Ich hatte mal wieder Zeit, ein paar Filme auf DVD und im Kino zu sehen. Wen es interessiert: Hier drei Kurzkritiken.
Der fantastische Mr. Fox
Von Wes Anderson (“Die Tiefseetaucher”) stammt dieser animierte Puppentrickfilm über einen gerissenen Fuchs, der sich, seine Familie und alle anderen Tiere gehörig in Schwierigkeiten bringt, als er sich mit drei Bauern anlegt. Der Filmtitel steht für sich: An Mr. Fox ist alles fantastisch. Der Film ist von vorne bis hinten ein liebevoller Spaß und eine willkommene Abwechslung zu surfenden Pinguinen, furzenden Bären und anderem runterproduziertem Animationsschrott. Wie inzwischen üblich, leihen auch Andersons Tieren prominente Schauspieler ihre Stimme, und es ist mehr als empfehlenswert, sich George Clooney (der den Fuchs kongenial spricht), Meryl Streep oder Bill Murray im Original anzuhören.
Die Geschichte basiert auf einer Kinderbuchgeschichte von Roald Dahl, einem der erfolgreichsten Kinderbuchautoren der USA. Von ihm stammen auch die Vorlagen zu Tim Burtons Charlie und die Schokoladenfabrik oder James und der Riesenpfirsich von Henry Selick. Besagter Selick, der mit Burton auch die Nightmare before Christmas schuf, war bereits als Animationschef für Mr. Fox im Gespräch, drehte aber dann selbst Coraline, ebenfalls ein großartiger Kinder- und Erwachsenenfilm. Wie man sieht, bewegt sich Mr. Fox in einem illustren Kosmos fantastischer Kinderfilme, reiht sich aber mühelos in diese Riege ein. Die Fabel vom Fuchs, der seiner Natur als raffinierter Dieb nicht entkommen kann, ist tolles Kino für Menschen jeden Alters. Im Gegensatz zu den vielen Hollywood-Animationen werden die Tiere hier nicht einfach vermenschlicht, sondern behalten ihre tierischen Charakteristika. Damit erinnert Mr. Fox an den Zeichentrick-Klassiker “Das Dschungelbuch”, wo die Tiere tatsächlich noch Tiere waren und nicht überdrehte Abziehbilder menschlicher Rollenvorbilder.
Mr. Fox ist ein warmherziger, witziger, temporeicher Animationsspaß, den man sich unbedingt angucken muss, wenn man genug von emotionslosen, schrillen Fließband-Kinderfilmen hat.
Wer ist Hanna?
Joe Wright und seine Hauptdarstellerin Saoirse Ronan (wie spricht man das?) haben bereits bei dem Kostümdrama Abbitte zusammen gearbeitet. Davor drehte Wright eine weitere Version von Stolz & Vorurteil mit Keira Knightley (ebenfalls auch in Abbitte zu sehen). Bislang war er also eher im romantisch-dramaischen Fach zu Hause, umso überraschender kommt es, dass er mit “Hanna” nun einen knallharten Thriller im Stil von “Bourne Identität” vorlegt. Hanna ist ein Teenager, die von ihrem Vater im Wald groß gezogen wurde. Eher müsste man sagen: trainiert. Denn Hanna ist eine Kampfmaschine, die es selbst mit einer Übermacht von Elitesoldaten mühelos allein aufnimmt. Doch um ihre Herkunft rankt sich ein Geheimnis. Und es gibt leider einen ganz bestimmten, Verschwörungstheoretikern gut bekannten US-Geheimdienst, der möchte, dass dieses Geheimnis auch eins bleibt.
“Hanna” startet als Einer-gegen-Alle-Actioner im Stil von Rambo und endet als Agententhriller mit überdeutlichen Anleihen bei der Bourne-Trilogie, mit der “Hanna” nicht nur Berlin als Schauplatzgemein hat. Dazwischen allerdings sieht man als Zuschauer einen ruhigen Coming-of-Age-Film über ein junges Mädchen, dass bei einer Campingtour durch Südeuropa den Sommer ihres Lebens erlebt. Angesichts der filmischen Vorgeschichte von Wright überrascht es nicht, dass “Hanna” seine Stärken im ruhigen Mittelteil hat. Die Entwicklung Hannas von der in der Isolation gedrillten Kämpferin zur ganz normalen Teenagerin, die (beinahe) ihren ersten Kuss am Lagerfeuer erlebt, packt den Zuschauer viel mehr, als die von diversen Agentenfilmen abgekupferten Actionszenen am Schluss. Die Auflösung der Geschichte ist dann schließlich arg konventionell und überrascht den Zuschauer kaum noch – das hat man schon zu oft gesehen. Insgesamt ist Hanna aber ein abwechslungsreicher, spannender Thriller, der eine tolle Hauptdarstellerin hat. Zu erwähnen wäre noch der ungewöhnliche Soundtrack der Chemical Brothers, der den Film mit pumpenden Beats vorantreibt.
X-Men: First Class
Die Mutantenhelden aus dem Hause Marvel bleiben die qualitativ beständigste verfilmte Comicreihe. Zwar waren die letzten beiden Filme “X-Men: Last Stand” und “Wolverine” inhaltlich nicht so stark, wie die beiden ersten Mutantenfilme, boten aber immer noch gute Kinounterhaltung. Der neue Streifen “First Class” punktet nun auch wieder in Sachen Anspruch. Die Geschichte um das erste Zusammentreffen von Charles “Professor X” Xavier und Erik “Magneto” Lehnsherr greift das Ursprungsthema der Reihe wieder auf: Das konfliktfreie Zusammenleben von Menschen und Mutanten.
Eine der erfolgreichsten Fernsehserien der Nuller-Jahre war die Superhelden-Serie “Heroes“, in der normale Menschen plötzlich entdecken, dass sie über ganz besondere Kräfte verfügen. Das war teilweise 1:1 von den X-Men abgekupfert, aber dennoch stimmig umgesetzt. Ihren großen Reiz bezog die Serie tatsächlich daraus, dass es “Menschen wie du und ich” waren, die sich plötzlich mit ihrem Anderssein konfrontiert sahen. Nun erleben wir quasi den Rückbezug: Den ersten X-Men ergeht es nicht anders, als den Menschen, die zu “Heroes” wurden. Zunächst scheint alles ein großes Abenteuer, und schließlich kann man mit den neuen Fähigkeiten auch einige coole Dinge anstellen. Doch umgekehrt stellen die jungen Mutanten auch fest: Sie sind anders als andere Menschen und fühlen sich aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Um diesen Konflikt dreht sich alles und im Mittelpunkt stehen der behütet aufgewachsene Charles X. Xavier, der an das Gute in den Menschen glaubt und Erik Lehnsherr, der den Holocaust, die schlimmste Form der menschlichen Ausgrenzung, miterleben musste. Es ist eine große Stärke von First Class, dass es nicht darum geht, bloß neue Mutanten mit immer dolleren Fähigkeiten abzufeiern, sondern dass die charakterliche Entwicklung der Jung-Mutanten im Mittelpunkt stehen. Für Fans der Film- und Comicreihe dürfte als kleiner Wermutstropfen gelten, dass sich nicht immer um Kontinuität zu den Vorgängern geschert wurde. Im Gesamtkontext der Reihe entstehen so nicht nur kleine, sondern teilweise gravierende Ungereimtheiten. So tauchte etwa die Mutantin Emma Frost als kleines Mädchen bereits im Wolverine-Film auf, der zeitlich allerdings nach den Ereignissen von “First Class” angesiedelt ist. Hier sehen wir sie allerdings als erwachsene Frau!? Diese Kontext-Fehler kann man aber verschmerzen, weil man bei “X-Men: First Class” feinstes Superhelden-Kino geboten bekommt, das Anspruch und Unterhaltung endlich wieder vereint.