OK, es wird jetzt ein bisschen widerlich. Aber wir leben halt in widerlichen Zeiten, da geht es manchmal nicht anders. Vor wenigen Wochen, es war noch besinnliche Vorweihnachtszeit im Hause Wulff und niemand machte sich Gedanken um Kredite und Kai Dieckmann, war ich mit ein paar Kumpels auf Glühweintour über diverse Kölner Weihnachtsmärkte. Es war lustig, es wurde entsprechend viel Glühwein getrunken, der nächste Tag war die Hölle. Ich glaube inzwischen, dass ich ein Alkohol-Orakel bin, dass die Lage der Nation am eigenen Leib erfahren musste.
In den Jahren nach 1998 hat Deutschland ja auch eine fette Party gefeiert: Die “Kohl-ist-weg”-Feier. Die war super und hat Spaß gemacht, auch wenn man die ganze Zeit das Gefühl hatte, dass das, was die Gastgeber auf ihrer Einladung versprochen hatten, nicht ganz das war, was sich dann auf der Party abspielte. Egal, es wurde erstmal gesoffen. Doch spätestens 2005 war der Point-of-no-return überschritten.
Nach der Glühweintour ging es mir zunächst überraschend gut. Ich wurde früh geweckt, so gegen halb acht, und fühlte mich sogar noch fit genug, noch schnell Brötchen holen zu gehen. Doch langsam stärker werdende Kopfschmerzen sollten nur die Vorboten von schlimmerem Übel werden. Auch die Große Koalition fühlte sich anfangs ja gar nicht so schlimm an. Es ging sogar irgendwie voran, hatte man das Gefühl. Was aber stimmte nicht? Vielleicht, dass der Staat damit begann, immer mehr Bürgerrechte auf Vorrat auszuhebeln? Dass er deutsche Staatsbürger in Foltergefängnissen verkrepeln ließ? Die Kopfschmerzen waren da, aber wenn der Kater einmal begonnen hat, ist er nicht mehr aufzuhalten.
Ich schmiss mir an jenem furchtbaren Adventsmorgen um neun die erste von drei Kopfschmerztabletten. Inzwischen hatte auch eine kaum zu unterdrückende Übelkeit von mir Besitz ergriffen. Der Zustand morgendlicher Euphorie war längst verflogen: Ich ahnte, dass dies eines der schlimmsten post-alkoholischen Traumata seit langem werden könnte. Ich sollte recht behalten.
Ich weiß nicht, wer dachte, Deutschland könnte eine schwarz-gelbe Kopfschmerztablette gebrauchen. Aber vielleicht sollte es ja auch eher ein Konterbier sein für eine von einer selbstgerechten Kanzlerin besoffenen Nation. Aber mit Schwarz-Gelb hatte sich Deutschland endgültig ins Delirium befördert. Man weiß ja gar nicht, ob man bei einem verlogenen Schaumschläger anfangen soll, der sich einen erschreckend langen Zeitraum als Politiker inszenieren durfte. Oder bei dem Bratbären von Außenminister, der sogar Vizekanzler sein durfte, bis er von einem bräsigen Milchbart abgelöst wurde. Ich hätte arge Probleme, alle Minister dieser schlechtesten Regierung, die ich je erlebt habe, aufzuzählen. Ältere müssen sagen, ob es die schlimmste aller Zeiten ist, aber ich würde wetten, dass sie gute Chancen hätten. Und nun dieser Bundespräsident, der letztlich auch nur eine weitere Handpuppe der Kanzlerin ist, die das Kanzleramt zu einer uneinnehmbaren Wagenburg gemacht hat, in der sie sich solange verkriechen will, bis alles ausgestanden ist. Aber das wird nicht funktionieren.
Ich weiß das, weil ich es auch versucht habe. Ich habe mich ins Bett verkrochen, die Rolladen runtergelassen und versucht, den Kater auszuliegen. Einfach einschlafen und wenn man wach ist, hat man sich fit geschlafen und weiter geht’s. Das funktioniert manchmal, aber nicht dieses mal. Das zweite Aspirin hatte sowenig geholfen wie das erste, die Kopfschmerzen waren sogar noch schlimmer geworden. Und immer wieder unterdrückte ich diesen latenten Würgereiz, der doch nur ein Hilferuf meines Körpers war: “Junge, lass einfach alles raus. Es gibt eine einfache Lösung für deine Probleme und ich biete sie dir an.” Und irgendwann gab ich diesem Drängen nach. Ich schleppte mich mit letzter Kraft ins Badezimmer, wo ich die Toilette umklammerte wie ein Ertrinkender einen Rettungsring auf hoher See. Und dann erbrach ich mich, ein säuerlicher Schwall aus Glühwein, Bier und den Resten von weihnachtsmarkttypischer Ernährung erlöste mich von den schlimmsten Qualen.
Habe ich nicht gesagt, dass es widerlich wird? Nun, wir leben in widerlichen Zeiten. An Christian Wulff zeigt sich, was dieses Land in den letzten Jahren in sich reingeschüttet hat, ohne an die Konsequenzen zu denken: Politiker, die sich ihre Karrieren mit Hilfe von Medien, Gönnern und Mäzenen an den Menschen vorbei aufbauen. Wulff ist ja nicht der einzige, der es so zu was gebracht hat. Er ist vielleicht nur der erste aus dieser Politikergeneration, der fällt. Wulff steht für Politiker, die nicht mehr wegen ihrer Fähigkeiten, sondern wegen ihrer Verbindungen, wegen irgendwelcher Proporze ins Amt kommen. Er steht für alle Guttenbergs, Schröders, Gabriels, Röslers und dessen kleine Freunde, deren Namen ich nicht mal weiß, die irgendwie die Karriereleiter hochgespült werden, die immer davon faseln, sich alles erarbeitet zu haben, aber letztlich doch alles immer nur fein ausgebreitet bekommen haben.
Nun ist diesem Land schlecht davon und man kann nur hoffen, dass es die Kraft findet, diesen ganzen schwarz-gelben Dreck in seinem Magen endlich auszukotzen. Christian Wulff ist der Finger, den es sich dafür nur noch in den Hals stecken muss. Einfach abkotzen, den ganzen stinkenden Brei die Toilette runterspülen und langsam aber sicher wieder zu Kräften kommen. Das ist das einzige, was bei einem Mega-Kater hilft. Aber hier endet das Alkohol-Orakel. Mir ging es Stunden nach meinem Tango mit der Kloschüssel besser. Ob das auch für Deutschland zutrifft, daran habe ich trotz allem meine Zweifel…
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