Monatsarchiv: Januar 2012

Afrika-Cup: Äquatorial-Guinea gewinnt Last-Minute mit Traumtor

Der Afrika-Cup hat sein erstes Highlight: Gastgeber Äquatorial-Guinea (ein wundervoller Name für ein Land übrigens) schlägt den Favoriten Senegal (mit den Ex-Bundesligisten, jetzt Premiere-Ligisten Demba Ba und Cissé) mit 2-1; und wie! Auf einem offenbar völlig durchnässten Platz führte Äquatorial-Guinea lange mit 1-0. In der 89. Minute gelingt Senegal der Ausgleich, aber es werden fünf Minuten nachgespielt. In der 94. Minute dann der Hammer: Aus 25 Metern lädt David Alvarez durch und erzielt den Siegtreffer. Damit ist einer der Top-Favoriten, Senegal, draußen. Äquatorial-Guinea ist weiter. Hier gibt’s das Spiel zum Nachlesen.

Taz-Reporter will DFB-Präsident werden

Der Deutsche Fußball-Bund ist nicht nur der selbsternannte größte Sportverband der Welt, sondern auch ein reaktionärer Männerbund, in dem ein kleiner Kreis von Mächtigen entscheidet, wie über die über den Daumen gepeilt 6,5 Millionen Mitglieder entschieden wird. Ein Mann tritt jetzt an, das zu ändern. Andreas Rüttenauer, Sportredakteur bei der taz. Er bewirbt sich ebenfalls als Nachfolger des scheidenden Theo Zwanziger um das Amt des DFB-Präsidenten, für das eigentlich Wolfgang Niersbach ausgekungelt wurde.

Eine ähnliche Aktion eines Sportjournalisten hatte es vor der Wiederwahl erneuten Inthronisierung Sepp Blatters als FIFA-Präsident gegeben. Damals war es US-Journalist Grant Wahl, der Blatter beerben wollte, aber daran scheiterte, dass kein Mitgliedsland der FIFA bereit war, ihn zu nominieren. Daran könnte auch Rüttenauer scheitern: Ein DFB-Landesverband (es gibt 22) muss ihn als Gegenkandidaten aufstellen, ein Ziel, an das Rüttenauer selbst nicht so ganz glaubt, wie er im Blog von Jonathan Sachse zugibt. Letztlich muss man die Initiative des Sportreporters wohl vor allem als kreative Kampagne für mehr Transparenz und Reformen innerhalb des DFB werten. Ob er damit bei den alten Männern Gehör finden wird? Ich mag es nicht so ganz glauben, schön wär’s aber. Also unterstütze ich Rüttenauer: Ich habe sein Fußball-Manifest unterzeichnet, folge ihm auf Twitter, wo er als @DFB_Kandidat über seine Erfolge schreibt, und natürlich “Gefällt mir” seine Facebook-Seite.

Africa-Cup of Nations am Start

Alle zwei Jahre spielt Afrika seinen kontinentalen Champion aus, diesmal in Äquatorial-Guinea und Gabun. In den deutschen Medien dominieren meist wenige stereotype Berichte über das Turnier: Typische Themen sind a) Trainer, die sich über die Abwesenheit ihrer Spieler mitten in der Saison beklagen, b) chaotische Verhältnisse in vermeintlichen Fußballentwicklungsländern, c) irgendwas mit Voodoo. Ich kann daher nur empfehlen, dass Turnier zum Beispiel beim Guardian zu verfolgen, der eine komplette Match-Coverage und auch Hintergrundberichte satt anbietet. Auch auf dieser deutschen Seite zum Afrika-Cup findet man Berichte zu allen Spielen. Im TV ist man bei Eurosport gut aufgehoben, die alle Spiele live zeigen. Ein bisschen Gaga-Wissen zum Angeben in geselliger Runde findet man bei den 11 Freunden.

Ich verfolge den Afrika-Cup immer sehr gerne. Die Menschen dort lieben Fußball über alles, manchmal vielleicht zu sehr. Aber dadurch entsteht eine  ehrliche Atmosphäre, man erlebt Fußball noch sehr ungeschminkt, im Guten wie im Schlechten. Dazu fasziniert mich die enge Verflechtung von Fußball, Gesellschaft und Politik, die in afrikanischen Ländern so spürbar ist wie nirgendwo sonst. Nehmen wir die Mannschaft Lybiens, in der ein Spieler noch vor Wochen auf Seiten der Rebellen gegen Gaddafis Armee gekämpft hat und jetzt beim Cup of Nations auf dem Platz steht.

Dem gegenüber stehen nachdenklich machende Geschichten: Internationale Konzerne sind bereits dabei, den Geist der demokratischen Revolutionen in den arabischen Ländern mit ihren eigenen Botschaften zu besetzen: Coca-Cola liefert die Hymne für das tunesische Nationalteam, nachzulesen im brillianten Middle-East-Soccer-Fußballblog. Das sind einmalige Geschichten, deren Bedeutung weit über die eigentliche Banalität des Spiels hinausreicht, und die zumindest mir einen Zugang zu einem komplexen wie faszinierenden Kontinent ermöglichen. Ich will versuchen, in den nächsten Wochen immer mal über den Fortgang des Turniers zu bloggen und den ein oder anderen interessanten Link hier posten.

Fische, Muschi, Werner Herzog: Erste Sätze aus meiner post-weihnachtlichen Leseliste

Hier sind die ersten Sätze (oder der Satz, den ich für den ersten hielt) aus meinem Stapel ungelesener Bücher, der nach Weihnachten noch mal um einiges größer geworden ist. Darauf basierend: Welches würdet ihr als erstes lesen?

“A long time ago in a galaxy far, far away, the most important person in a cinema was the projectionist.”

“Wir sind einmalig.”

“Im Jahr 1978 starben alle Fische, dir mir etwas bedeuteten.”

“Ich weiß nicht, warum man sich als Zeitungsmensch vor der digitalen Huffington Post oder einer anderen Netz-Zeitung fürchten soll.”

“Als Paul Jobs Ende des Zweiten Weltkriegs aus der U.S. Coast Guard entlassen wurde, schloss er mit seinen Mannschaftskameraden eine Wette ab.”

“In the year 1878 I took my degree of Doctor of Medicine of the University of London and proceeded to Netley to go through the course prescribed for surgeons in the Army.”

“Autumn Semmel spürte, wie Benjy Schnekes Fingerspitze ihren Schenkel rauf und dann am Saum ihrer Jungenshorts entlang zu ihrer Muschi gleitet.”

“We were somewhere near Lookout Mountain, on the outskirts of LA, when Werner Herzog’s trousers exploded.”

“Es war der letzte Anruf, den ich an meinem 80. Geburtstag erhielt.”

Ausgemailt: Meine erste Mail-Adresse zu Grabe getragen

Am Ende war es nur noch ein Klick, und der hat überhaupt nicht weh getan. Ich habe meinen allerersten E-Mail-Account überhaupt gelöscht. meyerman56@gmx.de gibt es nicht mehr.

Damit verbunden war ein recht umfangreiches Web-Ausmisten. Diese Mail-Adresse war immerhin fast 13 Jahre aktiv und E-Mail-Adressen sind ja nach wie vor sowas wie Eintrittskarten ins Web. Auch wenn wir uns inzwischen häufiger Nachrichten bei Skype, Facebook oder via What’s App schreiben, geht ohne eine E-Mail-Adresse im Netz nichts. Das war auch schon 1999 so, als ich so langsam begann, eine Netz-Persona zu entwickeln. Insofern geriet das Löschen dieser Mail-Adresse auch zu einer nostalgischen Zeitreise ins Web 1.0.

Bei bestimmt 50 Diensten hatte ich mich mit dieser Mail-Adresse registriert, darunter Klassiker wie ICQ oder Ebay; beides übrigens Seiten die ich ewig nicht mehr genutzt habe (gleichwohl kann ich meine ICQ-Nummer immer noch auswendig; es war cool). Aber es waren auch einige Exoten dabei, Konten, die ich seit Monaten, wenn nicht Jahren nicht mehr aufgesucht hatte. Zum Beispiel das Forum des KFC Uerdingen, für das ich mich für einen einzigen von mir geschriebenen Beitrag mal registriert hatte. In diesem Fall habe ich darauf verzichtet, eine neue, gültige E-Mail-Adresse einzugeben. Im Netz sind wir alle dutzendfache Tode gestorben, als Datenbankleichen treiben wir nun gruseliges Unwesen auf verstopften Servern, unsere Überreste werden wahrscheinlich von Nutzerdaten sammelnden Leichenfledderern in irgendwelchen Web-Gruften verstaut, auf dass sie eines Tages als Daten-Zombies zurück… – Ich schweife ab.

A propos Webleichen: Auch auf StudiVZ war ich mit dieser E-Mail-Adresse angemeldet. Ein Jahr lang war es cool, in Gruppen wie “Ich glüh härter vor, als du feierst” drin zu sein. Inzwischen rümpfen wohl die meisten nur noch die Nase über den einstmals hippsten deutschen Web-Dienst. “Kann das mal jemand wegmachen, bitte?”

Ganz anders kommt mir übrigens jetzt.de vor. War schon vor StudiVZ da, ging nicht weg und bleibt wohl auch. Klein, aber fein, hatte ich das Gefühl, nach jahrelanger Abwesenheit mal wieder bei alten Uni-Kumpels in der WG vorbeizuschauen. Es hat sich fast nichts geändert, außer, dass es ein paar neue, junge Mitbewohner gibt. Neue Mail-Adresse eingetragen, man weiß ja nie, wofür es gut ist.

Je mehr Konten ich durchcheckte, desto mehr kam ich mir vor, als hätte ich eine Kiste mit alten Sachen von mir auf dem Dachboden gefunden. 13 Jahre sind dann doch schon eine lange Zeit, gerade im Web, dass sich in dieser Zeit gefühlte 27 mal komplett gewandelt hat. Doch diese eine E-Mail-Adresse widerstand der Erosion des Netzes. Doch wie es so kommt mit der Zeit, findet man in so einer Kiste auf dem Dachboden dann irgendwann auch Dinge, bei denen man denkt: “Hoppla, wie kommt denn das hier rein?” In diesem Falle wäre wohl ein altes Pornoheft das passende Äquivalent. Der Hauptgrund für die Abschaltung ist die massive Bespammung, die auf diesem Account stattfindet. Mehrere Dutzend Angebote für Penis-Verlängerungen, das Betrachten primärer weiblicher Geschlechtsorgane gegen Bezahlung und Kontakte zu Susis, Anjas und Nataschas in allen Farben und Altersstufen sind mir dann doch irgendwann zu viel geworden. Leider lässt sich dieses Pornoheft nicht einfach wegwerfen. Es bleibt nur, die gesamte Kiste zu entsorgen.

Tja, das Ende der Geschichte ist nur ein einfacher Klick. Dann ist mein Account gelö… Halt! “Still gelegt”, lautet die korrekte Bezeichnung. Wie ein altes Auto, dass man aber jederzeit wieder flott machen kann, wenn man es möchte. Oder ausschlachten für ein anderes, schnelleres Gefährt? Wie es scheint, sitzen Datenfledderer und Leichenbestatter inzwischen im gleichen Haus.

Christian Wulff: Der Finger im Hals der Nation

OK, es wird jetzt ein bisschen widerlich. Aber wir leben halt in widerlichen Zeiten, da geht es manchmal nicht anders. Vor wenigen Wochen, es war noch besinnliche Vorweihnachtszeit im Hause Wulff und niemand machte sich Gedanken um Kredite und Kai Dieckmann, war ich mit ein paar Kumpels auf Glühweintour über diverse Kölner Weihnachtsmärkte. Es war lustig, es wurde entsprechend viel Glühwein getrunken, der nächste Tag war die Hölle. Ich glaube inzwischen, dass ich ein Alkohol-Orakel bin, dass die Lage der Nation am eigenen Leib erfahren musste.

In den Jahren nach 1998 hat Deutschland ja auch eine fette Party gefeiert: Die “Kohl-ist-weg”-Feier. Die war super und hat Spaß gemacht, auch wenn man die ganze Zeit das Gefühl hatte, dass das, was die Gastgeber auf ihrer Einladung versprochen hatten, nicht ganz das war, was sich dann auf der Party abspielte. Egal, es wurde erstmal gesoffen. Doch spätestens 2005 war der Point-of-no-return überschritten.

Nach der Glühweintour ging es mir zunächst überraschend gut. Ich wurde früh geweckt, so gegen halb acht, und fühlte mich sogar noch fit genug, noch schnell Brötchen holen zu gehen. Doch langsam stärker werdende Kopfschmerzen sollten nur die Vorboten von schlimmerem Übel werden. Auch die Große Koalition fühlte sich anfangs ja gar nicht so schlimm an. Es ging sogar irgendwie voran, hatte man das Gefühl. Was aber stimmte nicht? Vielleicht, dass der Staat damit begann, immer mehr Bürgerrechte auf Vorrat auszuhebeln? Dass er deutsche Staatsbürger in Foltergefängnissen verkrepeln ließ? Die Kopfschmerzen waren da, aber wenn der Kater einmal begonnen hat, ist er nicht mehr aufzuhalten.

Ich schmiss mir an jenem furchtbaren Adventsmorgen um neun die erste von drei Kopfschmerztabletten. Inzwischen hatte auch eine kaum zu unterdrückende Übelkeit von mir Besitz ergriffen. Der Zustand morgendlicher Euphorie war längst verflogen: Ich ahnte, dass dies eines der schlimmsten post-alkoholischen Traumata seit langem werden könnte. Ich sollte recht behalten.

Ich weiß nicht, wer dachte, Deutschland könnte eine schwarz-gelbe Kopfschmerztablette gebrauchen. Aber vielleicht sollte es ja auch eher ein Konterbier sein für eine von einer selbstgerechten Kanzlerin besoffenen Nation. Aber mit Schwarz-Gelb hatte sich Deutschland endgültig ins Delirium befördert. Man weiß ja gar nicht, ob man bei einem verlogenen Schaumschläger anfangen soll, der sich einen erschreckend langen Zeitraum als Politiker inszenieren durfte. Oder bei dem Bratbären von Außenminister, der sogar Vizekanzler sein durfte, bis er von einem bräsigen Milchbart abgelöst wurde. Ich hätte arge Probleme, alle Minister dieser schlechtesten Regierung, die ich je erlebt habe, aufzuzählen. Ältere müssen sagen, ob es die schlimmste aller Zeiten ist, aber ich würde wetten, dass sie gute Chancen hätten. Und nun dieser Bundespräsident, der letztlich auch nur eine weitere Handpuppe der Kanzlerin ist, die das Kanzleramt zu einer uneinnehmbaren Wagenburg gemacht hat, in der sie sich solange verkriechen will, bis alles ausgestanden ist. Aber das wird nicht funktionieren.

Ich weiß das, weil ich es auch versucht habe. Ich habe mich ins Bett verkrochen, die Rolladen runtergelassen und versucht, den Kater auszuliegen. Einfach einschlafen und wenn man wach ist, hat man sich fit geschlafen und weiter geht’s. Das funktioniert manchmal, aber nicht dieses mal. Das zweite Aspirin hatte sowenig geholfen wie das erste, die Kopfschmerzen waren sogar noch schlimmer geworden. Und immer wieder unterdrückte ich diesen latenten Würgereiz, der doch nur ein Hilferuf meines Körpers war: “Junge, lass einfach alles raus. Es gibt eine einfache Lösung für deine Probleme und ich biete sie dir an.” Und irgendwann gab ich diesem Drängen nach. Ich schleppte mich mit letzter Kraft ins Badezimmer, wo ich die Toilette umklammerte wie ein Ertrinkender einen Rettungsring auf hoher See. Und dann erbrach ich mich, ein säuerlicher Schwall aus Glühwein, Bier und den Resten von weihnachtsmarkttypischer Ernährung erlöste mich von den schlimmsten Qualen.

Habe ich nicht gesagt, dass es widerlich wird? Nun, wir leben in widerlichen Zeiten. An Christian Wulff zeigt sich, was dieses Land in den letzten Jahren in sich reingeschüttet hat, ohne an die Konsequenzen zu denken: Politiker, die sich ihre Karrieren mit Hilfe von Medien, Gönnern und Mäzenen an den Menschen vorbei aufbauen. Wulff ist ja nicht der einzige, der es so zu was gebracht hat. Er ist vielleicht nur der erste aus dieser Politikergeneration, der fällt. Wulff steht für Politiker, die nicht mehr wegen ihrer Fähigkeiten, sondern wegen ihrer Verbindungen, wegen irgendwelcher Proporze ins Amt kommen. Er steht für alle Guttenbergs, Schröders, Gabriels, Röslers und dessen kleine Freunde, deren Namen ich nicht mal weiß, die irgendwie die Karriereleiter hochgespült werden, die immer davon faseln, sich alles erarbeitet zu haben, aber letztlich doch alles immer nur fein ausgebreitet bekommen haben.

Nun ist diesem Land schlecht davon und man kann nur hoffen, dass es die Kraft findet, diesen ganzen schwarz-gelben Dreck in seinem Magen endlich auszukotzen. Christian Wulff ist der Finger, den es sich dafür nur noch in den Hals stecken muss. Einfach abkotzen, den ganzen stinkenden Brei die Toilette runterspülen und langsam aber sicher wieder zu Kräften kommen. Das ist das einzige, was bei einem Mega-Kater hilft. Aber hier endet das Alkohol-Orakel. Mir ging es Stunden nach meinem Tango mit der Kloschüssel besser. Ob das auch für Deutschland zutrifft, daran habe ich trotz allem meine Zweifel…