Selten genug kommt man als junger Papa mal ins Kino. Umso mehr muss man die seltenen Gelegenheiten genießen. Vor kurzem war es mal wieder soweit, und ich gab mir ein dickes Oscar-Doppelfeature im sehr schönen Bochumer Union-Kino. The Artist und The Descendants bringen es gemeinsam auf satte 15 Nominierungen, in den Kategorien Bester Hauptdarsteller, Bester Film, Beste Regie und Schnitt treten sie direkt gegeneinander an. Und auch wenn George Clooney in diesem Jahr als heißer Kandidat für den besten Hauptdarsteller gehandelt wird, glaube ich, dass The Artist in allen Kategorien gewinnen wird. Mein Tipp: Mindestens acht von zehn Oscars wird der französische Stummfilm abräumen.
Viel ist schon gesagt worden über den ungewöhnlichsten Film der letzten Jahre: Schwarz-Weiß, OK, das hat auch Spielberg schon gemacht. Aber einen echten Stummfilm hat es lange nicht mehr im Kino gegeben, mir persönlich fällt nur die Mel Brooks-Parodie “Silent Movie” ein, der ist von 1976. Aber Michel Hazanavicius, Regisseur und Drehbuchautor, hat mit diesem Meisterwerk alles richtig gemacht. Sein Film funktioniert sicherlich auch deshalb als Stummfilm, weil dieses Medium genau das richtige ist, um seine Geschichte zu erzählen: George Valentin, ein Star der Stummfilm-Ära muss erkennen, dass im Zeitalter des Tonfilms anscheinend kein Platz für ihn ist. Eine junge Generation, allen voran die junge, kesse Peppy Miller (der nächste Oscar: Bérénice Bejo), hat ihm den Rang abgelaufen. Während Peppys Stern immer heller strahlt, sinkt Valentin immer tiefer in die Bedeutungslosigkeit.
Der Film beginnt mit einer Szene in einem Kino: Der ausverkaufte Saal verfolgt gebannt Valentines neuen Film. Als der Abspann beginnt, bricht tosender Applaus aus. In diesem Moment sind auch wir realen Kinozuschauer endgültig gepackt; denn man hört absolut nichts, das Klatschen spielt sich ausschließlich im Kopf ab. Es ist einer von vielen gelungenen Kniffen von Hazanvicius, um einen modernen Stummfilm zu erzählen. Immer wieder setzt er sehr effektvoll nicht vorhandene Geräusche ein, etwa, wenn die ohnehin sehr laute Peppy Miller dem stillen Charakter Valentin frech auf den Fingern zupfeift. The Artist ist ein in jeder Hinsicht auf das minimal mögliche reduzierter Film und gerade deshalb so einnehmend. Einfach ein großer Kinospaß und Pflichtprogramm.
The Descendants ist etwas weniger spaßig, schließlich müssen sich hier ein Vater und seine zwei Töchter über die vollen 115 Minuten mit dem Tod auseinandersetzen. Denn die Frau von Matt King liegt nach einem Bootsunfall im Koma und kämpft um ihr Leben. In dieser Extremsituation stellt Matt nicht nur fest, dass er seine beiden Töchter zu sehr vernachlässigt hat. Seine Frau war offenbar auch nicht immer ehrlich zu ihm. Zu allem Überfluss machen ihm auch noch seine Cousins Druck: Matts Familie besitzt ein Stück Land auf Hawai, dessen Verkauf alle reich machen soll. Und Matt muss entscheiden, wer den Zuschlag bekommt.
Dass The Descendants auf Hawai spielt, ist in der Tat genau der entscheidende Dreh, um dieses Familiendrama über den Durchschnitt zu heben. Die meisten Zuschauer haben ein von Magnum und Elvis-Filmchen geprägtes Hawai-Bild im Kopf. Und genau damit räumt The Descendants sehr schön auf. Genau wie Matts bis dahin einigermaßen heile Welt ins Wanken gerät, wird auch das Bild des Zuschauers von dem Inselparadies zerstört. Es regnet unentwegt, man sieht Hochhäuser und langweilige Reihenhaus-mit-Vorgarten-Siedlungen. Nur ein Klischee scheint zu stimmen: Alle laufen in kurzen Hosen und Sandalen rum.
George Clooney spielt seine Rolle großartig, allerdings mit der ihm eigenen, sagen wir mal: zurückhaltenden, Mimik. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, als hätte er die Emotionalität seines Charakters ganz zu Ende ausgeschöpft. Ein wenig unfertig wirkt die Geschichte, die nicht alle ihre Konflikte zur möglichen Gänze ausspielt. So manch innerfamiliärer Streit wird etwas zu einfach beigelegt, um mit der Geschichte voranzukommen. Dennoch ist The Descendants ein sehr sehenswerter und packender Film. Wer beide Filme an einem Abend sehen will, sollte aber – anders als ich – versuchen, erst The Descendants und dann The Artist zu sehen. Man kommt mit besserer Laune nach Hause.