Vor zehn Jahren kam der erste Teil der Herr der Ringe-Trilogie ins Kino. Mit einer kleinen Blog-Reihe will ich in den nächsten Tagen und Wochen an dieses kleine Film-Jubiläum erinnern. Teil I: Warum HdR für mich auch Zeitreise ist, wie “Findet Nemo” eine Horde Uruk-Hai besänftigte und was eine Frau namens Frodo damit zu tun hat.
Ich erinnere mich noch genau an Frodo. Mit der Zuverlässigkeit eines Lachses, der zu seinem Laichgebiet zurückkehrt, tauchte sie Jahr für Jahr in dem Mainzer Multiplexkino auf, in dem ich damals arbeitete, um sich und andere Kinobesucher in Stimmung für den nächsten Herr der Ringe-Film zu bringen. Und Frodo kam nicht nur einmal: Frodo war immer da. Jeden Abend erschien sie im Kino in ihrem Kostüm und lief herum. Die Besucher dachten, sie wäre eine Mitarbeiterin des Hauses, aber das stimmte nicht. Frodo kam freiwillig und blieb freiwillig. Das bemerkenswerte an Frodo war, dass Frodo tatsächlich wie Frodo aussah, wahrscheinlich weiß ich deshalb bis heute nicht ihren richtigen Namen. Nicht nur ihr Kostüm war originalgetreu, von der blattförmigen Elbenbrosche bis hin zu den haarigen, übergroßen Füßen. Auch ihr Gesicht, ihre Frisur, ihr ganzes Wesen entsprach ziemlich genau dem Charakter, dessen Abenteuer wir damals gebannt auf der Leinwand verfolgten. Selbst ihre Körpergröße schien auf eine unwirkliche Art zu stimmen. Mir kam sie kaum größer als ein richtiger Hobbit vor.
Mit HdR zurück in die Studentenzeit
Gibt es einen Menschen, der sich damals, als “Herr der Ringe – Die Gefährten” ins Kino kam, dieser Geschichte entziehen konnte? Am 19. Dezember 2001 startete Peter Jacksons Epos zeitgleich auf der ganzen Welt. Ich hatte erst im Sommer davor das Buch gelesen, um nicht unvorbereitet in den Film zu stolpern. Damit scheide ich sicher als Hardcore-Fan aus, ich kenne Leute meines Alters, die kannten die Geschichte schon damals in- und auswendig. Das gilt nun für mich und die Filme: Es ist ein schönes Ritual geworden, jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit die DVDs (extended Edition) rauszukramen und nach Mittelerde zurückzukehren. Über drei Abende verteilt sehe ich mir die Filme dann wieder ganz in Ruhe an.
Für mich ist das immer auch eine Zeitreise: In dem Moment, in dem Howard Shores fantastischer Score ertönt, läuft vor meinem inneren Auge parallel noch ein anderer Film ab, mit Frodo in einer kleinen Nebenrolle (s.o.). Als die Filme ins Kino kamen, hatte ich gerade das erste Semester meines Studiums in Mainz begonnen. Natürlich suchte ich mir als erstes einen Nebenjob, nicht nur des Geldes wegen, auch um mich vom Studium ein wenig abzulenken. Die Stelle als Einlasser im Mainzer Cinestar sollte sich dafür als perfekt erweisen: Lange Arbeitszeiten mit anschließendem Kneipenbesuch, gratis Kinobesuche satt, viele junge Leute in der gleichen, trinkfreudigen Lebenssituation, mehr gibt es nicht zu sagen. In diesem Kino habe ich nicht nur Freunde gefunden, sondern auch die Frau kennen gelernt, mit der ich heute zusammenlebe. Unsere Tochter ist jetzt 14 Monate alt. 14 1/2.
Ein Kinosaal voller Uruks
Die Herr der Ringe-Filme sind mit dieser Zeit untrennbar verbunden: Der erste Teil war ein bombastischer Erfolg gewesen. Die Vorstellungen waren über Wochen und schließlich Monate immer voll und so fieberten wir den Fortsetzungen geradezu entgegen. Zu den Premieren erschienen nicht nur einige verrückte Besucher (s.o.), sondern auch Mitarbeiter verkleidet. Unsere Dekorateure hatten sich richtig ins Zeug gelegt und im Foyer eine kleine Hobbithöhle aus Pappmaché errichtet.
Der Besucheransturm zu den Premierennächten war jedesmal gewaltig. Die Nacht, in der “Die Rückkehr des Königs” anlief, sollte unvergesslich werden: In acht von zehn Sälen lief die komplette Trilogie am Stück, alle waren natürlich ausverkauft. Nicht nur ich hatte eine 16-Stunden-Schicht vor Augen, und dann passierte es: Im größten Kinosaal implodierte beim Start von “Die Gefährten” der Projektor, nichts ging mehr. Zum Glück ging in den anderen Sälen alles gut, aber in einem saßen trotzdem 500 Hardcore-HdR-Fans, die auf das Filmereignis ihres Lebens warteten und nun völlig perplex auf eine schwarze Leinwand starrten. Eine Horde kämpfender Uruk-Hai könnte nicht angsteinflößender sein. Nun, wie beruhigt man diese Meute am besten? Mit einem Kinderfilm: Nachdem der Projektor repariert war, spielten wir den Leuten als Auftakt zu sechs Stunden Schlachtengemetzel “Findet Nemo” vor, und das fanden die gar nicht mal so schlimm. Was vielleicht auch daran lag, dass als flankierende Maßnahme der sonst übliche Bezahlzwang an den Popcorn-Theken aufgehoben wurde. Die Verkäuferinnen schmissen mit Ware um sich, dass es eine Freude war. Ich erinnere mich, wie ich randvoll gepackte Einkaufswägen aus dem Süßwarenlager zu den Theken schob, die binnen weniger Minuten wieder geleert waren. Halleluja, war das eine Party!
Und mitten in diesem Chaos lief eine kleine Kreatur im Hobbit-Kostüm rum und tat das einzig richtige: Das, was sie jeden Abend tat. Sie war Frodo und erheiterte damit die Gäste. Nie war ich dankbarer, dass sie da war. Was aus Frodo geworden ist, weiß ich nicht. Ich nehme an, dass sie immer noch regelmäßig ihr Kostüm überstreift. Und vielleicht guckt sie ja auch wie ich Jahr für Jahr die HdR-Trilogie und denkt dabei an ein paar unvergessliche Jahre zurück.
Im nächsten Teil: Die Antwort auf die wichtigste Filmfrage seit “Wer ist der beste Bond-Darsteller?”
Gefällt mir:
Gefällt mir Lade...