Frischer Wind statt Journalismus: Ich mach jetzt was mit YouTube

Hier ist die Luft verbraucht, das Atmen fällt mir schwer.
Bye-Bye, ich muss hier raus, die Wände kommen näher.
Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht.
Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.
(Peter Fox, “Alles neu”)

Hätte man mich noch vor fünf, ach was sag ich, vor zwei Jahren gefragt, ob ich mir PR vorstellen könnte, hätte ich mit einem entschiedenen NEIN geantwortet. Ein Jahr Freiberuflichkeit und eine Familie später sehe ich das nicht nur anders. Ich mache es auch anders und beglückwünsche mich selbst zu meinem neuen Job bei Mediakraft. Dort übernehme ich jetzt genau das, was ich eigentlich nie wollte: die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Journalismus, bitte um die Erlaubnis, von Bord gehen zu dürfen!

Zunächst mal ein paar kurze Worte zu der neuen Stelle. Es ist – glaube ich – einer der coolsten Medienjobs, den man derzeit haben kann. Mediakraft ist das reichweitenstärkste YouTube-Netzwerk Deutschlands, bei dem unter anderem Y-Titty, Ponk, Fresh Torge, LeFLoid und Daaruum dabei sind – neben mehr als 180 weiteren YouTubern, die alle zu den Besten ihres Genres gehören. Das mag dem ein oder anderen jetzt nur wenig sagen. Nun, das zu ändern, wird eine meiner neuen Aufgaben sein. YouTube ist das bestimmende Medium für die Jugendkultur dieser Generation, es wird also einen Riesenspaß machen. Hey, ich bin jetzt bei Viva! (Also dem coolen 90er-Viva mit Stefan Raab und Heike Makatsch und Enie van de Meiklokjes)

Dem Journalismus kehre ich damit also erstmal den Rücken. Ehrlich gesagt: ohne schlechtes Gewissen. Daniel Drepper hat gerade erst geschrieben, es sei “die geilste Zeit Journalist zu werden”. Nun, aus Daniels Perspektive stimmt das. Schließlich ist Daniel auch einer der geilsten Journalisten dieser Zeit. Fußballdoping.de ist ein super Projekt, seine Recherchen zur Medaillenvorgaben des DOSB und des BMI waren ebenso beispielhaft wie bahnbrechend und haben nichts weniger verändert als die Art und Weise, wie in Deutschland über Leistungssport diskutiert wird. Und Daniel ist noch nicht mal 30. Geil!

Es gibt aber auch die ungeile Seite, die gerade zum Beispiel die Redakteure der Westfälischen Rundschau erleben müssen. Oder der FR oder FTD; und es werden weitere folgen, die Journalismus 2013 irgendwie überhaupt nicht geil finden. Ich sage ganz ehrlich: Wer jetzt noch Journalist als Berufsziel angibt, ist entweder unverbesserlicher Idealist (was gut ist!) oder nicht mehr ganz richtig im Kopf. Wir erleben gerade, wie ein Beruf zum Hobby degeneriert. Es wird natürlich eine Elite geben, die dank einer (nicht gut bezahlten) Festanstellung als Redakteur leben kann – eine Familie ernähren ist eine andere Sache. In den Urlaub fahren oder eine Auto bezahlen auch. Ansonsten wird der Journalismus der Zukunft von Studenten betrieben, die von den Eltern finanziert werden und deshalb nicht aufs Geld gucken müssen. Andere werden ihn sich querfinanzieren mit PR oder kellnern oder was weiß ich. Und schließlich wird es welche geben, die einen gut bezahlten Beruf ausüben, aber nebenher immer noch Zeit finden, ein Blog zu betreiben oder mal ein paar schlaue Zeilen für irgendwelche Portale zu dichten. Die letzten Inseln des hauptberuflichen Journalismus werden irgendwann der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk und ein paar wenige überlebende Verlags-Dinos sein. Dahinter, darunter und drumherum: Leidenschaftlich gepflegtes Amateurtum.

Bei mir persönlich kommt dazu: Meine Motivation für diese so genannten alten Medien zu arbeiten, nahm doch recht rapide ab in den letzten Monaten. Wer mag sich noch bei einem Regional-Verlag auf einen höchst wackligen Redakteursstuhl setzen? Wer mag sich noch in den zersetzenden Konkurrenzkampf um einen der wenigen begehrten Arbeitsplätze bei ARD und ZDF stürzen? Und wer hat überhaupt Lust auf privaten Rundfunk? Mein Bauch sagt mir, dass das, was bei Mediakraft passiert, in die Zukunft geht. Und weil ich gerade so wegen der miesen Bezahlung rumgeätzt habe: Reich werde ich bei MK auch nicht. Jedenfalls nicht heute. Aber die Zukunft gehört nicht den RTLs und ARDs und Pro7s. Und den Zeitungsverlagen erst recht nicht. In diesem Sinne:

Der Hobbit: Buch und Film im Vergleich

ACHTUNG: Enthält Film und Buch-Spoiler zum Kleinen Hobbit:

Über Weihnachten hatte ich die Gelegenheit, den Hobbit im Kino zu sehen. Ich sah ihn in 3D, 24 Frames in einem recht kleinen, schäbigen Kino, was zumindest von dieser Seite keine besonders schöne Erfahrung war. Es ist definitiv ein Film für den Big Screen. Aber er brachte mich dazu, das Buch noch mal zu lesen. Zuletzt hatte ich das vor geschätzt 15 Jahren getan. Wie sich herausstellen sollte, hatte ich so ziemlich 90 Prozent der Handlung vergessen. In meiner Erinnerung bestand die aus Hobbit – Zwerge – mehr Zwerge – Zauberer – Trolle – Orks – Gollum – Ring – Berg – Drache – Orks – Ende. Zumindest für den Film wäre das vielleicht sogar die bessere Vorlage gewesen.

Der ist nämlich laaaaaang. Seeeeeehr laaaaang. Es passiert gerade am Anfang wenig, und das in epischer Breite. Erst ab dem Moment, ab dem Gollum ins Spiel kommt, nimmt die Geschichte mächtig Fahrt auf und entwickelt sich zu einem packenden Fantasy-Film, der es mit den Herr der Ringe-Filmen aufnehmen kann. Das größte Problem des Films ist sicherlich: Wo Peter Jackson für die erste Trilogie sich noch das beste aus dem Buch pickte und zu einem packenden, neuen Ganzen verwob, verhält es sich beim Hobbit umgekehrt.

Um den auf Länge zu kriegen, ist wirklich Alles, und ich meine Alles, was sich zumindest in den ersten paar Kapiteln abspielt, im Film drin. Und noch mehr. Tatsächlich hat Jackson sich die Freiheit genommen, die Geschichte noch mehr auszuschmücken (Was eine gute Geschichte erst ausmacht, wie Gandalf im Hobbit einmal wohl nicht ganz zufällig bemerkt). Neue Storylines, neue Charaktere, mehr Hintergründe zu den bestehenden Charakteren; der ganze Film wird aufgeblasen wie ein schlaffer Luftballon, der jetzt allerdings kurz vor dem Platzen steht.

Womit wir zum Buch kommen, das sich heute, gut 80 Jahre nach der Veröffentlichung seltsam holprig liest, dafür dass es eines der Fantasy-Klassiker ist. Fast liest es sich wie eine Sammlung Kurzgeschichten, die durch eine etwas halbgare Queste um einen sagenhaften Drachenhort zusammengehalten wird. Insofern sind einige der Veränderungen, die Jackson vorgenommen hat, sogar zum besseren. Insbesondere der Charakter Thorin Eichenschild wird in Tolkiens Buch, wie fast alle der 13 Zwerge, seltsam lieblos behandelt. Er wirkt mürrisch, eigensinnig und gierig, insgesamt wenig sympathisch. Und schon gar nicht ist er der charismatische, heldenhafte Anführer und Zwergenkrieger, zu dem Jackson ihn gemacht. Insgesamt empfand ich Thorin als eine der besten Figuren des Films, auf jeden Fall auf Augenhöhe mit Gandalf und Gollum.

Bei 13 Zwergen ist es natürlich auch im Film schwer, allen Tiefe und Hintergrund zu verleihen. Doch die Tapsigkeit und Lieblosigkeit, mit der Tolkiens sie im Buch durch Mittelerde stolpern lässt, wirkt heute wenig zeitgemäß. Eher erinnern sie an die zipfelbemützten Zwerg grimmscher Prägung als an mutige Krieger und Schmiedekünstler. Überhaupt erweist sich Tolkien im Hobbit nicht als großer Virtuose der Charakter- und Plotentwicklung. Das Aufeinandertreffen mit dem großen Drachen Smaug, das über 200 Seiten aufgebaut wird, gerät geradezu enttäuschend knapp. Immer wieder zaubert Tolkien urplötzlich neue Figuren aus dem Hut, die dann auf einmal tragende und entscheidende Rollen für die Geschichte spielen. Die einzige Figur, mit der man sich identifizieren kann, ist Bilbo, alle anderen erscheinen mehr oder weniger als Vehikel, die aber letztlich austauschbar sind. Hier dürfen wir auch in den kommenden Filmen erwarten, dass Jackson da ordentlich Feinschliff vornehmen wird.

So scheint mir ein Problem des langen, sperrigen Films tatsächlich die kurze, sperrige Vorlage zu sein, die Jackson an einigen Stellen verbessert, an anderen verschlimmbessert hat (Radergast!). Empfehlen würde ich den Film übrigens trotzdem. Man sollte sich nur ein größeres Kino als ich dafür aussuchen.

YouTube-Originals: Das können die neuen Kanäle

Seit kurzem laufen auf YouTube auch in Deutschland die Original-Channels. Das sind von YouTube geförderte und von großen Produktionsfirmen gemachte YouTube-Kanäle, mit denen die Videoplattform sich als Alternative zum Fernsehen weiter profilieren will. Insgesamt gibt es in Deutschland bislang 12 Original-Kanäle. An Bord sind Endemol, UFA-Film; also durchaus etablierte Unterhaltungsgrößen. Es sollte aber nicht verwundern, dass der bislang erfolgreichste Original-Kanal “Ponk” von Mediakraft auf den Weg gebracht wurde. Das größte deutsche YouTube-Netzwerk hat das meiste Know-How und die besten Kontakte in die YouTuber-Szene. Die für den Durchschnitts-Deutschen eher semilustige Comedy-WG “Ponk” erreicht inzwischen mehr als 220.000 Abonennten und bietet genau das, was der Durchschnitts-YouTuber erwartet: Anarcho-Comedy, Gaming und Real Life; wobei nicht immer klar ist, welches Video jetzt wo einzuordnen ist.

Ebenfalls gut dabei ist die Auto-Show Motorvision mit derzeit knapp 40.000 Abos, der Rest hat (viel) Luft nach oben. Wenn man sich durch die Kanäle durchklickt, stellt man vor allem eins fest: Es wird noch viel ausgestestet. Bei dem Kino-Kanal “Shortcuts” (3.200 Abos) fragt man sich, wie jemand wie Nilz Bokelberg mit seiner Erfahrung in Sachen Unterhaltung so langweilig sein kann. Den meisten Videos fehlt definitiv Pfeffer im Hintern. Klassische Nerd-Falle, würde ich sagen.

Wer sich aber die Mühe macht, durch die Kanäle zu klicken, findet fast überall nette, kleine Perlen, die zeigen, wie es gehen könnte. Der “Survival Guide for Parents” (magere 650 Abos) ist im Großen und Ganzen nett gemacht, dürfte aber noch ein paar Jahre brauchen, bis er durch die Decke geht. Bis die YouTube-Generation eigenen Nachwuchs in die Welt setzt, dauert es wohl noch etwas. Der Versuch, diese Gruppe dennoch zu erreichen, zeigen Gaga-Videos wie “Kotze & Kacke selbermachen”, die neben ernstgemeinten Ratschlägen zum Thema Cybermobbing stehen. Ob ich diese Videos gemeinsam mit meiner Tochter gucken würde? Ich weiß es nicht…

Das Team von “High 5″ (ordentliche 50.000 Abos) trifft schon eher den Nerv der Community. Wären wir in den 90ern, würde High 5 vermutlich bei Viva laufen und von Nilz Bokelberg in dünn und spaßig moderiert werden. High 5 hat auf jeden Fall das Zeug, sich auf YouTube zu etablieren.

Interessant ist auch das Format “Trigger”, das sich rund um das Thema Kriminalität dreht. Mit Lawblogger Udo Vetter hat man schon mal einen echten Netz-Veteranen an Bord; ob er seinen Erfolg als Blogger bei YouTube wiederholen kann, wird spannend zu beobachten. Ebenfalls sehr gelungen finde ich die animierten Graphic Novels zu Serienkillern. Allein die hätten mehr als die derzeit 4200 Abonennten verdient.

In eigener Sache: Buchtipp “Menschen machen Medien” – Und ich und @fiene und @gutjahr auch

Menschen machen Medien, erschienen beim Daedalus-Verlag

Menschen machen Medien, erschienen beim Daedalus-Verlag

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich meinen Job bei der Rhein-Zeitung als mobiler Reporter aufgegeben habe. Aber nicht nur deshalb musste ich zuletzt wieder an diese schöne Zeit zurückdenken. Der freie Journalist und Medienausbilder Jochen Reiss hat eine Reportage über das Berufsbild des Mobilen Reporters geschrieben, mit mir als Protagonisten. Erschienen ist sie neben vielen anderen in dem Buch “Menschen machen Medien”, dass ich auch empfehlen würde, wenn ich nicht darin vorkäme.

Immerhin stehe ich dort als kleine Weihnachtskerze neben einigen sehr hellen Christbäumen des Journalismus. Die Vorzeigefiguren der deutschen Webszene Daniel Fiene, Richard Gutjahr und Bildblogger Lukas Heinser werden genauso porträtiert wie Rolf-Dieter Krause, Studioleiter der ARD in Brüssel, die Kindernachrichtenschreiberin der dpa, Susanne Goldstein, und Jutta Stiehler, die “Frau von Dr. Sommer”, wie es in der Überschrift heißt. Insgesamt werden 32 ganz verschiedene deutsche Medienmacher von Reiss porträtiert. Ich kenne kein Werk, in dem man die ganze Vielseitigkeit des Berufs “Journalist” so lebendig und gleichzeitig kompakt geliefert bekommt. Seinen Reiz bezieht das Buch daraus, dass jeder Protagonist in einer Reportage vorgestellt wird. Man erlebt Journalismus buchstäblich da, wo er passiert. Das Ganze ist nicht als Lehrbuch geschrieben, taugt aber (gerade deswegen?) dafür. Es gibt keine Praxis-Tipps, keine Goldenen Regeln, keine Do’s and Don’ts. Aber es ist Anschauungsunterricht und Inspiration für jeden jungen (und sicherlich auch älteren) Kollegen.

Wer also für einen Journalistenkollegen noch ein nettes Weihnachtsgeschenk braucht, kann ja über dieses Buch nachdenken. Amazon versendet ja flott. Über Meinungen und Rückmeldungen dazu freue ich mich hier natürlich.

Merry Christmas with @numberphile: Wie 2 Kids mit einem YouTube-Video 680 Euro verdient haben

Weil es gerade in die Zeit passt, eine etwas verrückte, aber sehr nette und herzerwärmende, kleine YouTube-Geschichte, die mit Nudeln, Zahlen und zwei sehr netten Kids aus England zu tun hat. Der Video-Journalist Brady Haran macht seit langem sehr schöne Wissenschaftsvideos auf YouTube, darunter die besonders schöne Numberphile-Serie. Für eine Folge davon ließ er zwei Nachbarskinder relativ widerlich anmutende Dosen-Nudeln sortieren. Die Gegenleistung dafür durften sie sich aussuchen. 4 Pfund für jeden bar auf die Hand.
Oder: Das Stück braunes Papier, auf dem sie die Nudeln gezählt hatten, wird bei Ebay versteigert und sie bekommen alles von dieser Auktion. Die Kids wählten weise und entschieden sich für Ebay. Nach Abzug aller Gebühren blieben ihnen 550 Pfund, das sind etwa 680 Euro. Was die beiden Nudelzähler mit der Kohle angestellt haben, kann man hier sehen.

680 Euro für einen Fetzen Papier: Die zwei werden definitiv ein schönes Weihnachtsfest haben in diesem Jahr. Ersteigert wurde es übrigens von einem Australier. Ist es nicht schön, wie das Internet dazu in der Lage ist Menschen auf der ganzen Welt zu verbinden und zusammenzubringen?

Mein erstes Mal: Re-Publica 2013 #rp13

Bis jetzt ist sie immer mehr oder weniger an mir vorbeigezogen. Im nächsten Jahr will und werde ich dann bei der siebten Auflage endlich mal dabei sein: Bei der größten… Ja, was eigentlich? Blogger-Konferenz, Nerd-Versammlung, Laber-Runde, Internet-Klassentreffen des Jahres? Man kann die Re-Publica nennen wie man will. Auf jeden Fall soll es ja ein Riesenspaß sein und ich werde ihn mir geben. Ich freue mich schon drauf. Vom 6.-8. Mai in Berlin.

RP13

Crowdfunding auf der Meta-Ebene: Das Projekt “Unterwegs mit…” von @jsachse und @_catenaccio

Journalisten interviewen Journalisten, klingt erstmal ziemlich langweilig. Die kleine, feine Interviewreihe “Unterwegs mit…” von Jonathan Sachse und Jens Peters ist trotzdem ein sehr schönes Projekt. Gerade haben die beiden die zweite Staffel ihrer Serie gestartet. Nach Ronny Blaschke treffen sie nun den ehemaligen Sportchef des Deutschlandfunks, Herbert Fischer-Solms, am Point Alpha am ehemaligen Grenzstreifen zwischen BRD und DDR.

Dass es Interesse daran gibt, belegen die 31 Unterstützer – ich war übrigens einer davon – auf StartNext. Mit der Crowdfunding-Plattform haben Jens und Jonathan einen Teil ihrer Unkosten decken können. Damit haben sie etwas geschafft, was hierzulande noch in den Anfängen steckt: Ein journalistisches Projekt via Crowdfunding zu finanzieren. Wie ihre Erfahrungen damit waren, habe ich sie im Interview gefragt.

Mehr Meta-Ebene geht nicht, glaube ich: Ich interviewe Journalisten, die Journalisten interviewen. Ist das nötig, dass wir immer so um uns selbst kreisen?
Jonathan: Genau den Punkt habe ich im Rahmen unserer Produktion immer wieder gehört. Auch in den Kommentaren zu unseren Blogs kam das immer wieder, warum wir jetzt schon wieder Journalisten interviewen müssen. Der Ansatz war, dass wir nur Sportjournalisten interviewen wollen. Mittlerweile sind wir schon soweit, dass wir es eventuell auflockern wollen und nicht nur Journalisten zu Wort kommen lassen. Ich habe aber das Gefühl, dass das keine Personen sind, die groß in der Öffentlichkeit auftauchen, außer dadurch, dass sie selbst Dinge öffentlich machen. Und das war der erste Gedanke: Leute, die nicht groß in Videos oder im Fernsehen auftauchen, mal kennen zu lernen.

Erklärt doch noch mal, wie das Format entstanden ist.
Jens: Es muss Anfang des Jahres gewesen sein. Jonathan hatte in so einer Art Jahresrückblick in seinem Blog geschrieben, dass er mal was in Richtung Video machen würde, gerne auch ein Interviewprojekt. Und genau das wollte ich zu der Zeit auch machen. Ich hab mich dann bei ihm gemeldet und wir haben uns erst mal telefonisch ausgetauscht. Dann haben wir eine Nullnummer gedreht, mit Ronny Blaschke die erste Folge, und jetzt sind wir bei Herbert Fischer-Solms mit der zweiten.
Jonathan: Es war auch so, dass wir uns bis dahin gar nicht kannten. Wir haben vielleicht mal gegenseitig die Blogs mitgelesen. Aber die Zusammenarbeit hat schnell funktioniert.

Warum habt ihr euch für Sportjournalisten entschieden? Seid ihr Fanboys, die damit auch mal ihren Idolen näher kommen wollten?
Jonathan: Auf das Wort Fanboys reagiere ich ein bisschen allergisch. Diese Leute mal persönlich kennen zu lernen, war nur ein vierter oder fünfter Gedanke. Sportjournalisten haben wir deshalb genommen, weil wir die Themen spannend finden, die wir mit ihnen besprechen können. Bei Herbert Fischer-Solms zum Beispiel die Themen DDR-Sport und Doping.
Jens: Es ist ja auch so, dass Sportjournalisten durchaus was zu erzählen haben. Wir unterhalten uns ja nicht über den Beruf und die Methoden, sondern es geht um Schwerpunktthemen. Bei Ronny Blaschke war das die Geschichte vom “Angriff von Rechtsaußen”: Wie unterwandern Rechtsextreme den Amateursport und jetzt eben die Bereiche DDR und Doping. Das sind Themen, die über den Journalismus hinaus interessant sind und eine breitere Zielgruppe ansprechen.
Jonathan: Ich kann mal ein Beispiel aus der aktuellen Folge erzählen. Da gibt es eine Passage, in der wir beiden Journalisten uns mit Herbert Fischer-Solms speziell über Sportjournalismus unterhalten. Das war der Punkt, an dem wir beide gedacht haben: Das ist jetzt eher eine Nerdgeschichte und wirklich nicht spannend. Erst wollten wir das nur als Special bringen oder nur für die Leute, die auch bei StartNext eine DVD bestellt haben. Davon sind wir jetzt weg, weil es schon wichtig ist, wie diese Person Sportjournalismus definiert. Aber der Schwerpunkt soll sein Thema sein, in dem er sich auskennt.

Für welche Zielgruppe macht ihr die Interviews?
Jens: Die Zielgruppe sind wir natürlich selber, weil wir gerne so ein Videoprojekt machen wollten. Darüberhinaus sind es natürlich unsere Blogleser. Die interessieren sich sicherlich für diese Themen, bei Jonathan vielleicht ein paar mehr als bei mir.
Jonathan: Bei Jens finde ich es spannend, dass er bei sich Leute hat, die sich mehr auf die ganze Kamerageschichte konzentrieren: Wie machen wir den Schnitt, was haben wir grundsätzlich für eine Konzeption? Da gucke ich immer gerne rein.

Aber es ist schon ein sehr spezielles Projekt mit einer kleinen, feinen Zielgruppe. Die YouTube-Zahlen sind auch überschaubar. Wie motiviert ihr euch dafür?
Jonathan: Bei mir persönlich ist es, dass ich mich einfach mal vor der Kamera ausprobieren möchte. Und ich hatte Lust auf eine Videoserie ohne Auftraggeber, ohne externe Vorgaben und Schranken. Das allein ist schon Motivation. Ich betrachte das als ehrenamtliches Projekt, wo vielleicht langfristig was rausspringen kann. Aber ansonsten geht es darum, was zu machen, worauf man Bock hat, ohne dass es gleich ums Geld verdienen geht.
Jens: Das geht mir ähnlich. Ich möchte mich gerne im Umgang mit der Kamera professionalisieren. Und das können wir auf diese Weise ohne Auftraggeber ausprobieren. Wobei: Jetzt sind wir natürlich schon mehr verpflichtet, weil die Leute uns für die aktuelle Folge Geld gegeben haben.

Ihr habt es beide angesprochen, reden wir also mal übers Geld: Ihr habt die zweite Episopde über StartNext finanziert. Die bescheidene Summe von 300 Euro wolltet ihr haben, um Reisekosten decken zu können. Wie waren jetzt eure Erfahrungen damit?
Jonathan: Es ist kein Selbstläufer. Den Aufwand und die Zeit haben wir unterschätzt. Man muss auch bei 300 Euro das Ding vernünftig angehen, damit die Leute angeregt werden, das Geld zu geben. Was ich aber jetzt schon merke, ist, dass die Nutzer durch das Crowdfunding viel stärker eingebunden werden. Die Reaktionen auf den Trailer waren deutlich besser als bei der ersten Folge.

Wie seid Ihr damit klar gekommen, als Bittsteller aufzutreten?
Jens: Klar, das ist erstmal eine komische Sache, um das Geld zu bitten. Auch wenn sich 300 Euro nicht viel anhört und auf diesen Crowdfunding-Plattformen oft ganz andere Summen gefordert werden. Aber man spürt schon die Verantwortung, mit diesem Geld auch was Vernünftiges anzustellen.

War es ein Vorteil, dass es nur eine kleine Summe war?
Jens: Ganz bestimmt. Wenn wir um 1000 Euro gebeten hätten und uns unsere Arbeit damit quasi hätten bezahlen lassen, wäre es was ganz was anderes gewesen. Da stellt sich die Frage, ob wir schon so weit sind, das überhaupt machen zu können. Jetzt ist es so: Wir wollen uns ausprobieren und es wäre schön, wenn wir nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Das haben wir bei dieser Folge tatsächlich geschafft. Das ist super. Und es steigert natürlich die Motivation weiterzumachen, und es beim nächsten Mal wieder ein Stückchen professioneller zu machen.

Gab es irgendwas, was die Spender besonders motiviert hat?
Jonathan: Wichtig sind die Bonusgeschichten, die man sich ausdenkt. An den unterschiedlichen Stufen kann sich der User bei seinen Spenden gut orientieren. Wir haben zum Beispiel für zehn Euro angeboten, dass dann Name und Website von uns genannt werden. Es gab zwar auch welche, die gesagt haben, dass sie gar nicht wollen, dass die Seite genannt wird oder dass sie gar keine Website haben. Aber an sich war die Stufe zehn Euro ganz gut, weil die Leute dann gesagt haben: “Na gut, dann krieg ich noch einen Link auf mein Blog.” Der Spendenverlauf war aber relativ kontinuierlich. Es kam immer was rein.
Jens: Genau. Es lief drei Wochen. In der ersten kamen vielleicht 100 bis 150 Euro rein, in der zweiten etwas weniger und in der dritten haben wir dann noch mal Werbung über Facebook und Twitter gemacht und dann hat es auch geklappt.

Habt ihr denn jetzt Blut geleckt und geht beim nächsten mal auf 500 Euro hoch, vielleicht auch um in der Produktion noch mal was draufzulegen, oder war das ein einmaliges Experiment?
Jonathan: Das hängt sicherlich auch vom nächsten Gast ab. Wir haben zum Beispiel Michael Steinbrecher angefragt, bei dem könnte ich mir vorstellen, dass es wieder geht. Unser Ansatz soll aber bleiben, dass wir die Unkosten erstattet bekommen. Und ob wir dann noch jemanden für den Ton holen, würde auch von der Location abhängen. Wenn wir jetzt in Berlin oder bei Jens in der Ecke drehen, hätte nur einer Fahrtkosten. Dann könnte man sicherlich überlegen, ob man noch jemanden dazuholt.

Welches Potenzial gebt ihr Crowdfunding denn allgemein für journalistische Projekte?

Jonathan: Ich glaube, wenn man den Leuten ein konkretes Ziel nennt, so dass sie genau wissen, was sie erwartet, ist das auch für journalistische Projekte das Richtige. Es ist schwierig, wenn es sehr theoretisch bleibt. Bei Startnext läuft gerade eins von Radio München, die wollen 14.500 Euro für die Konzeptionserstellung. Das finde ich schwierig, weil ich nicht weiß, ob am Ende nicht trotzdem ein Radio rauskommt, was es schon tausendmal gibt. Bei uns konnten die Leute sich die erste Folge schon angucken und sehen, wo es ungefähr hingeht. Auch bei Rechercheprojekten finde ich es genau das Richtige, wenn man es kommunizieren kann, ohne dass es ein Eigentor gibt. Aber wenn man sagt: Wir müssen Akten besorgen, dafür verlangen die Behörden 500 Euro, dann wissen die Leute, wo ihr Geld hingeht. Größere Summen sind aber schwierig. Außer bei Filmprojekten funktioniert das im Journalismus nicht, glaube ich.

Wer wissen will, wie ich die Zitate von Jens und Jonathan verdreht und aus dem Kontext gerissen habe, kann hier das komplette Gespräch nachhören. Darin gibt es auch noch ein paar Extrainfos, zum Beispiel was sie gemacht hätten, wenn das Geld nicht reingekommen wäre und mit welcher Technik sie ihre Videos produzieren. Guckt in die Anmerkungen zum Talk, da findet ihr alles.

Wie und warum jetzt die Paywalls kommen – und wieder verschwinden

Zuletzt hatte ich ja geschrieben, warum ich nicht glaube, dass Paywalls eine Lösung für die Krise der Zeitungen sind. Ich habe in den letzten Tagen intensiv für das Medium Magazin dazu recherchiert und auch mit vielen Verlagen und Zeitungen über ihre Paywall-Pläne geredet. Gleichzeitig haben sich viele kluge Blogger ebenfalls zu dem Thema geäußert. Hier möchte ich jetzt meine Gedanken zu dem Thema zusammenfassen:

1. Die Paywalls werden kommen, das ist so sicher wie das “One more thing” bei Apple. Pläne dafür haben alle Verlage in der Schublade, die Frage ist nur, wann sie damit rauskommen. Viele werden jetzt sicherlich abwarten, was mit Springers Welt.de passiert, wenn die in wenigen Tagen bis Wochen kommt (sie soll noch 2012 kommen). Wer sich zu früh einmauert, riskiert natürlich, von den Nutzern auch als erster abgestraft zu werden. Wer zu spät loslegt, lässt Geld liegen. Denn das kann man schon mal sagen, nachdem Medien wie Hannoversche Allgemeine, Hamburger Abendblatt oder Volksfreund erste Erfahrungen gemacht haben: Es gibt Nutzer, die zahlen. Es sind nicht viele, aber sie tun es. Gleichzeitig bleiben dank Google-Schlupflöchern und Frei-Zugang für Print-Abonennten die Nutzerzahlen hoch genug, dass nicht die Anzeigenerlöse abrauschen. Was man mit Paywalls verdient, kommt on-top – auch wenn es nicht viel ist.

2. Der Ton wird die Musik machen. Auch deshalb warten viele wohl noch ab: Sie wollen gucken, wer seine Leser am besten von welchem Modell überzeugen kann. Vor diesem Hintergrund ist besonders die Taz-Variante sehr spannend, die ihr System Freiwilligkeit/Crowdfunding jetzt forciert. Die erste Bilanz der Tageszeitung fällt nach eigenen Angaben positiv aus. Die User-Kommentare mögen ein anderes Bild widerspiegeln, aber es ist wohl auch bei der taz so, dass eher affektgesteuert kommentiert wird. Dass man in das System Freiwilligkeit allerdings (noch) keine allzugroßen Hoffnungen setzen sollte, verdeutlicht dieser Kommentar von Sebastian Heiser: Nicht mal ein Prozent der Taz-Ausgaben werden von den User-Spenden gedeckt. Dass man als Medium allerdings besser fährt, wenn die Leser zahlen, weil sie es wollen, hat schon diese Studie zur New York Times gezeigt. Das muss natürlich glaubwürdig kommen. Da hat es die Taz sicher leichter als der Mega-Verlag Springer, der in diesem Jahr laut Manager-Magazin wieder einen Rekordumsatz machen wird. Umso mehr bin ich auf dessen Kommunikationsstrategie in Sachen Paywall gespannt. Ein “Zahlen jetzt, basta!” wird sicher nicht reichen.

3. Bezahlinhalte werden die Redaktionen fordern. Was im Moment bei den meisten Medien online geboten wird, ist zuwenig, um ernsthaft neue Leser zu gewinnen. Und das muss schließlich das große Ziel aller Medien sein. Print-Abonennten wird verständlicherweise freier Zugang zur Webseite gewährt, wenn also was reinkommen soll, muss man Leute gewinnen, die von einem Medium online so überzeugt sind, dass sie freiwillig einen digitalen Zugang bezahlen. Das ist viel schwerer, als ein Zeitungsabo zusammen mit einem Radiowecker zum Probepreis zu verticken. Ein Online-Abo wird auch nicht von den Eltern an den Sohnemann verschenkt, der jetzt mit Frau und Kind eine Straße weiter im Dorf lebt. Online-Leser muss man sich verdienen, und zwar jeden einzelnen. Scoops und investigative Geschichten, wie von Thomas Knüwer gefordert, helfen da sicherlich, sind aber meiner Meinung nur die Sahne auf dem Kuchen. Was viel mehr helfen würde, wäre ein nützlicher Internetauftritt, also einer, den ich im Alltag wirklich gebrauchen kann. Wenn ich morgens beim Frühstück auf meinem Tablet die Seite aufrufe, will ich als erstes lesen, ob ich pünktlich zur Arbeit durch den Verkehr komme und ob ich einen Regenschirm oder Sonnencreme brauche. Wenn ich danach lese, dass Kita-Plätze fehlen, will ich von der Zeitung eine Auflistung der bestehenden Einrichtungen und Alternativen wie Tagesmütter, inkl. Kontaktdaten. Wenn der Skaterladen in der City Ausverkauf hat, will ich das rechtzeitig zur Mittagspause erfahren, inklusive Bewertung, welche Klamotten die besten Schnäppchen sind. Wenn die Putzfrauen in der Schule streiken, will ich, dass die Zeitung online nach Freiwilligen fahndet, die nachmittags beim Aufräumen helfen – die Fotogalerie mit allen Helfern gibt’s dann zur Reportage dazu. Ich will eine ständig aktualisierte Übersicht über die Preise beim Wochenmarkt, am besten mit Foto und Kurzporträt von jedem Stand dazu. Wer sowas alles leisten soll? Das fragen Sie am besten Ihren Verleger.

4. Paywalls sind unattraktive Insellösungen. Ja, wir werden jetzt eine zeitlang mit Ihnen zu tun haben. Und sie werden kolossal nerven. Aber sie werden schnell wieder verschwinden. Eine zeitlang werden es sich einige Verlage hinter ihren Mauern schön gemütlich machen. Aber dann werden vor allem die kleinen und mittleren feststellen, dass es ganz schön einsam auf einer Insel werden kann, wenn nie ein Schiff oder wenigstens ein kleines Floß mit Gestrandeten anlegt. Und dann werden sie feststellen, dass man als kleine Insel irgendwo im Ozean ganz schön abstinkt, wenn die Nutzer auf riesigen Kontinenten namens Google News, Facebook oder Apple wandeln können. Dann werden einige Medien sich umgucken und feststellen, dass sie ja nicht die einzige Insel sind. Sondern dass es um sie herum ganz viele gibt. Und wenn aus vielen Inseln eine Inselkette wird, mit ganz vielen tollen Freizeitangeboten, Inselhopping, Para-Gliding und Power-Boat, dann sieht das auf einmal wieder viel attraktiver aus. Also werden sich einige zusammenschließen und die Nutzer zum All-Inclusive-Trip einladen. Die dürfen dann einmal bezahlen, je nachdem wie lange sie bleiben wollen, und dafür machen wie sie wollen, sich auf der einen Insel die leckeren Cocktails reinhauen und auf der anderen das Actionboot fahren. Und keiner von den Inselhäuptlingen ist böse, wenn mal ein Nutzer rüber zur anderen Insel fährt, schließlich verdienen ja alle daran. Die richtig schlauen Inselhäuptlinge empfehlen den Nutzern sogar, doch auch mal bei den Nachbarn vorbeizuschauen, weil die richtig tolle Sachen im Programm haben. Wahrscheinlich wird es auch ein paar Häuptlinge geben, die keine Lust auf die Inselkette haben und sich weiter einmauern werden. Auch die werden ihre Nutzer finden. Nur, dass die dann ausschließlich aus Atlantis kommen.

Journalistentag NRW: Ausstellung der lebenden Fossilien. #jnrw12

Als lebende Fossilien werden biologische Arten oder Artengruppen (Taxa) bezeichnet, die ihren Bauplan seit oftmals Hunderten von Jahrmillionen nur sehr wenig verändert haben. Häufig haben sie einmal weite Bereiche unseres Planeten besiedelt, kommen jedoch heute nur noch in wenigen Regionen vor (Reliktvorkommen). (aus Wikipedia, 26.11.2012)

Brückenechse

Ein Mitarbeiter des WAZ-Verlags auf der Suche nach einem Überlebensrezept. (Bild: Wikimedia Commons)

Die Krise der Zeitungen, sie war auch beim Journalistentag des DJV NRW allgegenwärtig. Wer allerdings die Zeitungsmacher bei den Panels reden hörte, bekam einen guten Eindruck davon, wie diese Krise ihren Anfang nahm. Und warum sie vermutlich weitergehen wird. Vor allem der WAZ-Verlag hinterließ bei mir einen verheerenden Eindruck: So sieht also der Überlebenskampf einer vom Aussterben bedrohten Art aus.

Da saß ein Mann namens Thomas Lau auf dem Podium zum Thema Community-Management. Er fabulierte über “affektgesteuerte Kommentarschreiber” (vulgo: Trolle) in den WAZ-Foren, dass man Redakteuren nicht zumuten könne, auch noch auf Social Media reagieren zu müssen und erklärte schließlich, dass das Thema User Generated Content gescheitert sei, weil die WAZ noch nie einen 60-Zeiler aus dem Netz 1:1 ins Blatt gehoben hätte. Nun, immerhin soviel journalistischen Anspruch gibt es noch in dem Riesenverlag. Lau ist laut Beschreibung Community Manager bei DerWesten.de und nach diesem Auftritt wundert es mich nicht, dass das Portal mehr oder weniger gescheitert ist. Die Reaktionen im Publikum auf den um Kopf-und-Kragen-Auftritt reichten jedenfalls von Kopfschütteln bis Fremdschämen. Neben Lau saß mein Ex-RZ-Kollege Lars Wienand, sichtlich um diplomatische Einordnung der unfassbar engstirnigen Äußerungen des WAZ-Mannes bemüht. Als Lars berichtete, wie die RZ über Twitter Unfallfotos von 16-Jährigen zugeschickt bekommt, erntete er noch ein gönnerhaftes “Naja gut, ein Unfallfoto”. Als er dann erzählte, dass die RZ über den gleichen Kanal auch vertrauliche Hinweise von Einsatzkräften bekommt, wenn irgendwo im Land was passiert ist, staunte das Publikum. “Die wissen eben, dass wir damit sorgfältig umgehen”, konterte Lars die Frage des Moderators, ob von denen keiner Probleme dadurch bekäme. Anpassung an veränderte Umweltbedingungen nennt man das.

Wie ein lebendes Fossil präsentierte sich der Dinosaurier-Verlag aus Essen auch auf dem Lokalpodium, dass den bezeichnenden Titel “Ist das Lokale der Rettungsanker für Print?” trug. Diese gefühlt seit dem Pleistozän vorgetragene Binse war symptomatisch für die Runde, die sich krampfhaft daran klammerte, dass es nur der entsprechenden Inhalte bedürfe, um die Zeitung zu retten. Readerscanner Carlo Imboden war zugegen, was ehrenwert ist. Seine Arbeit hat sicherlich deutlicher als viele andere Untersuchungen geholfen, die Probleme der Tageszeitungen aufzudecken. Sicherlich haben auch viele Medien ihre Schlüsse daraus gezogen. Mehr gute Geschichten, mehr Menschen, mehr Alltagsnähe, “den Leser abholen”, diese Parolen haben nur leider inzwischen – so richtig sie immer noch sind – viel Patina angesetzt. Inzwischen reicht es doch längst nicht mehr, den Lokalteil  mal ein wenig aufzumöbeln, und dann werden die Leser schon zurückkommen. Doch wie man Online nutzen könnte, um den Lokaljournalismus von heute zu gestalten, darüber wurde kein Wort verloren. Zynisch wurde es, als Frank Fligge, bei der WAZ-Gruppe zuständig für Redaktionelles Qualitätsmanagement, sich in die Runde einbrachte. Von einem Verlag, der im Grunde nur noch mit Streichungen und Kürzungen von sich reden macht, ist es schon stark, stolz zu erzählen, wie viel Energie man jetzt in die Lokalberichterstattung stecken würde. Und selbst wenn: Die Anstrengungen kommen wahrscheinlich zu spät. Denn es sind längst Arten entstanden, die die neuen Lebensräume erfolgreich für sich erobern. Für Nachzügler ist da nur wenig Platz.

Wie diese neuen Arten aussehen, erfuhr man mehr auf dem zweiten Lokalpodium, wo die Online-Lokaljournalisten Günther Mydlak (HalloHerne.de) und Johannes Michel (NachrichtenamOrt.de) berichteten, wie sie ihre Lokalportale auf den Weg gebracht haben. Das Trauerspiel für die WAZ setzte sich hier indirekt fort. Vor einigen Jahren setzte die WAZ (sicherlich als Maßnahme des redaktionellen Qualitätsmanagements) 300 Redakteure vor die Tür, Günther Mydlak war einer davon. “Ich habe mich selbst wegrationalisiert”, sagte er ohne Bedauern in der Stimme. Er nahm eine Abfindung des Konzerns und ließ die Zeitungsredaktion, für die er Jahrzehnte gearbeitet hatte, hinter sich. Jetzt schwärmt er von der großen Zufriedenheit, die er wieder im Beruf verspüren würde, wie viel Spaß ihm die Arbeit machte. Seit 2 1/2 Jahren macht Mydlak jetzt Hallo Herne. Wie alle Online-Zeitungsmacher steckt er mehr rein, als am Ende rauskommt. Wie bei allen Lokalbloggern kümmert ihn das wenig: “Jetzt ist Gründerzeit. Keiner weiß, was in fünf Jahren sein wird”, verkündete er optimistisch. Dass Mydlak an sein Projekt glaubt, wird dadurch belegt, dass er sogar schon ausbildet. Einen Volontär beschäftigt Hallo Herne, demnächst will Mydlak einen Förderverein gründen, um diesem auch Seminare in Journalistenakademien bezahlen zu können. Ich behaupte: Wenn es nicht schon der Fall ist, wird es bald so sein, dass die Herner Schülerinnen und Schüler sich lieber für ein Praktikum bei Hallo Herne als bei der WAZ bewerben werden. Spätestens, wenn der Nachwuchs weg bleibt, wird man bei der WAZ spüren, dass es eng wird für das eigene Überleben.

Update: Hier ist ein Video von der Diskussion mit Hallo Herne-Gründer Günther Mydlak.

Resiprint Evil: Sind #Paywalls das Gegenmittel für die Zeitungsseuche? – 2 Cents zum Aus der #FR

Der Virus ist heimtückisch. Er tötet nicht schnell, sondern langsam. Opfer werden zu Zombies verwandelt, bevor sie irgendwann endgültig sterben. Einige Verzweifelte suchen nach dem rettenden Gegenmittel, doch es könnte schon zu spät sein. Das Zeitungssterben in Deutschland geht um. Und so langsam aber sicher sind es nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen, die dran glauben müssen.
Schlimm traf es in Deutschland Nürnberg, wo es von drei Lokalteilen innerhalb kurzer Zeit runter auf einen ging die Abendzeitung erwischte. Doch das prominenteste Opfer der Seuche erwischte es heute: Die Frankfurter Rundschau meldet Insolvenz an, meldet der SPIEGEL am heutigen Dienstag, 13. November. Die FR galt bei vielen immer noch irgendwie als “Qualitätsmedium”, inwieweit sie das in den letzten Jahren noch war, kann ich nicht wirklich beurteilen, da ich sie selten gelesen habe. Doch allgemein eilte ihr der Ruf voraus, ihre besten Jahre als linkes, überregionales Vorzeigemedium lange hinter sich zu haben; längst zombiefiziert. Nichtsdestotrotz ist die schon lange gemunkelte Insolvenz ein Schlag, in erster Linie natürlich für die beschäftigten Journalisten dort. Aber die FR ist wohl nur das bisher prominenteste Opfer der Seuche Zeitungssterben.
Es ist kein Geheimnis: Die Auflage der Zeitungen sinkt. Seit Jahren und beständig. Das Ende rückt näher, auch wenn sich tapfer immer wieder an das berühmte Rieplsche Gesetz geklammert wird (Das eigentlich eher eine Theorie ist, die bislang nur noch nicht wirklich widerlegt wurde). Haben sich so auch die Dinosaurier gefühlt, als sie vor 65 Millionen Jahren verwundert zusahen, wie sich über ein paar Jahrhunderte der Himmel im weiter verdunkelte, und es immer kälter auf der Erde wurde? Überlebt haben nur die Kleinsten, die aber am besten an den Wandel der Umwelt angepasst werden.
Ein Gegenmittel gegen die Seuche probieren immer mehr Verlage aus: Sie verordnenen sich quasi stärkere Abwehrkräfte, in dem sie ihre Online-Angebote nur noch gegen Bezahlung rausgeben. 2013 wird das Jahr der Paywalls werden, so viel kann man jetzt schon mal sagen. Spätestens wenn Springer seine Ankündigung umsetzt, BILD.de teilweise kostenpflichtig zu machen, wird das Thema die breite Masse der deutschen Netznutzer erreichen. Und wie wir wissen, sind Springer nicht die einzigen, die laut über eine Paywall nachdenken. Und auch auf dem regionalen Markt werden die Paywalls kommen – oder sind schon da, wie in Hannover, in Trier, in Saarbrücken oder Hamburg.
Ob sich die grassierende Seuche damit wirklich stoppen lässt, wird man vermutlich erst fünf oder zehn Jahre später wirklich beantworten können. Ich glaube, Bezahlinhalte nach klassischer Denkweise, also Abonnementzugänge für bestimmte Webangebote, werden meist bestenfalls eine lebensverlängernde Maßnahme werden, keine rettende. Wer wie ich zumindest schon mal in seinem Leben ein Zeitungsabo abgeschlossen hat, für den ist der Gedanke, sich auch im Netz ein Medienangebot zu abonnieren nicht unnormal. Doch wer eher damit aufwächst, sich auf iTunes alle möglichen Medien nach Wunsch ganz individuell zusammenstellen zu können, der wird mit diesem Konzept eher seine Probleme haben. Ob die Generation der jetzt unter 25-Jährigen ernsthaft Online-Abos abschließen wird, wage ich zu bezweifeln. Am Ende übrigens wird auch das wahrscheinlich zum großen Teil von einem Faktor abhängen: Sind die Inhalte es wert?
Ich sage nicht, dass es überhaupt nicht funktionieren kann. Mit Sicherheit wird es leuchtende Beispiele geben, die gut damit fahren. Aber das sind wahrscheinlich eher die, die jetzt schon gut gegen die Seuche gerüstet sind und sich entsprechend aufgestellt haben. Viele andere hingegen sind wahrscheinlich schon infiziert und trotten nur noch als dumpfe Leistungsschutzrecht-Zombies durch die Medienwelt. Sie wissen nur nicht, dass die Seuche sie längst erwischt hat.

Korrektur: In Nürnberg gibt es nach wie vor zwei Lokalteile, es wurden nur zwei Sonderbeilagen zusammengelegt, wie ich hier aufgeklärt wurde.