Fußball-Deutschland ist in heller Aufregung, schon wartet die Nation auf ein Machtwort der Kanzlerin. Philipp Lahm hat einen Ghostwriter beauftragt, seine Gedanken zur Fußballwelt irgendwie zu einem zusammenhängenden Ganzen zusammenzuschreiben und wandelt dabei auf Toni Schumachers Spuren. Die Aufregung um Lahms Buch ist natürlich viel zu groß. Was einen aber verstören muss, ist dessen unerträgliche Nähe zur BILD-Zeitung.
Gelesen haben das mutmaßliche Machwerk bislang nur Wenige, aber das, was in Lahms Lieblingszeitung* zu lesen war, reicht aus, um eine Debatte loszutreten, die auf der nach oben offenen Sarrazin-Skala einen gehobenen Wert erreicht. Lahm legt sich mit Rudi Völler und Jürgen Klinsmann an, die zwar als Fußballer das erreicht haben, wovon der kleine Philipp bislang nur träumenkann, die er aber als Trainer offenbar für nicht auf der Höhe der Zeit wähnt. Auch der zweimalige Double-Gewinner der Bayern, Felix Magath, bekommt sein Fett weg, ebenso wie Meistertrainer van Gaal.
Es würde sich nicht lohnen, darauf zu setzen, dass Philipp Lahms steile Thesen den deutschen Fußball nachhaltig verändern werden. Eher kann man davon ausgehen, hier einen sicheren Kandidaten für die Bücherwühltische des Jahres 2012 zu haben, direkt neben anderen Meisterwerken der Fußball-Literatur. Die Frage, ob man als 27-Jähriger Profi über klugscheißen muss, wie ein Trainer zu sein hat, stellt sich eigentlich nicht. Eher hat man hier einmal mehr den Beweis, dass jeder noch so vermeintlich intelligente Fußballer die Hände von allem lassen sollte, was nicht mit runden Lederbällen zu tun hat.
Was ich viel schlimmer finde, ist Lahms Nähe zur BILD-Zeitung. Den Vorabdruck seiner steilsten Thesen gab es natürlich bei BILD, für die Lahm auch Werbebotschafter ist. Ich fand Lahm mal nett und authentisch, vor allem im Sommermärchen-Film von Sönke Wortmann hat er eine sehr schöne Szene, als er mit seinem kaputten Arm im Bett liegt und sich wie in Kind darauf freut, vielleicht doch im Eröffnungsspiel dabei sein zu können. Der Rest ist bekannt. Was ist in diesen Jahren nun mit viel Philipp Lahm passiert? Er ist der Prototyp des angepassten, kalkulierten Profis, der sich keine Allüren leistet. Das fanden viele mal toll, inzwischen ist es einfach nur (sorry) lahm. Nichts von dem, was Lahm noch tut, kann ich ernst nehmen. Ich muss bei allem eine tiefere Absicht vermuten, die in irgendeiner Form darauf zielt, sein Image als Musterprofi zu stärken.
Schön, dass Lahm so super mit der BILD klar kommt und damit einen sicheren Rückhalt in der Medienlandschaft hat. Aber da sind mir Menschen wie Jürgen Klinsmann lieber, die sich mit eigenen Gedanken auch gegen Deutschlands angeblich mächtigste Fußballredaktion positioniert haben, anstatt von eben dieser Redaktion fremdgesteuert zu wirken.
*Es gibt bewusst keinen Link zu dem Werbespot, den Philipp Lahm für die Zeitung gedreht hat.