Monatsarchiv: April 2012

Masse oder Klasse: Die Zukunft von Webvideos im Lokalen

Es ist eine der großen Fragen des Lokaljournalismus: Braucht man dort Webvideos oder nicht? Ich habe selbst für die Rhein-Zeitung 1,5 Jahre lokale Webvideos gemacht und bin an sich überzeugt davon, dass lokale Webvideos funktionieren können. Wenn alle Welt Videos im Internet guckt und das Sublokale doch angeblich immer wichtiger wird, scheint das nur eine logische Folge zu sein, dass auch lokales Bewegtbild immer wichtiger wird. Aber (das musste jetzt kommen): Es bleibt eine große Herausforderung und das Patentrezept hat noch niemand gefunden. Beim Videocamp habe ich mit Nico Drimecker gesprochen, der lokale Videos für die Ruhr-Nachrichten macht. Ähnlich wie ich, aber doch anders.

Nico nimmt sich mehr Zeit für die Videos als ich damals, macht “große Geschichten.” Ich habe durchaus drei, manchmal auch vier oder fünf Videos die Woche gedreht. Inzwischen würde ich eher zu Nicos Arbeitsrhythmus tendieren. Nicht aus Faulheit, sondern aus Qualitätsgründen. Mehr Ruhe, mehr Sorgfalt bei der Gestaltung der Videos geben dem Endergebnis eine ganz andere Qualität. Das dynamische, schnelle, clipartige Produzieren ist meiner Meinung nach im Lokalen nur noch sinnvoll, wenn es auch eine entsprechende Ereignislage gibt: Wenn es wirklich um Schnelligkeit geht, darum, die ersten Bilder vom Ort des Geschehens zu senden. Ansonsten ist weniger mehr. Die Sehgewohnheiten im Netz sind inzwischen andere als noch vor zwei oder drei Jahren (ja, so schnell geht das). Inzwischen dominiert die DSLR-Ästehtik. Erfolgreiche Videoformate wie 140 Sekunden stellen die Protagonisten in den Mittelpunkt und lassen diese ausführlich zu Wort kommen. Daran kann man sich auch im Lokalen orientieren. All das aber braucht Zeit und Mühe. An einem Arbeitstag, wie bei mir üblich, lassen sich solche Geschichten kaum produzieren.

Videojournalisten müssen noch mehr raus aus der tagesaktuellen Tretmühle, sich noch stärker vom Aktualitätsdruck lösen. Videos von der Eröffnung der Dorfkirmes sind ohnehin schon nach einem Tag veraltet, mal abgesehen davon, dass sich niemand außer dem Dorf selbst dafür interessiert. Doch ein in stimmungsvollen Bildern erzähltes Porträt über die älteste Schaustellerfamilie vor Ort kann über die lokalen Grenzen hinaus Wirkung zeigen.

Dennoch ist die Strategie, möglichst viele Webvideos zu produzieren, nicht unbedingt verkehrt. Denn im Lokalen sind die Abrufzahlen natürlich eher klein. Die Zielgruppe ist ja an sich schon beschränkt, dann müssen die Leute auch noch Zeit und Lust für Webvideo haben, sie müssen sie finden, etc., etc.. In diesem Dilemma kann es eine Lösung sein, mit vielen Videos die geringen Abrufzahlen zu kompensieren.

Wie seht Ihr das? Wohin geht der lokale Videojournalismus? Macht es am Ende eher Masse, also möglichst viel zu zeigen und dafür Abstriche bei der Qualität der Videos hinzunehmen? Oder lohnt sich die Investition in Klasse, auch wenn es dann insgesamt weniger zu sehen gibt?

Im nächsten und letzten Beitrag klären wir endlich die ultimative Frage: Was ist eigentlich ein gutes Webvideo?

Über Moritz Meyer

Mainstream, Livestream, Gronkh-Stream

Mit dem Stern-Cover von dieser Woche hat man es dann wohl offiziell an jedem Kiosk bestätigt, dass YouTube endgültig im Mainstream angekommen ist. Webvideo wird in diesem Jahr das große Mediending werden, da bin ich mir relativ sicher. Und es ist erst der Anfang einer Entwicklung, die schon bald noch ganz neue Dimensionen erreichen wird. Während in Deutschland gerade erst begriffen wird, welche Möglichkeiten Webvideo bietet, steht die nächste Entwicklungsstufe schon bevor: Livestreaming wird in ein paar Jahren zum ganz normalen Angebot eines jeden Medienhauses gehören (müssen). Lies dazu auch, was Google mit seinen Hang-Outs plant. Der Riesenkonzern verfährt ja mit seinen Ideen gerne nach dem gekochte-Spaghetti-Prinzip. Wirf einfach einen großen Haufen davon an die Wand, ein paar werden schon kleben bleiben. Und nachdem Wave, Buzz und irgendwie auch Plus nicht wirklich haften bleiben wollen, scheinen die Hang-Outs ein Treffer zu sein, den Google jetzt weiter ausbauen wird; zum wohl interessantesten Livestreaming-Tool, das es zur Zeit gibt.

Richtig spannend wird es, wenn man sich das Ganze als Social Streaming vorstellt. Man nehme nur ein Ereignis wie das YouTuber-Treffen in Düsseldorf, von dem es inzwischen mehr als ein Dutzend Videos gibt. Was beim YouTuber-Treffen abging, als der bekannteste deutsche Let’s-Player Gronkh auftauchte, kann man nicht in Worte fassen, man muss es sehen. Zum Glück ist das kein Problem. In dem Moment, als Gronkh die Tonhalle in Düsseldorf betrat, gab es kaum jemanden, der nicht wenigstens seine Handy-Kamera laufen hatte. Es gibt von diesem Ereignis einen richtigen “Gronkh-Stream.”. Unter anderem filmte auch Richard Gutjahr. Ich bin in seinem Video kurz zu sehen.

Und auch Gronkh himself hielt eine Kamera in der Hand und auf mich drauf.

Jetzt fehlt nur noch die Ego-Perspektive, oder? Bitte schön:

Ein Ereignis, gefilmt aus ganz vielen verschiedenen Perspektiven. Und nun stellt euch das Ganze als Livestreaming-Event vor, das im Netz angelegt wurde und in das sich jede Anwesende Handykamera per App zuschalten kann. Alle Streams werden auf einer Seite gebündelt, und wer nicht vor Ort dabei sein konnte, kriegt dafür zu Hause auf dem Rechner alle verfügbaren Kameras angezeigt und kann, so wie er will, zwischen den Perspektive hin und herschalten, als säße er in seiner eigenen Bildregie. Klingt doch faszinierend, oder? Ich denke es nur mal in eine Richtung weiter: Das Champions-League-Finale in München, zehntausende Zuschauer halten ihre Handykameras aufs Spielfeld und streamen live ins Web. Was wohl Uli Hoeneß, Rupert Murdoch und Sepp Blatter dazu sagen?

Was sind eure Visionen vom Livestreaming ins Web? Schreibt es in die Kommentare, ich bin gespannt.

Im nächsten Beitrag zum Videocamp geht es mal wieder um mein Lieblingsthema: Webvideos und (Lokal-)Journalismus.

Fernsehen und YouTube: Konkurrenten oder Partner? Interview mit Daniel Bröckerhoff von “Zapp”

Der Abgesang aufs Fernsehen wird dieser Tage immer mal wieder angestimmt, wahrscheinlich aber zu früh. Zumindest sagen die Nutzerzahlen das Gegenteil: Der Fernsehkonsum steigt auch in Zeiten von YouTube immer weiter an. Fakt ist aber auch: Die junge Generation hat vom klassischen Fernsehen die Nase voll. Das war auf einer der besten Diskussionsrunden beim Videocamp deutlich zu spüren. Daniel Bröckerhoff vom NDR-Magazin “Zapp” hatte die Runde spontan angeregt und damit genau das getroffen, was offenbar viele Bewegtbildmacher umtreibt. Allein, dass auf einmal 50 Leute, die vorwiegend im Web unterwegs sind, sich so viele Gedanken um ein Medium machen, das ihnen eigentlich egal sein könnte, darf die TV-Leute froh stimmen. Und es ist ja nicht alles schlecht: Das immer mehr erfolgreiche YouTuber sich feste “Sendezeiten” geben, sprich ihre Videos immer am gleichen Tag veröffentlichen, zeigt, dass auch die Webvideomacher sich das ein oder andere vom TV abgucken. Nach der Session habe ich mit Daniel kurz zusammengehockt und die Diskussion noch einmal Revue passieren lassen. Schaut’s euch an und schreibt mir, was eure Meinung zum Thema ist: Wo muss das Fernsehen von heute sich dringend ändern? Ist ZDFneo die Antwort auf alle Fragen? Ich bin gespannt.

Im nächsten Beitrag vom Videocamp kommen wir einem der berühmtesten YouTuber Deutschlands ganz nahe.

“Ist Unboxing Journalismus?” – Interview mit Sascha Pallenberg beim Videocamp

Ich mache etwas falsch. Jeder dieser hier hingeschriebenen Buchstaben ist ein Fehler. Zumindest, wenn ich Sascha Pallenberg Glauben schenke. Sascha ist einer der erfolgreichsten Blogger Deutschlands und einer der wenigen, der vom Bloggen leben kann. Beim Videocamp hat er in einer Session ein wenig den Vorhang gehoben und eines seiner Erfolgsgeheimnisse verraten: 60-70 % seines Geldes verdient er mit YouTube-Videos. Das klassische Schreibbloggen ist für ihn überholt, hat er mir im Videointerview nach seiner Session auf dem Videocamp in Düsseldorf verraten. Außerdem habe ich ihn gefragt, ob Unboxing-Videos Journalismus sind. Wer dennoch auf geschriebenes Wort steht, findet hier das Protokoll zur Session zum Nachlesen. Schreibt auf jeden Fall in die Kommentare, was ihr von Saschas Ansichten über Bloggen, Journalismus, usw. haltet.

Im nächsten Beitrag zum Videocamp geht es um Fernsehen vs. YouTube. Seid gespannt.

P.S. Das Video habe ich mit meinem Galaxy SII aufgenommen, deshalb wackelt es ein wenig. Ich bin gerade dabei, mein Video-Equipment wieder auf Stand zu bringen, ich hoffe, ihr verzeiht die Fehler.

Videocamp, YouTube-Treffen, Webvideopreis: Erste Gedanken nach einem krassen Samstag

Alle filmen alles. Video wird zum Medium des Jahres 2012.

Was ein Samstag: Erst die zweite Hälfte des Videocamps mit einer genialen Diskussion über YouTube vs. TV, dann das irre YouTuber-Treffen mit Y-Titty, Gronkh & Co. und zum krönenden Abschluss die Webvideopreis-Gala im Savoy-Theater in Düsseldorf mit einem würdigen Überraschungssieger. Mir schwirrt immer noch der Kopf davon, ich habe unglaublich viele gute Gespräche geführt, coole Leute kennen gelernt und jetzt einen vollen Block, bzw. SD-Karte. Ich muss das ganze Zeug erst mal sortieren. Vorab vielleicht ein paar kurze Schnellschüsse aus meinem Gehirn:

  • Wer jetzt noch daran zweifelt, dass 2012 das Jahr der Webvideos wird, der hält das Internet auch für so eine Mode, die bald wieder vorbei ist.
  • YouTube wird zum Geschäftsmodell, YouTuber zum Berufsbild.
  • Wer Facebook-Fotos und offene Profile für bedenklich hält, wird sich umgucken, wenn er merkt, dass in der kommenden Generation Alle alles filmen. Womöglich sogar live.
  • Der klassische Journalismus wird es in dieser Welt weiter schwer haben, sich zu behaupten; inhaltlich wie ökonomisch. Schaffen werden es die, die weiter bereit sind, neue Pfade zu beschreiten.

Ich werde diese Gedanken in den nächsten Tagen versuchen, weiter mit Leben zu füllen. Und auch mit Bewegtbild. Vielleicht geht dann hier ja auch die ein oder andere Diskussion vom Camp weiter, es würde mich freuen. Schaut also auf jeden Fall wieder vorbei.

Die Überraschungsabräumer beim Webvideopreis: Die alten TV-Hasen der ZiB-Redaktion des ORF.