Monatsarchiv: Februar 2012

Kommt ein Vogel geflogen? – Twitter soll nach Köln #twithubcgn

Eigentlich müssten es ja die Spatzen von den Dächern pfeifen. Wo wird Twitter sein Deutschlandbüro eröffnen? In Köln läuft gerade eine große Social-Media-Kampagne, Twitter an den Rhein zu holen, initiiert hauptsächlich von der Kölner Internet-Union (KIU), einem Berufsverband regionaler Internetunternehmer. Anfang des Jahres erklärte Jack Dorsey, einer der Gründer von Twitter, in München, dass Twitter in Deutschland ein Büro eröffnen will. Der natürliche Favorit für das Deutschland-Büro wäre wohl Hamburg, wo schon zwei andere Netzwerk-Giganten Zweigstellen haben: Facebook und Google sitzen bereits dort. Doch die KIU gibt sich Mühe, etwas anderes in die Waagschale zu werfen: Eine lebhafte Community.

Twitter und Deutschland, das ist noch keine Liebesbeziehung, auch wenn die Nutzerzahlen langsam steigen. Ich persönlich kann das nicht ganz verstehen. Für mich ist Twitter unter allen Netzwerken immer noch mein Favorit. Facebook ist nett, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, aber bleibt zumindest für mich in erster Linie ein privates Tool. Google+ ist nach wie vor etwas zu unterentwickelt für mich. Aber Twitter lebt richtig, es vergeht kein Tag, an dem ich über Twitter nicht irgendwas Interessantes mitbekomme, auf spannende Menschen stoße. Auch Köln habe ich mit Twitter schon auf neue Art entdeckt, zum Beispiel einen sehr netten Twitter-Fußballstammtisch.

Genauso auf solche Aktionen setzt Jürgen Walleneit, Vorstand der KIU, mit dem ich letzte Woche gesprochen habe: “Es gibt soviele Twitter-Stammtische, Twittagessen, Twitter-Meetings in Köln. Wenn Twitter nach Köln käme, könnten solche Aktionen auch mal direkt bei denen im Büro stattfinden.” Er hofft, dass eine rege Community für Twitter mit ausschlaggebend bei der Standortwahl ist. Unter dem Hashtag #twithubcgn zeigen Kölner nun seit ein paar Wochen, dass sie Twitter am Rhein haben wollen, idealerweise noch direkt an @jack gerichtet, dem Account von Jack Dorsey. Und so langsam nimmt die Kampage richtig Fahrt auf: Am 27. Februar zog ein von der Agentur Denkwerk gebastelter blauer Twittervogel durch die Domstadt und zeigte schon mal, wie es aussehen könnte, wenn hier künftig die Twitterhauptstadt Deutschlands ist. Und auf YouTube laufen immer mehr Videos ein, in denen Menschen erklären, warum sie Twitter hier haben wollen.

Für Köln wäre das Ganze in erster Linie natürlich ein Image-Faktor, meint auch Jürgen Walleneit. Ein Zehn-Mann-Büro wird die Wirtschaftslandschaft der Stadt zunächst nicht verändern. Aber sicherlich macht es die Stadt attraktiv für andere Start-Ups. Langfristig könnte Köln schon davon profitieren, und wer sich selbst als “Internetstadt” positionieren will, der muss auch mal einen dicken Fisch an Land ziehen.

Ich persönlich fände es natürlich auch sehr cool, Twitter in meiner neuen Heimat zu haben. Ich denke schon, dass das für eine Community vor Ort ein richtiger Schub wäre. Und natürlich böte es die Möglichkeit, auf dem kurzen Weg mal eines der spannendsten Netzwerke der Welt ganz nah kennenzulernen. Und darauf hätte ich schon Bock. Also:

Neu im Abo (XI) – Mit Hinsehen fängt es an: NRW-Naziwatch

In diesen Tagen wurde ja wieder ziemlich viel über den Terror von Rechts geredet. Präzise: Über den Terror von Rechts, den der deutsche Staat in einem beispiellosen Versagen über Jahre zugelassen hat. Doch wenn der Staat versagt, bleibt den Bürgern nur eins: Selbst in die Bresche zu springen. Das Blog NRW Rechtsaußen zeigt, wie es mit einfachen Mitteln gehen kann.

Es war ja nicht so, dass da urplötzlich eine Gruppe Nazis aus dem Gebüsch gesprungen kam, von der niemand was wusste. Nein, die Zwickauer Zelle war bekannt, aber die Sicherheitsbehörden ließen sie gewähren. Vermutlich (und hoffentlich nur) aus Inkompetenz. Dabei wäre es so einfach gewesen: Man hätte einfach mal genau hinsehen müssen, was diese Spinner wirklich vorhatten. Tatsächlich fängt der Kampf gegen Rechts immer mit diesem anscheinend so einfachen Mittel an: Hinsehen! Nicht blind sein gegenüber der alltäglichen Präsenz der Neonazis in unserer Gesellschaft. Nur ein ganz frisches Beispiel: Die Verleihung eines Karnevalsordens an einen stadtbekannten Neonazi in Aachen. Ähnliche Dinge passieren tagtäglich in Deutschland, oft unbemerkt, weil die Menschen aus Angst, Feigheit oder schlicht Dummheit ihr Maul nicht aufkriegen.

Der DGB in Dortmund macht vor, wie es gehen kann. Auf seinem Neonazi-Watchblog dokumentiert er das Treiben rechter Kreise in NRW. Oft einfach nur über Presseschauen. Aber so fängt es an. Allein die Häufigkeit, mit der dieses Blog geupdated wird, sollte zu denken geben. Deshalb an alle: Augen aufhalten, Mund aufmachen, kein Platz für Neonazis. Ende. Aus.

Der RSS-Feed von NRW Rechtsaußen: http://nrwrex.wordpress.com/feed/

Webvideopreis und Videocamp in Düsseldorf am Start

Am 30./31. März steigt der Pflichttermin für alle Freunde des internetbasierten Bewegtbildes. Und weil man jetzt auch Tickets für das Videocamp in Düsseldorf ordern kann, mache ich noch mal ein bisschen Propaganda dafür.

Es werden zwei dicke Tage, bei denen jeder, der nix davon mitnehmen kann, selber schuld ist. Das Videocamp klingt jedenfalls sehr vielversprechend: Es findet in den Cubic-Studios statt, womit wohl alles da sein sollte, was man für Was-für-Workshops-auch-immer brauchen könnte. Beim letzten Camp in Berlin erinnere ich mich daran, dass kurz vor Start der Sessions noch hektisch nach Beamern gesucht wurde, die dann natürlich erst mal nicht so mit den Notebooks connecten wollten, wie sie sollten. Dieses Problem kann mal wohl als gelöst betrachten. Wer also irgendwie in Sachen Video im Internet was auf die Beine stellen will, egal, ob als mobiler Journalist, als Werbefilmer oder als kommender YouTube-Star, dem wird beim Videocamp sicherlich geholfen. Oder er hilft anderen, weil er selber schon was kann, das ist ja das Tolle an diesen super zweipunktnulligen Barcamps.

A propos YouTube: Geplant ist auch ein YouTuber-Treffen am Samstag, wobei die Infos dazu noch etwas dünne sind, aber kommt sicher noch. Es wird vielleicht nicht ganz so groß wie bei der Gamescom, aber trotzdem sicher eine Mordsgaudi. Wer die künftigen Unterhaltungsstars Deutschlands sehen will, der ist hier sicher richtig.

Und zu guter Letzt wird ja auch noch ein Preis verliehen: Zum zweiten Mal werden die Webvideopreise verteilt. Wenn da nicht Oscar-Feeling aufkommt, weiß ich auch nicht. Im letzten Jahr habe ich die Verleihung verpasst, in diesem Jahr will ich auf jeden Fall dabei sein (und im nächsten in der Jury, hehe).

Ich freu mich auf jeden Fall auf zwei coole Tage, es wird sicher sehr inspirierend. Wie es war, lest und seht ihr sicherlich hier im Blog.

15 Oscar-Nominierungen am Stück: The Artist und The Descendants

Selten genug kommt man als junger Papa mal ins Kino. Umso mehr muss man die seltenen Gelegenheiten genießen. Vor kurzem war es mal wieder soweit, und ich gab mir ein dickes Oscar-Doppelfeature im sehr schönen Bochumer Union-Kino. The Artist und The Descendants bringen es gemeinsam auf satte 15 Nominierungen, in den Kategorien Bester Hauptdarsteller, Bester Film, Beste Regie und Schnitt treten sie direkt gegeneinander an. Und auch wenn George Clooney in diesem Jahr als heißer Kandidat für den besten Hauptdarsteller gehandelt wird, glaube ich, dass The Artist in allen Kategorien gewinnen wird. Mein Tipp: Mindestens acht von zehn Oscars wird der französische Stummfilm abräumen.

Viel ist schon gesagt worden über den ungewöhnlichsten Film der letzten Jahre: Schwarz-Weiß, OK, das hat auch Spielberg schon gemacht. Aber einen echten Stummfilm hat es lange nicht mehr im Kino gegeben, mir persönlich fällt nur die Mel Brooks-Parodie “Silent Movie” ein, der ist von 1976. Aber Michel Hazanavicius, Regisseur und Drehbuchautor, hat mit diesem Meisterwerk alles richtig gemacht. Sein Film funktioniert sicherlich auch deshalb als Stummfilm, weil dieses Medium genau das richtige ist, um seine Geschichte zu erzählen: George Valentin, ein Star der Stummfilm-Ära muss erkennen, dass im Zeitalter des Tonfilms anscheinend kein Platz für ihn ist. Eine junge Generation, allen voran die junge, kesse Peppy Miller (der nächste Oscar: Bérénice Bejo), hat ihm den Rang abgelaufen. Während Peppys Stern immer heller strahlt, sinkt Valentin immer tiefer in die Bedeutungslosigkeit.

Der Film beginnt mit einer Szene in einem Kino: Der ausverkaufte Saal verfolgt gebannt Valentines neuen Film. Als der Abspann beginnt, bricht tosender Applaus aus. In diesem Moment sind auch wir realen Kinozuschauer endgültig gepackt; denn man hört absolut nichts, das Klatschen spielt sich ausschließlich im Kopf ab. Es ist einer von vielen gelungenen Kniffen von Hazanvicius, um einen modernen Stummfilm zu erzählen. Immer wieder setzt er sehr effektvoll  nicht vorhandene Geräusche ein, etwa, wenn die ohnehin sehr laute Peppy Miller dem stillen Charakter Valentin frech auf den Fingern zupfeift. The Artist ist ein in jeder Hinsicht auf das minimal mögliche reduzierter Film und gerade deshalb so einnehmend. Einfach ein großer Kinospaß und Pflichtprogramm.

The Descendants ist etwas weniger spaßig, schließlich müssen sich hier ein Vater und seine zwei Töchter über die vollen 115 Minuten mit dem Tod auseinandersetzen. Denn die Frau von Matt King liegt nach einem Bootsunfall im Koma und kämpft um ihr Leben. In dieser Extremsituation stellt Matt nicht nur fest, dass er seine beiden Töchter zu sehr vernachlässigt hat. Seine Frau war offenbar auch nicht immer ehrlich zu ihm. Zu allem Überfluss machen ihm auch noch seine Cousins Druck: Matts Familie besitzt ein Stück Land auf Hawai, dessen Verkauf alle reich machen soll. Und Matt muss entscheiden, wer den Zuschlag bekommt.

Dass The Descendants auf Hawai spielt, ist in der Tat genau der entscheidende Dreh, um dieses Familiendrama über den Durchschnitt zu heben. Die meisten Zuschauer haben ein von Magnum und Elvis-Filmchen geprägtes Hawai-Bild im Kopf. Und genau damit räumt The Descendants sehr schön auf. Genau wie Matts bis dahin einigermaßen heile Welt ins Wanken gerät, wird auch das Bild des Zuschauers von dem Inselparadies zerstört. Es regnet unentwegt, man sieht Hochhäuser und langweilige Reihenhaus-mit-Vorgarten-Siedlungen. Nur ein Klischee scheint zu stimmen: Alle laufen in kurzen Hosen und Sandalen rum.

George Clooney spielt seine Rolle großartig, allerdings mit der ihm eigenen, sagen wir mal: zurückhaltenden, Mimik. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, als hätte er die Emotionalität seines Charakters ganz zu Ende ausgeschöpft. Ein wenig unfertig wirkt die Geschichte, die nicht alle ihre Konflikte zur möglichen Gänze ausspielt. So manch innerfamiliärer Streit wird etwas zu einfach beigelegt, um mit der Geschichte voranzukommen. Dennoch ist The Descendants ein sehr sehenswerter und packender Film. Wer beide Filme an einem Abend sehen will, sollte aber – anders als ich – versuchen, erst The Descendants und dann The Artist zu sehen. Man kommt mit besserer Laune nach Hause.

Neu im Abo (X) – Unendlicher Spaß with Germans

Ich weiß nur, dass der Mann, der so viel Spaß mit uns Deutschen hat, Andrew Hammel heißt. Viel verrät sein etwas altertümlich gelayoutetes Blog nicht über ihn, aber das macht ja nix. Viel wichtiger ist, was er schreibt, und das macht Spaß. “Germany Joys” gibt es nämlich viele, zum Beispiel rassistische Cupcakes. Aufmerksam geworden  bin ich auf Hammel durch seine profunden Analysen des deutschen Sonntagabendkrimis im Ersten, vulgo des Tatorts. Sehr aufschlussreich und erheiternd, wie hier ein Vorzeigeformat des deutschen Fernsehens seziert wird.

Wer auch Spaß haben will, folgt hier http://andrewhammel.typepad.com/german_joys/

Instant Review Tatort Bremen: Warum…

… zum Beispiel sitzen jeden Sonntag Millionen vor dem Fernseher und gucken ein eigentlich ausgelutschtes Krimi-Format?

… musste dieser Mensch sterben, fragen sich die Kommissare in jeder Folge dieses Krimi-Formats?

… sollte ich mir angucken, wie zwei Kommissare von einer Irren genervt werden, während sie versuchen, einen Tankstellenmord aufklären, habe ich mich nach dem dieswöchigen Fall des Bremer Duos Lürsen/Stedefreund gefragt.

Oft genug werden Tatorte mit enervierenden, gewollt sozialkritischen Botschaften überfrachtet, anstatt einen guten Krimi zu erzählen. In diesem Fall sucht man selbst danach vergeblich. Offenkundig sollte hier das Psychogramm einer Familie entworfen werden, in der die Mutter, bzw. Ehefrau unter schweren Wahnvorstellungen leidet und damit auch die Leben ihres Mannes und ihres Sohnes zerstört. Das wäre ein spannendes Thema gewesen, doch weil wir uns im Genre “Sonntagabend-Krimi” befinden, können die Drehbuchautoren nicht anders, und schreiben eine Leiche in den Plot. Und das bereitete ihnen offenkundig arge Probleme.

Denn so richtig will sich die Hintergrundstory um eine kroatische Bruderschaft, eine weitere, nicht intakte Familie und eine Lebensversicherung nicht einfügen. Stattdessen stehen zwei völlig verschiedene Geschichten nebeneinander, die zu keinem Zeitpunkt ein harmonisches Ganzes ergeben. Ich wusste jedenfalls nicht, was mich mehr nervt: Die anstrengende Irre und ihre Familie, die einer simplen Auflösung des Krimis im Weg stehen, oder der völlig banale Mordfall, der mir den Zugang zu psychologisch interessanten Charakteren versperrt.

Der sperrige Plot scheint auch Stedefreund und Lürsen nicht wirklich zuzusagen, jedenfalls verrichten sie ihre Ermittlungen äußerst bocklos. Tatsächlich sind sie in den kompletten 90 Minuten nicht in der Lage, auch nur einmal einen Tatverdächtigen zu benennen. Und anstatt den mutmaßlich einzigen Zeugen zu einer verwertbaren Aussage zu bringen, spielt Stedefreund mit diesem Verstecken im Wald. Bevor das Verhalten der beiden an Arbeitsverweigerung grenzt, spielt Lürsen dann Hobby-Psychologin und entschlüsselt mal eben den Irrsinn der Mira Partecke vortrefflich gespielten Verwirrten. Auch wenn die Auflösung schließlich noch einigermaßen originell gerät, kann sie einen ansonsten sehr unentschlossenen Tatort nicht mehr über den Durchschnitt heben. Als Zuschauer bleibt man ratlos zurück: Eine Botschaft wird aus Bremen nicht übermittelt. Ein Film, der schon bald vergessen sein wird.

 

Neu im Abo (IX) – Turbulente Fußballwelt

Als ich von der schrecklicken Katastrophe in Port Said hörte, gab es für mich nur eine Quelle: Das Middle-East-Soccer-Blog von James M. Dorsey. Es gibt kaum einen profunderen Kenner der Fußballlandschaft zwischen Marokko und Katar. Zufällig ist dies auch (welt-)politisch gerade eine der spannendsten Regionen der Welt; und da Dorsey hauptberuflich Professor für internationale Beziehungen an einer Uni in Singapur ist, geht es in seinem Blog auch weniger um das, was auf dem Platz passiert, als um das, wofür Fußball in der Region wirklich steht.

Stadiums are a symbol of the battle for political freedom; economic opportunity; ethnic, religious and national identity; and gender rights.

Das ist kein kleiner Rucksack, aber Dorsey versteht es, die Zusammenhänge stets verständlich aufzubereiten. Auch im Falle der Krawalle in Ägypten war er daher eine gefragte Quelle internationaler Medien. Wer sein Blog einfach mitliest, kann auf diese Form der Sekundärliteratur aber verzichten.

 

Afrika-Cup: Mali oder Elfenbeinküste – Ein Land wird weinen

Es ist eines der großen Themen des afrikanischen Fußballs: Auf kaum einem anderen Kontinent wird das Spiel so sehr mit Hoffnung und Sehnsüchten aufgeladen wie in Afrika. Wenn dann tatsächlich mal einem Spieler eines Landes der Durchbruch bei einem großen Verein gelingt, wird dieser schnell zu einer Erlöserfigur, der stellvertretend für ein ganzes Land dessen Träume wahrgemacht hat. Ein Rucksack, den auch zwei Star-Spieler beim Afrika-Cup aufgeladen bekommen haben. Für einen von beiden wird das Halbfinale in Tränen enden; entweder Chelseas Didier Drogba, Kapitän der Elfenbeinküste, oder Barcas Seydou Keita, der Mali auf den Platz führt, wird seine Landsleute heute enttäuschen.

Didier Drogba, der fast schon Alt-Star der Elfenbeinküste, ist für sein Land mittlerweile zu einer unverzichtbaren Symbolfigur geworden. Zuletzt wurde er in eine Wahrheitsfindungskommission berufen, die die Unruhen nach der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr untersuchen soll. In diesem Jahr will er endlich seinen Traum vom Afrika-Cup-Gewinn wahr machen und damit auch eine Sehnsucht seines von Bürgerkriegen geplagten Landes erfüllen. Brächte Drogba den Titel mit nach Hause, wäre sein Heldenstatus endgültig festgemeißelt. Ob ein Fußballpokal ausreicht, ein ganzes Land zu stabilisieren, sei dahin gestellt. Aber schaden würde es sicher nicht.

Der Weg dahin führt die “Elefanten” nur über Mali, der Gegner im zweiten Halbfinale am heutigen Mittwochabend um 20 Uhr. Doch Mali könnte ein Erfolgserlebnis selbst dringender denn je gebrauchen. Hunger und ein drohender Bürgerkrieg haben das Land in eine Krise gestürzt. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht bereits von 22.000 Flüchtlingen, die das Land verlassen haben. Regierungssoldaten und Tuareg-Rebellen bekämpfen sich im Norden des Landes, auch in der Hauptstadt Bamako kommt es zu Gefechten.

In dieser Situation ruhen viele Hoffnungen auf Seydou Keita vom FC Barcelona. Jonathan Wilson vom Guardian schreibt sehr kenntnisreich und einfühlsam, in welcher Situation der Spieler steckt. Keita hat vor dem Turnier bereits auf die Hungersnot in der Sahelzone aufmerksam gemacht, nach dem dramatischen Sieg im Elfmeterschießen gegen Gastgeber Gabun – Keita verwandelte den entscheidenden Schuss – appellierte er an die Parteien, die Kämpfe einzustellen.

We need peace, we are all Malians. The president of the republic needs to do the most he can to stop it. We are celebrating our win but at the same time we feel very sad. There is a sadness among the players.

Dabei erklärt Wilson auch, dass die neue Gewalt in Mali in direktem Zusammenhang mit dem Fall des Gaddafi-Regimes in Lybien steht. Die Tuareg-Kämpfer standen auf Seiten des Ex-Diktators und versteckten sich offenbar in dessen Land. Nach dem Tod des Herrschers flohen sie aus Lybien zurück nach Mali, wo sie nun eine Separatisten-Bewegung unterstützen und eine Spirale der Gewalt in Gang setzten. Eigentlich herrschte seit drei Jahren Frieden in Mali. Nun ruhen viele Hoffnungen auf Keita und seinem Team, dass der Erfolgs der malischen Mannschaft das Land wieder vereinen könnte.

Ein Sieg über die Elfenbeinküste wäre sicherlich eine Sensation: Bisher haben sich die Elefanten keine Blöße geben und alle ihre Spiele anscheinend souverän gewonnen. Doch sie profitierten auch von den Schwächen ihrer Gegner. Noch wurden Drogba und seine Mannen noch nicht ernsthaft gefordert. Mali hingegen hat gezeigt, dass sie bis zum Ende jeder Partie an sich glauben, zweimal schon haben sie Matches bei dem Turnier noch gedreht.

Ich weiß, dass heute abend auch noch drei total wichtige Spiele in Deutschland anstehen, bei denen es um so existenzielle Fragen geht, wie “Finden Robben und Ribery zu ihrer Form zurück?” oder “Bleibt Holger Stanislawski Trainer in Hoffenheim?”. Da hält ganz Fußballdeutschland den Atem an. Doch wer ein Spiel sehen will, in dem es für zwei Mannschaften wirklich um was geht, der schaltet heute abend Eurosport ein und guckt das Halbfinale Elfenbeinküste gegen Mali.

Endlich mal Eier – Tatort Wien

Es geht doch: Wien-Tatorte habe ich aus irgendeinem Grund immer nur sporadisch geguckt, aber was ich gestern im Action-Thriller “Kein Entkommen” gesehen habe, hat mich bekehrt. Einer der besten Tatorte seit langem fesselte mit einer spannenden Story und endlich einmal hochklassig und zeitgemäß inszenierter Action. Und Regisseur und Drehbuchautor Fabian Eder zeigt Eier: Er lässt unschuldige Polizisten und Studenten kaltblütig erschießen und setzt sein Kommissaren-Duo unter MG-Feuer. Selten genug sieht man sowas am Sonntagabend in der ARD, viel häufiger möchte man derartige Filme sehen.

Die Hintergrundgeschichte liefert eine paramilitärische Einheit des Jugoslawienkriegs, deren Überbleibsel es sich in Wien eingerichtet haben. Die einen haben sich eine serbisch-nationalistische Parallelwelt aufgebaut, einer aber ein neues Leben als treusorgender Familienvater. Freilich weiß die Familie von Mirko Gradic nichts von seiner Vergangenheit als skrupelloser Massenmörder. Als die einstigen Kameraden beginnen, Jagd auf Gradic zu machen, beginnt ein blutiges Morden in Wien, dem Moritz Eisner und Kollegin Bibi Fellner zunächst nur fassungs- und hilflos zuschauen können. Die Grippe ist in diesem Film nicht der einzige Virus, der die Stadt im Griff hat.

Die Inszenierung dieses Krimis ist schlicht grandios. Vor allem Christoph Bach als Mirko Gradic läuft in einigen Action-Szenen zu Hochform auf. Wie er im Alleingang ein serbisches Killerkommando ausschaltet, hat Kinoformat. Aber auch Harald Krassnitzer darf glänzen. Im grandiosen Showdown erweist er sich als kaltblütigste Figur des ganzen Films. Bei all der Action stimmen aber auch die Zwischentöne: Die Figuren sind glaubwürdig, genauso wie der Fortgang der Ermittlungen, in die sich auch internationale Kriegsverbrecherjäger einmischen. Auf sehr gelungene Weise fügt sich auch die Grippe-Geschichte in die Gesamthandlung ein, die anfangs nur für ein wenig “Comic Relief” zwischen all dem Morden sorgte.

Kritisieren mag man nur wenig. Wer den Startknopf bei dieser Geschichte gedrückt hat, bleibt unklar: Warum beginnen Mirkos ehemalige Kameraden ausgerechnet jetzt mit der Jagd nach ihm? Wie konnte er so lange in Wien untertauchen, ohne erkannt zu werden? Aber das sind Mini-Mängel, die einen ansonsten tollen Film nicht trüben. Man wünscht sich, dass auch deutsche Ermittler mal wieder mit einer derart kompromisslosen Geschichte konfrontiert werden.

Croc Shots

Den Eis-Sonntag an einem der wärmsten Orte Kölns verbracht: Dem Hippodrom im Zoo. Dort gammelten auch ein paar Krokos rum, von denen habe ich diese Aufnahmen gemacht. Nichts besonderes, aber ganz nett. Coole Viecher, auf jeden Fall.

Croc Shots