Monatsarchiv: März 2012

#Videocamp Day 1: Wrap-up

Sensation White in Studio 1

Sensation White in Studio 1

Der erste Tag beim Videocamp war für mich vor allem ein Tag der Begegnungen. Ich habe Sascha Pallenberg kennen gelernt, was gleichermaßen erheiternd wie erhellend war. Seine Session zum Thema „YouTube als Zukunft des Bloggens“ war zwar von der letzten Republica aufgewärmt und dementsprechend nicht mehr ganz aktuell. Das galt aber nur für die Zahlen. Seine Gedanken dazu, die im Kern darauf hinausliefen, dass das Videobloggen eine viel höhere Halbwertszeit hat als das Schreib-Bloggen, sind nach wie vor sehr bemerkenswert. Fernsehleute benutzen gern die Phrase: „Das versendet sich.“ Genau das stimmt laut Pallenberg bei YouTube nicht mehr. Der berühmte Longtail wird immer wichtiger. Hier ist mein Protokoll seiner Session zum Nachlesen.

Sehr nett war auch die Begegnung mit Nico Drimecker, dem mobilen Reporter der Ruhr-Nachrichten. Da bin ich natürlich ganz nostalgisch geworden und habe ihn Erinnerungen an meine eigene Zeit als RZ-Reporter geschwelgt. Das Thema Videojournalismus kam mir wie üblich zu kurz in den Sessions, obwohl durchaus einige Leute da waren, die was dazu sagen könnten. Ein bisschen schade, dass Sessions von Sponsoren wie Panasonic oder Grey (gegen die ich gar nichts habe, wie ich gleich betonen möchte), nur wenig Konkurrenz von uns bekommen.

Ansonsten gab es wieder viel für die Produzentenseite: Licht, Schauspielführung, Anfängerworkshop und einen After Effects-Crashkurs für die Profis. Den größten Andrang erlebte glaube ich die YouTube-Session von Hannes Jakobsen, selbst YouTube-Mitarbeiter. Ich war nicht da, weil ich ihn mutiger Verzweiflung meine Session zum Thema Live-Stream dagegen gesetzt hatte. Nun ja, es war auch zu viert sehr nett.

Zum Schluss noch ein Wort zur Location: Die Cubic-Studios sind in der der Tat eine gelungene Wahl. Vor allem das imposante Studio 1 wirkt auf alle Teilnehmer, glaube ich, sehr inspirierend. Auf einen guten Tag 2 und einen schönen Webvideopreis-Abend.

Live vom Videocamp und Webvideopreis: Prolog

An diesem Wochenende steigen Videocamp und Webvideopreis in Düsseldorf, zwei Events, auf die ich mich sehr freue. Man kann heute noch für den Webvideopreis abstimmen, wer also noch nicht hat, sollte jetzt anfangen, man muss schließlich noch 24 Videos durchgucken dafür. Ich bin sowohl Freitag als auch Samstag vor Ort und will versuchen, so viel wie möglich von vor Ort zu berichten. Wer mir auf Twitter folgt, verpasst sicher nix, aber wie es sich gehört, will ich auch das ein oder andere Video mitbringen, guckt also auch auf meinen YouTube-Kanal.

Live ist übrigens ein gutes Stichwort: Via Universacalcode bin ich heute auf einen sehr interessanten Text aus der US-Wired gestoßen.These: Die Zukunft des Videos ist live. Ich habe für die Rhein-Zeitung ja auch schon Erfahrungen mit Live-Video gemacht. Journalistisch ist es natürlich total interessant, wenn man sich die Möglichkeiten hier vorstellt. Was Datenschützer dazu sagen, wenn in Zukunft alles mit einem Tipp auf dem Smartphone live im Netz landen kann, will ich mir nicht ausmalen. Diese Vision begeistert mich im Übrigen auch nicht besonders. Mal sehen, vielleicht ist es ja eine Session auf dem Camp wert.

KONY 2012 und der Webvideopreis: Erfolgreiche Clips setzen auf Manipulation statt Information

Die Kategorie “FYI”, also “For your Information”, interessiert mich beim Webvideopreis am meisten. Ich habe für die Rhein-Zeitung selbst als Videoreporter gearbeitet und mir hier einen Benchmark erhofft: Was ist der State of the Art im immer noch vernachlässigten Genre “Journalistisches Webvideo”?

Passend dazu gab es in den vergangenen Wochen einen unglaublichen Hype um das Video KONY 2012. Stand heute, 15.3.2012 und zehn Tage nach Veröffentlichung, wurde es 78.700.000 angeguckt, das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Deutschland. Dass ein Webvideo zu einer der erfolgreichsten Social-Media-Kampagnen der vergangenen Jahre wurde, belegt einerseits die Bedeutung, die dieses Medium inzwischen erlangt hat. Andererseits gab es auch heftige Kontroversen darum.

It does not stick to the conventions of impartial journalism in the BBC style. It is partisan, tactless and very bold. Peter Bradshaw, Guardian


Das Video verkleidet sich als Doku, ist aber in Wahrheit nichts anderes als gut gemachte PR für eine Organisation, die ihre auf den ersten Blick richtigen Ziele mit wenigstens diskussionswürdigen Methoden verfolgt.

Interessanterweise ist beim Deutschen Webvideopreis nun ein ganz ähnliches Video nominiert. “Schuld – Die Barbarei Europas” vom Berliner “Zentrum für politische Schönheit” (ZfPS) ist von der Methode her KONY pur: Ein scheinbar journalistisches Video wird genutzt, um die Aufmerksamkeit auf ein globales Problem zu lenken, in diesem Fall sind es Nahrungsmittelspekulationen großer Banken. Ich fand dieses Video schon vor KONY seltsam und habe den Macher von “Schuld”, Philipp Ruch, angeschrieben, wie er zu seiner Aktion steht, der durch die Webvideopreis-Nominierung in der Kategorie “For your Information” ja zugestanden wird, eine Form journalistischer Aufklärung zu betreiben. Es geht hier um die klassische Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt. Es geht aber auch um die Glaubwürdigkeit bewegter Bilder im Netz.

“Schuld. Die Barbarei Europas” kommt genau wie das KONY-Video im Gewand einer Dokumentation daher, ist aber eine Filmaktion des Kunstprojekts ZfPS. Auf YouTube wird der Film angekündigt mit den Worten:

Eine Dokumentation, die in das Innenleben einer hochtalentierten Fondsmanagerin des größten ETF auf Nahrungsmittel und in das Fleisch unserer Zivilisation blickt.

Das erweckt den Eindruck, als würde hier eine echte Bänkerin vor der Kamera über verbrecherische Praktiken der Banken auspacken. Tatsächlich ist Margarete Wegener, die sich mit leidender Mine in dem Film selbst anklagt, eine Massenmörderin zu sein, eine fiktive Figur. Sie wird verkörpert von der Schauspielerin Luzia Schelling. Philipp Ruch sagt dazu:

Formulieren wir es so: es wird vom Betrachter verlangt, den Film zu Ende zu sehen, wo im Abspann an der wichtigsten Stelle statt des Namens “Margarete Wegener” der einer Schauspielerin auftaucht. Besser lässt sich kaum kennzeichnen, dass Margarete Wegener nicht existiert. Dennoch bekamen wir Presseanfragen (u.a. von Spiegel Online, Panorama), ob sie mit Margarete Wegener sprechen könnten. Der Film war in diesem Sinn auch ein Rorschachtest der Aufmerksamkeitsspanne von Presse und Betrachtern.

Ich würde mal sagen, ein bisschen besser wäre es schon gegangen, zum Beispiel in dem man geschrieben hätte: “Luzia Schelling als Margarete Wegener”. In den YouTube-Kommentaren wird jedenfalls deutlich, dass genug Zuschauer tatsächlich glauben, Margarete Wegener wäre echt. Ruchs kalkulierte Täuschung geht auf und das ist auch OK. Die bewusste Manipulation des Publikums ist der Kunst natürlich erlaubt.

Dem Journalisten hingegen ist sie explizit verboten.

Ruch hatte nie den Anspruch, eine Doku oder eine Doku-Fiction zu drehen.

Das Zentrum für Politische Schönheit betreibt Aktionskunst. Der Film ist eine ganztägig abgefilmte Aktion. Wir haben weder mit Doku-Fiktionen, noch mit Dokumentarfilmen etwas am Hut.

Ansonsten müsste man ihm ohnehin das ganze Ding um die Ohren hauen, denn der tatsächliche Informationsgehalt des Videos tendiert gegen Null. Außer der Information, dass die Deutsche Bank in diesem fragwürdigen Finanzsektor der Spekulation mit Maispreisen tätig ist, bekomme ich relativ wenig von der Problematik erklärt. Es werden zahlreiche Behauptungen aufgestellt, für die aber kaum Belege geliefert werden, es werden plakative Anrufe mit dem Kanzleramt und der Deutschen Bank geführt, nachprüfbare Fakten finde ich aber keine. Das unterscheidet dieses Werk im Übrigen von KONY, von dem man bei aller Manipulation nicht sagen kann, dass es keine Fakten enthielte.

Das Telefonat des ZfPS mit dem Deutsche Bank-Mitarbeiter hat für einigen Wirbel gesorgt, nachdem Blogs wie Netzpolitik.org in der dem Internet angemessenen Lautstärke (“ZENSUR!!!”) berichtet hatten, die Bank wolle das ZfPS verklagen, weil die Aufzeichnung des Interviews nicht autorisiert gewesen wäre. Diese Drohung wurde von der Bank allerdings nur einen Tag später zurück genommen, wie mir Philipp Ruch und ein Banksprecher bestätigten (ein Update, das bei Netzpolitik übrigens bis heute, 15.3.2012, fehlt).

Ich halte die Nominierung des Films in der Informationskategorie des Webvideopreises in jedem Fall für fragwürdig. Man kann sagen, dass es ausreicht, die Öffentlichkeit über die Existenz eines weitgehend unbekannten, aber weitreichenden Problems zu informieren. Das mit künstlerischen und auch manipulativen Mitteln zu tun, ist legitim. Eine journalistische, noch dazu preiswürdige Leistung im Sinne einer ausgewogenen Darstellung und einer tiefgehenden Recherche erbringt dieser Film nicht.

Wenn es um Webvideos vs Fernsehen geht, haben die Webvideomacher immer ein Argument in der Tasche: “Im Web ist alles authentischer.” KONY und das ZfPS zeigen, dass dies eine naive Annahme ist, die nur teilweise stimmt. Klar: Wenn ich einen YouTube-Star vor seiner Webcam sehe, wie er Faxen macht, ist das eine Echtheit, die mir keine Doku-Soap, Scripted Reality des Fernsehens je bieten könnte. Aber das bewegte Bild war schon immer das Medium mit der größten Manipulationskraft. Seit die Lumiere-Brüder ihren legendären Zug durchs Kino fahren ließen, werden Menschen von bewegten Bildern in die Irre geführt. Es wäre dumm anzunehmen, dass nicht auch Webvideomacher auf diese Kraft der Bilder vertrauen würden, um eine Botschaft unters Volk zu bringen.

Es wäre schön, wenn die Jury des Webvideopreises die journalistische Qualität von Webvideos gewürdigt hätte. Der Erfolg von KONY und die Nominierung von “Schuld” als Video mit herausragender Informationsleistung honorieren das Gegenteil von Journalismus: Eine Schauspielerin als Bänkerin zu verkaufen, bleibt eine Manipulation des Publikums, auch wenn es für eine an sich noble Sache geschieht.

Neu im Abo (XIII): Justin Jeyson Tailor Demian Heinz-Werner

Es ist schon ein paar Monate her, dass ich mich ernsthaft mit Kindernamen beschäftigt habe. Wobei, was heißt eigentlich Kinder- oder Babynamen? Ist ja nicht so, dass wir in einem bestimmten Alter unseren Namen einfach so zu einem Erwachsenen-Namen wechseln können und aus einem Kevin plötzlich ein Klaus wird. Dass eine Name eine Entscheidung fürs Leben mit allen Konsequenzen ist, scheint vielen Eltern heute nicht mehr klar zu sein, wie das Tumblog “Chantalismus” eindrucksvoll dokumentiert. Penibel werden hier mit Fotobeweis diverse Verirrungen der modernen Namensgebung aufgelistet. Ob “Don-Corleone Kwiek”, “Malte-Jerk” oder “Stayci-Cheyenne” ihre Eltern mal verklagen würden, wenn sie könnten, fragen die Macher hintersinnig. Die Frage ist nur, welche Strafe oder Entschädigung lebenslange Demütigung ungeschehen machen kann?

Die Feed-Adresse von Chantalismus http://chantalismus.tumblr.com/rss

Jenseits aller Kategorien: Die Nominierungen für den Webvideopreis

Seit dem 1. März kann man für die besten, deutschsprachigen Webvideos des Jahres 2011 abstimmen. Bei der Verleihung am 31. März werden die Preise vergeben, und das Publikum darf in neun Kategorien mitentscheiden, wer am Ende auf die Bühne kommen wird. Eine Jury hat aus 6752 Einreichungen für acht Kategorien je drei Videos herausgepickt, in der Kategorie “Epic” treten alle Nominierten noch mal gegeneinander an um den Titel des – nun ja – epischsten Videos des Jahres; dieser neumodische Internetzsprech immer, OMG, #rolleyes.

Die Auswahl der Videos finde ich persönlich sehr gelungen. Vom kurzen 8-Sekunden-Nonsens-Clip “My head is a giant accordeon” bis hin zur 35-minütigen Doku über Fernsehrealität, vom Comedy-Crossover der YouTube-Größen Y-Titty und Gronkh bis zur liebevollen, aber bislang kaum gesehenen Animationsgeschichte des Kunsthauses Neustrelitz, von der Songparodie bis zum medienpolitisch brisanten ORF-Protestvideo ist wirklich ein breites Spektrum dabei.

Nachdem ich mir alle Videos in Gänze angesehen habe, hatte ich wirklich Probleme, meinen Favoriten in jeder Kategorie zu wählen. Es sind fast durchweg gelungene Filme, sehr kreativ, oft witzig, manchmal nachdenklich und manchmal auch einfach nur schön anzusehen. Geärgert habe ich mich nur in einem Fall, aber dazu an anderer Stelle mal mehr. Ein Problem allerdings bleibt dem Webvideopreis erhalten: Das Medium an sich entzieht sich meiner Meinung nach weiterhin allen Kategorisierungsversuchen. Klar: Es gibt Comedy, es gibt Songparodien, es gibt die Videokunstprojekte. Aber viele der Clips hätten durchaus in mehreren Kategorien laufen können. Der Weltklasse-Tischdeckentrick von Sven und Michel löst natürlich ein “Oh my God!” aus, aber das Video ist auch zum totlachen komisch, genauso wie die beiden Jungs wohl ohne Probleme in der Nachwuchskategorie laufen könnten.

Und der Bollywood Moviestar, der sehr gelungen über ein Tanzverbot in Bangalore aufklärt,  hätte auch in der Kategorie “For your information” Platz gehabt. Ich kann mir vorstellen, wie da bei der Jury die Köpfe geraucht haben. Aber gerade das macht ja auch die Faszination aus: Dass es keine klaren Abgrenzungen in irgendwelche ausgedachten Ressorts gibt, dass vieles auch einfach dem Zuschauer überlassen bleibt, wie er was  wahrnehmen will. Keine Schubladen, keine Schranken, keine Grenzen. Was zählt ist am Ende immer nur eins: Finde ich als Zuschauer das cool, was ich sehe, oder nervt es mich. Epic oder Fail, Daumen hoch oder runter?

Für alle, die sich noch nicht so mit dem Thema Webvideo beschäftigt haben, empfehle ich auf jeden Fall, sich durch alle 24 Videos mal durchzugucken. Danach sieht man das Medium mit anderen Augen (war das jetzt ein super Wortspiel oder hohlspiegelverdächtig?).

Neu im Abo (XII) – Telekolleg 2.0: Der YouTube-Channel “Numberphile”

Also, Geständnis: Ich hatte früher Mathe-Leistungskurs. Mein Mathe-Lehrer wollte auch immer, dass ich Mathe studiere. Hätte ich mal auf ihn gehört, dann würde ich jetzt wohl nicht Tage damit verbringen, YouTube leer zu gucken. Aber andererseits wäre mir dann dieser tolle Kanal vielleicht entgangen: Numberphile vom britischen Video-Journalisten Brady Haran.

Mich hat an Zahlen weniger das Rechnen an sich fasziniert. Ich fand schon immer, dass von Zahlen eine unwirkliche Magie ausgeht. Wenn sich eine völlig abstruse Gleichungen plötzlich in ein simples x=2 auflöste, fand ich das immer großartig, ein klitzekleiner Heureka-Moment. Dass in der Natur immer wieder bestimmte Zahlenverhältnisse wie der Goldene Schnitt auftauchen, hat schon fast etwas Mystisches. Und manchmal kann mich auch einfach an nur an völlig unnützem Wissen erfreuen, wie der Tatsache, dass 26 die einzige Zahl ist, die genau zwischen einer Quadratzahl (25=5²) und einer Kubikzahl (27=3³) liegt.

Für Leute wie mich ist Numberphile fast schon süchtig machend. Mathe-Nerds erklären in diesem Kanal alles mögliche aus der Welt der Zahlen. Manchmal geht es einfach um allgemeine Zahlenphänomene wie etwa die so genannten “befreundten Zahlen” 220 und 284, manchmal aber auch um ganz aktuelle Zahlenspielereien, etwa die unfassbar unwahrscheinliche Super-Bowl-Münzwurfserie. Haltet mich jetzt für nen Geek, aber ich find das alles total spannend.

Btw: Numberphile ist auch ein tolles Beispiel dafür, wie wenig es heutzutage braucht, um tolle Videos zu machen. Eine Kamera auf einen Nerd draufgehalten, der alles, was er erklärt, mit einem guten, alten Filzstift auf Papier schreibt. Das klingt langweilig, aber weil man bei allen Leuten, die Haran vor der Kamera hat, spürt, dass sie das, was sie da tun, lieben, findet man auch die Videos cool. Ihre Augen leuchten, wenn sie erklären, warum die 16 so toll ist, oder die 98 völlig bizarr. Keine Fernsehshow könnte uns dieses Leuchten so rüberbringen wie diese einfachen Videos.