Am heutigen Mittwoch (und damit wie immer etwas verspätet) staunte die deutsche Presse, wie Barack Obama den Einsatz gegen Osama bin Laden live aus dem War Room des Weißen Hauses verfolgte. In seltener Einmütigkeit (oder Eintönigkeit) titelten die großen Zeitungen BILD, Welt, SZ, FAZ mit Obama, wie er den Einsatz seiner Elite-Truppe verfolgte; fast alle sogar mit dem gleichen, von den PR-Strategen des Weißen Hauses raus gegebenen Bildes. Auch viele Regionalblätter zeigten, wie der US-Präsident den Einsatz verfolgte, in Strickjacke und Poloshirt, als würde er das Finale des Super-Bowl gucken. Fehlte nur noch das Popcorn. Dass der US-Präsident am Verlauf der von ihm genehmigten Mission, die zum größten Triumph seiner Amtszeit werden soll, Interesse zeigt, finden die hiesigen Medien offenbar höchst faszinierend. Mich hingegen überraschen die Bilder kaum. Ich habe sie sogar schon gesehen. Das Geschehen im War Room wurde den Fernsehzuschauern nämlich schon lange vorher in der Echtzeit-Agentenserie 24 präsentiert. Einmal mehr zeigt sich, dass keine Serie und kein Kinofilm den Kampf gegen den Terror so genau abgebildet hat, wie die acht Staffeln um den Superagenten Jack Bauer.
Mit Ausnahme der ersten Staffel, in der es um den schwarzen Präsidentschaftskandidaten
David Palmer geht, spielt die Person des US-Präsidenten in allen Staffeln eine große Rolle. Die Zuschauer sind mitten drin, wenn der mächtigste Mann der Welt entscheiden muss, ob ein Zeuge gefoltert wird, um an seine Informationen zu kommen, ob Zivilisten geopfert werden, um eine größere Katastrophe abzuwenden oder ob man zum (atomaren) Gegenschlag gegen einen vermeintlichen Terror-Staat ausholt. Und wenn Jack Bauer ins Feld zieht, um seine aberwitzigen Missionen zu erfüllen, ist Mr. oder Madame Präsident selbstverständlich am Monitor mit dabei und verfolgt live, wie den Feinden der USA von Bauer das Fell über die Ohren gezogen wird.
Die Serie ist nicht nur wegen ihrer Erzählweise sehenswert. Es ist immer wieder bemerkenswert, wie Realität und Fiktion im Fall von 24 korrespondieren. Ob es um eine schwarzen US-Präsidenten geht, den
Einsatz von Folter im Kampf gegen Terror, der Durchsetzung von härteren Anti-Terrorgesetzen, die vor allem gegen Muslime gehen: 24 hat viele reale Entwicklungen vorweg genommen. Das ging sogar soweit, dass sich US-Soldaten im Irak bei ihren Verhören angeblich auf
die Serie als Vorbild beriefen, die Fiktion über den Kampf gegen Terror also auf die Realität zurück wirkte. Es wurde sogar spekuliert, dass das Auftauchen eines
schwarzen US-Präsidenten in einer derart erfolgreichen Serie Obamas Erfolg mitbegünstigt hat.
Nun also sehen wir diesen schwarzen Präsidenten im War Room und sicherlich werden alle 24-Fans dabei an David Palmer gedacht haben, der die 24-USA über zwei Staffeln regierte und einer der beliebtesten Charaktere der Serie ist. Und es würde nicht überraschen, wenn auf der anderen Seite des Bildschirms ein realer Jack Bauer agierte, unaufhaltsam sich zu Osama bin Laden vorkämpfend. Dann plötzlich ein kurzer Bildausfall. Minuten vergehen wie Stunden, dann ist das Bild wieder da. Blechern klingt durch die Lautsprecher im Office die Stimme des Super-Agenten. “Bin Laden’s dead, Mr. President. He had a gun, I had no choice”, sagt sie im wohlvertrauten Soldaten-Duktus, dann wendet der Mann sich ab. Was wirklich passierte, wird nie jemand erfahren, aber wir 24-Seher haben so eine Ahnung. Aber was hat eine Fernsehserie schon mit der Realität zu tun…
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