Drei Sonderhefte zur Euro 2012 habe ich mir mal gegönnt: Das vom Kicker, die obligatorische EM-Ausgabe von den 11 Freunden und den großen Rundumschlag der Taktikgurus von Spielverlagerung.de. Hier sind kurz sortiert meine Meinungen dazu:
Das Kicker-Sonderheft
Der wahre Titel des Hefts: “Der Fischer-Fußball-Almanach, Sonderausgabe zur UEFA-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine”
Ein typischer Satz lautet “Das Potenzial zum Europameister haben Neuer, Hummels, Özil, Klose und Kollegen allemal.”
So hilft das Heft beim Angeben “Ah, Thomas Müller, bei Bayern war die Saison durchwachsen, aber in der EM-Quali hatte er einen Notenschnitt von 2,70, erzielte 3 Tore in 10 Spielen. Von allen deutschen Spielern hatte er die meiste Einsatzzeit. Ich glaube nicht, dass Jogi auf ihn verzichten wird.”
Das schlägt man noch während des Turniers nach Das Reglement, was passiert, wenn zwei Teams nach der Vorrunde punktgleich sind.
Das Kickerheft sollte man kaufen, wenn man seine Sammlung von allen Stecktabellen seit 1984 auch lückenlos halten will.
Die perfekte Einschlafhilfe ist das Interview mit Miro Klose, in dem Fragen auf dem Niveau eines “Meine-besten-Freunde”-Buchs gestellt werden: “Wer war ihr härtester Gegenspieler?”, “Gibt es für sie ein Länderspiel, das für sie das unvergesslichste (sic!) ist?” “Welche Finalniederlage war schlimmer: 2002 oder 2008?” usw., usw.
Fazit Der Kicker wartet mit der erwartbaren, gepflegten Langeweile auf. Natürlich sind die detailreichen Vorstellungen der einzelnen Teams immer gut, wenn man während eines Spiels mal schnell nachschlagen will, wie schwer eigentlich Wayne Rooney ist oder wie viel Tore Zlatan Ibrahimovic schon geschossen hat – und man grad kein Tablet zur Hand hat. Journalistisch dominiert der gut abgehangene Allgemeinplatz. Dänemark sind “die Außenseiter in der Todesgruppe”, die politische Situation in der Ukraine “darf nicht vergessen werden” (was die Redaktion des Heftes dann aber geflissentlich tut), usw.. Das Kicker-Sonderheft gibt es für 5 Euro an jedem Kiosk.
Das 11-Freunde-Sonderheft
Der wahre Titel des Hefts: 1000 Dinge über die Europameisterschaft, die niemand wissen muss
Ein typischer Satz lautet “Als Kapitän durfte Bernhard Dietz seine Pasta mit einem goldenen Besteck essen.”
So hilft das Heft beim Angeben “Das Jogi Löw mal ein guter Trainer werden würde, hat man schon gesehen, als er seine aktive Karriere beim FC Schaffhausen in der zweiten Schweizer Liga ausklingen ließ. Übrigens hatte er damals nebenher einen Krawattenversand. Verrückt, oder”?
Das schlägt man noch während des Turniers nach Die zehn peinlichsten Pleiten in EM-Testspielen
Das 11-Freundeheft sollte man kaufen, wenn zwischen Neon und Zeit-Magazin noch ein Platz auf dem Wohnzimmertisch frei ist
Die perfekte Einschlafhilfe Die Lobpreisung Mesut Özils von Literaturprof. Hans Ulrich Gumbrecht: “Sein Minimalismus ist eine Variante jenes Grundprinzips, auf das immer schon (bewusst oder unbewusst) anspielte, wer seit der europäischen Renaissance das Wort “Eleganz” gebraucht hat.” Heißt das, der Özil “is’ praktisch ‘a Weltstar”?
Fazit Tja, auch das 11-Freunde-Prinzip hat sich am Mainstream etwas rundgeschliffen. Natürlich badet man immer noch gerne und ausgiebig in Fußball-Nostalgie, lässt Protagonisten von einst zu Wort kommen und sammelt allerlei Kurioses zum Schmunzeln aus der verrückten Fuballwelt, die am liebsten augenzwinkernd betrachtet wird. Doch die ganz großen Aha-Geschichten, die wirklich originellen Zugänge, die mutigen Ideen findet auch die 11-Freunde nicht mehr ganz so zuverlässig. Denkt man, und ließt dann die genialen Bild-Unterschriften zu den Fotos polnischer Hooligans. 11-Freunde bleibt trotz der ansetzenden Patina unverzichtbar für alle, die von “Schland”-Gesängen Schüttelfrost und Brechreiz kriegen.
Die Spielverlagerungs-Sonderausgabe
Der wahre Titel des Hefts Die Taktik europäischer Fußballnationalmannschaften – Analyse und Vergleich anhand von 16 Beispielen
Ein typischer Satz lautet “Das effektiv gespielte System variierte schließlich von einem 4-2-3-1 bis zu einem 4-1-4-1, da sich Khedira durchaus vertikal präsentierte.”
So hilft das Heft beim Angeben “Da sieht man wieder die Spielmacherprolematik bei Spanien. Im vorderen Angriffsdrittel kommen die Qualitäten von Xabi Alonso halt nicht so zur Geltung. Da fehlt einer wie Messi, der die Rolle der falschen Neun überzeugend ausfüllen kann.”
Das schlägt man noch während des Turniers nach Jede Taktikanalyse eines deutschen Gegners.
Das Spielverlagerungs-Heft sollte man kaufen, wenn man eher mit seinen Followern bei Twitter als beim Public Viewing die Spiele guckt.
Die perfekte Einschlafhilfe Die Qual der Wahl für del Bosque: Spaniens taktische Möglichkeiten in den Varianten A-H, verteilt auf elf Seiten.
Fazit Vom Ansatz her ist das EM-Sonderheft – oder besser Sonder-E-Book – auf jeden Fall die interessanteste Neu-Erscheinung auf dem Markt. Die Taktikblogger von Spielverlagerung.de haben dafür alle Teams genau unter die Lupe genommen, um nicht zu sagen, seziert. Das ist natürlich ein Festmahl für alle Fußballnerds, für den gemeinen Fan aber wohl unverdauliche Kost. Aufgelockert werden die Diskussionen um polyvalente Außenverteidiger und fluide Offensivsysteme von eingestreuten Trainerporträts, lesenswert etwa der Werdegang von Hansi Flick, Rückblicken und einem Interview mit dem Godfather of Tactics, Michael Cox von Zonal Marking. Da das Ganze in Eigenregie und als Freizeitprojekt entstand, muss man auch das an eine Doktorarbeit gemahnende Layout in Kauf nehmen. Dennoch: Wer die EM-Spiele nicht nur schauen, sondern auch durchschauen möchte, wer sich mit “Druck-und-immer-weiter-machen”-Pseudo-Analysen von Oliver Kahn nicht zufrieden geben will, sollte die knapp sechs Euro ruhig mal investieren. Immerhin unterstützt man damit auch eines der besten Fußballblogs des Landes und das ist ja auch was wert. Das E-Book gibt es bei Amazon für den Kindle und in einer PDF-Version bei Xinxii

