterstützt man damit auch eines der besten Fußballblogs des Landes und das ist ja auch was wert. Das E-Book gibt es bei Amazon für den Kindle und in einer PDF-Version bei Xinxii

Mein EM-Tagebuch (I) – Erinnerungen an Wien

Noch zehn Tage bis zur nächsten Fußballsause in Polen und Ukraine. Ab heute gibt es hier im Blog regelmäßige (täglich mag ich nicht versprechen), fein mit Salz und Pfeffer abgeschmeckte Fußballinhalte. Für mich ist das natürlich auch ein back to the roots, schließlich war ich ja auch mal Fußballblogger; damals, als ich noch im Hexenkessel kochte. Zur Einstimmung auf die nächsten vier Wochen deshalb auch einen Link auf meinen kleinen Reisebericht aus Wien, wo ich vor vier Jahren das Spiel Österreich gegen Deutschland mitverfolgte. Schön war’s. Ob es diesmal einen Roadtrip nach Lwiw, Charkow oder Danzig gibt? Ich  bin skeptisch. Aber hier wird es sicher auch aufregend. Ach ja: Europameister wird natürlich Deutschland.

Auf der Suche nach dem Touch – Tim Burtons “Dark Shadows”: Review und Hintergründe

Wie bei fast allen Filmfans meiner Generation sind die Filme von Tim Burton für mich immer noch Highlights im Kinojahr. Kaum ein Regisseur der letzten zwei Jahrzehnte hat es so verstanden wie Burton, die magischen Möglichkeiten des Kinos so perfekt auszuschöpfen. Auch beim fünften, zehnten oder hundertsten Ansehen, hat man das Gefühl, kann man in seinen filmgewordenen Kinderträumen stets neue, fantastische Details entdecken. Doch zuletzt, insbesondere beim langweiligen 3-D-Vehikel “Alice im Wunderland”, hatte sich der Burton-Charme etwas abgenutzt. Mit “Dark Shadows” läuft nun gerade Burtons neustes Werk in den Kinos. Doch obwohl es in vieler Hinsicht “burtonesker” als viele seiner jüngeren Arbeiten ist – so ganz will sich der Zauber vergangener Tage nicht mehr einstellen.

Die erste Vampirseifenoper
Die Geschichte um den Vampir Barnabas Collins, der nach 200 Jahren wiedererweckt wird und nun seinen alten Platz als Oberhaupt einer alten Fischereifamilie wieder einnehmen will, basiert auf einer der ungewöhnlichsten Fernsehserien seiner Zeit: Von 1966 bis 1971 lief in den USA die Gothic-Seifenoper “Dark Shadows”. Bei mehr als 1200 Folgen ist es müßig, eine Inhaltsangabe zu machen. Im Detail nachlesen kann man die Plotentwicklung zum Beispiel in diesem Blog.  Die Optik der Serie erinnert sehr an die deutschen Edgar Wallace-Filme, die ungefähr zeitgleich in Deutschland für wohligen, aber harmlosen Grusel sorgten. Gedreht wurde Live-on-tape und “one take”. Versprecher oder Hänger der Schauspieler wurden nicht rausgeschnitten, was die campige Anmutung der Serie sicher noch verstärkte.

Nach einigen Start-Schwierigkeiten war es die Einführung übernatürlicher Elemente, die der Serie zum Durchbruch verhalf. So kam der im Burton-Film von Johnny Depp verkörperte Hauptcharakter Barnabas Collins erst nach neun Monaten Laufzeit das erste Mal in der Serie vor. Doch diese Horror-Elemente wurden zum Alleinstellungsmerkmal der Serie, die ansonsten alle Klischees einer typischen Seifenoper erfüllt. Mit der auf den ersten Blick völlig skurril anmutenden Verquickung von Seifenoper mit Vampir- und Geisterhorror eroberte sich die Serie aber in den USA eine große Fangemeinde und wurde zum Wegbereiter von modernem TV-Vampir-Kitsch wie “Buffy, the Vampire Slayer” oder “Vampire Diaries”. Noch heute gibt es sogar Dark-Shadow-Conventions. Als einer der großen Fans dieser Serie entpuppte sich Johnny Depp, der Barnabas Collins zu einem Helden seiner Jugend erkor, und sogar so aussehen wollte wie der bleiche Vampir. Wer sich einen Eindruck vom Look der Serie verschaffen will, wird in der Videowühlkiste nebenan fündig:

Starke Frauen für Johnny Depp
Burton, einem Regisseur der sich in seinen Filmen noch nie viel um Erzähllogik geschert hat, kommt die Prämisse der Seifenoper durchaus entgegen: Wo Drama vor Plot geht, kann man alle Gäule, die einem das Drehbuch vorsetzt, hemmungslos durchgehen lassen. Dementsprechend konfus gestaltet sich seine Filmversion. Hauptcharakter Barnabas Collins verhält sich praktisch in jeder Sequenz anders als in der vorangegangen, ist mal eine von 200 Jahren Gefangenschaft und verfluchter Vampirexistenz gebrochene Kreatur, dann wieder standhaftes und sorgendes Familienoberhaupt, gleichzeitig aber auch kaltblütiger Schlächter Unschuldiger, die seinem Blutdurst zum Opfer fallen. In einer Szene verhält er sich wie ein schüchterner Teenager, der das erste Mal verliebt ist, in der nächsten fällt er wolllüstig über eine Frau her. Für den Zuschauer kann das den Vorteil haben, dass die Handlung völlig unvorhersehbar ist. Es kann aber auch bedeuten, dass man sich verzweifelt fragt, was hier eigentlich gerade auf der Leinwand passiert.

Umgeben ist Collins von einer Reihe starker Frauencharaktere, allen voran Michelle Pfeiffer als neues Familienoberhaupt, die nach “Batman Returns” ins Burton-Universum zurückkehrt. Dann ist da natürlich Eva Green, die lustvoll die böse Hexe spielt, deren unerwiderte Liebe zu Barnabas Collins der Ursprung der fatalen, Jahrhunderte umspannenden Irrungen und Wirrungen ist. Natürlich ist auch Helena Bonham-Carter dabei, die als promillehaltige Haus- und Hofpsychologin der Familie Collins zur zynischen Inkarnation aller “Twilight-Moms” wird. Doch wie treue Burton-Fans wissen, ist keine dieser selbstbewussten Frauen der Typ, auf den Burtons Protagonisten abfahren würden. Die blass-blonde, von Geisterscheinungen geplagte Victoria Winters (Bella Hethcote) entspricht da schon eher dem burtonschen Beuteschema und reiht sich ein dessen Riege zerbrechlicher Heldinnen von Kim aus “Edward” über Victoria Everglot aus “Corpse Bride” bis hin zu “Sweeney Todds” Johanna und zuletzt Alice.

Von allem etwas, aber nichts so richtig
Wenn man mit Dark Shadows also mal wieder “Burton pur” bekommt, wie kommt es dann, dass der Film trotzdem nicht begeistern will? Vielleicht weil er zu unentschlossen ist: In dem einen Moment wallt der Nebel aus Sleepy Hollow durch Collinwood, im nächsten scheint der rachedurstige Sweeney Todd von Barnabas Collins Besitz ergriffen zu haben, dann wieder driftet die Handlung in eine von Beetlejuice durchtränkte Farce ab. Burton vermengt in Dark Shadows wüst die Genres, an denen er sich in den letzten mehr als zwei Jahrzehnten filmisch abgearbeitet hat, doch irgendwie wird kein harmonisches Ganzes aus. Als Zuschauer weiß man nicht, ob man sich nun von der Tragik, dem Grusel oder der Albernheit der Geschichte mitreißen lassen soll und bleibt schließlich unentschlossen am Rand zurück. Es ist, als würde man gleichzeitig eine Folge von “Die wilden 70er”, “Denver Clan”, “Addams Family” und “Twilight Zone” gucken. So bleibt Dark Shadows am Ende nicht als Burtons schlechtester (den Titel behält bis auf weiteres “Planet der Affen”), aber vielleicht unentschlossenster Film zurück. Fast scheint es, als wäre der Kinomagier selbst auf der Suche nach dem berühmten “Touch”, den seine Filme einst hatten. Möglicherweise findet er ihn in den Anfängen seiner Karriere: Sein nächstes Projekt “Frankenweenie” wird die Spielfilmversion einer seiner Kurzfilme aus frühen Disneytagen sein.

Allen Burton-Fans zu empfehlen ist Christian Hegers Buch “Mondbeglänzte Zaubernächte”, das keine Fragen zu dem großen Filmkünstler offen lässt und auch für diesen Blogeintrag die ein oder andere Inspiration und Quelle lieferte. Ich bin mit dem Autor befreundet und war minimal an der Entstehung des Buches beteiligt.

Let’s Play Tatort: Online-Ermittlung des SWR war ein Erfolg

Ich muss wohl erst mal Abbitte leisten. Zuletzt hatte ich geschrieben, dass ich nicht glaube, dass ein Online-Tatort, in dem man selber ermitteln kann, das richtige Angebot ist, um die Tatort-Community anzusprechen. Ich habe mich geirrt. Fast 110.000 Spieler (exakt laut ARD: 109.862) haben den letzten SWR-Tatort “Der Wald steht schwarz und schweiget” im Internet weiter gespielt. Immerhin jeder fünfte (exakt laut ARD: 20.513) hat das Spiel auch zu Ende gebracht und den Fall gelöst. Auch ich habe mich als Ermittler versucht.

Lena Odenthal in der Gewalt der Gang. Foto: SWR

Ich gebe zu: Meine Vorbehalte gegenüber dem Online-Spiel hingen auch damit zusammen, dass der Online-Tatort als Anhängsel zum letzten Fall von Lena Odenthal kam. Selten stehen die SWR-Tatorte für innovative Krimi-Handlungen, doch dieses Mal konnte die Ludwigshafener Ermittlerin überzeugen. Eine Gruppe krimineller Jugendlicher nahm sie als Geisel, nachdem einer von ihnen den Betreuer der Gruppe von einem Felsen gestoßen und umgebracht hat. Mit Lena im Schlepp versuchten die Jungs sich nun nach Frankreich durchzuschlagen und der Polizei zu entkommen.

Die Geschichte war eine nette Abwechslung von der üblichen Ermittlungsarbeit und überzeugte insbesondere mit dem dunklen Charme des Pfälzer Waldes, dem heimlichen Hauptdarsteller des Films. Er war auch deutlich spannender als die üblichen Odenthal-Drehbücher, wenngleich man nie wirklich dran glauben wollte, dass Lena ernsthaft in Lebensgefahr schwebt. Zu überlegen war die erfahrene Kommissarin den Halbstarken. Doch das Ende eignete sich perfekt für eine Weitererzählung: Denn keiner von den Jungs wollte auspacken, was wirklich passiert ist. So hatte Lena Odenthal keine Chance, den wahren Mörder herauszufinden. An dieser Stelle konnten die Spieler unmittelbar nach dem Tatort in die Handlung einsteigen.

“Wir wollten schon länger eine spielerische Erweiterung zum Tatort machen, um die Online-Community des Tatorts zu erreichen. Und dafür bot sich dieser Fall einfach an. Auch Drehbuchautorin Dorothee Schön war einverstanden, ihre Geschichte weiterzudrehen”, beschreibt SWR-Sprecherin Annette Gilker die Entstehungsgeschichte des Spiels. Das Drehbuch lag zu diesem Zeitpunkt schon vor, die Handlung wurde also nicht bewusst so konstruiert, dass sie im Netz weitergespielt werden kann. Entwickelt wurde das Spiel von der Kölner Agentur “Gesamtkunstwerk“, die mit dem SWR bereits die innovative, transmediale Serie “Alpha 0.7″ entwickelt hat.

In Absprache mit der SWR-Redaktion und der Autorin machte sich das Team von Gesamtkunstwerk im März diesen Jahres daran, die Krimi-Handlung weiterzuspinnen und als Online-Spiel umzusetzen. Der Spieler startet im Präsidium von Lena. Mit Hilfe von Sekretärin Frau Keller und Spurensicherer Becker macht man sich an die Ermittlungen. Das ganze ist im “Point&Click”-Stil gehalten. Man steuert also mit der Maus, kann verschiedene Gegenstände auf dem Bildschirm betrachten und einsammeln. Bestimmte Dinge können in der Spurensicherung weiter untersucht werden, um zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen. Dazu kann man noch die Verdächtigen befragen und weitere Zeugen im Rauhberghof, der Besserungsanstalt, in der die Jugendlichen untergebracht waren. Hier kommen auch weitere Charaktere ins Spiel, die im Film gar nicht auftauchten.

Nach der originellen Krimi-Handlung geht es hier also wieder ziemlich klassisch zu. Finde den Mörder, heißt die Aufgabe, und Tatort-typisch muss man dazu auch ein paar Umwege gehen. Als Spieler begegnen einem viele Tatort-Klischees wieder, etwa der dringend benötigte Durchsuchungsbeschluss, den man erst nach einem äußerst langwierigen Prozedere urplötzlich in den Händen hält. Und natürlich hatte der Tote auch ein Verhältnis mit einer Zeugin.

Der Schwierigkeitsgrad war an sich nicht hoch, nur an einer Stelle war tatsächlich Köpfchen gefragt – zu viel für mich, wie ich einräumen muss. Kaya Berndt, Sprecherin von Gesamtkunstwerk, beschreibt den Schwierigkeitsgrad so: “Wie bei jedem guten Spiel braucht es natürlich immer die richtige Mischung aus leichteren und schwierigen Aufgaben, die den Spieler etwas mehr fordern, zumal wir bei dem Spiel auch die Zusammenarbeit innerhalb der Community fördern wollten. Der Tatort hat z.B. auf Twitter und Facebook sehr viele engagierte User und Fans.” Auch ich musste die Hilfe der Facebook-User einmal in Anspruch nehmen. Lieber wäre mir aber gewesen, ich hätte einen kleinen Hinweis auf die Lösung im Spiel bekommen. Insgesamt hatte das Spiel durchaus also einige kleine Schwächen: Nicht immer war der Ablauf der einzelnen Handlungselemente selbsterklärend – zum Beispiel bei dem eher vom Himmel fallenden Durchsuchungsbeschluss – und wurde so mitunter etwas zäh. Das war aber wohl der kurzen Entwicklungszeit geschuldet sind. Dennoch würde ich sagen, dass der Spielspaß überwogen hat.

Die Kommentare auf Facebook sprechen denn auch für sich. Es sind zwar mit einigen Hundert nicht übertrieben viele, aber die Resonanz ist überwiegend positiv. Dafür ist die Interaktionsrate ziemlich hoch, was meiner Meinung im Zweifel mehr wert ist, als 10.000 “Geil, weiter so”-Meinungen. Oben habe ich ja geschrieben, dass jeder fünfte Spieler das Spiel durchgezockt hat. Das bedeutet natürlich auch: 80 Prozent der Spieler sind irgendwann, aus Zeitmangel, Desinteresse oder Frustration aus dem Spiel ausgestiegen. Ob das jetzt eine gute Durchklickrate für ein Online-Game ist, vermag ich nicht zu sagen, wäre aber für Einschätzungen dankbar. Laut Annette Gilker ist man mit den Abrufen sehr zufrieden, es gab aber ihrer Aussage nach auch keine interne Zielvorgaben dafür. Das Ganze war eben einfach mal ein erster Versuch, zu dem auch Vergleichszahlen fehlen.

Ich finde den Online-Tatort, nachdem ich ihn auch selbst gespielt habe, eine ganz nette Idee. Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, das Format online weiter attraktiv zu machen und die Community einzubinden. Ein- oder zweimal im Jahr kann man sowas sicher machen. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, wäre es auch ganz amüsant, dem Spieler mal andere Ermittlertypen zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall war der Tonfall noch recht typisches Tatort-Beamtendeutsch. Ich würde auch gerne mal einen Online-Schimanski spielen (“Benutze Stiefel mit: Tür”). Ob es soweit kommen wird, lässt die ARD offen: Konkret geplant ist jedenfalls erst mal nix, heißt es im Statement zum Tatort+. Das ist insofern schade, weil das Spiel schon nicht mehr spielbar ist. Wie alle fiktionalen Angebote der Öffentlich-Rechtlichen muss es nach einer Woche aus der Internetpräsenz verschwinden. Danke für nichts, Privatsender! Aber das ist ein anderes Thema. Wer dennoch wissen will, wie das Spiel ausgesehen hat und natürlich wer der Mörder ist, kann ja mal in mein Let’s play dazu gucken.

Wie ein blauer Hulk – Meine Gedanken zum CL-Finale

Zur Zeit läuft der Kinofilm “The Avengers” im Kino, einer der zentralen Charaktere ist Bruce Banner alias “Der Hulk”. Der grüne Gigant hat bereits von Natur aus gewaltige Körperkräfte. Doch je mehr er in Rage versetzt wird, desto stärker wird er. Das macht die Comic-Kreatur nahezu unbesiegbar. Am Abend des 19. Mai erlebten Millionen Menschen auf der ganzen Welt, wie eine Fußballmannschaft zum Hulk wurde, angeführt von einem Mann, dessen Physis in der Tat Vergleiche zu dem Kraftmonster zulässt. Didier Drogba und der FC Chelsea besiegten den FC Bayern München im Endspiel der Champions League im Elfmeterschießen, und der Respekt gebietet es, zunächst mal klar zu stellen, warum Chelsea diesen Titel verdient hat.

Tatsächlich erweckte die englische Mannschaft den Eindruck, nahezu unzerstörbar zu sein; ja, es schien, als ob sie mit jedem Wirkungstreffer, den Bayern ihnen versetzte, stärker zu werden schien. Schon im Halbfinale gegen Barcelona hatten die Blues bemerkenswerte Comeback-Qualitäten gezeigt. Ein 0:2-Rückstand, der ihr Aus bedeutet hätte, schockte sie überhaupt nicht. Stattdessen entfesselten sie wie aus dem Nichts einen Gegenschlag, setzten einen Konter zum 1:2 und brachten sich damit wieder auf die Siegerstraße. Auch Bayern erzielte ein vermeintlich entscheidendes Tor, das wahrscheinlich jeder anderen Mannschaft den K.O. versetzt hätte. Doch kaum lag Chelsea im Rückstand, wurden sie wütend und entfachten ihr ganzes Angriffspotenzial, das sich in einem Mann zusammenballt: Drogba ließ seine ganze Wucht los und hämmerte einen Kopfball nach Chelseas erster Ecke mit einer Gewalt ins Tor, die manche Spieler nicht in ihrem Schuss haben.

Später parierte Peter Czech noch einen Elfmeter von Robben: Unzerstörbar. Im Elfmeterschießen vergab Chelsea den ersten Elfer. Doch während die Bayernspieler mit jedem Schuss wackeliger wurden, erhöhte Chelsea mit jedem Versuch seine Präzision. Nie, so schien es, hat eine englische Mannschaft besser Elfmeter geschossen. Jeder Treffer ein Hieb wie vom mächtigen Hulk ausgeführt, unter dessen Kraft Bayern schließlich zusammensackte. Aus.

Doch halt: Der Mythos des unzerstörbaren Abwehrbollwerks sollte gar nicht erst geschrieben werden. Wer genauer hinsieht, muss erkennen, dass Bayern sich die Niederlage selbst zuzuschreiben hat. Bayern hatte es in der Hand und hat sich durch unnötiges Versagen in entscheidenden Sitauationen selbst um den eigentlich verdienten Ruhm gebracht. Nun stehen sie genauso da, wie einst Leverkusen 2002. Dabei war es wohl nie einfacher, die Champions League zu gewinnen. Bayern spielte zu Hause gegen einen in jeder Hinsicht unterlegenen Gegner, der mit einem Haufen Fußballer, für die “über den Zenit” noch eine freundliche Umschreibung ist, und der Taktik eines Abstiegskandidaten in der Allianz-Arena auflief. Großchancen für Gomez, Müller und Olic hätten das Spiel früher entscheiden können. Doch nur Müller traf; und dann versäumten es die Bayern, alles richtig zu machen.

Die Ecke war sträflich schlecht verteidigt und dürfte nicht nur Joachim Löw mit Blick auf Boatengs Zukunft Sorgen bereiten. Mein Tipp: In zwei Jahren spielt er in der Versenkung beim HSV, der Serie A oder für Schweinekohle in Moskua. Überhaupt muss man sich fragen, wie man Drogba zum Kopfball lassen konnte. Bei aller individuellen Klasse des Superstürmers: Wer sonst außer Drogba sollte Anspielstation für die Ecke sein? Man hätte ihn mit fünf Mann decken können und trotzdem wäre der Ball in seine Richtung gesegelt, weil er die einzige scharfe Waffe im Arsenal der Blauen ist. Warum sich nicht van Buyten mit seinem Kleiderschrankkörper vor ihm postierte, um dessen Laufweg zu blocken, warum Boateng ihn weglaufen ließ, obwohl es doch die einzig mögliche Bewegung Drogbas war, ist einfach unbegreiflich. Dieses Tor muss man einfach verhindern. Aus.

Kommen wir zum zweiten Problem der Bayern: Das Ego von Arjen Robben. Schon gegen Dortmund hat er mit einem schlampig geschossenen Elfmeter Bayern (endgültig) einen Titel gekostet, nun hat er den zweiten in einer Saison fahrlässig verschossen. Der Holländer, der eigentlich Titel für die Bayern holen sollte, wird langsam aber sicher zum Problem für München. Vier wichtige Elfer hat für den FCB zuletzt geschossen, zwei wurden gehalten (BVB, Chelsea), einer ging gerade so rein (Madrid), nur einer saß sicher (Pokal). Ich glaube, in dem Moment, als er den Ball nahm, glaubte außer ihm keiner, weder im Stadion noch vor dem Fernseher, dass das ein sicheres Ding wird. Als er anlief, glaubte er es dann selbst auch nicht mehr, so holperte die Kugel müde in die Arme von Czech, der den Ball sogar festhalten konnte. Leider hatte keiner im Team der Bayern die Eier, Robben von seinem egomanen Vorhaben, der Mann des Spiels zu werden, abzuhalten.

Dabei ist es an der Zeit, dass die Mannschaft erkennt, dass der überschätzte Holländer dem Spiel des Teams nicht gut tut. Im Finale schoss er häufiger in Richtung Tor als die gesamte Mannschaft Chelseas, doch kein einziger Versuch war ernsthaft gefährlich. Chelsea benötigte eine Ecke, um zum Torerfolg zu kommen, die gefühlt 127 Ecken Robbens waren ungefähr so gefährlich wie in den 16er geworfene Wattebäuschchen. 2010 brachte Robben Bayern noch fast im Alleingang ins Finale. 2012 ist er ein Klotz im Münchener Spiel. Zu leicht auszurechnen – hat er eigentlich je einen Elfer in die linke Ecke geschossen? -, ohne die Spielintelligenz eines Ribery (20 Assists in der Liga, Robben 6) und längst nicht mehr so torgefährlich wie noch vor zwei Jahren, ist es derzeit fraglich, wie er den Bayern noch weiterhelfen soll. Aus.

Bayern hat das Finale letztlich verdient verloren: Chelseas so simple, wie hässliche Taktik, hinten auf beinharte Abwehrarbeit und Czech und vorne auf Drogba zu vertrauen, ging letztlich auf. Noch gegen Leverkusen in der Vorrunde sah es nicht so aus, als würde aus diesem Chelsea noch was werden. Doch der Trainerwechsel von Villas-Boas zu di Matteo war wohl genau die fehlende Dosis Gamma-Strahlung, die nötig wahr, um den Hulk in Bruce Banner zu entfesseln. Gegen Bayern hatte die in diesem Fall blaue Bestie ihre wahre Kraft erreicht. Aus.

Ditte is’ Berlin! – Videoserie “Berlinfolgen” versucht’s mit Crowdfunding

Vor wenigen Tagen wurden die Nominierungen für den Grimme Online-Award bekannt gegeben. Unter den 25 Nominierten sind zahlreiche Videoprojekte, darunter auch die Taz-Serie “Berlinfolgen”. Wer diese Serie noch nicht kennt, sollte ruhig mal einen Blick riskieren. Sie ist ein tolles Beispiel, wie mal lokalen Videojournalismus heutzutage umsetzen kann. Das finden nicht nur ich und das Grimme-Institut, sondern auch im Schnitt 10.000 Zuschauer, die die Videos auf Vimeo gucken. Ob die Serie jetzt weitergeht, wird davon abhängen, ob diese Zuschauer auch bereit sind, 1,30 Euro locker zu machen. Weil die Finanzierung durch die taz ausläuft, kommt es jetzt auf die Crowd an. 13.000 Euro brauchen die Macher, um bis Jahresende weitermachen zu können.

Die Käferflüsterin from berlinfolgen on Vimeo.

Produziert wird Berlinfolgen von der schon mehrfach ausgezeichneten Agentur 2470Media in Zusammenarbeit mit der taz. Jede Folge stellt einen außergewöhnlichen Berliner in einer Collage aus Fotos, Videos und Audioschnipseln vor. Die Porträts sind alle sehr lebensnah, emotional, manchmal skurril, und meiner Meinung nach auch für Nicht-Berliner sehr sehenswert. In DSLR-Optik fotografiert, sind sie auch stilistisch auf der Höhe der Zeit. Auf jeden Fall sieht man ihnen den Produktionsaufwand an. Der liegt wohl bei 1000 Euro pro Folge. Zumindest würde jemand, der 1000 Euro an die Macher spendet, eine eigene Folge im Berlinfolgen-Stil als Dankeschön kriegen. “Crowd-Funding ist kein Allheilmittel” meint Michael Hauri, Producer von 2470Media. “Aber für alternative Projekte kann es eine Option sein.” Er glaubt jedenfalls an die Community, die sich seit Serienbeginn im April 2011 um Berlinfolgen gebildet hat. 62 Folgen gibt es bis jetzt, 100 sollen es mal werden, wünscht sich Hauri.

Es wird ja in Zeiten von Facebook gerne mal darüber fabuliert, dass der “Like” zur Währung wird. Leider ist diese Zeit noch nicht gekommen, und noch immer besteht Währung meist aus Geld. Und während ein Like schnell (und meist auch wahllos) vergeben ist, tun wir uns schwer damit, für Dinge, die wir gut finden, freiwillig zu bezahlen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns dann davon verabschieden müssen. Allerorten wird über eine Paywall diskutiert und wie man die Nutzer dazu bringen kann, für Inhalte zu bezahlen. Auch wenn ich einsehe, dass am Bezahlzwang manchmal kein Weg vorbeiführt, finde ich es doch am charmantesten, wenn die Leute freiwillig bereit sind, Geld zu geben. Natürlich: Würde iTunes es den Kunden überlassen, wie viel sie für ein Musikstück bezahlen, wäre es wohl schnell wieder Essig mit Bezahlmodellen. Umgekehrt wären die Musiker vielleicht aber auch überrascht, wie viel so mancher Fan bereit ist, für ein neues Album auszugeben.

Die Winterbaderin from berlinfolgen on Vimeo.

Ich glaube, dass Crowdfunding in vielen Bereichen Zukunft hat. Tatsächlich ist auch der Bezahlvorgang beim Crowdfunding deutlich befriedigender: Das Gefühl, dass ohne mich das Projekt gescheitert wäre, dass ich quasi Mitproduzent eines Inhaltes bin, hat man nicht, wenn man einfach bezahlt, weil man muss. Man macht es halt. Wer freiwillig Geld gibt, reflektiert hingegen viel mehr, was einem das Produkt wirklich bedeutet. Ob Journalismus davon profitieren kann, darf man noch bezweifeln. Erste Ansätze gibt es aber bereits. Doch noch ist die Crowdfunding-Mentalität noch nicht tief genug in der Gesellschaft verankert, fürchte ich.
Die Spendenuhr für Berlinfolgen steht immerhin schon bei etwa 4.500 Euro (Stand: 13.5.2012). Das darf man schon als Erfolg bezeichnen, auch wenn es noch nicht reicht. Ich finde das Konzept von Berlinfolgen jedenfalls sehr nachahmens- und auch unterstützenswert. Vielleicht bringt die Grimme-Nominierung ja noch den ein oder anderen zusätzlichen Euro. Schaut’s euch auf jeden Fall mal an, und wenn ihr es cool findet, dann spendet doch ein paar Euro. Letztlich ist es nicht viel anders, als würdet ihr Eintritt für einen guten Kinofilm zahlen, oder?

Hier könnt ihr Berlinfolgen unterstützen. Ich habe übrigens 10 Euro überwiesen.

Dok-Filmer kämpfen für bessere Bezahlung

Im Stile des ORF-Protestvideos wehren sich Macher von Dokumentarfilmen gegen schlechte Bezahlung und miese Produktionsbedingungen. “Wir machen das echte Fernsehen!”, sagen die Mitglieder des Bundesverbands Regie, allerdings “zu absurden Pauschalgagen”. Damit ist gemeint, dass ein Film einmal bezahlt wird, ungeplant zusätzlich anfallende Arbeit durch Verzögerung beim Dreh oder Änderungswünsche der Produzenten aber nicht mehr extra entlohnt wird.

Wie das aussieht, erläutern die Regisseure in einem zweiten Beispielvideo, das das Ganze sehr schön veranschaulicht.

Tatort Hamburg: Cenk Batu darf nicht sterben

Tatort

Tatort (Photo credit: Eva Freude)

Jetzt also Til Schweiger. Allein die Vorstellung davon, dass jetzt Deutschlands größter Konsens-Schauspieler, der männliche Veronica Ferres, auf die wilden, emotions- wie actiongeladenen Undercover-Einsätze von Cenk Batu folgt, löst ein Gefühl der inneren Lähmung aus; Sonntags jetzt also wieder Spieleabend? Dabei war dieser letzte Einsatz Batus, den wir gestern, am 6. Mai 2012, verfolgen durften, noch einmal eine Offenbarung: Was deutsches Fernsehen leisten kann, wenn es will. Wie man das Format “Tatort” neu erfinden kann. Zu was ein Schauspieler in der Lage ist, wenn man ihn entfesselt.

Ganz klar: Mehmet Kurtulus ist eine Wucht. Seine Präsenz sucht unter allen Tatort-Kommissaren ihresgleichen. In jeder Sekunde ist er glaubhaft, ob er nun mit Blut und Schweiß verschmierter Stirn dem Kanzler eine Waffe an den Kopf hält oder seine Freundin auf starken Armen aus den Wellen des Atlantiks trägt. Welcher männliche Zuschauer hofft nicht, dass in ihm ein kleiner Batu steckt, welche Frau hofft nicht, dass der Typ in Jogginghose neben ihr auf der Couch  auch mal Cenk sein kann. Nur sechs Folgen durfte er brillieren, gerne hätten es 16 oder noch mehr sein dürfen. Er selbst hat zwar erklärt, dass er mit der Rolle abgeschlossen hat. Aber das Ende des gestrigen Films lässt zumindest ein kleines Hintertürchen für eine Rückkehr Cenk Batus, vielleicht in einer eigenen Reihe. Man wird ja mal hoffen dürfen…

Immer wieder wird moniert, dass das deutsche Fernsehen zu brav, zu bieder sei. Klar, amerikanische Serien liegen immer vorn, allein wegen der Budgets. Aber aus Großbritannien kommt ein Schatz wie “Sherlock”, Dänemark macht mit Mini-Budgets TV-Ereignisse von Format, wie zuletzt die durchaus fesselnde Polit-Serie “Borgen”. Und was sind die deutschen Export-Schlager? Kommissar Rex und die endlose Krach-Bumm-Serie Cobra-11.
Dabei geht es doch anders, und Kurtulus und Regisseur Matthias Glasner zeigen mit der “Ballade von Cenk und Valerie” wie: Ein Tatort mit Kinoformat voller Action, voller Emotion. Der eine Kritiker fühlt sich an Luc Besson und John Woo erinnert, der andere findet Referenzen an Christopher Nolans Batman. Ich hingegen musste immer wieder an die bahnbrechendste Actionserie der Nuller-Jahre denken, Kiefer Sutherlands “24″, der nicht nur mit einem Handy-Klingelton immer wieder gelungen Referenz erwiesen wird. Batu bricht einem Verdächtigen den Finger, schießt auf Kollegen, prügelt sich mit Polizei und Staatsschutz, nimmt auf Niemanden Rücksicht, am wenigsten auf sich selbst – das ist Jack Bauer pur. Ein großartiger Trip, dem ich gerne - zugegeben nicht jeder – auch die ein oder andere Lücke im Plot verzeihe.

Genau solche Krimis sind es, die der Tatort öfter braucht. Natürlich: Batus für das Publikum schwer zugängliche Fälle gehörten zu den quotenschwächsten, auch der letzte Fall holte “nur” sieben Millionen vor den Fernseher, während dem Playmate unverständlicherweise regelmäßig acht bis neun Millionen beim Stöckeln durch 08/15-Mordfälle zusehen. Und natürlich soll der durchschnittliche Zuschauer, der am Sonntagabend nicht mehr als eine Leiche, zwei Kommissare und einen Mörder erwartet, nicht verprellt werden. Aber ein wenig mehr Biss, ein wenig mehr Kreativität darf man sich von den 51 Tatort-Autoren doch erhoffen. Es muss nicht immer die Mordkommission sein, das hat uns Undercover-Agent Batu bereits bewiesen. Und warum muss ein Krimi immer nach 90 Minuten zu Ende sein? Wäre es schlimm, eine komplexe Geschichte mal über mehrere Folgen zu verteilen?

Jeden Sonntag trendet der Tatort auf Twitter. Es gibt Tatort-Kneipen in ganz Deutschland, in denen sich die Menschen zum gemeinsamen Gucken treffen. Der Tatort hat viel Potenzial, (neue) Zuschauer an die ARD zu binden. Zuschauer, die neuen Formaten aufgeschlossen gegenüber stehen und die dank des Internets ihre Fernsehgewohnheiten längst globalisiert haben. Warum also nicht versuchen, diesem Publikum auch neue, interessant erzählte Krimis zu präsentieren, anstatt immer wieder in Erzählmuster von 1993 zu verfallen?

Demnächst will der SWR die Internetfans des Tatorts ansprechen. Ein Fall von Lena Odenthal soll im Netz weitergehen. Ich weiß nicht, ob das nötig ist. Zum einen steht nun gerade Lena Odenthal wie kaum eine andere für den in die Jahre gekommenen, angestaubten TV-Langweiler. Zum anderen glaube ich, dass die Verantwortlichen hier einer fundamentalen Fehleinschätzung unterliegen: Dass der Tatort-Zuschauer beim Fall “mitraten” will. Nein, will ich nicht. Ich will noch nicht einmal mehr diese ewig gleichgestrickten Who-Dunit-Geschichten. Ich will einfach gutes, spannendes und unterhaltsames Fernsehen erleben, gerne gemeinsam mit Gleichgesinnten , egal ob ihm Netz oder am Tresen oder auf der Couch. Wie das geht, hat Cenk Batu beispielhaft vorgemacht. Mit modernen Krimi-Geschichten, hochspannend erzählt und von einem charismatischen Darsteller präsentiert. Jetzt also Til Schweiger…

Was macht ein gutes Webvideo aus?

Originell. Nicht zu lang – nicht zu kurz. Power. Einzigartig. Echt. Überraschend. LOL, OMG und WTF. Emotionen. Zum Weitererzählen. Das sind alles Dinge, die für die Besucher des Videocamps gute Webvideos ausmachen. Eigenschaften, die dieses Video von BMW nicht hat. Zumindest nicht im guten Sinne. Es erhielt dafür den “Silbernen Sellerie”, einen kleinen Nachschlag zum Webvideopreis 2012 verliehen auf der Re:publica in Berlin. Herzlichen Glückwunsch dazu.
Das ist natürlich eine gute Gelegenheit, noch mal darüber nachzudenken, wie man es vermeiden kann, die Goldene Himbeere der Webvideoszene zu bekommen. Gut, dass ich auf dem Videocamp genau dazu rumgefragt habe. Da man die Diskussion über gute und schlechte Webvideos endlos führen könnte, will ich jetzt gar nicht groß weiter rumtexten, sondern einfach die Leute für sich sprechen lassen. Schreibt mir in die Kommentare, was für euch ein gutes Webvideo ausmacht.