Es ist eine der großen Fragen des Lokaljournalismus: Braucht man dort Webvideos oder nicht? Ich habe selbst für die Rhein-Zeitung 1,5 Jahre lokale Webvideos gemacht und bin an sich überzeugt davon, dass lokale Webvideos funktionieren können. Wenn alle Welt Videos im Internet guckt und das Sublokale doch angeblich immer wichtiger wird, scheint das nur eine logische Folge zu sein, dass auch lokales Bewegtbild immer wichtiger wird. Aber (das musste jetzt kommen): Es bleibt eine große Herausforderung und das Patentrezept hat noch niemand gefunden. Beim Videocamp habe ich mit Nico Drimecker gesprochen, der lokale Videos für die Ruhr-Nachrichten macht. Ähnlich wie ich, aber doch anders.
Nico nimmt sich mehr Zeit für die Videos als ich damals, macht “große Geschichten.” Ich habe durchaus drei, manchmal auch vier oder fünf Videos die Woche gedreht. Inzwischen würde ich eher zu Nicos Arbeitsrhythmus tendieren. Nicht aus Faulheit, sondern aus Qualitätsgründen. Mehr Ruhe, mehr Sorgfalt bei der Gestaltung der Videos geben dem Endergebnis eine ganz andere Qualität. Das dynamische, schnelle, clipartige Produzieren ist meiner Meinung nach im Lokalen nur noch sinnvoll, wenn es auch eine entsprechende Ereignislage gibt: Wenn es wirklich um Schnelligkeit geht, darum, die ersten Bilder vom Ort des Geschehens zu senden. Ansonsten ist weniger mehr. Die Sehgewohnheiten im Netz sind inzwischen andere als noch vor zwei oder drei Jahren (ja, so schnell geht das). Inzwischen dominiert die DSLR-Ästehtik. Erfolgreiche Videoformate wie 140 Sekunden stellen die Protagonisten in den Mittelpunkt und lassen diese ausführlich zu Wort kommen. Daran kann man sich auch im Lokalen orientieren. All das aber braucht Zeit und Mühe. An einem Arbeitstag, wie bei mir üblich, lassen sich solche Geschichten kaum produzieren.
Videojournalisten müssen noch mehr raus aus der tagesaktuellen Tretmühle, sich noch stärker vom Aktualitätsdruck lösen. Videos von der Eröffnung der Dorfkirmes sind ohnehin schon nach einem Tag veraltet, mal abgesehen davon, dass sich niemand außer dem Dorf selbst dafür interessiert. Doch ein in stimmungsvollen Bildern erzähltes Porträt über die älteste Schaustellerfamilie vor Ort kann über die lokalen Grenzen hinaus Wirkung zeigen.
Dennoch ist die Strategie, möglichst viele Webvideos zu produzieren, nicht unbedingt verkehrt. Denn im Lokalen sind die Abrufzahlen natürlich eher klein. Die Zielgruppe ist ja an sich schon beschränkt, dann müssen die Leute auch noch Zeit und Lust für Webvideo haben, sie müssen sie finden, etc., etc.. In diesem Dilemma kann es eine Lösung sein, mit vielen Videos die geringen Abrufzahlen zu kompensieren.
Wie seht Ihr das? Wohin geht der lokale Videojournalismus? Macht es am Ende eher Masse, also möglichst viel zu zeigen und dafür Abstriche bei der Qualität der Videos hinzunehmen? Oder lohnt sich die Investition in Klasse, auch wenn es dann insgesamt weniger zu sehen gibt?
Im nächsten und letzten Beitrag klären wir endlich die ultimative Frage: Was ist eigentlich ein gutes Webvideo?
