Schon wieder das ZEIT-Magazin: Nach dem Modeheft der letzten Woche kommt jetzt das Medienheft mit großem Tamtam. Die ZEIT kündigt selbstbewusst an, die Zurückhaltung gegenüber Kollegen und sich selbst abzulegen. Achtung, jetzt wird’s heftig, soll das wohl heißen, der große Rundumschlag in Sachen Journalismus in Deutschland könnte jetzt folgen. Doch die deutsche Medienwelt kann aufatmen: Wenn das Sprichwort von den bellenden Hunden und dem Beißen stimmt, dann ist das ZEIT-Magazin einer von diesen kleinen, fiesen, rattengroßen Dreckskläffern, die von dicken, aufgedonnerten Frauen durch die Fußgängerzone geführt werden, alles und jeden anbellen, und bei denen einen immer der Drang überkommt, sie mit einem Fußtritt quer durch die Luft zu befördern.
Lange habe ich nicht mehr so ein belangloses Zeug zum Zustand des deutschen Journalismus gelesen. Selbstkritik wollen vier ZEIT-Journalisten üben, nur einer kriegt es irgendwie hin: Jörg Burger, der hinterfragt, ober eine übergewichtige Familie richtig dargestellt hat. Bei den anderen ist es eher selbstgefälliges Räsonieren darüber, ob man wirklich als ZEIT-Autor so geil ist, wie man immer dachte. Ergebnis: Eigentlich nicht, aber jetzt, wo ich mir das klar gemacht habe, eigentlich doch wieder. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als vorher.
Drei Zeitredakteure antworten dann auf Leserkritik. Marc Brost macht zumindest Vorschläge, wie man die eigene Arbeit transparenter machen könnte. Anna von Münchhausen und Jens Jessen hingegen gehen auf die perfideste Art mit Leserkritik um, die es gibt: Sie wenden die Kritik gegen die Kritiker. Aus 567 Leserbriefen zum Thema Guttenberg wählt die Autorin ausgerechnet einen aus, in dem ein offenkundig verwirrter Schreiber sich wünscht, dass es in Deutschland ein Mediengesetz wie in Ungarn geben müsse. Ist ja krass, was für Spinnereien Frau von Münchhausen so in ihrem Postfach hat, aber was hat eine Leserbrieffreakshow mit Selbstkritik zu tun? Die ZEIT verfährt mit ihren Lesern wie Deutschland mit Ausländern: Bevor wir dich integrieren, lern erstmal Deutsch, dann reden wir weiter. Jessen setzt dann immerhin noch einen drauf und erklärt alle, die das Feuilleton für elitär und abgehoben halten, für zu blöd, das elitäre und abgehobene Geschreibsel zu verstehen. Wenn die Aufgabe war, jegliche Zurückhaltung gegenüber den Lesern abzulegen: Das hat die ZEIT zumindest geschafft.
Die Geschichte über die BILD habe ich gar nicht erst gelesen: Fett gedruckt war das Zitat von Matthias Döpfner, das gefühlt in jedem Artikel über die BILD drin steht: Wer mit uns im Fahrstuhl nach oben fährt, wird auch von uns persönlich den Schacht wieder runter getreten, fährt auch mit uns wieder runter. Beim Überfliegen habe ich dann noch was von Charlotte Roche gelesen, die Geschichte wurde nun auch schon dutzendfach erzählt. Das ist natürlich richtig mutig von der ZEIT, sich für ihre Medienkritik das weicheste und einfachste Ziel zu suchen, das Deutschland zu bieten hat. Fehlte nur noch ein Text über RTL II, dann wäre das Heft richtig rund geworden.
Zum Schluss wird man dann als Leser noch mit der Geschichte über irgendein lokales Blog gelangweilt, das es geschafft hat, der Zeitung vor Ort Konkurrenz zu machen. Wann ging das Heddesheimblog an den Start? Ich weiß es nicht mehr, ist schon zu lange her. Zielsicher wurde hier jedenfalls das abgeschmackteste Thema zum Verhältnis Print/Online rausgesucht, das es gibt. Relevanz? Nullinger. Das ist keine Selbstkritik, das ist eine Zustandsbeschreibung.
Mit diesem Heft wird leider so ziemlich alles bestätigt, was man an Negativem über Medienkritik sagen kann: Dass Journalisten Angst vor Kollegenschelte haben, dass die Augen vor den wirklich krassen Fällen verschlossen werden und dass man letztlich keinen Bock hat, eigene Verfehlungen offenzulegen. Weiß nicht, wessen schlechtes Gewissen die Redaktion damit beruhigen wollte, aber wenn die Kollegen dieses Thema irgendwann noch mal angehen wollen, fangen sie am besten mit diesem Heft an.
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